Das Ertrinken im Redefluss

Jakob Schrenk

Podcasts, Voice-Messages, Sprachassistenten: Menschen reden immer mehr und schreiben immer weniger. Diese neue Mündlichkeit bedroht die Demokratie

Abstrakte Zeichnung sprechender Köpfe
Canva/BDZV

Sie wollen diesen Artikel wirklich lesen? Eine Warnung: Sie müssen insgesamt 17 660 Zeichen oder 2549 Wörter entziffern und verarbeiten. Im Text tauchen so kryptische Begriffe auf wie »sekundäre Oralität« und »Metakommunikationskompetenz«. Kulturkritisch wird es auch. Und erst ganz am Ende kommt ein hoffnungsvoller Gedanke. Wollen Sie sich das antun?

Immer noch da? Dann kann es ja losgehen. Die Schrift hat es im Jahr 2025 schwer. Die Lesekompetenz von Grundschülern wie von Erwachsenen geht zurück. Die Zahl der Menschen, die Bücher kaufen, schrumpft seit mehr als zehn Jahren. Die große Hoffnung der Verlagsbranche: Hörbücher. Die gedruckte Auflage von Zeitungen und Magazinen sinkt ebenfalls. Erfolge haben aber Videoformate und Podcasts. Die Voice-Message macht der getippten Sprachnachricht Konkurrenz. Die Kommunikation mit Sprachassistenten wie Siri und Alexa läuft ausschließlich verbal. Auf Instagram und TikTok spielt Text meistens nur als Begleitinfo zu bewegten oder unbewegten Bildern eine Rolle. Und wer einen Bürojob hat, kennt das Gefühl, nach einem ein- oder zweistündigen Termin aus dem (meistens digitalen) Besprechungsraum zu taumeln und sich zu fragen: Hätten wir das alles nicht mit einer einzigen E-Mail erledigen können? Es ist nicht zu übersehen und zu überhören: Wir lesen immer weniger. Und wir reden immer mehr. Diese Mündlichkeitsmanie ist nicht nur nervig, sie macht uns auch dümmer – und sie bedroht die Demokratie.

Für diesen Text habe ich die jüngsten 50 Voice-Messages auf meinem Handy analysiert. Oft scheint der Absender weder Ruhe noch zwei freie Hände zu haben. Im Hintergrund hört man aufgeregte Kinderrufe oder einen Supermarktkassierer, der nach einer Bonuskarte fragt. Es ist unter diesen Umständen praktisch, eine Nachricht ins Handy zu sprechen. Weniger vorteilhaft ist es für den Empfänger. Meistens wird mir im Laufe einer viereinhalbminütigen, vielfach unterbrochenen (die Kinder! der Kassierer!) Oralitäts-Odyssee nur mitgeteilt, dass man sich später noch einmal melden werde – vermutlich mit einer weiteren

Audio-Nachricht. Laut einer Umfrage sind 75 Prozent aller Deutschen von zu langen gesprochenen Nachrichten genervt. Im Jahr 2022, dem letzten Zeitpunkt, für den Whatsapp Daten herausgibt, wurden täglich 100 Milliarden Nachrichten über den Dienst versandt. Davon waren sieben Milliarden mündlich. Und ihr Anteil scheint schnell zu steigen.

Der Trend hat einen banalen Grund: Zu sprechen ist bequem. Nach einer großen US-Studie reden Frauen durchschnittlich 16 215 Wörter am Tag. Entgegen dem Klischee sind Männer mit 15 669 Wörtern nicht viel weniger geschwätzig. Zu primitiven Lauten, begleitet von Gesten, waren schon unsere Vorfahren vor Hunderttausenden Jahren in der Lage, etwa um einander zu warnen. Den Neandertaler stellen sich Anthropologen als summendes, singendes (und vielleicht auch seufzendes), aber eben nicht als sprechendes Lebewesen vor. Etwa um 40 000 vor Christus muss der Mensch einen Sprach-Sprung gemacht haben. Über eine primitive Protosprache entwickelte er ein System von Worten und Regeln zu deren Verwendung und hatte wohl schon mit der Sesshaftwerdung eine sprachliche Komplexität erreicht, die dem der meisten Voice-Messages ebenbürtig ist.

