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Nominierter Text

Von Tina Kaiser

„Nahkampf“

In einer Woche wird in Sachsen gewählt. Die AfD könnte die stärkste Partei werden. Im Wahlkreis "Sächsische Schweiz Osterzgebirge 2" tritt ein früherer Rechtsanwalt gegen eine CDU-Frau an, die dort seit der Wende alle Wahlen gewonnen hat. Ihr Duell steht für den Graben in der deutschen Politik – und Gesellschaft

1) 18. März 2019, André Barths Landtagsbüro, Dresden

André Barth schreitet durch ein weißes Büro, stellt seinen Laptop auf einen weißen Besprechungstisch, in seinem jungenhaften Gesicht ein Ausdruck von Vorfreude. Er will eine seiner wirkungsvollsten Waffen vorführen. Sie kann, so hofft er, eine für seine Partei und ihn wichtige Schlacht entscheiden. Barth setzt sich, klappt den Laptop auf und spielt ein Video ab.

Zu sehen ist er, ein Mann von 49 Jahren, schmal, der am Rednerpult des Sächsischen Landtags steht und eine Rede zur Lage des Landes hält. "Gleich kommt's", sagt Barth in seinem Büro.

Nach vier Minuten und sechs Sekunden sagt Barth, die AfD habe bei der vergangenen Bundestagswahl in einem Teil seines Wahlkreises direkt an der tschechischen Grenze deshalb so gut abgeschnitten, weil "einige Politiker in diesem Haus den Bundespolizei-Standort von Altenberg weg verlegen wollten". Es ist nur ein Halbsatz, aber Barth verbreitet damit ein Gerücht, das sich in den folgenden Wochen verselbstständigen wird. Denn es geht nicht nur um die Verlegung einer Dienststelle, sondern um einen Konflikt, der in seinem Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielt. Und um eine Politikerin, der angeblich ihre persönlichen Interessen wichtiger sind als die Sicherheit der Bürger. Man sieht auf dem Video, wie in seinem Rücken eine Frau mit langen blonden Haaren unruhig auf ihrem Stuhl umherrutscht, den Kopf schüttelt. Diese Frau ist Andrea Dombois von der CDU, Barths Rivalin im Wahlkampf. Barth grinst zufrieden. Seine Waffe hat die gewünschte Wirkung entfaltet.

Es ist das erste von vielen Treffen mit Barth, ein kleiner Ausschnitt aus einem Wahlkampf, in dem Dinge möglich sind, die eben noch undenkbar schienen. Barths Partei, die AfD, macht sich Hoffnungen, am 1. September die Landtagswahl zu gewinnen. Ausgerechnet in Sachsen, wo es seit der Wiedervereinigung, seit fast 30 Jahren, ein Naturgesetz zu sein schien, dass die CDU den Ministerpräsidenten stellt. Sachsen wäre das erste deutsche Bundesland in der Geschichte der Bundesrepublik, in dem eine rechtspopulistische Partei stärkste Kraft wird. Es wäre die größte Zäsur seit der Wende, für Sachsen, womöglich für das ganze Land.

Die Entscheidung darüber fällt nicht auf den großen politischen Bühnen, nicht in Berlin oder Dresden, sie fällt vor allem in 60 Wahlkreisen. Bei der Landtagswahl 2014 war die CDU noch so erfolgreich, dass ihre Kandidaten 59 der 60 Direktmandate in Sachsen gewinnen konnten. Dieses Mal, so besagen es Prognosen, wird die AfD ihr ein Drittel oder sogar die Hälfte dieser Wahlkreise wegnehmen. Für viele CDU-Abgeordnete bedeutet das: Sie müssen zum ersten Mal in ihrer Karriere um ihr Mandat kämpfen.

So ist es auch im Wahlkreis Sächsische Schweiz Osterzgebirge 2, in dem seit Monaten alles auf ein knappes Ergebnis hinausläuft. Er ist der Schauplatz eines Duells, in dem man viel über große Politik und die Politik im Kleinen lernen kann und darüber, warum die AfD im Osten seit einiger Zeit so erfolgreich ist.

Dort, zwischen Dresden und der tschechischen Grenze, hält seit 29 Jahren die CDU-Politikerin Andrea Dombois das Direktmandat, eine Frau von 61 Jahren, zurückhaltend, zierlich, konservativ in ihren Werten und ihrer Kleidung. Sie ist nach sechs gewonnenen Wahlen die dienstälteste Frau im Landtag, seit 25 Jahren Landtagsvizepräsidentin, eine Berufspolitikerin, deren Job bislang fast so sicher schien wie eine Beamtenstelle.

Barth ist zwölf Jahre jünger, zwei Köpfe größer, lauter, angriffslustig, ein politischer Neuling, der es in seiner ersten Legislaturperiode zum parlamentarischen Geschäftsführer seiner Fraktion geschafft hat. 2014 wählten ihn die Sachsen über die AfD-Liste in den Landtag - dieses Mal will er haben, was bislang Dombois gehörte: das Direktmandat.

Für beide ist das Mandat nicht die einzige Chance auf eine Wiederwahl. Barth steht auf Platz 20 der AfD-Liste, Dombois bei der CDU auf Platz vier. Er braucht das Direktmandat damit dringender - für sie käme es jedoch einer Abwahl gleich, es zu verlieren. Deswegen ist für beide, für Barth wie für Dombois, der Kampf um den Wahlkreis das vielleicht wichtigste politische Gefecht ihres Lebens.

 

2) Derselbe Tag, einige Stunden später, Bavaria-Klinik, Kreischa

Aktuelle Umfrageergebnisse* am 18. März: Die CDU führt in Sachsen mit vier Prozentpunkten vor der AfD. Im Wahlkreis liegt Barth bei der Erststimmenprognose mit 3,5 Prozentpunkten vor Dombois.

Sie habe nicht viel Zeit, sagt Andrea Dombois, als sie sich auf einen Stuhl in der Klinikkantine fallen lässt. Es ist später Nachmittag, in 30 Minuten beginnt ein Stockwerk tiefer eine Diskussionsveranstaltung mit Michael Kretschmer, dem Ministerpräsidenten, CDU wie sie. Da müsse sie zwar nicht auf die Bühne, sagt Dombois, aber ihr Gesicht zeigen, das sollte sie schon.

