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Nominierter Text

Von Maritta Adam-Tkalec

Leben als Opfer

MARITTA TKALEC

hält obsessives Benachteiligungsgejammer für nicht

hilfreich beim Lösen realer Probleme.

 

Ich bin mittelgroß, mitteldünn, mittelalt, mittelschlau, mittelansehnlich, mittelsympathisch, mitteldeutsch. Bleichgesichtig, Haare straßenköterfarben. Alles durchschnittlich, unauffällig. Was man so Mainstream nennt. Ganz okay.

Aber wehe, wenn ich mir Gedanken darüber mache, ob ich nicht doch irgendwie schlecht dran bin. Schlechter als andere. Da werde ich im Handumdrehen zum Superopfer: als alte weiße Hetero-Frau, Radfahrerin, Fußgängerin, Alleinerziehende. Benachteiligt an allen Ecken und Enden: Ist da nicht die gläserne Decke, die meine weibliche Karriere bremst? Kein Aufsichtsrat bat mich je um meine wertvolle Mitarbeit. Wie soll ich da reich werden? Meine kleine soziale Herkunft lässt mich ohne Millionenerbe. Schlimm.

Vor allem aber bin ich ein Ossi, insofern ein Idealopfer. Im Einheitsland hieß es, als getöpftes Kind sei ich ein seelischer Krüppel (verschärfendend wirkten Stasi und die Kollektivierung der Landwirtschaft). Ein West-Minister teilte von hoher christlicher Warte mit: Atheisten wie mir fehle etwas zum vollständigen Menschsein. Ich führte ein wertarmes Leben. Und die Karriere? Aussichtslos, ließ mich ein Chef, ein echter Depp aus dem Westen, wissen: Ossis dürfe man nicht auf Leitungsposten setzen - könnte ja jeden Moment eine Stasi-Akte auftauchen.

Was der ganze Sermon soll? Er soll zeigen, wie jedermann durch steile Thesen Opferstatus erlangen kann. Dummerweise breitet sich das plumpe Verfahren in Politik und Gesellschaft aus - überall tauchen Beleidigte, Verletzte, Gedemütigte aller Art auf und verlangen Genugtuung. Leider lässt sich kein einziges reales Problem durch das Betonen eines Opferstatus' und Moralgetue lösen. Keine einzige Gemeinheit ist aus der Welt.

Eine frische Studie behauptet zum Beispiel: Ostdeutsche sind genauso diskriminiert wie Migranten! Beide Gruppen stellten seltener Chefs, verdienten weniger und so fort. Stimmt und ist doch ganz falsch. Denn es gibt weder den Migranten noch den Ostdeutschen. Manche kommen weit, andere nicht. Man kennt die Beispiele. Vietnamesen machen in der Mehrheit gute Abschlüsse, Muslime deutlich seltener. Ostdeutsche schreiben Einsen und Fünfen.

Doch unterscheiden sich Ostdeutsche in einem Punkt wesentlich von Zuwanderern. Letztere suchen nach ihrem Platz in einer Gesellschaft, die sich selber gerade stark verändert, neue Regeln aufstellt und langsam begreift, dass Zuwanderung Normalität ist.

Ostdeutsche kamen ins Einig-Vaterland mit der Vorstellung, selbstverständlich dazuzugehören. Es zeigte sich: So war es nicht. Ostdeutsche sollten danken - bescheiden und still ihre Abwicklung dulden. Das war ein Schock. Die Phase des schweigenden Beleidigtseins endete mit dem Auftreten der AfD. Nun streicheln die anderen, erschreckten Parteien im Landtagswahlkampf die ostdeutsche Seele. So viel Verständnis war nie. Selbst die Grünen interessieren sich plötzlich für Brandenburg und Sachsen. Dort wiederum hört man es gerne, wenn spezielle Tugenden gepriesen werden - etwa, wenn dem Ossi weniger Narzissmus bescheinigt wird, dem Wessi übersteigerte Selbstliebe und Ichbezogenheit. Ossis als die besseren Menschen? Du meine Güte!

Die Kehrseite vom sozialen Ossi stellte soeben Altpräsident Joachim Gauck heraus: Den Ostdeutschen fehle "dieser absolute Durchsetzungswille". Sie hätten sich eine Wettbewerbsmentalität wie ihre Landsleute im Westen nicht "auf natürlichem Wege" antrainieren können. Noch so ein Klischee: Ostdeutsche als ewige Opfer der DDR. Das Problem der Gauck'schen Sprüche liegt nicht in der Aufforderung, sich mehr anzustrengen - das hilft dem Einzelnen immer. Es liegt im Ausblenden der real geleisteten Anstrengung. 1,2 Millionen Ostdeutsche wagten nach der Wende den Weg in den Westen. Wer im Osten blieb, kämpfte sich durch Umschulungen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Leiharbeit. Karrierenetzwerke wurden solange als Seilschaften madig gemacht, bis sie gerissen waren. Der westdeutsche Staat wollte die DDR-Elite zerschlagen und hat es getan. Jetzt bekommt das die nächste Generation zu spüren. Die Verluste waren eingepreist. Sie jetzt zu beklagen, ist Heuchelei.

 

Kurzbiographie

Maritta Adam-Tkalec,

Jahrgang 1956, kam nach Jahren der Tätigkeit als Portugiesisch-Dolmetscherin in Afrika zum Journalismus. In der Berliner Zeitung arbeitete sie seit 1984 als Redakteurin für Außenpolitik und machte die Transformation der Redaktion im Herbst 1989 in der Redaktion mit. Nach 1990 berichtete sie aus Brennpunktregionen in Afrika – Ruanda, Somalia, Sierra Leone, Angola etc.. und arbeitete als Redakteurin im Tagesthema. Im Jahr 2009 übernahm sie die Leitung des Ressorts Meinung der Berliner Zeitung und wurde schließlich im Jahr 2012 Ressortleiterin Politik von Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau. Seit 2017 betreut sie das Thema Stadtgeschichte, recherchiert und kommentiert ressortüberreifende Themen.