An diesem warmen Freitagmorgen ist kein Hartgesottener, wer um kurz vor sieben (mit Schwimmsachen unter der Hose) vor dem verschlossenen Freibad steht. Aber Bodo Schultz steht hier auch an kühlen Tagen. Sein Pensum: 700 Meter, alle Schwimmstile außer Delphin, manchmal stoppt er fünf Meter vor Bahnende und macht Gymnastikübungen. Eine Dreiviertelstunde hat er vor sich, als er um Punkt sieben mit seinem Gehstock durchs Drehkreuz das Freibad von Schieder betritt.
Die Sonne steht tief. Über dem Stausee, dem Ausflugsziel in Sichtweite, liegt tiefe Ruhe. Die Schwimmbadwiese ist feucht vom Tau. Schultz stellt seinen Stock an einen Stuhl, zieht die Kleidung aus. Zehn Minuten später teilen sich 16 Schwimmer die vier Bahnen des Freibads, sieben von ihnen älter als achtzig, sieben Schwimmbrillen, zwei Badehauben, einer krault: Bodo Schultz.
Früher war er Vorsitzender des Fördervereins des Freibads. Er war dabei, als es vor einem Jahrzehnt ein Jahr lang nicht öffnen durfte und beinahe für immer geschlossen worden wäre. Schieder-Schwalenberg, eine Kommune mit 8000 Einwohnern im Kreis Lippe am östlichsten Rand von Nordrhein-Westfalen, war in der Haushaltssicherung, einige Jahre mit Nothaushalt, was starke Einschränkungen für freiwillige Ausgaben bedeutete.
An diesem warmen Morgen tauschen sich die Frühschwimmer über das Wetterleuchten der zurückliegenden Nacht aus. Wer sich ins Gehege kommt, macht sich kurz bemerkbar. Wie ein gegenseitiges Aufpassen: Man bekommt etwas voneinander mit, startet einen Plausch, bis man außer Hörweite ist. "Wie viele waren gestern da?", fragt eine Schwimmerin. "Gestern 560, vorgestern 759", heißt es vom Beckenrand. "Ach, das geht ja." Gemeinschaft in einer Kommune, die sich schwertut mit Gemeinschaft.
Zugerufen hat die Zahl Ulrike Villing. Sie ist gut halb so alt wie die Älteren, seit diesem Jahr Frühaufsicht. "Ich mache das, damit ich auch schwimmen kann", sagt sie. Die nächste 50-Meter-Bahn sei in Paderborn, eine halbe Stunde weg. Hier habe man das Becken oft für sich. Um Viertel vor acht hat Bodo Schultz sein Pensum geschafft.
Die Geschichte des Freibads in Schieder ist die eines bürgerlichen Aufbäumens. Eines Kampfes für Daseinsvorsorge, die es braucht, damit Teilhabe und Gemeinschaft einen Ort haben. Zwei Männer, ein Alteingesessener, ein Zugezogener, die Unternehmertum mit freiwilligem Engagement, technischem und baufachlichem Sachverstand verbinden, sind die Hauptfiguren. Dann noch ein Vater und seine Tochter, die die Voraussetzungen schufen, dass ein gemeinsamer Ort erhalten blieb, indem sie die Arbeit organisierten, die nötig ist.
Schieder-Schwalenberg liegt in einer Region im Schatten der Zentren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt von hier. Im Herzen von Schieder, wo in anderen Orten eine Fußgängerzone wäre, steht ein Schloss, das Fürst Rudolf zur Lippe-Brake Anfang des 18. Jahrhunderts errichten ließ, rundherum ein Park mit Minigolfplatz und angrenzend der Stausee, der vor vier Jahrzehnten entstand. Und dem Freibad. Vor zehn Jahren hat eine Handvoll Menschen der Stadt die Verantwortung abgenommen, es eigenständig modernisiert und dazu beigetragen, dass die Bindestrichgemeinde zusammenwuchs, wie ihr Bürgermeister sagt.
Es ist auch eine Geschichte, die etwas über Deutschland erzählt. Über den vom demographischen Wandel gezeichneten ländlichen Raum, wegbrechende kommunale Strukturen und Unzufriedenheit, die in den Zulauf zu extremen Parteien mündet. Die Soziologieprofessorin Claudia Neu hat einen Lehrstuhl an der Universität Göttingen und forscht seit drei Jahrzehnten zum Zusammenhang von Demographie und Daseinsvorsorge, zu Ehrenamt und Aushöhlung der Zivilgesellschaft. Ihre Warnung, dass Extremisten das Vakuum wegbrechender Sozialstrukturen in Ostdeutschland füllen könnten, wurde so lange abgetan, bis nicht mehr zu leugnen war, dass ihre Prognose eingetroffen war.