Die Schrift ist viel jünger. Um 3300 vor Christus ritzten die Sumerer die ersten Piktogramme in Tontafeln. Nicht für einen Liebesbrief oder einen heiligen Text, sondern um recht nüchterne Informationen festzuhalten: Schulden, Steuern, Lagerbestände. Die häufigsten Zeichen waren die für Brot und Bier. Den Tontafel-Trendsettern war nicht klar: Die Schrift ist die folgenreichste Erfindung der Menschheitsgeschichte. Nun lässt sich Wissen dauerhaft speichern, unabhängig vom Gedächtnis einzelner Personen, es kann geprüft, verfeinert und immer weiter ausgebaut werden. Man kann sich mit Menschen an weit entfernten Orten austauschen, und sogar die Toten sprechen zu uns. Ohne Schrift keine Philosophie und keine Wissenschaft.

Es dauerte einige Jahrhunderte, bis man in Mesopotamien die ersten Tontafel-Briefe verfasste und so die Schrift tatsächlich als Alternative zum gesprochenen Wort nutzte. Um 1700 vor Christus erfanden die Phönizier die Alphabetschrift: Durch die Kombination von etwas mehr als 20 Zeichen lässt sich die ganze Welt in Schrift fassen. Im 16. Jahrhundert waren noch so gut wie alle Europäer Analphabeten. 1979 konnten 68 Prozent der Weltbevölkerung lesen und schreiben, heute sind es 86 Prozent. Eine Erfolgsgeschichte. Aber ist sie auserzählt?

Vor einigen Monaten erregte ein Artikel im US-Magazin The Atlantic Aufsehen. Die Autorin hatte mit 33 Professoren von Ivy-League-Universitäten gesprochen. Alle gaben an, dass ihre Studierenden, die künftige Elite der Nation, größtenteils nicht mehr in der Lage seien, ein ganzes Buch zu lesen. »Auch in Deutschland zeigen die großen internationalen Vergleichsstudien wie PISA und PIAAC, dass die Lesekompetenz sowohl bei Erwachsenen als auch bei Schülern zurückgeht«, sagt der Augsburger Pädagogik-Professor Klaus Zierer. Als Hauptgrund macht Zierer die digitalen Medien aus: »Sie verursachen ein Überangebot an audiovisuellen Inhalten, die einfach zu konsumieren sind. Dadurch verlieren viele Menschen die Übung, auch einmal einen komplexeren Text durchzuarbeiten.« So entsteht ein Teufelskreis: Je weniger man liest, desto weniger traut man sich es zu – und liest dann noch weniger.

Im gesamten Jahr 2014 kauften 34,4 Millionen Menschen in Deutschland mindestens ein Buch. 2023 waren es nur noch 25 Millionen. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Hörbuch-Konsumenten, mit 3,4 Millionen, fast verfünffacht. Audio-Books stehen in einer langen Tradition. Bis weit ins Mittelalter hinein galt das stille Lesen für sich allein als ungewöhnlich. Man las vor oder ließ vorlesen. Hörbücher führen auch Menschen an Bücher heran, die sonst keinen Zugang zu dieser Welt hätten. Und sie fügen sich gut in den Alltag: In einer US-Umfrage gaben 81 Prozent aller Audio-Anhänger an, beim Hören Auto zu fahren, Sport zu treiben oder die Wohnung zu putzen. Das könnte allerdings auch ein Problem sein.

Lange Zeit hörte ich im Auto das Buch Bildung – alles, was man wissen muß. Irgendwann fiel mir auf, dass ich das Werk schon fünfmal durchgehört hatte – und immer noch Neues erfuhr. Schon Cicero glaubte, dass wir einen Text besser behalten, wenn wir ihn sehen, als wenn wir ihn hören. Ein paar Jahrhunderte später wurde das wissenschaftlich bestätigt. So hat der US-amerikanische Psychologieprofessor David Daniel in einer Studie den Lernstoff entweder in Text- oder in Audioform präsentiert. Die Leser-Gruppe erinnerte sich bei einem Test zwei Tage später an 81 Prozent der Inhalte, die Hörer an 59 Prozent. Daniel sagt: »Das ist der Unterschied zwischen den Noten sehr gut und ausreichend.« Wenn man wirklich etwas lernen wolle, sei das Lesen anderen Informationsformen wie Audio oder Video weit überlegen, sagt Daniel: weil wir das Tempo selbst bestimmen, weil wir eine schwierige Stelle auch noch einmal lesen können, weil wir uns wirklich in den Stoffvertiefen.

