BDZV-Kongress: Plattformen, Bildung und Wettbewerb
Wie verändert die Macht digitaler Plattformen die öffentliche Debatte? Was müssen Schulen leisten, damit junge Menschen Nachrichten besser einordnen können? Und wie behaupten sich regionale Medienhäuser gegen internationale Tech-Konzerne? Der BDZV-Kongress in Berlin rückte diese Fragen in drei Panels in den Mittelpunkt.
Zum Auftakt begrüßten Matthias Ditzen-Blanke, Stefan Hilscher und Dr. Jörg Eggers Staatsminister Philipp Amthor. Der Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit würdigte die Arbeit der Verlage für die demokratische Öffentlichkeit. Politische Kommunikation sei ohne soziale Medien heute undenkbar, doch bei Manipulation und Desinformation müsse der Staat jedoch eingreifen. Als weitere zentrale Aufgabe hob Amthor Medienkompetenz als „digitale Aufklärung“ hervor.
Demokratie im Algorithmus
Im ersten Panel diskutierten Andreas Briese, Managing Director YouTube Germany, Matthias Ditzen-Blanke, Paulina Fröhlich von der Bertelsmann Stiftung und RND-Chefredakteurin Eva Quadbeck über Plattformlogiken, Reichweite und publizistische Verantwortung.
Fröhlich brachte Ergebnisse der Studie „How to Sell Democracy Fast“ ein. Dafür wurden über sechs Monate 31.000 politische Kurzvideos auf Instagram und TikTok untersucht. Ein Ergebnis: Videos, in denen politische Gegner angegriffen werden, erzielten im Durchschnitt 40 Prozent mehr Reichweite. Fröhlich warnte zugleich davor, dies allein auf Empfehlungsalgorithmen zurückzuführen. Auch das Nutzungsverhalten könne beeinflussen, welche Inhalte häufiger angesehen, geteilt oder gespeichert würden. Soziale Medien wirkten zwar wie ein offener Raum, tatsächlich bestimmten jedoch auch Rankings, Empfehlungen und Abonnements darüber, was Nutzerinnen und Nutzer zu sehen bekämen.
Briese betonte, der YouTube-Algorithmus sei auf langfristige Nutzerzufriedenheit ausgerichtet. "Verlage sind Schlüsselpartner von YouTube”, sagte der YouTube-Manager, “Die größten Nachrichtenabsender auf YouTube sind Verlegermarken.” Verlage könnten ihr Publikum nicht nur über eigene Angebote, sondern auch über Communities und journalistische Personenmarken erreichen.
Quadbeck hob die Chancen und Probleme der Plattformökonomie hervor. Daten über die Nutzung journalistischer Angebote hätten Redaktionen geholfen, besser zu verstehen, welche Themen ihr Publikum interessierten. Eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe zwischen Publishern und Plattformen sehe sie jedoch nicht, weil Plattformen über erheblich größere algorithmische und wirtschaftliche Macht verfügten.
Die Debatte drehte sich schließlich um die Frage, ob es ausreiche, die Regeln der Plattformen möglichst gut zu beherrschen. Diskutiert wurden stattdessen auch die Verantwortung für Empfehlungslogiken, die Sichtbarkeit unterschiedlicher Stimmen und gemeinsame Regeln für den digitalen öffentlichen Raum.
Nachrichtenkompetenz beginnt in der Schule
Das zweite Panel widmete sich der Bildung. Dr. Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach stellte Ergebnisse einer Studie zur Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in der Schule vor. Befragt wurden Lehrkräfte an weiterführenden Schulen, die Deutsch oder sozialwissenschaftliche Fächer unterrichten.
Die Mehrheit der Lehrkräfte misst dem Thema hohe Bedeutung bei: 55 Prozent halten die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz für sehr wichtig, 39 Prozent für wichtig. Im Unterricht stehen das Erkennen von Fake News, das kritische Hinterfragen von Nachrichten und die Einschätzung vertrauenswürdiger Informationsquellen im Vordergrund. Auch KI ist angekommen: 42 Prozent der Befragten behandelten zuletzt intensiv den Einsatz von KI-Programmen zur Informationsbeschaffung.
