Nicht von hier
Marvin Ku
Seit zwanzig Jahren gibt es in der deutschen Statistik den sogenannten Migrationshintergrund. Die einen sagen, der Begriff bildet Deutschland als Einwanderungsland ab. Die anderen sagen, er teilt die Gesellschaft. Unser Autor hat einen Migrationshintergrund – und geht den Wurzeln dieses aufgeladenen Wortes nach
Dieser Text stünde hier vielleicht nicht, wenn ich eine bestimmte Frage nicht beantwortet hätte. 2019 bewarb ich mich an einer Journalistenschule. Am Ende saß ich vor einer Prüfungskommission. Der Schulleiter fragte mich: »Herr Ku, Sie haben ja einen Migrationshintergrund. Sehen Sie das eigentlich als Vorteil oder als Nachteil?«
Bevor ich Ihnen meine Antwort verrate, machen wir doch ein kleines Experiment. Es gibt da ein Video mit Friedrich Merz. Im Juli 2024 hatte er einen Wahlkampfauftritt in Meerane, das liegt in Sachsen. Merz stand auf einer Bühne und erklärte dem Publikum, wen die Bundespolizei bei Grenzkontrollen so rauspflückt: »Das sind nicht Sie, wenn Sie aus dem Urlaub zurückkommen. Sie fahren da einfach durch. Aber diejenigen, die mit irgendwelchen komischen Autos da langfahren, mit irgendwelchen komischen Figuren drin, die werden eben auf die Seitenspur geholt und mal kontrolliert.« Prüfungsfrage: Was glauben Sie, wen meint Merz?
Natürlich sagt er nicht genau, wen er meint. Aber die Leute scheinen es auch so zu wissen, es wird gejubelt und applaudiert. Das Publikum in Meerane war übrigens mehrheitlich weiß.
Komisch: Das ist für viele der erste Indikator, dass mit Leuten etwas nicht stimmt. Vielleicht tragen sie komische Kleidung, sprechen mit komischem Akzent oder eine ganz andere komische Sprache. Sie feiern komische Feiertage und essen komisches Essen. Ich kenne all diese Beispiele, denn ich bin mit diesem Wort aufgewachsen. Ich habe es in der Schule gehört, als ich der Einzige mit chinesischen Wurzeln war. Im Restaurant meiner Eltern, wenn wir in der Mittagspause chinesisches Essen aßen, das über gebratene Ente hinausging.
»Komisch« heißt »anders«, und anders heißt in diesem Fall: nicht von hier.
Ich bin einer von 25 Millionen Menschen in Deutschland mit einem Migrationshintergrund. Bei den Kindern unter fünf Jahren sind es über 42 Prozent. Mehr als ein Drittel dieser Menschen wurde in Deutschland geboren, mehr als die Hälfte sind deutsche Staatsbürger, Tendenz steigend. Man könnte meinen: Je größer diese Gruppe wird, desto kleiner wird die Aussagekraft eines Migrationshintergrunds.
Gleichzeitig bekommt der Begriff aber seit seiner amtlichen Einführung vor zwanzig Jahren immer mehr Sprengkraft. Das Wort durchzieht Medien und Politik, es taucht in Studien und Statistiken auf, wer einen Job oder eine Wohnung sucht, stößt auf ihn, und wenn versucht wird zu erklären, warum wieder einer mit dem Messer durchdreht, warum manche Männer Böller auf Feuerwehrleute schmeißen oder so viele Frauen begrapschen oder warum die »kleinen Paschas« schlechter in der Schule sind als Maximilian, schaut man auf? Genau. Es ist ein Begriff, unter dem sich jeder was vorstellen kann.
Gleichzeitig sagt seine Schöpferin: Dieses Wort ist an Unklarheit kaum zu überbieten.