Dabei sein, das ist seit 29 Jahren ihr Erfolgsrezept. Sie ist Mitglied in so ziemlich jedem Verein im Wahlkreis, Feuerwehr, Diakonisches Werk, Landschaftspflegeverband, Mittelstandsvereinigung. Und, und, und. Wohin sie in den kommenden Monaten auch gehen wird, begrüßt sie fast jeden mit Namen, oft mit Vornamen und Umarmung.

Dombois sagt, sie werde keinen Wahlkampf machen, auch keine Plakate aufhängen. So hält sie es seit 29 Jahren. Das gesparte Geld spendete sie vor jeder Landtagswahl an eine soziale Einrichtung. Es sei ihr völlig wurscht, wenn Wahlforscher behaupten, Plakate könnten gerade bei knappen Stimmverhältnissen über Sieg und Niederlage entscheiden. "Die Leute im Erzgebirge mögen es nicht, wenn man ihre schöne Landschaft zuplakatiert." Das werde Herr Barth schon früh genug herausfinden. Den und seine "albernen Sticheleien" sehe sie übrigens gar nicht als Gefahr, sagt sie. Als würde irgendjemand glauben, sie ziehe beim Umzug einer Polizeidienststelle heimlich die Fäden. Es wird noch Wochen dauern, bis sie begreift, wie falsch sie damit liegt. Jetzt sagt sie: "Mich kennt hier jeder, die Leute vertrauen mir. Und sie wissen, was wir alles gemeinsam geschaffen haben."

Zu DDR-Zeiten war ihr Wahlkreis eine der wichtigsten Bergbauregionen des Landes, die Schlacke aus dem Zinnbergbau färbte Flüsse rot. Auf der anderen Seite der tschechoslowakischen Grenze verpesteten Braunkohlekraftwerke die Luft. Der Erzgebirgskamm sah vor der Wende aus wie eine Endzeitlandschaft, in der nur noch abgestorbene Bäume in den Himmel ragten. Heute wachsen auf den Bergwiesen wieder Bärwurz und Orchideen, Schmetterlinge, Bienen und Vögel sind zurückgekehrt. Der Schwefeldioxidausstoß in Sachsen ist dank moderner Filter in den Kraftwerken um 98 Prozent zurückgegangen.

Auch wirtschaftlich steht der Wahlkreis sehr gut da. Die Arbeitslosenquote liegt bei 3,6 Prozent, weit unter dem Bundesdurchschnitt. Häuser, Straßen und Marktplätze sind mit Abermillionen aus Berlin und Brüssel aufwendig saniert worden. Dass die Region die Umbrüche der Nachwendezeit viel besser als andere Gegenden im Osten verkraftet hat, hat sie auch der CDU-Abgeordneten Andrea Dombois zu verdanken. Sagt zumindest Andrea Dombois. Sie redet gern über ihren ersten Termin als Landtagsabgeordnete 1990. Damals, sagt sie, seien wichtige Männer aus dem Westen gekommen, die ihr erklärt hätten, die DDR-Bobbahn in Altenberg brauche im vereinigten Deutschland niemand mehr. Dombois war anderer Meinung, die Bahn blieb - auch deswegen ist die Region zu einem beliebten Wintersportziel geworden. 2020 finden in Altenberg zum wiederholten Mal die Bob-Weltmeisterschaft statt.

Dombois sagt, sie könne sich keinen Reim darauf machen, wieso der AfD-Kandidat Barth trotzdem in den Prognosen führt. Außer dass die Prognosen falsch sind. Daher schaue sie sich die einfach nicht an. Sie sagt: "Ich hab' ein gutes Gefühl." Und sollte sie doch abgewählt werden, dann sei das nicht ihre Schuld. Warum? Dombois holt tief Luft, als sei es ein Ärgernis, dass sie das überhaupt erklären muss. "Ich hab' oft auf mein Privatleben verzichtet. Ich hab' kein normales Leben gehabt, mehr kann ich nicht geben." Sie beginnt, schneller zu reden, aufzuzählen, ihre Tage, ihre Arbeitsstunden, jeden Tag von acht bis 23 Uhr, auch an den Wochenenden. Für Urlaub ist selten Zeit, ihre Tochter sehe sie zweimal im Jahr.

Ihre Ehe hält die Belastung aus, auch weil sie ihren Chauffeur geheiratet hat. Sie haben sich 1994 kennengelernt, damals wurde sie Vizepräsidentin des Landtags und er ihr als Fahrer zugeteilt. "Unsere Ehe findet größtenteils zwischen Terminen im Auto statt."

Sie hält einen Moment inne, als sei ihr der Gefühlsausbruch ein bisschen unangenehm. Dann sagt sie, wieder ruhiger: "Ich will mich nicht beschweren, ich mach' das gern. Ich wollte nur sagen: Herr Barth wird den Job nicht besser machen. Im nächsten Haushalt wird es nicht mehr Geld zu verteilen geben als bisher. Und mehr arbeiten als ich kann man eigentlich nicht." Es klingt, als seien viel Geld und viel Arbeit die Zutaten eines Rezepts, nach dem sich zuverlässig gute Politik herstellen lässt.

 

3) 2. April 2019, Parkplatz vor dem Landtag, Dresden

Es ist später Nachmittag, Barth öffnet die Tür seines Audis, im Fußraum liegen leere Limo-Flaschen und Flyer seiner Partei. Er will wissen, warum die Reporterin zu spät ist. Die Bahn sei schuld? Da falle ihm ein Witz ein: Neulich, bei einer AfD-Veranstaltung, habe er in den Saal gerufen: "Gehört der Islam zu Deutschland?" Da habe der Saal natürlich Nein gebrüllt, er aber habe gesagt: "Doch! Wie ist die Bahnverbindung von Dresden nach Berlin? Is-lam!" Ein Riesenbrüller sei das gewesen, sagt Barth, dann lässt er den Motor an.

