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Nominierter Text

Von Hernán D. Caro

Deutschland – Ein Annäherungsversuch

Kann man Deutschland lieben? Wie oft habe ich mich das gefragt? Dass die Frage heikel ist, war mir – wie bestimmt jedem, der mit offenen Augen durch dieses Land geht – schon immer klar. Und während meines langen „deutschen Lebens“ habe ich viele Antworten sammeln können. Da ist etwa, was Schopenhauer einmal schrieb: „Mit Italien lebt man wie mit einer Geliebten, heute im heftigen Zank, morgen in Anbetung – mit Deutschland wie mit einer Hausfrau, ohne große Zorn und ohne große Liebe“. Das erinnert an den Spruch, die Deutschen würden die Italiener (oder überhaupt uns berühmt-berüchtigten „Südländer“) lieben aber nicht respektieren; diese würden die Deutschen respektieren aber nicht lieben. Eine Bekannte, Deutsche von Geburt und Herkunft, erwiderte: „Ich finde, dieses Land kann man einfach nicht lieben“. Und ein alter Freund, dem ich mein Interesse am Thema beichtete, sagte, es sei gut, wenn ein Ausländer seine Liebe für Deutschland erklärt; tut es ein Deutscher, „macht man ihn ja fertig“. Abgesehen davon, dass ich seit Jahren deutscher Staatsbürger bin, musste ich damals denken: wer spricht hier von einer Liebeserklärung?

Natürlich ist die Frage schwierig. Wie sollte es anders sein, angesichts der Albträume, die Deutsche im Namen Deutschlands verwirklicht haben? Und doch: seitdem mich etwas an dieses Land bindet – und es ist vieles – wollte ich an keiner anderen Frage mein Verhältnis zu Deutschland messen.

Dieses Verhältnis, zu Beginn hauptsächlich eins zur deutschen Sprache, fing vor etwa fünfundzwanzig Jahren an, bevor ich überhaupt einen deutschen Satz verstehen konnte. Den ersten Kontakt hatte ich wohl als 15-jähriger Schüler in Kolumbien, woher ich komme. Wie so viele in dem Alter las ich irgendetwas von Hesse in spanischer Übersetzung. Ich war bewegt – eine große Erschütterung habe ich dabei aber nicht erlebt. Richtig gespannt machte mich dagegen, kurz danach, die Deutschland-Verliebtheit des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, der in einem Gedicht schreibt: „Du, deutsche Sprache, bist Deutschlands / Größtes Werk: Die verschlungene Liebe / Zusammengesetzter Stimmen, die offenen / Vokale, die Laute, die den gelehrten / Hexameter des Griechen erlauben / Und dein Rauschen von Wäldern und Nächten.“

Einverstanden: das Gedicht ist miserabel. Doch Borges schaffte es, dass für mich Namen wie „Heine“, „Meyrink“ oder „Döblin“ wie Boten aus mysteriösen Sphären klangen. Ich hatte keine Ahnung, wovon Borges da schwärmte, aber ich sehnte mich nach neuen Welten.

Die ersten Deutschstunden nahm ich zu Beginn meines Studiums und wenn ich jetzt daran denke, komme ich mir fast heroisch vor: Die Kurse fanden täglich um sieben Uhr statt, weshalb ich zwei Stunden davor in der kalten, feuchten Morgenfrühe meiner Geburtsstadt Bogotá aufstehen musste. Und Deutsch schien mir damals so verdammt schwer zu sein, dass ich mir nicht vorstellen konnte, irgendwann ein Gespräch führen zu können, das sich um mehr drehte als auf einer hypothetischen Straße nach dem Weg zur Apotheke zu fragen. Dazu: ich wollte, ungeduldig, übermütig, auf Deutsch lesen. Soweit ich mich erinnern kann, waren meine ersten deutschen Bücher zwei Bände, die ich in der Universitätsbibliothek fand: die Reisetagebücher von Schopenhauer und eine Sammlung expressionistischer Lyrik. Der Anfang, ja, war zäh.

Ich habe seit dem, glaube ich, nie wieder etwas so viel Hingabe gewidmet. Monatelang habe ich die verflixten Bücher beharrlich studiert. Oft brauchte ich eine ganze Stunde, um einen einzigen Satz zu entziffern – und selbst dann verstand ich nicht immer alles. Das Gefühl aber, das Undurchsichtige langsam begreiflich zu machen, sozusagen etwas Licht in verschiedene Stellen eines dunklen Raumes zu werfen, bis ich erraten konnte, was da stand, war großartig.

