Seeing Words, Reading Images.

Zeitung in der Gegenwartskunst

Die gedruckte Zeitung verschwindet immer mehr aus dem Straßenbild. Im Mindset junger Menschen findet sie kaum noch statt. Und doch behauptet sie ihren Platz, sogar in der Gegenwartskunst. Das zeigt die kleine, feine Ausstellung „Seeing Words, Reading Images“ der Written Art Collection im Dialog mit der Sammlung Deutsche Bank im Berliner Palais Populaire (bis 17.8.2026).

Ausstellung „Seeing Words, Reading Images“
Ausstellung „Seeing Words, Reading Images“

„Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das vielschichtige Verhältnis von Schrift und Bild als Linie, Geste, Handschrift, Kalligrafie, Typografie oder Schriftbild“, heißt es dazu von den Kuratorinnen. Zwei der 30 hier präsentierten Künstlerinnen und Künstler mit Werken aus den Jahren 1960 bis 2023 nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die Zeitung bietet. 

So gießt Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller 2012 poetische Gedanken zu fünf Collagen mit ausgeschnittenen einzelnen Wörtern aus Zeitungen und Zeitschriften. Die scheinschönen Sätze umkreisen Angst-Räume, die sich erst erschließen, wenn man die Biografie der rumäniendeutschen Schriftstellerin mitliest. 

Ausstellung „Seeing Words, Reading Images“
Anja Pasquay/BDZV

Ihr Werk wird gleich zu Beginn der Schau gezeigt ebenso wie das von Karin Sander, deren „wordsearch“ am 4. Oktober 2002 auf acht Seiten im Börsenteil der New York Times (NYT) und zeitgleich in München publiziert wurde. 

Die Auftragsarbeit der Deutschen Bank, eine „translinguistische Skulptur“, war überhaupt erst dank der damals neuen digitalen Prozesse realisierbar. Dazu hatten 218 Menschen in New York in 218 Sprachen ihr Lieblingswort in der jeweiligen Herkunftssprache auf vorbereiteten Zetteln handschriftlich notiert. Jedes Wort wurde in die 217 anderen Sprachen übersetzt und alles tabellarisch für den Börsenteil der NYT aufbereitet. Mit dem Andruck in New York begann parallel der Andruck in München. Eine Auswahl dieser Wortspenden ist nun im Berliner Palais Populaire zu sehen.