Vielleicht müssen wir daher kurz klären, worüber wir eigentlich reden. Denn
wie unterschiedlich das Verständnis ist, merkte ich etwa letztens bei einer Freundin. Sie erzählte, zu Studienzeiten wollte sie sich für ein Stipendium bewerben, das sich aber an Menschen mit Migrationshintergrund richtete. Sie bewarb sich dann nicht, weil sie nicht wusste, ob sie dazuzählt. Meine Freundin ist weiß. Ihre Mutter stammt aus Argentinien. Die meisten würden ihr diese internationale Verbindung nie ansehen. Mir schon.
Ich bin deutscher Staatsbürger und das Kind deutscher Staatsbürger. Ich wurde in Kassel geboren und wuchs in einer Kleinstadt auf, die bekannt ist für ihre Liebe zu Wurst. Auch ich esse gern Wurst. Ich bin in einen evangelischen Kindergarten und aufs Gymnasium gegangen. Ich habe an einer deutschen Universität studiert, schreibe für eine deutsche Zeitung, die in Deutschland als sogenanntes Leitmedium gilt, und ich schreibe das alles auf Deutsch, weil es meine Muttersprache ist. Die größte Migration, die ich durchgemacht habe, war von Hessen nach Berlin-Friedrichshain. Aber das muss man alles nicht wissen, um mir einen Migrationshintergrund anzuheften.
Das geht vielen so. In der Politik denkt man da an Omid Nouripour und nicht an Ursula von der Leyen. Im Fernsehen an Dunja Hayali und nicht an Markus Lanz. Beide aber, Lanz und von der Leyen, haben einen Migrationshintergrund. Ebenso Mark Forster, Helene Fischer, Thomas Mann. Eine Person wurde in Belgien geboren, eine andere in Sibirien, eine ist aus Italien eingewandert. Eine Person hat eine brasilianische Mutter, eine andere eine polnische. Sie können ja mal raten, wer wer ist.
Also: Was heißt Migrationshintergrund? Und warum klaffen die Vorstellungen so auseinander? Das frage ich Anne-Kathrin Will. Sie ist Sozialanthropologin und forscht seit 2013 dazu. Und trotz ihrer jahrelangen Erfahrung antwortet sie seufzend auf meine Frage, was der Migrationshintergrund eigentlich ist: »Ich habe bis heute keine Antwort gefunden.«
Der erste Trugschluss: »Einen Migrationshintergrund hat niemand«, erklärt Will. »Er wird einem zugeschrieben.« Damit meint sie erst mal keine anonymen Trolle im Internet, keine krakeelenden Neonazis oder arglosen Opas, die einem so gutes Deutsch bescheinigen. Diese Zuschreibung erfolgt, wie so vieles in Deutschland, durch ein Amt. Jedes Jahr erhebt das Statistische Bundesamt den Mikrozensus, eine Haushaltsbefragung des Bundes. Ein Prozent der Bevölkerung wird rausgepickt und muss einen Fragebogen beantworten. Ob jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht, entscheiden 19 Fragen. Darunter: wo ich geboren wurde. Ob, wann und wieso ich nach Deutschland gezogen bin. Wo meine Eltern geboren wurden. Ob, wann und wieso sie nach Deutschland gezogen sind. Welche Staatsangehörigkeit wir haben und welche Sprache wir zu Hause sprechen.
Die Frage »Haben Sie einen Migrationshintergrund?« steht da nicht. In Polen und Großbritannien ist das anders, dort dürfen die Befragten selbst angeben, welcher ethnischen oder nationalen Gruppe sie sich zuordnen. Hier aber wertet ein Algorithmus die Antworten aus und entscheidet dann, ob mir ein Migrationshintergrund übergestülpt wird oder nicht. Inwieweit ich das auch so sehe, spielt keine Rolle.
Es gibt auch eine amtliche Definition des Statistischen Bundesamts: »Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.« Es geht also um Nationalität bei Geburt. Ob irgendjemand irgendwohin gezogen ist, scheint erst mal unwichtig zu sein. Das Wort »Migration« steckt nur in dem Begriff, den diese zwei Sätze versuchen zu erklären. Ein Formfehler ist das nicht, sondern ein Indiz für die Fortführung einer Tradition: Deutsch durch Abstammung.
