Ein wahres Tandem

Karolina Benedyk

Pfleger Gerd-Rolf Rosenberger, der schwerbehinderte Alexander von Friedrichs und ein Tandem - was mit Arbeit begann, wurde zu Freundschaft. Über Nähe und das, was zählt, wenn Worte fehlen.

Tandem
Christina Kuhaupt

Im Haus der von Friedrichs laufen Volkslieder. Immerzu. Sohn Alexander schunkelt dazu, kaum merklich, am Arm seiner Mutter. Die Eltern können sie längst nicht mehr hören. Die Texte über den Mond und das Wandern kennen sie auswendig. Doch ihr Sohn will beschäftigt werden, und Musik liebt er besonders. Er ist 48 Jahre alt.

Zum Takt lehnt sich Alexander von Friedrichs, kleine und kompakte Statur, erst nach links, dann nach rechts. Den Kopf gesenkt. Der Blick der Mutter ruht auf ihm. Als die Musik verstummt, schnauft Alexander von Friedrichs und beißt den Kiefer zusammen. Ungeduldig, er wird hibbelig. Verlässt die Mutter nur kurz seine Seite, schlägt er sich mit der Hand ins Gesicht. „Lass das, Herzelein“, sagt Ursula von Friedrichs leise. „Wo ist denn bloß der Rosenberger?“, ruft sie.

Ihr Mann, Hans-Dieter von Friedrichs, läuft zur Tür, dann zurück in das Wohnzimmer. Er greift zum Festnetztelefon und wählt eine Nummer. Niemand geht ran. Gerd-Rolf Rosenberger verspätet sich. Das passiert sonst nie.

Die Fahrten

Plötzlich geht alles ganz schnell. Es klingelt an der Tür, und schon hat ihr Sohn seine Eltern vergessen. Er steigt auf das Tandem, auf dem Rosenberger bereits sitzt, und die beiden fahren los. Wie schon so oft.

25 Jahre liegen hinter ihnen. Jahre, in denen das Tandem 27.000 Kilometer radelte. Jeden Ferientag, Feiertag, Heiligabend und Silvester drehen Rosenberger und von Friedrichs ihre Runde. Durch die Straßen von Osterholz-Scharmbeck, entlang der Dämme, vorbei an Höfen bis mitten in das Pennigbütteler Moor hinein.

Es sind Fahrten, in denen aus Fremden Freunde geworden sind und aus einem ungewöhnlichen Duo ein stadtbekanntes Bild. Die Geschichte ihrer Freundschaft ist auch eine Geschichte davon, wie ein schwerbehinderter Mann aus seiner Routine heraustritt, eingebunden wird in eine Gesellschaft, die ihn sonst nur pflegt und hegt. Und wie Eltern, die eine weitere pflegebedürftige Tochter haben, für eine Weile entlastet werden. 

Rosenberger

Die Geschichte von Alex und Rolf beginnt mit einer Kündigung. Rosenberger, 1951 in Blumenthal geboren und gelernter Altenpfleger, verliert seine Arbeit. Er findet eine neue Stelle, Teilzeit, das Geld reicht nicht. Also antwortet er auf eine Anzeige in der Zeitung. Die Lebenshilfe sucht Menschen für einen familienunterstützenden Dienst. Wenig später steht er vor dem Haus der von Friedrichs.

Schwarze Cordhose, schlichtes T-Shirt. Ein einfacher Mann, wie er sich selbst nennt, vor der Tür des Oberkreisdirektors, heute als Landrat bezeichnet, und seiner Frau, einer Doktorin und Amtsrichterin. Er senkt den Blick, tritt von einem Fuß auf den anderen. „Die nehmen mich doch nie“, denkt er. Ihn empfangen höfliche und gütige Menschen, erinnert er sich. Bis heute spricht er sie mit „Herr von Friedrichs“ und „Frau Doktor“ an. In seiner Stimme liegt Hochachtung. Woher diese kommt? „Ich habe selten Menschen kennengelernt, die einen so stark behinderten Sohn haben und sich mit solcher Hingabe und Liebe um ihn kümmern“, sagt Rosenberger.