Schon damals beeindruckten mich einige Besonderheiten der Sprache, vor allem wegen der Kontraste, die sie mir offenlegten – auch, wie ich später lernte, bezüglich Deutschlands. In vielen deutschen Worten fand ich eine gewisse Bodenständigkeit, eine gefühlte Nähe zu den Dingen – in einer Sprache, die mir oft weltfremd, sogar schwülstig vorkam. Dazu faszinierten mich manche deutsche Redewendungen, die mir ganze Geschichten – lustige, bizarre, makabre – erzählten: „Auf den Hund gekommen“, „Ins Gras beißen“, „Mitgefangen, mitgehangen“…

Als ich ein paar Jahre später als nervöser Philosophiestudent zum ersten Mal nach Deutschland kam, hatten sich meine Deutschkenntnisse entwickelt, allerdings etwas asymmetrisch: ich konnte Kafka lesen aber nur die banalsten Gespräche führen. Deutsch hatte ich gelernt als wäre es eine ausgestorbene Sprache und sagte ständig Dinge wie „In Anbetracht der Tatsache“ oder „Mich dünkt“, was sicher einen merkwürdigen Eindruck gab. Schritt für Schritt aber wurde meine Sprache reicher und lebendiger, genauso wie meine Idee vom Land selbst, die bisher ein bisschen wie die von Borges war: angestaubt, lückenhaft und naiv.

Alles war neu, und alles vermischt sich in meiner Erinnerung. Orte und Zustände entdeckte ich gleichzeitig wie die Worte, die ich brauchte, um sie zu benennen: den Schwindel, der mich im Frühling ergreift; die träge Sinnlichkeit des Sommers; die Berliner Seen und den deutschen Wald – der mich bis heute eher kalt lässt. Ich lernte eine bis dahin unbekannte Eigenständigkeit kennen, als ich zum ersten Mal weit weg von meinen Eltern in einer „WG“ wohnte. Und weil mir manche Deutsche schon bei einer Umarmung verklemmt vorkamen, erfuhr ich überrascht, dass ihre Sprache doch einige plastische Begriffe bot, um über Sex zu reden.

Ich lernte damals Leute kennen, die mir mit einer Neugier und Offenheit begegneten, die ich bis heute als repräsentativ für die beste Seite der deutschen Kultur empfinde. Mit Ihnen wurden mein panisches Zuhören und Stottern langsam zum vertrauten Lauschen und Plaudern und fast zwanzig Jahre später stelle ich ab und zu fest, wie viele Worte, die nun meine eigene deutsche Sprache ausmachen, das Erbe von Menschen sind, die ich hier geliebt habe oder liebe; meine Sprache ist einigermaßen das Zeugnis jener Begegnungen.

Beim ersten Mal in Deutschland erfuhr ich allerdings auch, was es bedeuten kann, in diesem Land ein Ausländer zu sein oder als solcher wahrgenommen zu werden. Da sitzt man etwa in einer Straßenbahn, unterhält sich auf Spanisch und wird plötzlich mit einem wütenden „Hier wird Deutsch gesprochen!“ geohrfeigt. Da wird man etwa in einem überfüllten Zug als einziger Fahrgast von einem Polizisten laut und scharf nach dem Pass befragt und daraufhin minutenlang über persönliche, ja intime Dinge verhört, während die Mitreisenden stumm so tun, als würden sie woandershin schauen, während sie einen die ganze Zeit aus dem Augenwinkel begutachten. (Danach, wenn die Gefahr vorüber ist, werden die Mitfahrenden einen barmherzig anlächeln – und man wird sie zur Hölle schicken wollen.) Da wird man andauernd, auch in den kultiviertesten Kreisen, auf etwas reduziert, das man, gemäß verblüffend limitierter Vorstellungen, angeblich sein muss: der sorgenfreie oder unzuverlässige, feuchtfröhlich tanzende oder tückische, impulsive, wilde, geile und vor allem fremde Fremde.

