Kommunen als Medienakteure setzen Lokaljournalismus unter Druck
Städte und Gemeinden bauen ihre direkte Bürgerkommunikation immer weiter aus, über Social Media ebenso wie über eigene Pressekanäle. Zwei aktuelle Auswertungen zeichnen ein klares Bild: Rathäuser sprechen immer häufiger direkt mit ihren Bürgerinnen und Bürgern. Gleichzeitig bekommen Lokalredaktionen weniger Informationen, verlieren an Einfluss, Reichweite und Einnahmen. Aus Sicht des BDZV ist das ein unhaltbarer Zustand, denn ohne Lokaljournalismus fehlt die unabhängige Beobachtung und Kontrolle von Politik.
Direktkommunikation statt Vermittlung
Eine Umfrage des Verbands Deutscher Lokalzeitungen und Lokalmedien (VDL) zeigt, wie stark Kommunen inzwischen als eigene Medienakteure auftreten. 19 von 20 befragten Lokalzeitungen berichten, dass Städte und Gemeinden täglich über Plattformen wie Instagram, Facebook oder YouTube kommunizieren. Gleichzeitig nimmt die klassische Pressearbeit ab: Anfragen werden seltener, langsamer und weniger transparent beantwortet. Drei Viertel der Redaktionen sehen eine sinkende Qualität der Behördenkommunikation. Das erschwert die kritische Kontrolle staatlichen Handelns.
Senden ist nicht alles
Eine Analyse der PR-Agentur Twenty-Eight zeigt, wie unterschiedlich Kommunen ihre Öffentlichkeitsarbeit betreiben. 44 der 50 größten deutschen Städte verschickten danach zwischen Januar und Ende November 2025 zusammen rund 54.500 Pressemitteilungen und -einladungen – im Schnitt 1.237 pro Stadt. Berlin liegt mit 6.316 Meldungen deutlich vorn, gefolgt von Düsseldorf und Essen. Pro Kopf kommuniziert Oldenburg am aktivsten, während Millionenstädte wie Hamburg und Köln unterdurchschnittliche Werte aufweisen.
Wenn Kommunen ihre Medienarbeit vernachlässigen, wird die unzureichende Kommunikation aus den Rathäusern zu einem weiteren strukturellen Risiko für die lokale Presse. Dies kann „die regionale Öffentlichkeit schwächen und im schlimmsten Fall zu einem weiteren Rückgang des journalistischen Angebots führen,” sagt Nils Leidloff, Geschäftsführer von Twenty-Eight.
Lokale und regionale Medien müssten aber weiterhin ihrer Aufgabe nachkommen können, gesellschaftliche und politische Entwicklungen einzuordnen. Daher sei es entscheidend, dass die kommunalen Pressestellen den Austausch mit Lokalredaktionen aktiv pflegen. Neben Hintergrundgesprächen, Interviews und dem persönlichen Austausch seien Pressemitteilungen ein wichtiges Instrument, so Leidloff.
Grenzen staatlicher Kommunikation
In der zunehmenden Direktkommunikation von Rathäusern mit Bürgerinnen und Bürgern sieht der VDL eine Gefahr für die unabhängige Berichterstattung. Denn kommunale Social-Media-Angebote erfüllten häufig weder das Gebot, sachlich zu informieren, noch hätten sie einen klaren Bezug zu einer kommunalen Aufgabe. Zwei Drittel der befragten Zeitungen halten die Inhalte nicht für neutral, ein Drittel berichtet von erschwertem Vertrieb digitaler Abonnements durch die kostenlose Konkurrenz.
Auch der Bundesgerichtshof setzt der staatlich finanzierten Rathaus-PR enge Grenzen: Sie darf die Presse nicht unterlaufen und keine eigenen redaktionellen Angebote liefern. Auch nicht, um etwaige Informationslücken der Presse zu füllen.
Aus BDZV-Sicht ist klar: Staatliche Stellen dürfen informieren, aber nicht publizistisch konkurrieren. Wenn Rathäuser Reichweiten aufbauen, Debatten steuern und Journalismus faktisch ersetzen, gerät die freie Presse als unabhängige Kontrollinstanz in Gefahr. Demokratie braucht eine starke, unabhängige lokale Presse und keine staatlich finanzierten Scheinpresse.