Wenn wir ein Buch lesen, ärgern wir uns nicht gleichzeitig über andere Verkehrsteilnehmer, die Jogging-Zwischenzeit oder die Kalkflecken im Bad. Wie ein Schild schirmt uns das Buch von unserer Umgebung ab. Der Körper ruht, nur unsere Augen bewegen sich, nehmen die Schrift – und allein sie – in den Blick: dünne Zeichen, ein paar Millimeter hoch, in Schwarz und Weiß, die uns eine Sonderwelt der Gedanken, der Fantasie und der Träume eröffnen.

»The medium ist the message«, schrieb 1964 der Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan. Das bedeutet auch: Es ist nicht egal, ob wir einen Text lesen oder ein Video schauen. Das Medium beeinflusst, wie wir uns ausdrücken und austauschen, wie wir denken. Mündlichkeit geschieht im Hier und Jetzt. In einem Gespräch muss man gleich reagieren – oder es ist zu spät. Während wir sprechen, überlegen wir noch, was wir überhaupt sagen wollen und wie das Gegenüber darauf antworten wird. Ein Kommunikationskunststück, an dem wir oft scheitern. Seit einiger Zeit ist es möglich, Videokonferenzen automatisch protokollieren zu lassen. Wer die Abschriften liest, will nie mehr den Mund aufmachen. Die Gesprächsteilnehmer reden durcheinander und aneinander vorbei, widersprechen sich selbst in einem einzigen Satz. Tragen umständlich ein Statement vor, das schon zweimal formuliert wurde. Die meisten Fragen werden nicht einmal versuchsweise beantwortet. Aber in der Hektik des Augenblicks fällt das alles niemandem auf.

Schrift dagegen ist ein Medium der Entschleunigung. Sie, liebe Leserin und lieber Leser, haben genug Zeit, um mögliche Übertreibungen und Irrtümer in diesem Artikel zu identifizieren (aber keine Sorge, alle faktischen Angaben sind korrekt!). Das alles macht das Schreiben so anstrengend. Der Autor fürchtet sich vor dem leeren Blatt Papier, die Leserin oder der Leser eher vor dem vollgeschriebenen. Wie das Verfassen ist auch das Verstehen eines Textes harte Arbeit. Auch deswegen weichen wir als Produzenten und Rezipienten gern auf Audio-Alternativen aus: auf Meetings zum Beispiel, den Voice-Messages der Bürowelt. Auf Hörbücher. Oder auf Podcasts.

Im Jahr 2016 hörten nur 14 Prozent aller Deutschen gelegentlich einen Podcast. 2024 waren es bereits 45 Prozent. Das Genre findet nicht nur viele Empfänger, sondern auch viele Sender. Zwischen 6,5 Millionen Titeln kann man mittlerweile beim Branchenführer Spotify wählen. Noch schöner, als die eigene Stimme zu hören, ist, sie aufzunehmen. Weltweit am erfolgreichsten ist Joe Rogan. Vor der Präsidentschaftswahl lud er Donald Trump ein. Die Folge wurde allein auf Youtube mehr als 50 Millionen Mal abgerufen. Kamala Harris trat nicht in Rogans Show auf. Manche Beobachter hielten das für wahlentscheidend.

