Neun Texte für Theodor-Wolff-Preis nominiert

Neun journalistische Arbeiten sind für den Theodor-Wolff-Preis 2026 nominiert. Je drei Beiträge konkurrieren in den Kategorien „Lokales & Zusammenhalt“, „Gesellschaft & Dialog“ sowie „Zukunft & Verantwortung“. Die nominierten Reportagen, Essays und Porträts beschäftigen sich unter anderem mit Freundschaft und Pflege, sexualisierter Gewalt, forensischer Psychiatrie, gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Einsamkeit sowie den Folgen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Der Theodor-Wolff-Preis ist 2026 mit insgesamt 18.000 Euro dotiert.

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Lokales und gesellschaftlicher Zusammenhalt

In der Kategorie „Lokales & Zusammenhalt“ ist Karolina Benedyk vom Weser-Kurier mit „Ein wahres Tandem“ nominiert. Sie porträtiert den 48-jährigen Alexander, der Trisomie 21 und Autismus hat, blind ist und sich nur mit wenigen Worten verständigen kann, sowie den 74-jährigen Gerd-Rolf Rosenberger. Aus einer zunächst professionellen Betreuung entwickelte sich über 25 Jahre und Tausende gemeinsame Kilometer auf dem Tandem eine enge Freundschaft. Benedyk stieß durch einen Leserbrief Rosenbergers auf die Geschichte. Für die Recherche begleitete sie die beiden auch bei ihren Tandemfahrten.

Clara Geilen von der Leipziger Volkszeitung erzählt in „Mein Leben ist weitergegangen“ die Geschichte einer Frau, die nach einem Abend in Leipzig mit einer vollständigen Erinnerungslücke aufwacht und später rekonstruiert, dass sie vergewaltigt wurde. Handydaten, Videoaufnahmen, DNA-Spuren und die Ermittlungsakte spielen dabei eine zentrale Rolle. Der Täter gesteht schließlich in einem zweiten Gerichtsverfahren und erhält drei Jahre Haft. Geilen schildert zugleich die psychischen Folgen für die Betroffene sowie deren Schwierigkeiten beim Zugang zu Befunden und Therapie.

Christoph Urban von der Mediengruppe Attenkofer nimmt die Leserinnen und Leser in „Endlich raus“ mit in die forensische Psychiatrie in Straubing. Der Text schildert den Wandel der Klinik unter ihrem Leiter Joachim Nitschke und begleitet mehrere Patienten bei der schrittweisen Rückkehr zu mehr Freiheiten. Urban erhielt nach viermonatigen Verhandlungen weitreichenden Zugang zur Klinik und verbrachte dort vier Tage. Sein Text stellt die Behandlung psychisch kranker Straftäter, Sicherheitsinteressen und die Möglichkeiten von Resozialisierung nebeneinander.

Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Einsamkeit

Für „Gesellschaft & Dialog“ ist Philipp Krohn von der FAZ mit „Vier Bahnen für die Demokratie“ nominiert. Am Beispiel des Freibads von Schieder-Schwalenberg beschreibt er, wie Bürgerinnen und Bürger eine von der Schließung bedrohte Einrichtung weiterführen. Eine gemeinnützige GmbH trägt den Betrieb, rund 500 Vereinsmitglieder und zahlreiche Ehrenamtliche engagieren sich. Krohn verbindet die Geschichte des Bades mit der Frage, welche Bedeutung soziale Orte für Gemeinschaft und gesellschaftliche Begegnung haben.

Marvin Ku untersucht in seinem Beitrag „Nicht von hier“ für das Süddeutsche Zeitung Magazin Herkunft und Wirkung des Begriffs „Migrationshintergrund“. Ausgehend von einer persönlichen Erfahrung zeichnet er die politische und statistische Entwicklung des Begriffs nach. Der Essay beschäftigt sich damit, welche sehr unterschiedlichen Menschen unter dieser Kategorie zusammengefasst werden und welche Rolle Einkommen, Bildungsstand oder soziale Herkunft bei der Beschreibung gesellschaftlicher Unterschiede spielen. Ku plädiert dafür, Ungleichheit und Diskriminierung weiterhin messbar zu machen, Kategorien dabei jedoch präzise zu verwenden.

Paul Weinheimer porträtiert in „Kronkorken gegen die Einsamkeit“ für Chrismon den 58-jährigen Frank, der seinen Keller mit mehr als 150.000 Kronkorken gestaltet hat und damit auf Instagram und TikTok Aufmerksamkeit erhält. Hinter dem ungewöhnlichen Hobby steht eine Geschichte von Ausgrenzung, Alkoholabhängigkeit, dem Tod seiner Frau und jahrelanger Pflege seiner Mutter. Weinheimer begleitet Frank rund um eine Geburtstagsfeier mit Internetbekanntschaften. Der Text beschreibt die neuen Kontakte, lässt aber offen, wie dauerhaft sie sein werden. Ausgangspunkt der Recherche war Franks Instagram-Auftritt.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

In der Kategorie „Zukunft & Verantwortung“ beschreibt Susanne Kusicke von der FAZ in „Wenn der Arzttermin zur Angsthürde wird“, wie Menschen mit geringen digitalen Fähigkeiten auf Schwierigkeiten im Alltag stoßen. Beispiele reichen vom Kauf einer Bahncard über Arzttermine bis zu Bankgeschäften und Behördenkontakten. Ende 2024 waren nach den im Text genannten Angaben des Statistischen Bundesamts knapp 2,8 Millionen Menschen in Deutschland noch nie online. Kusicke stellt Erfahrungen Betroffener neben politische Digitalisierungsziele und Positionen von Verbänden und Ministerien. Die Recherche begann mit einer Diskussion über die digitale Bahncard und führte sie zu Seniorenverbänden, Beratungsstellen und politischen Dokumenten.

Jakob Schrenk vom Süddeutsche Zeitung Magazin beschäftigt sich in „Das Ertrinken im Redefluss“ mit einer zunehmenden Bedeutung mündlicher und audiovisueller Kommunikation. Sprachnachrichten, Podcasts, Videokonferenzen und soziale Medien stellt er der schriftlichen Kommunikation gegenüber. Der Essay verbindet historische Entwicklungen mit Studien zur Informationsaufnahme und Walter J. Ongs Konzept der „sekundären Oralität“. Ausgangspunkt waren Schrenks eigene langen Sprachnachrichten. Als Konsequenz wirbt er für einen bewussteren Umgang mit unterschiedlichen Kommunikationsformen.

Florian Sturm untersucht schließlich im Tagesspiegel unter der Überschrift „Niemand weiß, was noch selbst erdacht ist“ den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Wissenschaftsbetrieb. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Paper Mills, gefälschte wissenschaftliche Arbeiten, manipulierte Daten und die zunehmende Belastung des Peer-Review-Systems. Der Text greift auch Kritik am wissenschaftlichen Publikationssystem sowie die Positionen von Elsevier und Springer Nature auf. Sturm sprach über mehrere Monate mit mehreren Dutzend Fachleuten, besuchte Fachkonferenzen und recherchierte bei sogenannten „Science Sleuths“, die wissenschaftliche Manipulationen untersuchen.

Alle für den TWP nominierten Journalistinnen und Journalisten äußern in den begleitenden Interviews ähnliche Faktoren für das Entstehen guter Texte. Zeit für Recherche, genaue Beobachtung, Gespräche mit Betroffenen und Fachleuten sowie die Balance zwischen Nähe und journalistischer Distanz sehen die Autorinnen und Autoren als essenzielle Voraussetzungen.

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