Er gehöre zu jenen Menschen, die viel nachdenken, sagt Rosenberger. Er redet leise, aber oft über Gerechtigkeit. Über das, was seiner Meinung nach falsch läuft in dieser Welt. Nie zynisch, immer mit einem Rest Hoffnung. Jemand, der seine Taten sprechen lassen möchte. Am Anfang war das Tandemfahren für ihn ein Job. Arbeit, die Sinn ergab. Hilfe, die sichtbar wurde.

Vorn tritt Rosenberger in die Pedale, meist im ersten oder zweiten Gang. Alex sitzt auf dem hinteren Sattel. Hände umgreifen die Lenker, die Beine übereinandergeschlagen, wie verknotet. Alexanders Füße ruhen auf dem Rahmen. Mal summt er, mal singt er, laut, textsicher, kein bisschen schief.

Sie fahren vorbei an Feldern und Höfen. „Alex, da vorne sind Pferde, die grasen“, sagt Rosenberger zu von Friedrichs, der blind ist, oder: „Alex, wir fahren an einer Kuhherde vorbei. Da ist auch ein Kalb.“ Wenn es viel geregnet hat und die Sonne sich im Wasser spiegelt, sagt er: „Alex, das ist malerisch, einfach wunderschön hier.“ Dann zählt er die Farben und Formen auf, die sein Freund nicht sieht. Wenn Rosenberger spricht, bleibt von Friedrichs still.

Fremde machen ihn nervös. Einmal, so erinnert sich Rosenberger, hätten sie angehalten. Rosenberger wollte mit Bekannten reden. Da machte sich Alexander von Friedrichs in die Hose, gerade so, als wolle er sagen: Das ist unsere Zeit. Du solltest dich nur um mich kümmern. So zumindest interpretiert Rosenberger die Situation. Seither hebt er nur kurz die Hand, wenn ihn jemand grüßt, oder ruft ihnen ein fröhliches „Guten Tag“ zu. Einen Gruß, den er auch im Namen von Alex ausrichtet.

Alexander

Denn Alexander von Friedrichs spricht nur wenige Worte. Er sagt „Saft“, wenn er Durst hat, und „oben“, wenn er schlafen will. „Mama“ und „Papa“, wenn er Nähe sucht. Dann nimmt sein Vater seine Hand, streichelt sie. Oft sitzen sie so über Stunden auf dem Teppich im Wohnzimmer und hören sich Volkslieder an, die der CD-Rekorder spielt. „Was geht in ihm vor?“, fragt der Vater. Sie wissen es nicht. Sie ahnen es. Die Worte ihres Sohnes liegen in seinen Gesten, in seinem Summen und in seinem Singen.

Bei Alexander von Friedrichs liegt das Chromosom 21 drei- statt zweimal vor, auch als Trisomie 21 bezeichnet. Es ist eine genetische Veranlagung, die sich bei jeder Person anders auswirkt. Manche Menschen sind schwer geistig behindert, so wie Alexander von Friedrichs. „Bei unserem Herzelein kommt noch Autismus hinzu“, sagt seine Mutter. Seit dem achtzehnten Lebensjahr ist er blind. Nach Operationen an den Augen schlug er mit den Händen auf die Wunden. Sie heilten nicht.

Ihr Sohn lebe in einer Einrichtung in Niedersachsen, erzählen die Eltern in ihrem Wohnzimmer. Von der Decke hängt ein Kronleuchter, an den Wänden schauen gemalte Vorfahren mit ernsten Augen herab. Vom Esstisch blickt man auf den Hof und die Pferde des Nachbarn. Die Eltern holen Alexander von Friedrichs immer wieder zu sich nach Hause. Die Ferien verbringe er bei ihnen. Bis zu zwei Wochen im Monat. Mittlerweile sind es ein paar Tage weniger.

Die Eltern

„Wir werden älter“, sagt Hans-Dieter von Friedrichs. Sie würden öfter an ihre Grenzen kommen. „Na“, ruft seine Frau dazwischen, wann immer sie glaubt, er kritisiere den Sohn. „Ist doch so“, sagt Herr von Friedrichs. „Unser Chef braucht eben mehr Aufmerksamkeit, und das ist gut so“, antwortet sie. Der Chef – so nennen sie Alexander. „Zum Beispiel deswegen“, sagt der Vater und lacht, „wenn der Chef da ist, schlafe ich im Gästezimmer.“ Ihr Sohn suche nachts die Nähe zu seiner Mutter.