Staatliche Daseinsvorsorge, wie sie vom Carl-Schmitt-Schüler Ernst Forsthoff erdacht wurde, bestand aus Leistungen, auf die Menschen angewiesen sind wie Strom oder Abwasser. Solche öffentlichen Güter sollten auch Teilhabe bieten. Im wachsenden Wohlstand der Nachkriegszeit übernahm der Staat immer mehr Verantwortung, glich soziale Unterschiede vertikal (nach Einkommensklassen) und horizontal (nach regionalen Unterschieden) aus. Krankenhäuser und Gymnasien als Mittel der Verteilungspolitik. "Das funktioniert heute nicht mehr reibungslos, was die Menschen merken", sagt Neu. “Der Staat ist längst nicht mehr alleiniger Anbieter, aber die hohe Erwartung an den Leistungsstaat gibt es weiter.”
Ein Beispiel wie das Freibad Schieder stehe für das Phänomen, dass Bürger sich einbringen, um Daseinsvorsorge zu stärken: “Sie schließen sich mit anderen Akteuren aus der Verwaltung oder Unternehmen zusammen, um gemeinsam Lebensqualität vor Ort zu erhalten. So entsteht Bürgerstolz, Selbstwirksamkeit und Verantwortung für die eigene Region.”
Um zu Jörg Bierwirth zu kommen, muss man vom Freibad aus etwa zehn Minuten durch den opulenten Schlosspark laufen. Es geht über eine Allee, die einst mit 260 Linden angelegt wurde, die nach einem Sturm vor knapp siebzig Jahren noch einmal neu gepflanzt werden mussten. Rechts vom Schloss steht das Rathaus, dessen Gebäude früher zu den Stallungen gehörte. Der parteilose Bürgermeister schaut auf moderne Kunstwerke in seinem Büro, in dem außer seinem Schreibtisch ein kleiner Besprechungstisch steht. Er nennt sich Ureinwohner, Landei und freut sich über das Storchenpaar vor der Tür und die Rehe, die seinen Garten platt treten.
Als er sein Amt vor zehn Jahren übernahm, habe über allem Mehltau gelegen. Eine depressive Stimmung, die viele Aktivitäten beeinträchtigte. Hoffnung habe ihm das Freibad gemacht, in dem sich eineinhalb Jahre zuvor eine Gruppe zusammenfand, um das Vorhaben seines Vorgängers zu korrigieren. Viele im Ort erzählen, das alte Stadtoberhaupt habe in der prekären Haushaltslage den Eindruck verbreitet, ein Freibad sei eine aussterbende Infrastruktur. Entbehrlich.
Die Stimmung kochte hoch, in den Ratssitzungen machten die Schiederaner ihrem Frust Luft. Der Ärger trug dazu bei, dass die zuvor dominanten Sozialdemokraten ihre führende Stellung verloren. Bierwirth, der als Kämmerer in einer Nachbargemeinde Verwaltungserfahrung gesammelt hatte, wurde überredet, sich als unabhängiger Kandidat aufzustellen. "Treffpunkte wie Freibäder und Dorfgemeinschaftshäuser sind wichtig für einen Ort, sonst verkommen sie zu Schlafstätten", sagt er.
Kommunen seien das Fundament der Demokratie. Dass sie finanzpolitisch zwischen Bund und Ländern aufgerieben würden, frustriert ihn so sehr, dass er in der anstehenden Bürgermeisterwahl nicht mehr antritt. Nach zehn aus seiner Sicht erfolgreichen Jahren mit konsolidiertem Haushalt. "Was für Bürger wichtig ist, muss funktionieren: Freibäder, Sporteinrichtungen, Dorfgemeinschaftshäuser", sagt Bierwirth. “Wenn das nicht funktioniert, bricht etwas zusammen, und wir müssen uns nicht wundern, wenn Bürger in Scharen der AfD zulaufen.”
Auch deshalb hat der Rat seinen Kurs geändert. 75.000 Euro gewährt er jährlich als Betriebskostenzuschuss. Für die neue Technikanlage hat die Kommune knapp 1,4 Millionen Euro ausgegeben. Auf Kosten der in die Jahre gekommenen Feuerwehrflotte und der Straßen. Das schmerzt, dafür spart sie Aufwände für den Betrieb. Und hat zufriedene Bürger.
Am Abend zuvor, um 19 Uhr, zwölf Stunden bevor die Frühschwimmer um Bodo Schultz ins Freibad kommen, ist die heiße Luft wie eine Wand, gegen die man läuft. Für die Helfer geht ein Kampftag zu Ende. Um einen Tisch haben sich einige Mitglieder zur Vorstandssitzung des Fördervereins versammelt. Drei tragen den Nachnamen Stanislawski, die Vereinsvorsitzende ist Dagmar Schultz, die Tochter von Frühschwimmer Bodo. Das Bad ist eine Familienangelegenheit.