Er will zu einer Veranstaltung von Dombois fahren. "Feindbeobachtung", sagt er. In Sachsen setzen CDU und AfD fast auf dieselben Themen: mehr Polizisten, mehr Landärzte, mehr Geld für Pflege und Bildung. Barth und Dombois unterscheiden sich kaum darin, welche Politik sie machen wollen. Nur wie sie Politik machen wollen. In ihrem Wahlkreis scheint etwas ganz Ähnliches zu passieren wie in Berlin, wie in der Bundespolitik.

Auf der einen Seite steht eine Frau, die so lange im Amt ist, dass sich die Leute kaum noch erinnern können, wie es ohne sie war. Sie arbeitet viel, geht Ärger gern aus dem Weg und ist daran gewöhnt, ihre Politik nicht ständig erklären zu müssen, weil man sie kennt. Das macht sie angreifbar. Da geht es Dombois wie der Bundeskanzlerin.

Denn auf der anderen Seite steht der Neue, der so ganz anders auftritt, der laut ist, auch mal unverschämt und stolz darauf, den ihr Amt und ihre Leistungen nicht beeindrucken. Er stellt ständig die Frage, ob es wirklich alles so toll ist, was diese Frau tut.

Man kann sich kaum zwei gegensätzlichere Politiker vorstellen als Andrea Dombois und André Barth.

Dombois ist seit 40 Jahren CDU-Mitglied, sie hat fast ihr gesamtes Berufsleben als Politikerin gearbeitet. Vor der Wende war sie Kreisgeschäftsführerin der Ost-CDU in Dippoldiswalde. Ihr politisches Vorbild ist Kurt Biedenkopf, der einstige sächsische Dauerministerpräsident.

Barth trat 1996 in die SPD ein und 2010 wegen des Euro-Rettungspakets für Griechenland wieder aus. Als die AfD sich 2013 als euroskeptische Partei gründete, wurde er eines ihrer ersten Mitglieder. In der DDR war Barth Stellwerksmeister bei der Reichsbahn, nach der Wende studierte er Jura und arbeitete als Rechtsanwalt. Er sagt, er habe keine politischen Vorbilder.

Dombois sagt, sie sei Politikerin geworden, weil sie nach 1990 "eine freie und demokratische Gesellschaft mitgestalten" wollte. Barth sagt, ihn hätten die "Zustände im Land angekotzt".

Dombois wurde von ihrer Partei gebeten, erneut zu kandidieren. Barths Partei wählte zunächst einen anderen zum Direktkandidaten. Was dann passierte, darüber gibt es verschiedene Versionen. Es ist eine verworrene Geschichte, es geht um gebrochene Versprechen unter Parteifreunden, Intrigen und eine Privatinsolvenz. Am Ende sah sich Barths Konkurrent gezwungen, von seiner Kandidatur zurückzutreten, und Barth wurde gewählt.

Wenn man Andrea Dombois nach ihren Fehlern fragt, sagt sie, ihr falle keiner ein. Barth sagt, mit seinem mangelnden Talent für Organisation habe er sich schon viel Ärger eingehandelt. Im Dezember 2018 zum Beispiel, als ihn ein Gericht verurteilte, eine offene Handwerkerrechnung zu begleichen. Barth sagt, er habe es halt verdaddelt. Oder die Sache vor drei Jahren, als er vergessen hatte, dem Landtag zu melden, dass er seine Anwaltszulassung verloren hatte, und dafür 1000 Euro Strafe zahlen musste. Er sagt: "Ich stehe dazu, war doof, ja."

Dombois scheinen Interviews mit Journalisten lästig zu sein, zumindest sagt sie immer wieder, dass sie dazu eigentlich keine Zeit habe. Barth glaubt, die Presse sei voreingenommen gegenüber AfD-Politikern. Trotzdem nimmt er sich viel Zeit und müht sich, seine Weltsicht zu erklären.

Wenn man Andrea Dombois fragt, was ihr zu Barth einfällt, dann sagt sie, sie rede nicht schlecht über andere, deshalb sage sie dazu lieber nichts. André Barth muss man nicht nach Dombois fragen, er spricht auch so oft von ihr. Sie sei mehr so die Wohlfühlpolitikerin, gut für "Kaffeekränzchen und Small Talk". Er sei besser darin, den Finger in die Wunde zu legen, bei Kontroversen laufe er erst so richtig zu Hochform auf.

Im Grunde beschreibt Barth damit nicht nur sein Duell, sondern ein Dilemma der CDU, in Sachsen wie anderswo im Land. Denn die CDU in Sachsen versucht, die Leute daran zu erinnern, dass sie in einem Land mit toller Wirtschaftslage, niedriger Arbeitslosenquote und den bundesweit besten Pisa-Ergebnissen wohnen. Die AfD dagegen versucht, die Sachsen davon zu überzeugen, sie hätten sich zu lange als Bürger zweiter Klasse behandeln lassen.

"Sie müssen das verstehen", sagt Barth, während er das Auto über eine kurvige Straße immer höher ins Erzgebirge steuert. "Als gebürtiger Dresdner bin ich groß geworden in der zweitgrößten Stadt des Landes, im Zentrum der DDR." Heute liege die Stadt am Rand und sei auch sonst irgendwie nicht mehr wichtig. "Während der Olympischen Sommerspiele 1936 hatte Dresden eine schnellere Bahnverbindung nach Berlin als heute."

Seine Erinnerungen an die DDR sind nicht die besten. Das Verhältnis zu den Eltern war schwierig. Sie lebten in einer Trabantenstadt, die Häuserblocks sahen alle so gleich aus, dass er sich als Kind darin verirrte. 1988, mit 18 Jahren, versuchte er über die Tschechoslowakei in den Westen zu fliehen, wurde aber noch auf DDR-Gebiet festgenommen.

Der Mauerfall sei ein Glück für ihn gewesen, sagt Barth. Wegen des Fluchtversuchs hätte er in der DDR nie studieren dürfen, wäre vermutlich heute noch Stellwerksmeister bei der Eisenbahn. Das vereinte Deutschland sei ihm trotzdem immer fremd geblieben. Inzwischen preist er die DDR, aus der er fliehen wollte, als Land mit "Zusammengehörigkeitsgefühl und großer nationaler Identität." Er sagt: "Uns ist anerzogen worden, stolz zu sein auf unser kleines Land." Deswegen verstehe er auch nicht, warum es die Menschen im Westen falsch fänden, stolz auf ihre Heimat zu sein und sie schützen zu wollen.