Das zeigt die frühere Definition. Von 2005, als der Migrationshintergrund eingeführt wurde, bis 2016 galt eine andere, längere Version, in der es explizit hieß: Deutsche, die bis 1949 zugewandert sind, sowie ihre Nachkommen zählen nicht als Personen mit Migrationshintergrund. Das ist auch weiter der Fall, obwohl es nicht mehr drinsteht. Gemeint sind damit die Geflüchteten und Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges, die im heutigen Ausland lebten, aber im Kern doch irgendwie als deutsch gelten. Auch Kinder, die im Ausland geboren wurden, deren Eltern aber Deutsche ohne Migrationshintergrund sind, zählen nicht. Also: Alle, die als Deutsche geboren werden, weil sie von Deutschen ohne Migrationshintergrund abstammen, haben auch selbst keinen Migrationshintergrund – selbst wenn sie faktisch migriert sind.
Wer das jetzt zu kompliziert findet, kann beruhigt sein. Denn neben diesen zwei Definitionen gibt es noch mindestens zehn weitere (Frau Will hat mal eigens die offiziellen nachgezählt). Die Kultusministerkonferenz erhebt ihn anders als die Bundesagentur für Arbeit. Manche Kommunen erheben ihn anders als die Länder. Manche stützen sich auf die Staatsangehörigkeit, andere nehmen die Sprache mit rein, die zu Hause gesprochen wird, wenige schauen auch auf die Religion. Wissenschaftler raufen sich die Haare, weil jede Definition auch andere Zahlen ausspuckt und sich deshalb nichts so recht vergleichen lässt (was Politik und Medien nicht davon abhält, Vergleiche zu ziehen).
So heißt es oft, der Migrationshintergrund zeige doch auch Diskriminierung, was nicht richtig stimmt: Jemand kann aus Schweden eingewandert sein und überhaupt keinen Rassismus erfahren, weil dieser Jemand weiß ist, während eine Schwarze Familie seit Generationen deutsch sein kann, und niemand nimmt es ihr ab. Daher ist es fast verständlich, dass selbst die Damen und Herren vom Bundesamt da mal durcheinanderkamen, wie Will erzählt. Bei der Vorstellung neuer Zahlen stand in einer Mitteilung: »Diese Publikation zeigt den Vergleich zwischen der deutschen Bevölkerung und der Bevölkerung mit Migrationshintergrund.«
Deutsche Bevölkerung und Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Wir und ihr. Mit diesem Geiern auf die Abstammung ist der Migrationshintergrund nichts anderes als die Frage: Wo kommst du wirklich her? Ich muss bei dieser Frage an Dieter Bohlen denken. Es gibt da eine Szene aus Das Supertalent von 2018. Die fünfjährige Melissa möchte vortanzen. Bevor sie das darf, fragt Bohlen sie ein bisschen aus. Woher die Melissa denn kommt. Aus Herne, sagt sie. Und Mama und Papa, wo kommt ihr her, Philippinen? Die kommen auch aus Herne, sagt sie. Aus welchem Land gebürtig? Sie weiß es nicht. Oma und Opa oder so? Am
Ende quatscht Bohlen die Mutter neben der Bühne direkt an, die den Mann endlich erlöst und sagt: aus Thailand.
Man kann darüber streiten, wie nervig diese Fragerei ist. Aber klar ist: Melissa versteht nicht, worauf Dieter Bohlen hinauswill. Nämlich, dass jedes Kaff in Thailand, das sie nennen könnte, eher als Antwort akzeptiert wird als Herne – auch wenn sie nie einen Fuß aus der Stadt gesetzt hätte. Ihr Deutschsein wird infrage gestellt. Diese Abgrenzung ist älter als die rund sechzig Jahre Altersunterschied zwischen Melissa und Bohlen. Eigentlich kommt sie aus einer Zeit, als die Deutschen weniger Interesse daran hatten, woher jemand kam, sondern daran, warum man kam.