Ich frage mich manchmal, inwiefern jene Erfahrungen meinen Anspruch beeinflussten, Deutsch zu lernen. Welche Rolle spielte dabei einerseits der gestresste Wunsch, nicht aufzufallen – andererseits aber auch der Anspruch, herauszustechen, irgendeinen Widerstand zu leisten und sei er noch so erbärmlich, wenn man den Feind mit einer spießigen Genitivkonstruktion kurz aus der Fassung bringt. Es ändert nichts an der Bedrohung. Es ist sogar kontraproduktiv. Aber man redet sich ein, man hätte es nicht zugelassen, auf eine Projektion reduziert zu werden, seine Würde nicht ganz verloren. Mein Verlangen, eifrig in die deutsche Sprache, in Deutschland, einzutauchen, beruhte größtenteils auf Faszination und dem Willen, zu gehören. Wie viel beruhte auf Groll? Vielleicht kann man das eine vom anderen einfach nicht trennen.

Ich entschied, in Deutschland zu bleiben, als ich eines Tages begriff, dass ich mir hier ein Zuhause aufgebaut hatte – eins, das nicht mehr eine Behauptung war, sondern ein sinnreiches, organisches Leben. Im Laufe der Jahre wuchs um mich herum ein Netzwerk geliebter Personen, die ich nicht anders als Familie nennen kann. Erinnerungen, schöne und hässliche, Emotionen und Routinen binden mich an Berlin und andere deutsche Orte. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich über einen deutschen Erfolg freue und irgendwann wurde ich also deutscher Staatsbürger. Nun sorge ich mich um Deutschland, wie es jemand tut, der sich für einen verantwortlichen Mitbürger hält. Nach vielen Jahren und jeder Menge Erfahrungen in diesem Land fühle ich etwas wie Verwurzelung und zwar so – denn es ist möglich –, wie jemand, der sich in zwei verschiedenen Ländern verwurzelt fühlt. Und wie jemand, der, weil er das Verwurzeltsein ernst nimmt, die Schattenseiten seines Landes nicht übersehen kann.

Mein Verhältnis zu Deutschland ist nach wie vor von Widersprüchen geprägt. Manche führten zu überraschter Begeisterung. So zum Beispiel wurde mir früh klar, dass man in diesem Land recht humorlos sein kann; dass Bitterkeit, nicht Witz, oft als Gegengift gegen Sorgen gewählt wird; dass im Fernsehen Humor mit peinlichen Sprüchen verwechselt wird; dass manche Intellektuellen und Autoren, selbst die jüngsten, allen Ernstes zu glauben scheinen, das Lachen über die Welt und sich selbst wäre völlig unseriös. Deshalb war mein Staunen groß, als ich die herrliche humoristische Tradition der deutschen Literatur entdeckte – Leute wie Morgenstern, Ringelnatz oder F.W. Bernstein, die Nonsens mit Metaphysik paaren – und die Energie und Frechheit von Tucholsky, Kästner oder Mascha Kaléko. Die beschwingte Tiefe und die Helligkeit, auf die ich dort treffe, ausgerechnet in einem Land, wo das metaphysische und sprachliche Dunkle auch Tradition haben, versöhnen mich immer wieder mit Deutschland.

Auch an den rauen Umgang unter den Einheimischen, den ich ab und zu in alltäglichen Szenarios bezeuge, will ich mich nie gewöhnen. Beim Anblick von Leuten, die sich beim Auto- oder Fahrradfahren beschimpfen, als könnten sie einander zerfleischen, frage ich mich oft: wie können diese Leute, die sich gar nicht kennen, so hassen? Doch in Deutschland entdeckte ich auch eine Zärtlichkeit, eine Form, ja, der Sinnlichkeit: die Achtsamkeit für die Natur, den Respekt fürs Wasser. Und in vielen Freundschaften und Lieben, die ich hier erleben durfte, empfing ich eine Ehrlichkeit und Beständigkeit, die ich selbst, wie ich fürchte, nicht immer geboten habe.

Andere Widersprüche waren ernüchternd. Letztes Beispiel: der „deutsche Teil“ meiner Persönlichkeit basiert unter anderem auf der Vorstellung, die Deutschen seien ein überaus neugieriges Volk – Weltenbummler, Forschungsreisende, Alexander von Humboldt und so weiter. Von dieser Offenheit, die echt ist, profitiere ich: in Deutschland konnte ich mich immer wieder neu erfinden. Aber ich treffe auch Berührungsängste und hanebüchene Vorurteile. Wie oft sagten mir hier Leute, beim Predigen über die Miseren eines fremden Landes, etwas wie „Das würde in einem normalen Land nie passieren“? Wobei Deutschland als „normales Land“ fungierte. Das Land der NSU-Morde, rechtsextremer Polizisten, des sogenannten „Dieselskandals“? Es gibt kein normales Land.