Rolf Stanislawski bedient sich aus einem großen Kaffeespender. Er ist einer der beiden Initiatoren des Bürgerbads. Der mit dem Bausachverstand. "Alte Schule, ein Mann ein Wort, Hand drauf", so stellt er sich vor. Ein paar Minuten später trifft Frank Erbs ein, der Fachmann fürs Technische. "Im ersten Leben habe ich Schwimmbadanlagen gebaut. Ich konnte nicht die Fresse halten, deshalb bin ich hier reingekommen", sagt er. Zwischen den beiden: blindes Verständnis. Wenn einer im Job mehr zu tun hat, kümmert sich der andere ums Bad. Die Ehefrauen lassen es zu.
Stanislawski ist hier aufgewachsen. Als das Schwimmbad geschlossen wurde, sagte er: "Wenn ihr es runterwirtschaften wollt, lasst mich in Ruhe. Wenn ihr es verkaufen wollt, ruft mich an." Dazu kam es nicht. Und das liegt an Erbs, der Ende der Neunzigerjahre seine Frau von Sachsen aus hierhin begleitete, als sie eine Stelle als Lehrerin angeboten bekam. Als der damalige Bürgermeister wegen einer defekten Schwammrinne (dem lokalen Unwort der Jahre 2012, 2013 und 2014) Sanierungskosten von mehr als 300.000 Euro aufrief, schrieb Erbs ein Konzept mit realistischeren Zahlen. Stanislawski brachte Unternehmer bei, die für ein Zehntel der Kosten brauchbare Lösungen anboten. Am Ende wurde eine gemeinnützige GmbH gegründet mit Stanislawski und Erbs als Betreibern im Handelsregister und dem Förderverein als Gesellschafter.
Inzwischen ist der Vorstand vollzählig versammelt. Einige trinken Radler, andere Krombacher. Stanislawski bleibt beim Abend-Kaffee. Um Viertel vor acht eröffnet Dagmar Schultz die Sitzung. "Wie läuft die Saison?" Es folgt ein knapper Bericht, die Programmpunkte Saisonende, Treffen mit dem Gesundheitsamt, Schwimmkurse für Kinder sind schnell abgehandelt. Eine lebhafte Diskussion gibt es zum Helferfrühstück, mit dem wieder alle Ehrenamtlichen belohnt werden sollen.
"Ich würde sagen: generell ans Saisonende und dann richtig Party mit allen Helfern und allen Schikanen", schlägt Stanislawskis Bruder Wolfgang vor. "Gute Idee, aber nicht mehr dieses Jahr", erwidert Rolf. Also Brötchenschmieren für 60 Leute und Bürgermeister Bierwirth. "Wenn ich Platten mache, sieht es aber nicht aus wie letztes Jahr", sagt eines der vier weiblichen Mitglieder. Damals lieferte ein Caterer.
Um 20 Uhr tröpfeln die Spätschwimmer ein. Alle 500 Mitglieder des Fördervereins, die eine Saisonkarte haben, können zu Randzeiten schwimmen, drei Stunden am Morgen, zwei Stunden am Abend. Abkühlung zu später Stunde. Eine Frau, die Aufsicht hat, sitzt auf einem Stuhl vor dem Bademeisterhäuschen, hinter ihr eine Sonnenuhr, die keinen Schatten mehr wirft, und eine analoge Uhr. Die Gradzahl wird digital angezeigt: 28 Grad. Chlorduft.
Ein paar Diskussionen gibt es zu Marketingschulungen, Fördermöglichkeiten für Vereine und die nächsten Bauvorhaben. "Wenn man wieder was Neues bauen kann, macht es uns Jungs Spaß. Ich vergesse immer, wie es vorher ausgesehen hat", sagt Erbs. Stanislawski ergänzt: "Unsere Vision ist eine große Rutsche. Es gibt hier kaum eine Oberfläche, die in zehn Jahren nicht angefasst worden ist. Alles in Eigenregie. Die Stadt vertraut uns." Oft schafften es die Betreiber, mit Bau- und Techniksachverstand günstigere Angebote zu finden, als es die Verwaltung könnte. "Fürs Protokoll. Wie spät haben wir es?", ruft zum Schluss die Protokollantin. 20.41 Uhr. Ende der Sitzung.
