Erik Westermann

Kurzbiographie des Nominierten in der Kategorie »Wächterpreis-Stipendium« 2026

Erik Westermann, Jahrgang 1975, kam über Umwege spät zum Journalismus und über das Göttinger Tageblatt zur Braunschweiger Zeitung. Dort arbeitete er ab 2012 als Lokalredakteur, seit 2018 konzentriert er sich auf Kriminal- und Gerichtsthemen im Großraum Braunschweig. Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2009, stern-Preisträger 2026.

Portrait Erik Westermann
Tobias Brabanski / Funke Medien Niedersachsen

Im Interview

Wie entstand die Idee zu Ihrem Beitrag und wie haben Sie recherchiert?

Zwei Fehlurteile, Strafverfolger mit Tunnelblick und zerstörte Existenzen: Der Justizirrtum um das vermeintliche Missbrauchsopfer Josephine R. beschäftigt mich seit dem 2. Juni 2022. Dem Tag, als der Fall vor dem Landgericht Braunschweig erstmals öffentlich wurde – und sich ihre Lebensgefährtin Miriam A. wegen Vergewaltigung verantworten musste. Sie gestand, Mitglied eines Täterzirkels zu sein, der sich seit der Kindheit an Josephine R. vergehe. Ein falsches Geständnis, wie sich später herausstellte. Die beiden bezichtigten Dutzende des Missbrauchs, auch ihre eigenen Eltern. Mehrere Staatsanwälte und vier Ermittlungsgruppen der Polizei waren – und sind es teils bis heute – mit ihren Behauptungen befasst.

Ich habe den Schuldspruch von Miriam A. verfolgt. Genau wie den zweiten Prozess ab Sommer 2023. Dieselben Richter, derselbe Saal – nur auf der Anklagebank saßen andere. Auch Josephines Mutter und ihr Adoptivvater wurden zu langen Haftstrafen verurteilt.

Ab Frühjahr 2024 begann die Wahrheit durch die Ritzen des gewaltigen Lügenkonstrukts zu sickern: Alles war erfunden. Drei Menschen saßen unschuldig in Haft. Mir wurden umfangreiche Unterlagen zugespielt, ich stieg in die Recherche zur Frage ein: Wie konnte das passieren?

„Im Bann des Opfers“ war auch der Versuch, einen Teil meiner eigenen Schuld abzutragen. Denn ich bin dem Irrtum aufgesessen und habe mit meiner Berichterstattung das Leid der Betroffenen verstärkt. Das hat mir keine Ruhe gelassen. Wie viele hundert Stunden in dem Dossier stecken, kann ich nicht mehr sagen – parallel zu meinem Arbeitsalltag als Gerichtsreporter einer Regionalzeitung.

Bis heute sind in der Braunschweiger Zeitung mehr als 50 Beiträge in dieser Sache erschienen. In der Justiz wollte man am liebsten rasch zur Tagesordnung übergehen – bei der Aufarbeitung hapert es bis heute. Weitere Prozesse werden folgen: diesmal gegen Josephines Ex-Freundin und vermutlich auch gegen sie selbst. Und auch die Frage, inwieweit Staatsanwälte in diesem Fall Grenzen überschritten haben, ist offen.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie dabei?

Die Recherche zog sich über Jahre. Die Masse des Materials war kaum zu überblicken: mehr als 30.000 Seiten Unterlagen, dazu Fotos und Videos. Die Vorwürfe waren verworren, die Verfahren komplex. Es gab so viele Wendungen und Nebenstränge – es war zum Verrücktwerden. Dazu kam die Suche nach geeigneten Quellen. Das Interesse mancher Beteiligter, an der Aufklärung mitzuwirken, war überschaubar. Es galt, interne Ermittlungs- und Justizvorgänge nachzuvollziehen und in Josephines Vergangenheit einzutauchen. Meine jahrelange Tätigkeit vor Ort und die daraus resultierenden Kontakte haben dabei geholfen. Am Ende hatten wir mehr als 20 Interviewpartner.

Wie wurden Sie unterstützt?

In der Redaktion habe ich allein an dem Thema gearbeitet – aber die Kollegen haben mir den Rücken freigehalten. Im Sommer 2024 kam Spiegel-Reporter Christopher Piltz auf mich zu. Gemeinsam recherchierten wir zu der Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass Josephines Eltern 684 Tage lang unschuldig in Haft saßen? Was sagt das über unsere Justiz – und was hat das mit dem Thema Opferschutz zu tun?

Über Monate durchleuchteten wir den Fall, lasen Akten und sprachen mit ehemals Beschuldigten und Ermittlern, Justizangehörigen und Psychologen, Mitpatienten und Kindheitsfreunden, früheren Partnern und Verwandten von Josephine R. – von der Schweiz bis nach Brandenburg. Manche von ihnen redeten zum ersten Mal über den Fall und die tiefen Wunden, die er geschlagen hat. Christopher Piltz und ich haben uns ergänzt und angetrieben – eine Recherche-Kooperation auf Augenhöhe, für die ich dem Kollegen sehr dankbar bin.

Besonderer Dank gilt zudem meiner Chefredaktion, die das möglich gemacht hat. Ich glaube, es war die aufwendigste Recherche in der Geschichte der Braunschweiger Zeitung. Wir hatten etwas wiedergutzumachen.

Was macht für Sie persönlich guten Journalismus aus?

Ein klarer Blick – und die Fähigkeit zuzuhören. Hartnäckigkeit – und das Bemühen, den Menschen und der Sache gerecht zu werden. Die Bereitschaft, Widerstände zu überwinden – und sich selbst zu hinterfragen.

Was braucht ein herausragender Artikel?

Einen emotionalen Kern, einen klaren Aufbau, harte Fakten, präzise Sprache, Schattierungen von Grau und den Willen, tiefer zu graben als andere.

Was erwarten Sie von der Preisverleihung?

Ich hoffe auf angenehme Gespräche, nette Kollegen – und darauf, dass ich im Tipi nicht am Marterpfahl lande. Alles andere wird sich fügen.

 

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