Wenn der Chef da ist, dann ist er das „Herzelein“. Dann liegt die ganze Aufmerksamkeit bei ihm. Manchmal komme eine Flötistin ins Haus, spielt ihm vor. Er singt mit. Dann die täglichen Tandemfahrten, eineinhalb Stunden Ruhe für die Eltern. Sie seien beide in ihren Achtzigern, erzählt Herr von Friedrichs. „Sieht man uns nicht an, stimmt’s?“ Seit ihre Tochter vor zehn Jahren einen schweren Schlaganfall hatte, pflegen die Eltern zwei Kinder. „Wir müssen fit bleiben“, sagt der Mann. „Die Tandemfahrten sind deswegen eine enorme Entlastung für uns“, sagt Ursula von Friedrichs.

Maike Nitzschke von der Lebenshilfe Osterholz kennt die Bedeutung solcher Arbeit: „Eine langfristige persönliche Beziehung ist das Herzstück einer gelingenden Unterstützung, erst recht, wenn es sich um so ein komplexes Beeinträchtigungsbild handelt“, sagt sie. Herr Rosenberger sei eine Ausnahme. Zwar interessierten sich viele Menschen für ein Engagement, doch sobald es herausfordernder werde, erleben sie, dass Mitarbeiter manchmal aufhören.

Im Land Bremen leben laut Amt für Versorgung und Integration mehr als 110.000 Menschen mit einer Behinderung. Beinahe 70.000 von ihnen gelten als schwerbehindert. Viele Familien stehen dabei vor ähnlichen Herausforderungen wie die von Friedrichs: Sie kämpfen um Entlastung und Unterstützung.

Die Freundschaft

Es gibt einen Moment, bei dem Rosenberger warm ums Herz wird, wenn er daran denke, erzählt er. Bei einer Fahrt spürt der Mann plötzlich ein Gewicht an seinem Rücken. Alexander von Friedrichs lehnt den Kopf an, legt den Arm um seinen Tandempartner. „Er kuschelte mit mir“, sagt Rosenberger. „Vor zehn Jahren das erste Mal.“ Seither seien sie zusammengewachsen. Er sei nicht mehr Herr von Friedrichs für Rosenberger, sondern sein Freund, der Alex.

Wenn Rosenberger heute zurückblickt, empfindet er Dankbarkeit. Alexander von Friedrichs sei sein Spiegel, seine Lektion in Demut. „Wenn er so glücklich sein kann, obwohl er so eingeschränkt ist, dann kann ich das auch“, sagt er. „Ich habe durch ihn gelernt, was es heißt, gesund zu sein.“

Doch auch für Rosenberger wird es schwerer. Drei Leistenoperationen, ein Auge fast blind. „Eigentlich fahren wir einäugig“, sagt er. Im ganzen Körper habe er eine Muskelschwäche. Er werde älter. Sei schon 74. Wie lange er weitermachen wolle? „Bis ich nicht mehr kann.“

Die Runde haben sie vor zehn Jahren verkürzt. Früher waren es zwei Stunden, jetzt sind es eineinhalb. Doch sie fahren noch immer regelmäßig dieselbe Strecke, hinaus aus den Straßen der Stadt, dann drei Runden um die Hammeniederung. Vorn der mittlerweile ergraute Rosenberger, angestrengt am Strampeln. Hinten Alexander von Friedrichs, der summt und singt. Wenn das Tandem vorbeifährt, werden die Traktoren langsamer, Autofahrer machen Platz, und alle, an denen sie vorüberziehen, heben die Hand zum Gruß.

Zuletzt war eine der Straßen gesperrt. Das blieb nicht unbemerkt: „Na, euch habe ich ja lange nicht mehr gesehen“, ruft ein Hausbesitzer. Er habe sich schon Sorgen gemacht.

Nach der Runde setzt Rosenberger seinen Alex zu Hause ab. „Sag Tschüss, Rolf“, sagt die Mutter dann. „Tschüss, Rolf“, antwortet Alexander von Friedrichs manchmal. „Tschüss, Alex“, ruft Rosenberger, stellt das Fahrrad ab, auf dem sie seit 25 Jahren fahren, und macht sich auf den Weg zurück nach Blumenthal.