Wie Google die Presse schwächt - und was Europa regeln muss
„Google ist das Kernübel für die Geschäftsmodelle der Verlage.“ Deutliche Worte von Thomas Höppner, die er auf der BDZV-Konferenz Chefredaktionen mit klaren Fakten untermauert. Die Auseinandersetzung mit Google erreicht eine neue Eskalationsstufe und bedroht das Fundament des Journalismus. Der Kartellrechtsexperte betont: Es geht nicht mehr um Wettbewerb, sondern um die wirtschaftliche der freien Presse.
Seit zwei Jahrzehnten zieht Google systematisch Wertschöpfung von den Verlagen ab. Allein im letzten Jahr steigerte der US-Konzern seinen Umsatz um 50 Milliarden Dollar. Während rund 70 Prozent der Google-Einnahmen aus Werbung stammen, sind die Werbeerlöse der Presse seit 2004 massiv eingebrochen. Werbekunden können ihr Budget eben nur einmal ausgeben – und das fließt zunehmend in Googles Ökosystem.
Neue Abhängigkeit durch KI
Generative KI verschärft diese Entwicklung. Sie macht aus der Suchmaschine eine „Antwortmaschine“: Google-Formate wie „AI Overviews“ machen aus journalistischen Inhalten automatisierte Zusammenfassungen – ohne angemessene Vergütung und oft ohne echte Opt-out-Möglichkeit. Google leitet Nutzer seltener zu den Originalquellen. Die Folge: Der Traffic auf Publisher-Webseiten sinkt. „KI schafft eine neue Qualität der Abhängigkeit“, sagt Höppner. Denn damit ersetze Google die Presse. „Das bedeutet das Ende des werbefinanzierten Inhaltsgeschäfts“.
Immerhin: Es gibt auch Widerstand. Die EU-Kommission prüft, ob Google seine Marktmacht missbraucht und Inhalte für KI-Dienste unrechtmäßig nutzt. Ein Vorschlag des EU-Parlaments sieht vor, die Nutzung journalistischer Inhalte durch KI vergütungspflichtig zu machen und Transparenz über Trainingsdaten zu schaffen.
Zahlreiche Verfahren gegen Google
Auch juristisch tut sich etwas. In den USA und Europa laufen zahlreiche Verfahren, die auf den Schutz der Presse abzielen – etwa zur Frage, ob Google Verlage bei der Werbevermarktung behindert (Google AdTech), zu Googles Selbstbegünstigung bei der Suche, zur Ausbeutung von Verlagsinhalten durch generative KI (Google AI Overviews) oder zum Aufbrechen von Googles Datenmonopol.
„Und die Politik bewegt sich doch“, kommentiert Höppner. Allerdings ist der Fortschritt brüchig. Geopolitische Rücksichtnahmen, besonders im Kontext der Handelsgespräche mit Trump, bremsen zentrale Verfahren aus. Entscheidungen werden verzögert, obwohl sie spruchreif sind. Für die Verlage bedeutet das: Die Regulierung kommt zu spät und zu zögerlich, während Google seine Marktposition weiter ausbaut.
„Es ist beunruhigend, dass einige in der EU-Kommission offenbar bereit sind wegzusehen, um Reibungen mit der aktuellen US-Regierung zu vermeiden, anstatt EU-Recht durchzusetzen. Demokratie darf keine Verhandlungsmasse sein“, kommentiert Höppner. Und: „Experten drängen, von der Leyen bremst“.
„Google veralbert Verlage, Behörden und Politiker“
Seine Bilanz fällt ernüchternd aus. Trotz Bußgeldern von rund 10 Milliarden Euro haben Kartellverfahren das Wachstum von Google bislang kaum gebremst. Zentrale Probleme wie „Fair Search“ (Selbstbevorzugung) und „Fair Share“ (Nutzung von Inhalten ohne angemessene Beteiligung) sind seit Jahren ungelöst. „Das Verhandlungsungleichgewicht zwischen Google und den Verlagen ist größer denn je“.
Was folgt daraus? Erstens: Verlage müssen sich noch stärker koordinieren und ihre Interessen offensiver vertreten – national und europäisch. „Kein Verlag kann die Herausforderungen im Alleingang stemmen“, appelliert der Experte. Zweitens: Verlage müssen sich technisch unabhängig machen, etwa mit dem EU-News-Stack. Drittens: Es braucht mutigere politische Instrumente, von Sichtbarkeitsregeln für Presseinhalte über Transparenzpflichten bis hin zu strukturellen Eingriffen in Plattformmärkte.
„Alle Geschäftsmodelle von Google zielen darauf ab, die Presse zu schwächen“, warnt Höppner. Gleichzeitig inszeniere sich der Konzern öffentlich als Unterstützer der Presse. Das müsse stärker kritisch beleuchtet werden – auch die Redaktionen sieht Höppner hier in der Pflicht. Denn „hier geht es um mehr als ein paar Euro. Hier geht es um das große Ganze: um unsere Demokratie“.