Wenn Deutschland zeigen will, dass es ein Einwanderungsland ist, zitiert man diesen unsterblichen Satz des Schweizers Max Frisch: »Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.« Kaum eine Erwähnung von türkischen Gastarbeitern in diesem Land kommt ohne den Satz aus. Der Autor Stephan Anpalagan hat sich in seinem lesenswerten Buch Kampf & Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft viel mit ihm befasst und gezeigt, wie er sich von seinem Schöpfer gelöst und verselbstständigt hat. Mit Türken und Deutschland hat der Satz nichts zu tun. Er stammt aus einem Vorwort in einem Buch über italienische Arbeiter in der Schweiz. Eigentlich ist es auch kein Satz, sondern nur ein Nebensatz.
Max Frisch schreibt: »Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.« Der ganze Text seziert die Verwunderung des »Herrenvolks«, dass diese Arbeitskräfte, nun ja, echte Menschen sind. Mit echten Bedürfnissen. Die Verwunderung, dass diese Menschen sich über die menschenunwürdigen Unterkünfte beschweren, in die sie einquartiert sind. Menschen, die in denselben Läden einkaufen und in denselben Krankenhäusern liegen, wenn sie krank sind. Es sei eine »Überfremdung durch Menschen, wo man doch nur (...) Arbeitskräfte wollte«. Oder wie Anpalagan schreibt: »Arbeitskräfte, die die schlechte Angewohnheit haben, nebenberuflich Menschen zu sein.«
Mittlerweile wurde dieser Umstand mit Urlaubserinnerungen am Gardasee und sehr viel Pasta Bolognese überdeckt. Dabei lässt sich viel über Migration lernen durch die Begriffe, mit denen man über die Menschen geredet hat. Es fing mit »Fremdarbeitern« an, die schnell in »Gastarbeiter« umbenannt und irgendwann zu »ausländischen Arbeitern« wurden. Der Fokus lag stets auf der Arbeit, denn die Idee war bestechend einfach: Jedes Jahr holte man junge, unverbrauchte Menschen, die schwere Arbeit für wenig Geld erledigten.
Nach ein paar Jahren kehrten sie in ihre Heimat zurück und wurden ersetzt durch neue unverbrauchte Menschen. Die Löhne blieben niedrig, weil niemand beruflich aufstieg, und die Einheimischen sedierte man mit dem Versprechen, dass die Arbeiter einen schon nicht behelligen würden. Wie sie zur Arbeit kommen und gehen, kommen und gehen sie auch wieder aus diesem Land. »Rotationsprinzip« nannte man das.
Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen 14 Millionen Gastarbeiter. Elf Millionen gingen
nach Italien, Griechenland, in die Türkei oder nach Jugoslawien zurück. Manche konnten nicht zurück (aus politischen Gründen), manche sollten nicht zurück (weil die deutschen Arbeitgeber sie brauchten), manche wollten nicht zurück. Die Leute machten Karriere, gründeten Familien, ließen sich einbürgern. Sie mischten sich unters Volk. Je mehr das passierte, desto mehr verlor man sie aus den Augen. Oder eher gesagt: aus der Statistik.
Lange wehrte sich Deutschland gegen das Label als Einwanderungsland. Das Bollwerk dagegen war das Staatsangehörigkeitsrecht »ius sanguinis«: das Blutsrecht, das von 1913 bis 1999 galt: Ein Kind erhält die Staatsbürgerschaft der Eltern, egal ob es in Deutschland geboren wurde oder nicht. Die Kinder von Ausländern wurden so ebenfalls Ausländer, die man klar von Deutschen trennen konnte. Dann wurde aber das Gesetz reformiert und das Blutsrecht um das Bodenrecht »ius soli« ergänzt. Ab 2000 bekamen alle in Deutschland geborenen Kinder von Migranten automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Das passierte in einer Zeit, als auch viele Spätaussiedler sich einbürgern ließen. In der Statistik waren sie nun Deutsche. Und wurden so unsichtbar.