Doch endlich zurück zur Frage: Kann man Deutschland lieben? Natürlich kann das nur jeder für sich beantworten. Ich jedenfalls muss es weiter versuchen. Denn ich könnte hier nicht leben, meiner Kreativität, meinem Ehrgeiz freien Lauf lassen, Zukunftspläne machen, würde ich mich nicht für eine hoffnungsvolle Bindung öffnen – egal wie grantig wir in diesem Land sein können. Leicht ist es nicht und eines muss klar sein: jeder, der egal wie konsequent er sich bemüht, dazuzugehören, trotzdem entdeckt, dass er bis ans Ende seiner Tage hier als Fremder – Ausnahme, Störelement – behandelt wird, hat Gründe, Deutschland gegenüber hartherzig oder einfach verzweifelt zu sein.

Und so ist die eigentliche Frage, wie man Deutschland lieben könnte. Und plötzlich steht man vor einem großen Fragezeichen. Für Leute wie mich, die sich trotz allem für dieses Land entscheiden, scheint es heute keine Vorbilder zu geben. Zwischen dem morbiden Fieber der Rechtsnationalisten, die eine „Liebe“ für Deutschland nach Reinheitsgebot beteuern und gleichzeitig den verbittertsten Hass verlebendigen, den Nostalgikern, die von einem Neo-Biedermeier-Deutschland schwärmen, bestehend aus pathetischen Worten über eine alte, reine deutsche Seele, Altherrengehabe und wiederaufgebauten Schlössern, was genauso provinziell und nutzlos ist wie der Witz, das beste Symbol für Deutschland sei ein Schrebergarten, und schließlich denjenigen, die es niedlich finden, wenn ich begeistert über Deutschland spreche aber zusammenzucken, wenn ich mich, wie sie, über das Land aufrege und sagen: „Aber deine Heimat hat doch schlimmere Probleme, oder?“. Zwischen diesen und anderen Formen der emotionalen Beschäftigung mit Deutschland bleiben unsere Annäherungsansätze stecken, denn sie waren, wie wir selbst, im Land, in dem alles durchgeplant, durchorganisiert abläuft, nicht vorgesehen.

Nun, wir sind aber mal da und damit muss jeder klarkommen. Aber wir auch. Ob wir Deutschen – „alte“ und „neue“, oder wie auch immer unterschieden wird – es glauben oder nicht: Wir gehören dazu. Und weil Deutschland auch unseres ist, weil seine Zukunft auch von uns abhängt, müssen wir, wenn wir hier leben wollen, eben den schweren Versuch der Liebe unternehmen.

Darin steckt eine Chance – und eine riesige Herausforderung. Denn wir müssen uns Vorurteilen und schlichtem Rassismus gegenüberstellen. Dazu, natürlich, unserem eigenen Zögern. Und dabei bleibt jede mögliche Liebe unsererseits mühselig, komplex, eine, die die Erfahrung des Fremdseins, verschiedene, reiche Identitäten und den Wunsch, teilzuhaben, zusammenbringt, sowie Bewunderung, Verletzungen und eine tiefe Infragestellung von Deutschland. Doch ohne den Versuch laufen wir die Gefahr – wir alle –, kaputt zu gehen. Wie schaffen wir es, Deutschland zu lieben? An der Suche nach Antworten führt kein Weg vorbei.

Kurzbiographie

Dr. Hernán D. Caro,

geboren 1979 in Bogotá, Kolumbien, lebt seit fast zwanzig Jahren in Deutschland. Doktor der Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin und freier Autor des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung u.a. Er war journalistischer Volontär und später Mitarbeiter der Deutschen Welle, sowie Deutschland-Korrespondent des lateinamerikanischen Kulturmagazins „Arcadia“ (2007-2020). Er schrieb, zusammen mit Jana Burbach, das Drehbuch „Stimmlos“, eine Prognose fürs Jahr 2019, das im Dezember 2018 als vollständiges ZEIT Magazin erschien. Er war Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Westeuropäische Literaturen der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und arbeitet als freier Redakteur an journalistischen Projekten des Goethe-Instituts in Südamerika und als Moderator in Deutschland und Kolumbien.