»Wer ein wenig älter ist, wird den Reflex haben: Wieso steht das alles nicht auf einem Papier, wieso werden mir nicht übersichtlich die wichtigsten Argumente präsentiert?«, sagt die Münchner Soziologin Irmhild Saake zum Erfolg der Podcasts: »Aber das sind natürlich die falschen Fragen.« Das Genre orientiere sich weniger an einem Text oder wenigstens einem Drehbuch, sondern eher an einem Alltagsgespräch. »Wer solche Unterhaltungen beobachtet, sieht, wie wenige Neuigkeiten und Informationen dort tatsächlich ausgetauscht werden. Im Alltag wie im Podcast wird dies ausgeglichen durch ein Wissen über die Person, die man kennt, die man schätzt oder zu hassen liebt.«

Fest & Flauschig, Gemischtes Hack, Apokalypse & Filterkaffee: Die Titel einiger der erfolgreichsten deutschen Podcasts klingen, als hätte man sie sich abends bei einer Flasche Prosecco ausgedacht. Und so ist auch das Programm. Ein Mix aus Politik, Comedy und Alltagsbeobachtungen: aufgekratzt, chaotisch, anregend, aber nicht gerade strukturiert. Wie Voice-Messages und Meetings neigen auch Podcasts zu Überlängen: Der Alles gesagt?-Podcast der Zeit ist erst zu Ende, wenn es die Gesprächspartner wünschen. Das ist meistens ziemlich spät. Aber woran erinnert man sich noch aus einem 13-stündigen Gespräch? Wäre es möglich, dass sich der Podcast besser als Unterhaltungs- denn als Informationsmedium eignet? Verdankt sich sogar der Erfolg eines Expertenformats wie den Coronavirus-Updates nicht nur den dort präsentierten Fakten, sondern auch der Persönlichkeit und der wunderschönen Stimme von Christian Drosten?

Bei einem Text verschwindet der Autor hinter dem Geschriebenen. Sie müssen nicht wissen, wer ich bin, um diesen Artikel zu verstehen. Und Sie können sogar einzelne Argumente angreifen, ohne mich selbst zu attackieren. Ein Sieg der Sachlichkeit – an den sich die Menschheit aber nur langsam gewöhnte. Lange Zeit sprachen Autoren in ihren Büchern den Leser direkt an (was ja auch ich hier mache). Sie schlugen dem Leser vor, er könne mit einem eigenen Buch antworten. So wollten sie die Illusion eines Dialogs aufrechterhalten. Platon beklagte die »Vaterlosigkeit« der Schrift: Die geschriebenen Wörter gingen allein und ohne Schutz vor Missverständnissen in die Welt hinaus, wie streunende Kinder. Daher warb Platon für den Dialog – und damit auch für den Podcast. Hier übernimmt der Autoren-Papa wieder ganz das Sorgerecht für seine Argumente. Leider verstecken sie sich oft hinter ihm. Machen wir nicht auch oft in einer beruflichen Besprechung, auf einem Elternabend, bei einem Vereinstreffen die Erfahrung, dass es eher um die Personen als um die Sache geht? Platon wusste schon, warum er seine Kritik an der Schrift nicht nur mündlich vortrug, sondern auch niederschrieb.

Der Medienwissenschaftler Walter J. Ong beschrieb in seinem 1982 erschienenen Standardwerk Oralität und Literalität, wie die Schrift das menschliche Denken und die menschliche Kultur neu formte. Ihm fiel auch auf, dass im 20. Jahrhundert moderne Technologien von Radio und Fernsehen die archaische Mündlichkeit wieder aufwerteten, und nannte das die »sekundäre Oralität«. Diese wird heute noch einmal durch die Digitalisierung verstärkt. Sogar wenn wir schreiben, kopieren wir mündliche Formen: Schon ohne lästige Voice-Message ähnelt die Kommunikation auf Whatsapp weniger einem Briefwechsel als einem Gespräch, inklusive Emoji-Mimik. Auch dieser Text enthält hin und wieder mündliche Momente (hoffentlich dezent!). In den sozialen Medien reizen wir das Potenzial der Schrift überhaupt nicht mehr aus: das komplexe Argument, das sorgfältige Abwägen. Stattdessen setzen wir auf die sofortige Reaktion, kurze Sätze, einfache Wahrheiten. Persönlicher Angriff statt sachlichen Austauschs: schreien statt schreiben!