Dieses Problem bemerkte auch Ursula Boos-Nünning. Heute ist sie über 80, aber damals, in den Neunzigerjahren, war sie Professorin der Migrationspädagogik und eine der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet. Seit einiger Zeit stauen sich die Interviewanfragen, schließlich gilt Boos-Nünning als die Frau, die den Begriff »Migrationshintergrund« in Deutschland zum ersten Mal verwendet hat. Ende der Neunziger wirkte sie am »10. Kinder- und Jugendbericht« mit, der die Lage junger Menschen analysierte. Es war eine Zeit, in der einige konservative Forscher noch »Gastarbeiterkinder« sagten und modernere »Ausländerkinder«. Die Berichte drehten sich nahezu vollständig um einheimisch deutsche Kinder, die Lage der »Ausländerkinder« wurde am Schluss drangeklatscht. Boos-Nünning aber forderte, dass Letztere in jedem Kapitel mitabgebildet werden sollten. Ihre Kollegen waren einverstanden – wenn sie die Zusatztexte selbst schrieb. Beim Schreiben stieß sie auf das Problem der Gruppe ausländischer Kinder, die keine Ausländer waren: Sie waren in Deutschland geboren, hier aufgewachsen und hatten die deutsche Staatsangehörigkeit. Faktisch waren sie Deutsche. Wäre da nicht die Sache mit den Eltern. Sie borgte sich ein Wort aus dem Amerikanischen, den migration background, und übersetzte ihn ins Deutsche – die Geburtsstunde des Migrationshintergrunds.
Boos-Nünning ahnte nicht, welche Karriere dieses Wort machen würde. Sie merkte es viele Jahre später auf einer Tagung, als sie den Migrationshintergrund erwähnte und nach ihrem Vortrag dann eine aufgebrachte Frau auf sie zukam. Die habe sich diskriminiert gefühlt durch diesen Begriff, erzählt Boos-Nünning. »Ich war richtig geschockt, weil ich glaubte, endlich einen Begriff gefunden zu haben, der neutral sei.« Sie bereue es nicht, den Migrationshintergrund eingebracht zu haben. Der Begriff sei ja nicht per se negativ, es komme auch auf die Gesellschaft an, wie sie ihn annimmt: »Deutschland hat selbst zur Stigmatisierung des Migrationshintergrunds beigetragen.«
Dabei gestand sich Deutschland mit der Einführung dieses Wortes etwas ein, was vorher nie eingestanden worden war: Es verstand sich als Einwanderungsland. Die trennscharfe Grenze zwischen Deutschen und Ausländern wurde aufgeweicht und das Deutschsein erweitert. Schaut man in die Tabelle des Statistischen Bundesamts, findet man etliche weitere Spalten, nach denen Menschen mit Migrationshintergrund kategorisiert werden. Man könnte sagen, der Begriff »Migrationshintergrund« mache diese Gruppen sichtbar. Man könnte aber auch sagen: sichtbar mit einem Flutlicht.
Der Rassismusforscher Karim Fereidooni sagt: »Wenn der Laden läuft, redet niemand über den Migrationshintergrund. Aber wenn es Probleme gibt, dient er als Sündenbock.« Wenig überraschend steht der größte Bock in der Schule. 2023 kritisierte der Ehrenpräsident des Deutschen Lehrerverbands in der Bild: Die Zuwanderungskrise werde das Lernniveau an unseren Schulen verschlechtern. Der Anteil der Viertklässler mit Migrationshintergrund sei innerhalb von zehn Jahren von rund 24 auf 38 Prozent gestiegen. Ab einem Anteil von 35 Prozent in der Klasse sänken die Leistungen »überproportional«. Er fordert deshalb eine Migrationsquote. Anfang Juli sagte die Bundesbildungsministerin Karin Prien in einem Fernsehinterview, sie halte eine Migrationsquote für ein »denkbares Modell«.