"Freibäder sind einer der seltenen Orte, wo man milieuübergreifend zusammenkommt, und das zu kleinem Geld", sagt Soziologieprofessorin Neu. "Im ländlichen Raum kommt sogar noch dazu, dass es deutlich weniger Freizeitangebote gibt." Vor Kurzem hat sie das "Handbuch Daseinsvorsorge" herausgegeben. In einem Beitrag geben zwei Mitarbeiter der Förderbank KfW einen Überblick über die deutsche Freibadstruktur. In drei Vierteln der Kommunen mit Freibad kümmern sich Verwaltungen darum. Das Modell Schieder mit Förderverein als Gesellschafter ist ein Exot. Investitionen setzen Haushaltszuschüsse voraus. Vielfach habe die Zufriedenheit in Regionen gelitten, wo wirtschaftliche Daten gut sind, zitiert Neu aus Studien. "Die Wahrnehmung über die wirtschaftliche Lage beeinflusst offenbar Wählerverhalten", sagt sie. Eine intakte Daseinsvorsorge sei eine Voraussetzung dafür, dass die Demokratie stabil bleibe.
Um neun Uhr am Morgen nach der Vorstandssitzung sind auch Wolfgang und Susanne Stanislawski, Bruder und Schwägerin von Betreiber Rolf, schon wieder im Bad. Der Kiosk muss bestückt werden. Für einen Kampftag, weit über 30 Grad sind angesagt. Am Abend werden es 356 Besucher gewesen sein. Kasse und Pommesausgabe betreuen Freiwillige. Zwanzig Minuten bevor das Bad fürs Publikum geöffnet wird, verlässt das Ehepaar das Bad. Dafür kommt Rolfs und Wolfgangs Schwester mit dem 81-jährigen Schwager, der die kommenden Stunden Tickets verkauft.
Neben ihm wuselt Ulrike Neuhäuser, 72, die wie Erbs aus Sachsen zugezogen ist und heute die Hoheit hat über fünf Mikrowellen, in denen Pommes aufgewärmt werden, einen Wurstwärmer und Süßes: Puffreis (ein Euro), Chips, Cookies (zwei Euro), Bier, Cola, Fanta, Radler, Smarties (80 Cent). Capri-Sonne. Calippo, Nogger, die Zehn-Cent-Sachen: Lollis, Weiße Mäuse, Center Shock, Schokolinsen (1,50 Euro), Durstlöscher. Und: "Fertige Tüten, mit Liebe gepackt, seit Corona packen wir auf Vorrat", sagt Neuländer. Um Punkt elf Uhr klackt das Drehkreuz zum ersten Mal, zwei Mädchen und ein Junge sprinten auf drei Liegen zu. Ihr Sommerferientag scheint ein genaues Drehbuch zu haben. Sie breiten ihre Decke neben den Liegen aus. Bald sieht man zwei rosa Bikinis und eine schwarz-grüne Badehose die kurze Rutsche hinabgleiten.
Eine halbe Stunde später verteilen sie an ihrem Liegeplatz Kekse aus einer Packung. Kreischen an der kleinen Rutsche. "Hörst du's? Läuft!", sagt Rolf Stanislawski zu seinem Betreiber-Kompagnon Erbs. Das sind die Momente, in denen er weiß, warum er die vielen Extrastunden einlegt. Wie ein Aufblühen sei die neue Arbeitsteilung für die Kommune gewesen, sagt Bürgermeister Bierwirth. Er weiß aber, dass die Freiwilligen nur begrenzt einspringen können. "Was wir beim Freibad dem Ehrenamt abverlangen, ist grenzwertig, das dürfen wir nicht überreizen", sagt er.
Ihre Forschung über den ländlichen Raum habe gezeigt, dass schon ein geretteter Tante-Emma-Laden oder eine Genossenschaftskneipe feste Bündnisse schaffen könnten, sagt Soziologin Neu: "Soziale Orte antworten auf Bedarfe: Begegnungen oder Schwimmenlernen, einen fehlenden Ort für ein kaltes Bier. Wo man sich für diese Belange einsetzt, entsteht Aufbruchsgeist." Dabei dürfe auch einer am Zaun stehen und meckern. In Ostdeutschland sei unterschätzt worden, dass durch wegfallende soziale Gefüge etwa in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ein Vakuum entstand.
Um Viertel nach eins ist alles so, wie ein Ferientag im Freibad sein soll: Kindergeschrei, Wasserplätschern, Drei-Meter-Wasserbomben im Springerbereich, Sonnencremeduft. "Omma, habe ich am Rücken so Kratzer?", ruft ein Mädchen an den Beckenrand. Im Schwimmbecken dreht keiner mehr seine Bahnen. Zu voll. Im "Kiosk (Essen Trinken u. v. m.)" verkauft Ulrike Neuhäuser Smarties und Tüten. Bald kehrt das Ehepaar Stanislawski zurück. Wolfgang hat zwei Kisten Cookies unter den Armen. "Wir waren fremdschwimmen in richtig warmem Wasser", sagt Susanne. "Sonst sind wir eigentlich den ganzen Tag da", sagt Wolfgang. Zwischendrin könne man ruhig eine kurze Pause machen. "Man hat ja sonst keine anderen Hobbys", sagt er und strahlt.