Barth glaubt, die AfD sei in der Region auch deshalb so erfolgreich, weil die Sachsen schon immer ein besonders stolzes Volk waren. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren sie die industrielle Avantgarde des Deutschen Reiches, die neben Kleinbildkamera und Porzellan auch die Filtertüte erfanden. In der DDR konnten sie immerhin noch die marode Infrastruktur am Laufen halten. Nach der Wende jedoch galt das alles nichts mehr.

"Dieses Gefühl, dass Politiker die eigenen Leute nicht wertschätzen, ist immer stärker geworden mit den Jahren", sagt Barth. Erst recht, als die Flüchtlingskrise begann. In seinem Auto deutet er mit der Hand in die Ferne, Richtung Osterzgebirgskamm. Die Bewohner dieser dünn besiedelten Gegend hätten sich jahrelang einen Bus gewünscht, der ihre Dörfer abklappert. Geht nicht, habe es immer geheißen: zu teuer. "Vor drei Jahren wurden dann in einem der Orte 16 Asylbewerber einquartiert, und die bekamen einen Bus, der dreimal täglich genau die Strecke fuhr." Als die Asylbewerber wegzogen, wurde die Busverbindung eingestellt. Dombois wird diese Geschichte später bestätigen und sagen, der Bus sei zu teuer gewesen. Barth sagt: "Da braucht sich die CDU doch nicht zu wundern, dass die Leute sich verarscht vorkommen."

Er parkt sein Auto auf einem zugigen Parkplatz in Altenberg. "Frau Dombois wird nicht begeistert sein, mich zu sehen", sagt er. Denn es geht wieder um sein Lieblingsthema, den Umzug der Bundespolizei. In dem Backsteingebäude, vor dem Barth nun steht, will Dombois heute den Altenbergern erklären, warum die Bundespolizei wirklich ihre Stadt verlassen will. Und Barth will wissen, ob ihr das gelingt. Ob die Altenberger ihr glauben oder ihm.

Seit zwei Jahren ist die Kleinstadt an der deutsch-tschechischen Grenze in Aufruhr, weil die Bundespolizei überlegt, ihren Standort in das 25 Kilometer landeinwärts liegende Dippoldiswalde zu verlegen. In Dippoldiswalde wohnt Andrea Dombois. Irgendwann kamen ein paar misstrauische Bürger auf die Idee, Dombois könne hinter dem Umzug stecken: Vielleicht wollte die Politikerin ihrer Heimatstadt etwas Gutes tun? Lange interessierte sich kaum jemand für dieses Gerücht. Bis Barth anfing, es zu wiederholen, im Landtag, in Festzelten und auf Facebook.

Es gibt keinerlei Belege, das sagt Barth selbst. Was es aber gibt, ist Misstrauen. Und aus Misstrauen lässt sich etwas machen. Dombois ist viel bekannter als er, ihren Vertrauensvorsprung kann er unmöglich aufholen. Was er aber kann, ist, ihre Glaubwürdigkeit infrage zu stellen.

Einige Minuten später im voll besetzten Veranstaltungssaal sitzt Barth in der letzten Reihe, Dombois vorn auf dem Podium. Sie hat zwei ältere Herren mitgebracht, einen von der Landes- und einen von der Bundespolizei. Es habe ja zuletzt einige "Irritationen" in Altenberg gegeben, sagt sie. Der Landespolizist liest Zahlen von einem Blatt ab. Demnach gab es 2018 in Altenberg 205 Straftaten, Tendenz sinkend, überhaupt sei Altenberg wahrlich "kein Hotspot für Kriminalität". Der Bundespolizist erklärt, dass der geplante Umzug seines Reviers nichts mit politischer Einflussnahme zu tun habe, schon gar nicht mit Dombois. Es sei einfach sinnvoller, in der Mitte der Region zu sitzen als irgendwo am äußersten Rand.

Die Altenberger scheinen nichts davon zu glauben. Selbst wenn die Politikerin nicht hinter der Verlegung stecken sollte, habe Dombois zu wenig dagegen unternommen, sagt eine Frau. Ein Mann mit Bürstenschnitt erzählt von einem Altenberger, dem der Wohnwagen geklaut worden sei und der im "Schlüpper" den Dieb über die Grenze verfolgt habe. Wenn die Polizei weg sei, würde so was sicher öfter passieren.

Nach der Veranstaltung steht Dombois mit ihrem Mann auf dem Parkplatz. Barth und die anderen Gäste sind längst weg, Holger und Andrea Dombois rauchen noch gemeinsam eine E-Zigarette. Sie sagt: "Es ist schwer, mit Fakten gegen gefühlte Wahrheiten anzukämpfen." Die, die heute gemeckert hätten, seien an der Wahrheit eh nicht interessiert. Als Abgeordnete könne sie der Bundespolizei doch nicht deren Dienststelle vorschreiben. Und überhaupt, in die Stadt Altenberg sei in den vergangenen Jahren so viel Geld geflossen! Die Bobbahn, das Bundesleistungszentrum, die Biathlon-Anlage! Das alles habe Millionen gekostet! Das müssten die Leute doch auch mal anerkennen!

"Mach dir nichts draus", sagt ihr Mann. "Die Leute hier wissen, was sie an dir haben." Sie nickt, dann steigt sie müde ins Auto.

 

4) 13. Mai 2019, Gasthaus "Zur Quelle", Kreischa

Die sächsische CDU führt auf Landesebene nur noch mit zwei Prozentpunkten vor der AfD. Barth liegt in den Prognosen inzwischen neun Prozentpunkte vor Dombois.

Barth steht in einer Kneipe, um ihn herum etwa 50 Männer und vier Frauen, die Bier trinken und Schnitzel essen. Er hat beste Laune, es sind noch 13 Tage bis zur Europawahl und zur sächsischen Kommunalwahl, die Prognosen sagen einen Sieg der AfD voraus. An diesem Abend sollen sich die AfD-Kandidaten für den Gemeinderat in Kreischa vorstellen, einer Gemeinde im Speckgürtel von Dresden. 16 Plätze gibt es insgesamt im Rat zu besetzen. Die SPD und die Grünen treten gar nicht erst an, die Linke hat zwei Kandidaten zusammenbekommen, die CDU fünf, die Freien Wähler 18 und die AfD 24 Kandidaten - mehr wären nicht erlaubt gewesen.

