Sechs Recherchen für den Wächterpreis
Insgesamt sechs Beiträge hat die Jury für den Wächterpreis 2026 in den beiden Kategorien Wächterpreis und Wächterpreis-Stipendium nominiert. Die Arbeiten von Bastian Berbner, Leonie Feuerbach, Jost Maurin, Benedikt Dietsch, Alexander Spöri und Erik Westermann folgen den Autorinnen und Autoren auf ihrer investigativen Spurensuche. Der Preis ist mit insgesamt 16.000 Euro dotiert.
Bundeswehr, Asylpolitik und Pestizide
Bastian Berbner zeichnet in „Ihre Bestellung wird … vorbereitet …“ für Die Zeit die Geschichte des geheimen Bundeswehr-Projekts Pegasus nach. Die Recherche beschreibt, wie sich die Beschaffung eines Systems zur luftgestützten Signalaufklärung über viele Jahre verzögerte. Nach Angaben von Insidern stiegen die Projektkosten auf mindestens 1,8 Milliarden Euro, die volle Einsatzfähigkeit wird laut internen Unterlagen frühestens Ende 2029 erwartet. Weil das Projekt Verschlusssache ist, waren für die Recherche nach Berbners Angaben lange Vertrauensarbeit, anonyme Gespräche und interne Dokumente entscheidend.
Leonie Feuerbach untersucht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die sogenannten Dublin-Zentren. Ihr Text arbeitet Widersprüche zwischen Leistungskürzungen, dem politischen Ziel freiwilliger Ausreisen und den tatsächlichen rechtlichen sowie bürokratischen Voraussetzungen heraus. Feuerbach befragte dafür Ministerien, Behörden, Parteien, Flüchtlingsorganisationen und Fachleute. In ihrem Interview beschreibt sie insbesondere die Komplexität des Regelwerks als Herausforderung der Recherche.
Jost Maurin richtet den Blick in der wochentaz/taz auf Landwirte, die ihre Parkinsonerkrankung auf den langjährigen Umgang mit Pestiziden zurückführen. Im Mittelpunkt stehen die wissenschaftliche Debatte um „Parkinson durch Pestizide“ als Berufskrankheit, hohe Anforderungen an den Nachweis früherer Pestizideinsätze und der Widerstand des Deutschen Bauernverbands gegen die Anerkennung. Maurin stützt seine Recherche auf Dokumente sowie Gespräche mit Betroffenen, Wissenschaftlern, Behörden, Verbänden, Industrievertretern und Umweltorganisationen.
Undercover und über Grenzen hinweg
Für „Die Bärentöter“ recherchierte Benedikt Dietsch für Flip – das Newsletter-Magazin und das Rise Project Romania undercover in der rumänischen Jagdszene. Der Beitrag beschreibt, wie Anbieter Jagdreisen auf besonders große Braunbären vermarkten, obwohl die Trophäenjagd auf geschützte Tiere rechtlich begrenzt ist. Unter falscher Identität traf Dietsch Jagdveranstalter und ließ sich deren Vorgehen erläutern. Nach Veröffentlichung nahm die rumänische Polizei laut Beitrag Ermittlungen zu einem der geschilderten Fälle auf.
Alexander Spöri verfolgt für die Abendzeitung München die verlustreichen US-Immobiliengeschäfte der Bayerischen Versorgungskammer. Seine Rechercheserie basiert unter anderem auf US-Gerichtsakten, internen Unterlagen, parlamentarischen Anfragen sowie einem internationalen Netzwerk von Insidern und Fachleuten. Die Berichterstattung zog unter anderem zwei Geheimsitzungen im Bayerischen Landtag, ein Vorermittlungsverfahren und personelle Konsequenzen nach sich.
Erik Westermann rekonstruiert in der Braunschweiger Zeitung mit „Im Bann des Opfers: Anatomie eines Justizversagens“, wie erfundene Missbrauchsvorwürfe Ermittler, Therapeuten und Justiz über Jahre beschäftigten und zu Fehlurteilen führten. Josephine R.s Mutter und Stiefvater wurden nach 684 Tagen Untersuchungshaft wegen erwiesener Unschuld freigesprochen. Westermann wertete mit Spiegel-Reporter Christopher Piltz über 30.000 Seiten Akten aus und sprach mit mehr als 20 Beteiligten. Zugleich setzt er sich mit seiner eigenen früheren Berichterstattung auseinander, mit der er nach eigener Einschätzung das Leid der zu Unrecht Beschuldigten verstärkt hatte.