Marvin Ku
Kurzbiographie des Nominierten in der Kategorie Gesellschaft & Dialog
Marvin Ku, geboren 1993, war Reporter für das Onlinemagazin VICE bevor er an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg ausgebildet wurde. Anschließend war er Reporter für das Dossier der ZEIT und arbeitete zuletzt als Redakteur und Kolumnist beim Magazin der Süddeutschen Zeitung. Seit 2025 ist er als freier Reporter vor allem im Podcast-Bereich tätig.
Im Interview
Wie entstand die Idee zu Ihrem Beitrag und wie haben Sie recherchiert?
Den Hinweis, dass es anscheinend eine „Erfindern“ des Begriffs Migrationshintergrund gibt, habe ich von einem Forscher, den ich für eine andere Recherche interviewt habe. Seitdem trage ich die Idee mit mir herum, etwas über den Begriff zu machen. 2025 war es dann soweit, pünktlich zum 20. „Geburtstag“ des Migrationshintergrunds. Am Anfang war noch die Idee, den Text persönlicher zu machen. Aber je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr merkte ich auch, dass der Stoff so viele verschiedene Ebenen durchzieht, die viel wichtiger waren und viel mehr erzählten als jede persönliche Geschichte. Denn was ich in den Interviews mit den Wissenschaftlerinnen gehört und in den Studien und Forschungsbeiträgen gelesen habe, war letztlich die Evidenz so vieler Sachen, die ich selbst erlebt habe oder die mir von Gesprächen mit anderen Migras bekannt vorkamen. Es klingt ein bisschen nach verrückter Wissenschaftler aber: Jede Zahl, jede Tabelle und auch jeder ungelenke Versuch aus der Historie, diesen Begriff und seine Vorgänger zu verändern, hat eine eigene Geschichte erzählt.
Vor welchen Herausforderungen standen Sie dabei?
Die größte Herausforderung hat sich schon in der Themenkonferenz angekündigt: Jeder aus dem Team verstand etwas anderes unter dem Begriff Migrationshintergrund. Die einen redeten von Politik, andere von Kriminalität, vom Fachkräftemangel, schlechte Schulleistungen oder der Wohnungssuche. Man war sich einig, dass das Thema vielversprechend war. Aber wohin sollte es führen? Man konnte den Begriff quasi in jedes Thema tunken und es passte irgendwie rein. Das Problem war also: Was nimmt man rein, was lässt man weg? Wie lassen sich all diese Themen verbinden? Und wie lassen sich diese Forschungsergebnisse und strukturellen Probleme lebhaft und unterhaltsam erzählen, ohne dass man das Gefühl hat, dass es ein vorwurfsvoller Fingerzeig-Text ist? Ich wollte niemanden belehren oder von einer gewissen Meinung überzeugen. Vielmehr sollten die Ergebnisse für sich sprechen und bestenfalls jeder das daraus mitnehmen, was man will.
Wie wurden Sie unterstützt?
Ich hatte das ungeheure Glück, dass die Expertinnen und Experten, die ich interviewt habe, extrem hilfsbereit waren. Sie nahmen sich viele Stunden Zeit, um mir ihre Sicht auf die Dinge zu erklären, auch vieles um den (sehr großen) Kontext besser zu verstehen. Vieles konnte ich dann in dem trotzdem recht langen Text leider nicht unterbringen. Daher gebührt Ihnen der Dank für die größte Unterstützung. Daneben sind es einige wunderbare Kolleginnen (Nicola, Theresa, Tobias), die sich ebenfalls die Zeit genommen haben, um den Text zu lesen und zu feedbacken. Und natürlich meine Partnerin, die mir während des Schreibens den Rücken freigehalten hat.
Was macht für Sie persönlich guten Journalismus aus?
Die Extrameile zu gehen. Sich Zeit zu nehmen und auch Zeit nehmen zu dürfen. Denn am Ende sind die ganzen anderen wichtigen Punkte – Genauigkeit, Faktentreue, Tiefgang, Kreativität und der ganze Kram – eine Frage der Zeit. Die in dieser Branche leider (verständlicherweise) oft zu kurz kommt.
Was braucht ein herausragender Artikel?
Gute Recherche, gutes Erzählen und eine Portion Wahnsinn. Ob das jetzt wahnsinniger Fleiß, eine wahnsinnige Idee oder eine wahnsinnige Geschichte ist, sei jedem selbst überlassen. Natürlich braucht es auch das nötige Vertrauen der Vorgesetzten, diesen Wahnsinn durchzuwinken.
Was erwarten Sie von der Preisverleihung?
Die Menschen hinter den großartigen Texten kennenzulernen und mit ihnen einen schönen Abend zu verbringen. Dazu das ein oder andere Freigetränk.