Deutlich seltener behandeln Lehrkräfte dagegen die Rolle von professionellem Journalismus und die Bedeutung von Nachrichten für Demokratie und politisches System. Die Studie zeigte zudem Fehlvorstellungen über journalistische Arbeit. Ein Drittel der Lehrkräfte glaubt, Journalisten bräuchten eine Lizenz oder dürften in Nachrichten ausdrücklich ihre eigene Meinung äußern. 12 Prozent meinten, Medien hätten die Aufgabe, die Meinungsbildung im Sinne der Regierung zu lenken. Gleichzeitig erklärten mehr als 90 Prozent, guter Journalismus und qualitativ hochwertige Medien seien für das Funktionieren der Demokratie wichtig.
In der anschließenden Debatte mit Claus Liesegang, Silke Müller und Stephanie von Unruh ging es vor allem darum, wie Medienbildung stärker in Schulen und Familien verankert werden kann. Müller forderte strukturelle Veränderungen statt einzelner Projekte und plädierte für breitere Allianzen von Schulen, Medienhäusern, Wirtschaft und weiteren gesellschaftlichen Akteuren.
Von Unruh berichtete von Angeboten der NWZ Mediengruppe, die Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Studierende und Eltern einbeziehen. Der Verlag stehe unter anderem mit mehr als 300 Lehrkräften im Nordwesten im regelmäßigen Austausch und veranstalte Elternabende zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Liesegang stellte die News Camps der Märkischen Oder-Zeitung und Lausitzer Rundschau vor, bei denen Themen wie Fake News und Influencing interaktiv vermittelt werden. Für ihn gehört Medien- und Informationsbildung grundsätzlich in das Standardprogramm der Schulen.
Regionale Verlage gegen Big Tech
Im dritten Panel ging es um konkrete Strategien der Verlagswirtschaft und rechtliche Möglichkeiten. Christofer Ahlqvist, CEO und Editor-in-Chief von Stampen Media und Göteborgs-Posten, schilderte die digitale Transformation seines Hauses. Der Anteil digitaler Abonnements sei seit 2019 von 25 Prozent auf 78 Prozent gestiegen. Stampen Media betreibt 16 Abonnementzeitungen mit rund 220.000 Abonnentinnen und Abonnenten.
Ahlqvist nannte konsequente Datennutzung und Vertrauen in den Journalismus als Erfolgsfaktoren. Das Unternehmen analysiert, welche Inhalte Abonnements auslösten und welche Beiträge wenig genutzt werden. So konnte es die Zahl schwach performender Inhalte um ein Drittel senken. Zugleich würden eigene Nutzungsdaten, Leserbefragungen und öffentlich verfügbare Daten für journalistische Arbeit kombiniert. Digitale Umsätze stiegen von 9,6 Millionen Euro im Jahr 2019 auf voraussichtlich 30 Millionen Euro in diesem Jahr.
Gauthier Elslander, Managing Director Belgian Newspaper Experience, stellte Ansätze belgischer Medienhäuser vor, die stärker gemeinsam gegenüber internationalen Plattformen auftreten wollen. Dazu gehören Kampagnen für den Wert lokaler Medien, gemeinsame Marktforschung sowie Plattform- und Analyseprojekte. Ein Cross-Media-System soll unterschiedliche Mediengattungen nicht länger isoliert betrachten. Zudem berichtete Elslander von Werbekunden, die Verlagsdaten und eigene Daten in sogenannten Data Cleanrooms zusammenführen.
Prof. Dr. Thomas Höppner beleuchtete die rechtliche Perspektive ei. Europäische Verlage könnten sich aus seiner Sicht nicht darauf verlassen, dass US-amerikanische Behörden oder Gerichte Konflikte mit großen Tech-Unternehmen lösten. Europa müsse seine eigenen Regeln konsequent durchsetzen. Neben Wettbewerbsverfahren empfahl Höppner den Zivilrechtsweg. Verlage sollten Schäden einklagen und auf Unterlassung pochen, statt ausschließlich auf behördliches Eingreifen zu warten.
Den Abschluss des Kongresses bildete das „Bündnis Zukunft Presse“ mit Matthias Ditzen-Blanke und Lars Joachim Rose. Die Vorstandsvorsitzenden der beiden Presseverbände kündigten an, ihre Zusammenarbeit weiter auszubauen.