Ob es dann 30 oder 40 Prozent seien, müsse man schauen. Die These ist so alt, dass manche Wissenschaftlerinnen witzeln, es habe sich schon ins Allgemeinwissen geschlichen: Kinder mit Migrationshintergrund sind schlechter in der Schule. Richtig groß wurde diese These mit dem »PISASchock« von 2001, der bis heute nachhallt. Schuld an diesem Schock sind Leute wie ich. Damit meine ich nicht Menschen mit Migrationshintergrund. Sondern Journalisten.
Die Bildungsforscherin Patricia Stošić sah sich 2017 in einer Studie an, wie das Thema der »Problemkinder« mit Migrationshintergrund medialisiert wurde. Sie untersuchte, wie zwei der großen Leitmedien, Zeit und Spiegel, von 1998 bis 2009 über das Thema berichteten. Die Zeit schrieb öfter über wissenschaftliche Studien, der Spiegel setzte sich viel mit Integration und Kriminalität auseinander. Fast jeder der 95 untersuchten Texte erwähnte sprachliche Defizite der Kinder und ihrer Familie. Nur ein einziger (!) macht sie nicht zu Verursachern nationaler Krisenszenarien.
Der Migrationshintergrund half dabei, das Stigma zu festigen. Denn in den Artikeln differenzierte man nicht, was dieser damals noch rein wissenschaftliche Begriff eigentlich aussagt (wie wir wissen: alles und nichts). Er diente einfach als Synonym für Fremdheiten. Die Wissenschaftler gaben sich Mühe, inkludierende Antworten auf die exkludierenden Fragen der Journalisten zu geben. Aber am Ende schien es, als wolle man die Perspektive nicht, dass diese Kinder deutsch sein könnten. Sie wurden trotzdem beschrieben als »Fremde«, als »Risikokinder«, als »Verlierer«, »Außenseiter und Draußenbleiber«, hochgejazzt zur Gefahr für sich selbst, aber vor allem als Risiko für die Gesellschaft. Oder wie es in Stošić’ Studie heißt: »das gefährdete Kind, das ›immer auch schon als potentiell gefährliches Kind erscheint‹«.
Wer jetzt den Kopf schüttelt, sollte wissen, dass es einen sehr wichtigen Satz im Journalismus gibt. Ich habe ihn an besagter Journalistenschule gelernt, er geistert durch jede Redaktion, jede Themenkonferenz, und manchmal durch meine Träume. Er lautet: Was ist die Geschichte?
Die Geschichte soll unterhaltsam und verständlich sein, sie soll komplexe Themen vereinfachen. Manchmal ist das Material aber zu üppig. Auch in diesem Artikel wird es Lücken geben. Deshalb soll die Geschichte zugeschnitten sein. Dafür selektieren wir Informationen. Manche Infos spielen keine Rolle für eine bestimmte Geschichte. Deutet man die Ergebnisse der Studie, sollen manche Seiten vielleicht auch keine Rolle spielen. Man könnte auch sagen: Es passt nicht in die Story.
Es passt nicht in die Story, dass Bundeskanzler Friedrich Merz anmerkt, viele der Täter in der krawalligen Silvesternacht 2022/23 hätten einen Migrationshintergrund, ohne zu erwähnen, dass 37 Prozent der neu eingestellten Berliner Polizisten in dem Jahr auch einen Migrationshintergrund hatten.
Es passt nicht in die Story, dass Merz diese Ausschreitungen darauf zurückführt, die »kleinen Paschas« in der Grundschule hätten keinen Respekt mehr vor den Lehrkräften, während angehende Lehrkräfte die Diktate von Grundschulkindern, die Murat heißen, schlechter benoten als die von Max – bei gleicher Leistung.
Es passt nicht in die Story, dass Jugendliche mit und solche ohne Migrationshintergrund kaum große Unterschiede in der Schulleistung vorweisen, wenn man einbezieht, welchen Bildungsstatus, wie viel Einkommen und welche soziale Herkunft die Eltern haben.