Wohl niemand meistert die »sekundäre Oralität« besser als Donald Trump. Über alle Medien und Formate, von »Truth Social« bis zum Auftritt vor dem Kongress, hat Trump eine hypermodern-archaische Sprache perfektioniert. Walter J. Ong beschreibt das Denken und den Ausdruck in den alten oralen Kulturen als eher situativ und anekdotisch, emotional, repetitiv, persönlich und kämpferisch-konfrontativ. Klingt das nicht genau nach Trump? Der US-Präsident verwendet sogar exzessiv ein Stilmittel der alten Griechen, das Epitheton. Hier wird ein eigentlich unnötiges Adjektiv vor das Substantiv gestellt. In der Ilias ist immer vom »weisen Odysseus« die Rede. Die Wortkombination erzeugt einen gewissen Rhythmus und dient als Erinnerungshilfe beim Vortrag. Vermutlich wurde die berühmte Erzählung vom Trojanischen Krieg zunächst mündlich weitergegeben, ohne die Schrift als Gedächtnisstütze. Trump spricht von »Crooked Hillary« und »Sleepy Joe«. So gibt er seinen Beiträgen Struktur und bestätigt das Freund-Feind-Denken seiner Anhänger, das jede sachliche Auseinandersetzung ersetzt. Wir gegen die! Genau wie die Nationalsozialisten in der Weimarer Republik ihren Aufstieg auch dem Radio verdankten, profitieren die modernen Populisten heute von der Audio-Aura der digitalen Medien.

Oh je, ich fürchte, ich bin etwas zu schnell von nervig-harmlosen Voice-Messages zum Untergang von Demokratie und Menschheit gekommen: Entschuldigung! Außerdem will ich es mit den düsteren Aussagen nicht übertreiben. Wenn ich schon ein Kulturkritiker bin, dann wenigstens ein optimistischer. Die Welt hat schon ein paar Medienkatastrophen überstanden: Die Erfindung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks wirken aus heutiger Sicht vorteilhaft, haben aber die Menschen und die Institutionen der damaligen Zeit überfordert. Die Druckerpresse ermöglichte die massenhafte Vervielfältigung der Bibel. Das stürzte die Herrschaft der katholischen Kirche und löste die Religionskriege nach der Reformation aus. Heute haben aber auch Katholiken ihren Frieden mit dem Buchdruck gemacht. Wieso sollten wir also nicht auch die Folgen der vierten, der digitalen Medienkatastrophe in den Griff bekommen? Ein erster Schritt wäre, die Herausforderung zu verstehen: Das Problem mit den digitalen Medien sind nicht nur russische Bots und Elon Musk – sondern eben auch die neue Mündlichkeit.

Ein gut gemeinter Appell wird nicht reichen: Lest doch mal wieder ein gutes Buch, dann fallt ihr auch nicht auf Trump und die AfD herein! Aber der Pädagogik-Professor Klaus Zierer sagt: »Natürlich gibt es Möglichkeiten, für das Lesen zu begeistern.« Zierer zufolge werden Schüler heute mit der Lektüre allein gelassen: »Sie bekommen über die Ferien ein Buch mit, nach dem nie wieder jemand fragt. Stattdessen sollte man im Unterricht gemeinsam lesen – und anschließend über das Gelesene diskutieren.« Dies könne man auch viel stärker mit Studenten machen. Zierer geben die Buch-Communities Hoffnung, die in letzter Zeit auf TikTok entstanden sind. Dort tauschen sich vor allem junge Leserinnen über Romane aus. Zierer sagt: »Vielleicht könnte die besprochene Lektüre etwas anspruchsvoller sein. Aber es zeigt, wie das Buch von Social Media profitieren kann.«

In Zeiten der Emotionalisierung und Entsachlichung müssen wir eine Metakommunikationskompetenz entwickeln. Was genau sind die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Mediums? Wann setze ich im Job ein Meeting ein, weil ich die Spontaneität und Unverbindlichkeit des mündlichen Austauschs benötige? In welchen Situationen brauche ich die Kälte und Klarheit der Schrift? Welchen Roman könnte ich hören – und welchen sollte ich lieber lesen? Wann verschicke ich eine Voice-Message und wann einen Brief ? Wie stelle ich meinen persönlichen Medienmix zusammen, um informiert zu bleiben? Ich gebe zu, dass ich das Kommunikationskompetenz-Curriculum noch nicht genau ausformulieren kann. Aber es würde sich lohnen, durch diese Schule zu gehen. Ein Anfang ist schon gemacht: Sie, liebe Leserin und lieber Leser, haben diesen Text bis zum Ende gelesen.