Der AfD-Spitzenkandidat war früher bei der CDU, die meisten sind neu in der Politik. Auf Platz 5 der Liste steht Alice Scheuner, 39, Tagesmutter. Sie sagt, sie könne sich nicht erinnern, dass hier irgendeine Partei in den vergangenen Jahrzehnten mal ordentlich Wahlkampf gemacht habe. Die AfD dagegen, die hänge sich richtig rein: Plakate, Flyer, Infostände, ständig sei was los.

Bevor sich die 24 Kandidaten einzeln vorstellen, hält Barth einen kleinen Powerpoint-Vortrag zur Landespolitik. Titel: "Lügen haben kurze Beine, Frau Dombois". Das sei etwas provokant, sagt Barth, als er die erste Folie an die Wand projiziert, aber es sei nun mal seine Aufgabe, für politische Aufklärung zu sorgen. Auf der nächsten Folie zeigt Barth die Website von Dombois, auf der sie schreibt, sie setzte sich für den ländlichen Raum, Sicherheit, Unternehmen und den Breitbandausbau ein.

Das seien alles interessante Forderungen, sagt Barth. Allerdings frage er sich, warum Dombois und ihre CDU alle Anträge der AfD zu diesen Themen in der vergangenen Legislatur im Landtag abgelehnt habe. Zum Beispiel seinen Antrag: "Unterstützung für Wirtschaftsbetriebe in besonders kriminalitätsbelasteten Regionen". Barth erklärt, die AfD-Fraktion wollte Firmen, die 30 Kilometer oder weniger von der polnischen oder tschechischen Grenze entfernt ansässig seien, finanziell fördern. "Wurde abgelehnt." Was er nicht sagt, ist, warum: weil nämlich laut amtlicher Polizeistatistik die Kriminalität im Grenzbereich rückläufig ist und ohnehin wesentlich geringer als in Ballungsgebieten.

Insgesamt stellt Barth rund ein Dutzend AfD-Anträge vor, die aus formalen, finanziellen oder auch politischen Gründen vom Landtag abgelehnt wurden. Das ist oft so, auch im Bundestag werden Anträge von Oppositionsparteien fast immer abgewiesen, egal ob Grüne, FDP oder AfD sie gestellt haben.

Barth aber sagt, die Ideen der AfD würden abgelehnt, weil sie von der AfD seien. Damit würden sich die anderen Parteien aber schaden. "Je unfairer die AfD behandelt wird, desto mehr Menschen fühlen sich ihr verbunden."

Als später einer der Gemeinderatskandidaten in die Runde ruft: "In Kreischa wurde den Mitarbeitern eines großen Arbeitgebers verboten, heute dabei zu sein. Danke, dass ihr trotzdem da seid", bekommt er den lautesten Applaus des Abends. Dass er später zugeben muss, das habe er eigentlich nur als Gerücht gehört und nicht überprüft, bekommt kaum noch jemand mit.

 

5) 14. Mai 2019, eine Bushaltestelle, Fürstenwalde

Barth steht vor einer Bushaltestelle in Fürstenwalde, einem 300-Einwohner-Dorf zwei Kilometer vor der tschechischen Grenze. Er studiert den Busfahrplan und will zeigen, wie abgeschnitten die Leute hier sind. In diesem Moment hält ein Bus. Barth lacht. "Oh Mann, das nennt man Vorführeffekt."

Barth hatte vorgeschlagen, einen ganzen Tag lang durch seinen Wahlkreis zu fahren und sich mit Menschen zu unterhalten. Er hat nichts geplant, sagt er. Der Bus beweise das ja. Er gibt sich viel Mühe, das muss er. Denn er kämpft nicht nur gegen Dombois. Auch in seiner Partei hat er Feinde. Der Barth sei zwar fleißig, aber ein Mitläufer, der wolle es allen recht machen, erzählen sie. Er positioniere sich auch nicht klar für oder gegen den radikalen "Flügel" um Björn Höcke. Barth dagegen findet, die AfD könne nur eine Volkspartei werden, wenn sie unterschiedliche Meinungen zulasse. In der CDU seien ja auch nicht alle einer Meinung.

Die AfD, sagt er, sei schon lange keine Partei mehr, die nur noch ein Thema habe, den Euro oder die Flüchtlinge zum Beispiel. Sie versuche, gezielt diejenigen Wähler anzusprechen, die sonst keine der großen Parteien haben will. Das führt zuweilen zu einem wirren Politikmix. Bei der EU-Wahl will die AfD beispielsweise den Windradausbau stoppen, den "Diesel retten" und plakatiert: "Auch Tiere haben Rechte". Barth sagt: "Die Tierschutzpartei hat in Sachsen ein Wählerpotenzial von 2,1 Prozent. Die wollen wir denen abluchsen."

In einer Kaffeepause kommt Barth ins Gespräch mit Peter Mühlbach, 58, einem Wirt aus der Gegend. Der sagt, er werde bei der EU-Wahl das erste Mal seit dem Mauerfall wählen: die AfD. Weil die als einzige Partei gegen die Russland-Sanktionen der EU sei.

Wieder im Auto, schwärmt Barth von der Landschaft, den Wiesen, den Wäldern, dem Fluss Weißeritz, der sich durch ein Tal schlängelt. André Barth lebt in einem Einfamilienhaus in Dippoldiswalde, zusammen mit seiner Lebensgefährtin, seiner Münzsammlung und seiner Garteneisenbahn. Die Provinz und er, das ist eigentlich eine späte Liebe. Vor elf Jahren zog er seiner Freundin zuliebe in die Gegend. Dresden wäre nichts mehr für ihn, sagt er. Zu gefährlich.

