KI in den Redaktionen 2025: Viel Einsatz, aber noch wenig Wirkung
Künstliche Intelligenz ist Alltag in den Redaktionen, aber noch kein Leistungstreiber
96 Prozent der Redaktionen arbeiten inzwischen mit KI, vor allem bei Text und Bild. Jede fünfte Redaktion produziert bereits mehr als 150 Texte pro Woche mit KI-Unterstützung. Doch damit endet die Erfolgsgeschichte vorerst. Im KI-Reifegrad-Report 2025 von BDZV und Retresco berichten die meisten Häuser von neutraler Stimmung im Team, abnehmender Anfangseuphorie und einem klaren Befund: KI ist da, aber nicht überall wirksam in den Workflow integriert. Audio und Video-Anwendungen bleiben bei 70 Prozent der Redaktionen ungenutzt, und ein Viertel der Mitarbeitenden gilt weiterhin als „nicht KI-ready“.
Effizienz schlägt Innovation
Der Fokus beim KI-Einsatz verschiebt sich: weg vom Innovationslabor, hin zur Optimierung. Kostendruck und Ressourcenknappheit treiben KI vor allem als Effizienzhebel nach vorn. 57 Prozent erwarten Kosteneinsparungen, das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Parallel führen 60 Prozent erstmals KPIs ein, um Zeitersparnis, Anzahl KI-gestützter Artikel und die Effekte auf Engagement und Verweildauer zu messen. Gleichzeitig geben 91 Prozent an, dass der tatsächliche KI-Nutzen schwer messbar bleibt. KI soll Kosten senken, liefert aber oft weniger als erhofft.
Strategie: vorhanden, aber kaum sichtbar im Haus
Zwar ist KI in 89 Prozent der Unternehmensstrategien verankert, doch nur 47 Prozent der Mitarbeitenden kennen sie überhaupt. Das bremst Umsetzung, Vertrauen und Qualität. Für Chefredaktionen heißt das: KI-Veränderungen scheitern derzeit seltener an Technik, sondern an fehlender interner Kommunikation und Orientierung. Ohne klare Leitplanken bleibt KI oft ein Einzelprojekt statt ein verbindliches Redaktionswerkzeug.
RAG, Personalisierung & Audio: Die neuen Wachstumsfelder
Neben der klassischen Textgenerierung gelten RAG-basierte Frage-Antwort-Systeme („Retrieval-Augmented Generation“) als besonders großer Hebel. Auf Basis journalistisch geprüfter Inhalte entstehen Chatbots, Recherche-Assistenten, interaktive Wissensarchive und damit Produkte, die Umsatz bringen können. Weitere Wachstumsfelder sind Personalisierung (58 Prozent) und Audio-Formate wie Vorlesefunktionen oder synthetische Stimmen. Damit entstehen neue Produktde: Chatbots für lokale Inhalte, KI-Zusammenfassungen in Apps oder automatisierte Podcasts. Das sind ernsthafte Schritte hin zu KI-getriebenen Erlösen jenseits reiner Prozessoptimierung.
Google verändert die Spielregeln – Redaktionen verlieren Sichtbarkeit
Mit AI Overviews, AI Mode und KI-Summaries in Discover verschiebt Google massiv Reichweite. 43 Prozent der Häuser berichten bereits sinkende Sichtbarkeit. Dennoch optimieren nur 17 Prozent ihre Inhalte aktiv für KI-Suchsysteme. Die Abhängigkeit wird größer. Für Redaktionen heißt das: Die wichtigste Reichweitenquelle lässt sich nicht mehr zuverlässig steuern. Wer seine Marke und Nutzerbeziehungen nicht selbst stärkt, verliert. Es lohnt sich also, in eigene Kanäle zu investieren (Newsletter, App, Push) und sich unabhängiger zu machen vom fallendem Traffic.
Was Redaktionen jetzt tun sollten
Der KI-Reifegrad-Report zeigt: Der Engpass liegt weniger in der Technik, sondern im Alltag der Redaktionen. Aus den Studienergebnissen lässt sich ein Maßnahmenkatalog für Chefredakteurinnen und Chefredakteure ableiten:
- KI-Kompetenz breit aufbauen: kurze verpflichtende Trainings, Playbooks und KI-Lotsen im Team, Prompt-Bibliotheken, Beispiel-Workflows.
- KI dorthin bringen, wo sie sofort Nutzen erzeugt: Recherche-Assistenz (Faktencheck, Transkription, Textreduktion), Produktionsentlastung (Formatierungen, Rohfassungen, Varianten), Snippets, Headlines, strukturierte Daten.
- Nutzerbindung durch neue Produkte festigen: KI-Zusammenfassungen in Apps und Artikeln, Text-to-Speech für Barrierefreiheit und Verweildauer, Newsletter-Personalisierung, interaktive Frage-Antwort-Chats aus Archivmaterial.
- Wirkungszahlen einführen, nicht nur Produktionszahlen: Engagement-Wachstum, Conversion-Effekte, Effekte von KI-Zusammenfassungen auf Lesezeit.
- Unabhängigkeit stärken: Fokus auf Marke, App, Newsletter und eigene KI-Erlebnisse, um Google-Verluste abzufedern und Nutzer an die Marke zu binden.
Fazit: KI kann mehr als Effizienz, wenn Chefredaktionen sie richtig ausrichten
Der KI-Reifegrad der Branche ist gestiegen. Doch der Report zeigt auch:
Redaktionen schöpfen ihr Potenzial noch nicht aus. Wer KI nur einsetzt, um Prozesse billiger zu machen, vergibt Chancen. Wer KI als Hebel für neue Produkte und mehr Nutzerbindung einsetzt, um relevanter und näher an den Menschen zu sein, eröffnet Chancen.
Download KI-Reifegrad-Report 2025