Es passt nicht in die Story, dass die wirtschaftliche Lage dieser Eltern, und da sind sich Bildungsforscher einig, deutlich wichtiger ist als ein Migrationshintergrund, um Bildungserfolg zu analysieren. Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, ist am niedrigsten bei einem Kind, dessen Eltern weniger als 2600 Euro netto im Monat verdienen, beide kein Abitur und keinen Migrationshintergrundhaben. Am höchsten, wenn beide Eltern Abitur haben, mehr als 5500 Euro verdienen und einen Migrationshintergrund haben. Entscheidend ist nicht der Migrationshintergrund, sondern das Geld.
Es passt nicht in die Story, dass die Kinder mit Migrationshintergrund überhaupt nicht existieren, sondern viele verschiedene Herkunftsgruppen, die völlig unterschiedlich abschneiden, manche, wie die spanischen oder vietnamesischen, sogar besser als der Schnitt. Es passt nicht in die Story, dass viele Lehrkräfte den Kindern trotzdem keine Empfehlung fürs Gymnasium geben, wenn sie denken, ihre Eltern könnten die Kinder nicht gut unterstützen – auch wenn die Noten es rechtfertigen würden. Wie dieser eine Junge, dessen Lehrer ihn auf die Hauptschule schicken wollte, bis der deutsche Nachbar für ihn einschritt. Heute kennt man ihn als den Co-Gründer des Impfherstellers Biontech: Uğur Şahin.
Migrationshintergrund: Sehen Sie das als Vorteil oder als Nachteil?
Fast mein ganzes Leben lang wollte ich Teil dieser Story sein, dass auch ich nicht nur deutscher Staatsbürger, sondern Deutscher sein kann. Dass ich deutsch genug bin. Dass meine Arbeit und meine Leistung genug sind. Dass es irgendwann reicht. Zum Beispiel für diese Journalistenschule.
Der Schulleiter fragte mich das nicht einfach so wegen meines Aussehens. Für meine Bewerbung hatte ich über einen Neonazi-Fackelmarsch geschrieben. Ich wollte wissen: Wer ist das »Wir« in »Wir sind das Volk«, und wer sind die Deutschen in »Deutschland den Deutschen«? Was ist deutsch? Natürlich konnte mir diese peinliche Truppe, deren Fackeln in der Nachmittagssonne abgebrannt waren, bevor der Marsch überhaupt losging, nicht wirklich sagen, was deutsch ist. Die meisten Deutschen können das nicht. Sie klammern sich an Feigenblätter wie die deutsche Sprache (die auch die Österreicher und Schweizer sprechen) oder deutsche Werte wie Pünktlichkeit (auf die man nur stolz sein kann, wenn man nie mit der Deutschen Bahn gefahren ist). Im Fußball meckert man, wenn Nationalspieler mit Migrationshintergrund die Nationalhymne nicht mitsingen – das Lied der Deutschen, dessen Melodie ein Österreicher komponiert hat, das nicht in Deutschland und überhaupt zu einer Zeit entstanden ist, als es noch kein richtiges Deutschland gab, sondern nur einen Flickenteppich aus vielen Völkern mit vielen Sprachen und vielen Eigenheiten (heute würde man sagen: Multikulti). Die Dichter und Denker werden angeführt, von denen einige aber ziemlich mit dem Patriotismus fremdelten: Immanuel Kant standen der Nationalstolz und Nationalhass seinen Prinzipien der Vernunft entgegen. Oder Nietzsche, der sagte: »Gut deutsch sein heißt, sich zu entdeutschen.« Also: Dieses Deutschsein, von dem niemand sagen kann, was es ist, bildet die Linie, von der niemand weiß, wo sie verläuft, an der wir uns aber orientieren sollen. Die CSU twitterte mal: »In der Debatte um Integration in Deutschland muss klar sein, wer sich nach wem zu richten hat.« Man stelle sich vor, wie die Straßen aussähen, wenn der Verkehr von so einer Linie geleitet würde, die aussieht, als hätte sie ein Betrunkener gemalt. Der CSU-Tweet zitierte übrigens den späteren Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer.
Beruhigend eigentlich, dass man auf der anderen Seite genauso wenig Ahnung hat: Was deutsch ist, ist so klar wie der Migrationshintergrund.