Am Rande der Ortschaft Schmiedeberg hält Barth an. Er steht vor dem letzten Flüchtlingsheim, das es in seinem Wahlkreis noch gibt. Die Bewohner hätten immer wieder Ärger gemacht, erzählt Barth. Sie hätten den Schmiedebergern in die Gärten gepinkelt und im Supermarkt geklaut. Als er an der Heimtür klingelt, unangekündigt, führt ihn ein freundlicher Sicherheitsmann durch die Unterkunft. Die Zimmer sind sauber, die Gänge ruhig. Der Wachmann sagt, der Job sei easy, die meisten Flüchtlinge, alles Männer, gingen zur Schule und machten keinen Ärger.

Nach dem Besuch raucht Barth neben seinem Auto eine Zigarette. Okay, sagt er, dann sei das mittlerweile eben ruhig in dem Heim. Trotzdem: "Ich bin der Meinung, in dem Land, in dem man geboren wurde, sollte man auch leben."

Ist das nicht eine etwas merkwürdige Aussage von jemandem, der 1988 selbst versucht hat, aus der DDR in ein besseres Leben zu fliehen? Für einen Moment wirkt Barth überrascht, als habe er diesen Widerspruch noch nie gesehen. Dann sagt er, das könne man überhaupt nicht vergleichen. Er habe ja schließlich von Deutschland nach Deutschland fliehen wollen.

 

6) 15. Mai 2019, Kulturzentrum, Reinhardtsgrimma

Es ist früher Abend, als Andrea Dombois am Rand einer Dorfstraße aus ihrem Dienstwagen steigt. Sie versucht ein gequältes Lächeln. Sie hat von Barths Vortrag über ihre vermeintlichen Lügen gehört. Stillos sei das, sagt sie. Aber sie weiß nicht, wie sie sich dagegen wehren soll. Also tut sie, was sie immer gemacht hat, arbeitet, bleibt freundlich und sachlich, versucht, Bürgern zu helfen, die sie um Hilfe bitten. Das kam doch 29 Jahre lang gut an. Nun aber ist es, als hätte jemand die Regeln dieses Spiels namens Politik geändert, und sie hat keine Ahnung, wie die neuen funktionieren.

Im denkmalgeschützten Gewölbesaal des Kulturzentrums findet ein Bürgergespräch mit Dombois und dem sächsischen Landwirtschaftsminister statt. Es soll eigentlich um die großzügigen Förderprogramme der Landesregierung für ländliche Regionen gehen. Stattdessen kommt die Sprache schnell auf die AfD.

Ein Mann aus dem Publikum fragt nach einer Erklärung, warum die AfD so gute Umfragewerte in der Gegend habe. Dombois sieht plötzlich sehr traurig aus, sie steht auf und sagt, sie mache sich große Sorgen: "die Sprache, der Umgang miteinander, alles verroht". Die AfD mache ihr Angst, da seien ganz viele Rechtsradikale drin, die seien gegen Europa, das dürfe man sich nicht gefallen lassen. Dombois hat sich warmgeredet, sie klingt plötzlich kämpferisch: Es liege an jedem Einzelnen, die AfD nicht zu stark werden zu lassen. Jeder Demokrat müsse sich klar gegen die AfD bekennen. Sie sagt: "Wir müssen sagen: AfD Nein!", und setzt sich wieder.

Niemand klatscht.

Stattdessen steht ein Mann mit grauen Haaren auf. Er sei seit 30 Jahren in der CDU, erzählt er. Er war Helfer in Dombois' erstem Wahlkampfteam 1990. "Damals waren die Säle voll, 300, 400 Leute, alle jung. Wo sind die hin?" Er sieht sich um. Im Publikum sitzen rund 40 Leute, die vorherrschenden Haarfarben sind grau und weiß. Er fragt: "Sind denn immer nur die anderen schuld? Oder sind wir zu bequem geworden? Wieso geht ihr denn nicht mal zu einer AfD-Veranstaltung und diskutiert mit denen, zeigt Zivilcourage!"

Dombois guckt ihn entgeistert an und sagt: "Da kannst du ja hinfahren."

 

7) 28. Juni 2019, Fußballplatz Reinhardtsgrimma

Bei der Prognose zur Landtagswahl sind CDU und AfD erstmals gleichauf. Im Wahlkreis dagegen ist Barths Vorsprung geschrumpft, er führt noch mit 6,5 Prozentpunkten vor Dombois.

Es sind noch neun Wochen bis zur Landtagswahl, als Dombois das erste Mal laut ausspricht, dass es für sie eng werden könnte. Sie sitzt rauchend am Rand eines Fußballplatzes, auf einer Bank im Schatten. Auf dem Feld spielen zwei Amateurmannschaften, denen sie gleich ein Fass Freibier ausgeben wird, ein Freundschafsspiel. Sie sagt: "Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen." Sie fragt sich, wie es sein kann, dass ihr Kontrahent führt. Die Prognosen sind das eine, die können irren, aber es gibt auch ein Wahlergebnis, das nicht gut für sie aussieht. Barth und sie haben beide am 26. Mai bei den Kommunalwahlen für den Stadtrat von Dippoldiswalde kandidiert. Beide sind gewählt worden, Dombois mit 4038 Stimmen, Barth mit 4206 Stimmen.

Man solle nicht glauben, dass sie kampflos aufgeben wird, sagt Dombois. Sie erzählt von ihrer Kindheit in der DDR. Ihre Eltern seien politische Querköpfe gewesen, sie verboten ihr bei den Jungpionieren und der FDJ mitzumachen. In der Schule wurde sie deswegen ausgegrenzt, sie hatte kaum Freunde, die Lehrer schikanierten sie. Dombois sagt, sie sei hart im Nehmen.

Sie versucht, nach den neuen Spielregeln zu spielen, nach einigen zumindest. Die jungen Kollegen in ihrer Fraktion haben sie überredet, doch Wahlplakate aufzuhängen. Sie haben ihr gesagt, es sehe sonst so aus, als würde sie den Wahlkampf nicht ernst nehmen. So hat Dombois es vorher noch nie gesehen. Außerdem will auch sie jetzt einen richtigen Wahlkampf machen, wie Barth. Veranstaltungen organisieren, Bürger einladen.

Barth hat 15.000 Euro in der Wahlkampfkasse. Sie hat ihr Budget auf 30.000 Euro verdoppelt. Den Großteil des Geldes zahlen beide aus eigener Tasche. Barth freut sich, dass AfD-Prominente wie Beatrix von Storch in seinem Wahlkreis mit ihm auftreten wollen. Dombois dagegen hat darauf verzichtet, die Kanzlerin oder ihre Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer als Wahlkampfunterstützung einzuladen. Die Sachsen reagierten allergisch auf Anweisungen von oben, sagt Dombois.