In der Prüfung antwortete ich damals: Ich sehe den als Vorteil. Ich könne Geschichten erzählen, die andere nicht erzählen könnten. Heute denke ich: Es ist verdammt mühsam. Aber vielleicht geht es genau darum – sich die Mühe zu machen. Die Anstrengung, die wir durchleben, um annähernd auf Augenhöhe zu kommen. Die Arbeit, auf die wir reduziert werden. Die Leistung, die wir mehr erbringen müssen als andere. Aber nicht nur wir sollten uns diese Mühe machen. Sondern auch ihr.
Ich sage »wir« und »ihr«, nicht nur weil sich die Unterscheidung so hartnäckig hält, sondern weil sie ein Stück weit auch stimmt. Wir sind verschieden. Unterschiede zu zeigen ist wichtig. Der Rassismusforscher Karim Fereidooni sagt: »Wir müssen Unterschiede zwischen Menschen machen, weil wir in einer Gesellschaft leben, die von Ungleichheit geprägt ist.« Ohne Unterschiede keine Maßnahmen. Aber es ist auch die Mühe, da genau zu sein. Wir und ihr heißt nicht nur weiß und nicht-weiß, mit und ohne Migrationshintergrund, sondern auch reich und arm, alt und jung, diskriminiert oder nicht.
Es ist einfach zu behaupten, der Migrationshintergrund sei schuld an allem, an schlechten Schulergebnissen, an Messerattacken oder an Niederlagen der deutschen Nationalelf. Aber wie kann man das so inbrünstig sagen, während gejammert wird, dass die Fachkräfte fehlen, um die Alten zu pflegen, die Kinder zu erziehen, den geliebten Spargel zu ernten? Ja, selbst die Bundespolizei sucht Fachkräfte, um die verschrienen Leute abzuschieben.
Es gibt Forderungen, den »Migrationshintergrund« abzuschaffen. Stattdessen könne man »Menschen mit internationaler Familiengeschichte« sagen oder mit »ausländischen Wurzeln«. Das Statistische Bundesamt hat 2023 zusätzlich eine neue Kategorie eingeführt: »Eingewanderte und ihre Nachkommen«. Die Kategorie Migrationshintergrund ist so nicht ersetzt, sondern ergänzt. Das Problem ist aber nicht das Wort, sondern die Idee dahinter. Ein Wort gibt Anlass zur Diskussion, weil es einfacher ist, sich über die Spitze
aufzuregen als über den Eisberg. Das Problem ist, dass der »Migrationshintergrund« meistens nicht auf den statistischen Status abzielt, sondern auf das Fremde, auf die andere Seite eines deutschen Ideals, das selbst nicht existiert. Auch hier gibt die Mitte gern die Verantwortung darüber ab, meistens nach rechts: Fremdenhass sei doch ein Ding von AfD und Konsorten. Das ist auch nicht falsch. Aber zu Corona-Zeiten bin ich beim Spaziergang durch mein Viertel (linke Hochburg) öfter Leuten begegnet, die sich die Maske höher zogen, als Neonazis, die mich verprügeln wollten. Es geht um etwas, das Fachleute den »Rassismus der Mitte« nennen. Der oft leise und unbewusst, aber nicht ganz unschuldig ist. Dessen Abstreiten nur dazu führt, dass er weiterlebt und sich vermehrt. Glauben Sie mir: Eines der größten Privilegien in Sachen Rassismus ist, sich keine Gedanken darüber machen zu müssen.
Ich muss oft an diesen Satz von Ursula Boos-Nünning denken, der Professorin, die den Migrationshintergrund zum ersten Mal verwendet hat. Dass es nicht um den Begriff gehe, sondern darum, wie die Gesellschaft ihn annimmt. Deshalb würde ich meine Frage gern an Sie weiterreichen. Liebe Leserin, lieber Leser: Wir haben ja ein Land mit Migrationshintergrund. Sehen Sie das eigentlich als Vorteil oder als Nachteil?