 

8) 25. Juli, Sächsischer Verfassungsgerichtshof, Leipzig

Bei der Prognose zur Landtagswahl sind CDU und AfD immer noch gleichauf. Im Wahlkreis ist Barths Vorsprung weiter geschrumpft, er führt noch mit 4,5 Prozentpunkten vor Dombois.

Es ist 18.15 Uhr, als die Richter im Landesverfassungshof eine Pause einberufen. Verhandelt wird über eine Klage der AfD gegen den Landeswahlausschuss. Er hatte entschieden, die Plätze 19 bis 61 der AfD-Kandidatenliste nicht zur Wahl zuzulassen. Barth steht auf Platz 20 der Liste - der Platz war seine Versicherung, falls er gegen Dombois verlieren sollte. Später am Abend werden die Richter Barths Listenplatz zulassen. Aber das weiß Barth noch nicht.

Er tritt in die heiße Abendluft vor das Gerichtsgebäude, es ist der Tag, an dem erstmals 42 Grad in Deutschland gemessen werden. Er zieht gierig an einer Zigarette, die Siegesgewissheit der vergangenen Wochen ist Unsicherheit gewichen. Wo eben noch Freunde waren, sieht er sich nun von Feinden und widrigen Umständen umzingelt.

"Wenn Sie wüssten, was ich im vergangenen Jahr mental durchgemacht habe", sagt er. "Eine Tortur." Erst die eigene Partei, die ihn nicht als Direktkandidaten gewollt habe. Dann die Lokalmedien, die in jedem Artikel wieder die alte Geschichte aufgewärmt hätten, dass er seine Zulassung als Anwalt verloren habe. Dann all die alten Freunde, die sich von ihm abgewandt hätten, angeblich weil er bei der AfD ist. Sogar sein Sohn aus einer früheren Beziehung, mittlerweile ein Teenager, meide ihn. Und nun das, dieser Mist mit dem Landeswahlausschuss.

Und als wäre das alles nicht genug, rutscht die AfD allmählich in den Umfragen ab. Was die Partei jetzt bräuchte, sei ein Anschlag, Anis Amri 2, sagt Barth und schiebt nach: So was dürfe man sich natürlich nicht wünschen.

Was würde er eigentlich machen, wenn er nicht wiedergewählt würde? Barth sagt, er habe keine Ahnung. "Auf jeden Fall nicht wieder Anwalt."

 

9) 30. Juli, auf einer Landstraße, Dippoldiswalde

Barth zieht einen Kabelbinder fest und schiebt ein Barth-Plakat an einen Laternenpfahl hoch, auf dem "Mut zu Deutschland" steht. Barth sagt: "Das ist mein Lieblingsplakat, das würde ich mir auch übers Bett hängen." Zwei seiner Mitarbeiter stehen daneben, einer fotografiert ihn, die Bilder erscheinen später auf Facebook. Seit einer Woche plakatiert er fast jeden Tag, es geht ihm gewaltig gegen den Strich, dass Dombois jetzt doch Plakate aufgehängt hat. Die CDU-Kandidatin hat dazu eine Firma engagiert, innerhalb von 24 Stunden hingen plötzlich 1300 CDU-Plakate im Wahlkreis. Barth will 1500 aufhängen, mehr sei nicht erlaubt.

Barth reagiert auf Dombois' plötzliche Geschäftigkeit mit noch mehr Umtriebigkeit und neuen Ideen. Jemand hat ihm zugetragen, dass Dombois einen lokalen Fernsehsender engagiert hat, der einen professionellen Imagefilm über sie produziert. Also hat Barth mit einem Hobbyfilmer aus der Partei einen eigenen Film gedreht, den er auf Facebook hochgeladen hat. In den ersten 24 Stunden sehen ihn mehr als 3000 Leute. Er sagt darin, dass "eine Landtagsabgeordnete dafür gesorgt haben soll, dass die Bundespolizei aus Altenberg abziehen will". Die Geschichte war einfach zu erfolgreich bisher, sagt Barth.

Zudem hat er angefangen, seine Facebook-Posts zu sponsern, sodass sie bei Tausenden von Bürgern im Wahlkreis auf ihren Facebook-Profilen eingespielt werden. Dombois weiß nicht einmal, dass so was überhaupt geht. Barth kennt sich mit sozialen Medien auch nicht aus. Er hat aber verstanden, dass sie nützlich sind, also hat er Leute eingestellt. Seine drei Mitarbeiter sind alle noch Studenten, dazu hat er zehn ehrenamtliche Helfer. Dombois' Wahlkampfteam besteht aus einer Person, einer schüchternen, älteren Dame, die seit 1989 ihr Büro im Wahlkreis leitet.

Barth will noch einen Moment allein reden, er hat seine Mitarbeiter mit den Plakaten weitergeschickt. Er war die ganze Zeit so selbstbewusst, aber jetzt, da sein Vorsprung immer kleiner wird, fürchtet er, dieser Bericht in WELT AM SONNTAG könnte ihm schaden. Er fragt sich, ob er zu offenherzig war.

Für ihn sei die Direktwahl auch wichtig, um sich gegen die Kritiker in der AfD abzusichern. Irgendwer hat rumerzählt, Barth sei spielsüchtig, sagt er entrüstet. Es ist nicht das einzige Gerücht, das gegen ihn in Umlauf ist. Ein AfD-Mitglied hat sich an diese Zeitung gewandt und behauptet, Barth stecke in finanziellen Schwierigkeiten, zeitweise habe er seinem Kreisverband 10.000 Euro geschuldet. Auch die Geschichte ist wohl erfunden, jedenfalls gibt es keinen einzigen Beweis, der sie stützt.

Er jammert: "Es ist so unfair, ich kann das jetzt hundertmal dementieren, ein bisschen was bleibt immer kleben." Er wird gerade mit seinen eigenen Waffen geschlagen, aber er merkt es nicht. Später gibt er nach einer längeren Diskussion zu, dass seine Parteikollegen ihn letztlich mit ähnlichen Mitteln bekämpfen wie er Andrea Dombois. Den Facebook-Film, in dem er sie belastet, nimmt er trotzdem nicht aus dem Netz.

 

10) Am gleichen Nachmittag, Café "Buntes Häusl", Altenberg

Dombois steht mit einem Packen Flyer und Wahlgeschenken unter dem Arm an der Kasse des Cafés, sie hat Tränen in den Augen. Sie hatte sich auf den Nachmittag gefreut, sie hatte Bürger eingeladen, um über die Erfolge von Altenberg als Wintersportregion zu sprechen, Kaffee und Kuchen wollte sie allen spendieren, aber bis auf ein paar CDU-Mitglieder und Sportfunktionäre ist niemand gekommen. "Das kostet doch alles Geld, die Einladungen, die Vorbereitung", klagt sie. "Und wenn man nichts macht, dann meckern die Leute auch."

Eine halbe Stunde später sitzt sie mit ihrem Mann im Nachbarort auf einer Gasthausterrasse in der Abendsonne, hinter ihr plätschert die Weißeritz vorbei. "Schön hier, oder?" Sie lächelt matt.

Eigentlich will sie hier nicht sitzen, eigentlich will sie auch kein Interview mehr geben. Sie scheint misstrauisch geworden zu sein. Wenn Menschen ihr jetzt sagen, dass sie sie wählen werden, fragt sie sich, ob sie das nur sagen, um nett zu sein. Und mit den Journalisten ist es auch so eine Sache. Dombois erzählt, dass sie schon einmal einer Journalistin vertraut und damit keine guten Erfahrungen gemacht habe. "Die war ganz freundlich, wie Sie, und hat mich dann reingelegt und mir eine Stasi-Vergangenheit angedichtet."

Wann das war? Sie überlegt. "1990." 1990, das ist so lange her. Und doch scheint sie die Wendezeit gerade wieder einzuholen. Damals erlebte das Land seinen größten Umbruch, nun erlebt Dombois ihren, mit 29 Jahren Verzögerung. Sie war ihr ganzes Leben lang Politikerin, nun fängt sie an, sich vorzustellen, wie ihr Leben ohne Politik aussehen könnte. Friedlicher.

Sie werde trotzdem bis zum letzten Tag um das Direktmandat kämpfen, sagt sie. Schon aus Pflichtbewusstsein. Wenn sie trotzdem verlieren sollte, werde sie ihren Listenplatz vielleicht einem jüngeren Kollegen überlassen, mal sehen.

André Barth hat keine Wahl, so sieht er das. Er braucht das Mandat, er braucht einen Job, ein Einkommen. Er hat alles auf diese eine Karte gesetzt, die Politik.

 

11) 20. August 2019

Bei den Umfragen führt die CDU in Sachsen nun mit knapp drei Prozentpunkten vor der AfD. Barths Vorsprung ist auf zwei Prozentpunkte zusammengeschrumpft.

Es sind noch zwölf Tage bis zur Wahl, und es ist die knappste Prognose, seit Dombois und Barth gegeneinander Wahlkampf führen. Im Mai hat er mit neun Prozentpunkten geführt, jetzt sind es noch zwei.

Sie sagt: "Ich hab noch mal alles gegeben. Das honorieren die Leute." Er sagt: "Es liegt nicht an mir, davon bin ich überzeugt."

Sie sagt, sie werde am Wahlsonntag in die Kirche gehen. Wenn um 18 Uhr die ersten Hochrechnungen kommen, will sie bei ihrer Fraktion im Landtag sein, beobachtet von Fernsehteams. Das sei eine Frage des Anstands, sagt sie.

Er sagt, er werde die Ergebnisse im kleinsten Kreis in seinem Heimatort abwarten. Sollte er verlieren, guckt ihm so wenigstens nicht halb Deutschland dabei zu. Er will nicht als traurige Gestalt in den Abendnachrichten enden.

 

Update nach der Wahl vom 1. September 2019:

(Dieses Update wurde in der Online-Version nachträglich ergänzt. Die Print-Version erschien eine Woche vor der Wahl.)

Am Ende wird es so knapp, wie eine Wahl nur ausfallen kann. Andrea Dombois gewinnt mit 98 Stimmen Vorsprung das Direktmandat. Sie bekommt 11.503 Stimmen und 34 Prozent, André Barth 11.405 Stimmen und 33,7 Prozent. Barth zieht über die AfD-Liste in den Landtag ein.

 

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Über die Recherche:

Nach Wahlen wird gern analysiert, welche Fehler der Parteien und ihrer Spitzenkandidaten wahlentscheidend waren. Dabei wird die Rolle der Direktkandidaten oft vergessen. Autorin Tina Kaiser wollte zeigen, wie ein Wahlkampf auf lokaler Ebene funktioniert – und wie sich die Taktiken der jeweiligen Lokalpolitiker unterscheiden. Es war nicht einfach, einen Wahlkreis mit zwei Kontrahenten zu finden, die beide bereit waren, sich über Monate begleiten und beobachten zu lassen. Meist waren es die CDU-Kandidaten, die absagten. Auch Andrea Dombois zögerte zunächst. André Barth dagegen sagte sofort zu. Neben den Interviews mit Dombois und Barth wurden auch viele Gespräche mit Familienmitgliedern, Freunden und Gegnern beider Kandidaten geführt.

* Für die landesweiten Wahlprognosen für Sachsen beziehen wir uns jeweils auf die aktuellste Prognose von Civey, Infratest dimap, IM Field und INSA. Die Prognosen für die Erststimme im Wahlkreis von Dombois und Barth stammen von dem Berliner Institut wahlkreisprognose.de (http://wahlkreisprognose.de)

Kurzbiographie

Tina Kaiser,

Jahrgang 1978, ist Absolventin der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft und Diplom-Volkwirtin. Seit 2005 arbeitet sie für die WELT-Gruppe, anfangs als Wirtschaftsreporterin, ab 2008 war sie Korrespondentin in London, anschließend wechselte sie 2013 als Korrespondentin nach New York. Seit 2016 ist sie zurück in Berlin und Reporterin im Ressorts Reportage und Investigation.