Alexander Spöri
Kurzbiographie des Nominierten in der Kategorie »Wächterpreis-Stipendium« 2026
Alexander Spöri, Jahrgang 2001, kam über den Dokumentarfilm zum Journalismus – und durch Recherchen abseits des Tagesaktuellen. Heute arbeitet er als Redakteur im Ressort Politik und Nachrichten der Abendzeitung München; zuvor berichtete er für das Nachrichtenportal t-online als Reporter über Süddeutschland. Seine Themen liegen oft an den Rändern – Rechtsextremismus, Reichsbürger und Querdenker, vor allem aber die digitale Radikalisierung junger Menschen. Bundesweit beachtet wurde sein Dokumentarfilm „Liken. Hassen. Töten.“ (2022). Es folgten investigative Geschichten über die riskanten US-Immobiliengeschäfte einer bayerischen Renten-Behörde. Ausgezeichnet mit dem Bayerischen Jugendfilmpreis (2018), dem Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung (2019/2020) und dem Kulturförderpreis des Landkreises München (2021), zuletzt unter den „Top 30 bis 30“ des „medium magazin“ (2025).
Im Interview
Wie entstand die Idee zu Ihrem Beitrag und wie haben Sie recherchiert?
Ich sichte regelmäßig Zivilklagen in großen US-Metropolen – in den USA sind sie öffentlich einsehbar, inklusive der Beweise, und damit eine besondere Quelle. Über den Hinweis eines amerikanischen Anwalts stieß ich so auf die Bayerische Versorgungskammer, die zugleich Oberbehörde im Freistaat ist – und auf riskante Geschäfte, von denen kaum jemand etwas ahnte. Von dort verfolgte ich die Spur konsequent weiter: Ich wertete Gerichtsakten, Geschäftsberichte und interne Papiere aus, rechnete Zahlen selbst nach und ließ über bayerische Abgeordnete weitere Fakten offenlegen. Parallel knüpfte ich Schritt für Schritt ein großes Netzwerk – zu Anwälten, Brancheninsidern und Beteiligten der Pensions-Deals in den USA, zu Insidern und Whistleblowern innerhalb der Behörde, bis zu einem Geschäftspartner in der Türkei. Am Ende gehörten zum Netzwerk auch versicherte Pensionäre, die ich regelmäßig darüber auf dem Laufenden hielt, wie sich der Fall auf sie persönlich auswirkt. Ebenso wichtig war mir der Schulterschluss mit Kolleginnen und Kollegen – vom Wall Street Journal über den San Francisco Standard bis zur Augsburger Allgemeinen, Immobilienzeitung und FAZ. Es ging nie um Konkurrenz, sondern darum, gemeinsam stärker zu sein. Hinzu kamen Gespräche mit Wirtschaftsprüfern und Fachanwälten für Kapitalmarktrecht, die eine Untersuchung anstießen und auch Klagen gegen die Verantwortlichen prüfen.
So entstand eine jahrelange Investigativ-Serie mit mehr als zehn Teilen. Der eigentliche Auslöser und zugleich Recherche-Ansporn war, dass die Behörde die AZ und mich persönlich verklagte – erst da biss ich mich richtig fest. Vor Gericht wehrten wir den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung ab. Und jedes Mal, wenn ich dachte, in dieser Recherche alles gesehen zu haben, tauchten neue Informationen auf und machten den Fall noch größer. Am Ende saßen die US-Kläger in den Räumen der AZ – gemeinsam mit einem Journalistenkollegen und den beiden Fachanwälten; per Video zugeschaltet war ein früherer Anwalt von Donald Trump mit seinem Rechtsteam. Es war die AZ, die all diese Akteure miteinander vernetzt hat – und die, sobald Bewegung in den Fall kam, die Fäden zusammenhielt und so zum Zentrum der Aufklärung wurde.
Vor welchen Herausforderungen standen Sie dabei?
Gleich mehrere. Ich stand einem Gerichtsverfahren gegenüber und einer Behörde, die mauerte und vieles verschleierte. Dahinter lag eine hochkomplexe Welt aus Immobilien- und Finanzfragen – samt Marktanalysen, in die ich mich erst mühsam einarbeiten musste. Lange fühlte es sich an wie ein Kampf gegen Windmühlen, bei dem es juristisch auf jedes einzelne Wort ankam: Anfangs stritt die Versorgungskammer den gesamten Skandal ab. Heute steht fest, dass die Verluste deutlich höher ausfielen wie zunächst angenommen – bei einem Volumen von rund 1,6 Milliarden Euro ist nach aktuellem Stand fast eine Milliarde verloren. Inzwischen mussten zwei Führungskräfte gehen, der Landtag befasst sich mit der Sache, und die Münchner Staatsanwaltschaft ist im Vorermittlungsverfahren, weil die Behörde sie nach Veröffentlichung unserer Recherchen selbst eingeschaltet hat.
Wie wurden Sie unterstützt?
Von vielen Seiten. Im Ressort haben mir meine Chefinnen Natalie Kettinger, Lisa Albrecht und Martina Scheffler den Rücken gestärkt. Entscheidend war über Jahre die juristische Begleitung durch Holger Weimann und Stephan Kabosch. Und die Chefredaktion stand trotz des immensen rechtlichen Aufwands jederzeit hinter der Recherche. Dazu kamen externe Kollegen – allen voran Jonas Voss (Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt), der Filmemacher Rodney Sewell und Christof Paulus (Augsburger Allgemeine). Und schließlich Medien, die die AZ als kleine Münchner Zeitung zitierten und das Thema bundesweit wie international ins Rampenlicht rückten.
Was macht für Sie persönlich guten Journalismus aus?
Nicht an der Oberfläche zu kratzen. Wir werden täglich von einer Nachrichtenflut überrollt – umso mehr braucht es Recherchen, die in die Tiefe gehen. Viele Missstände kommen nur ans Licht, wenn man Mut und Ausdauer aufbringt, Risiken abwägt und auch unbequeme Geschichten verfolgt. Wichtig ist mir dabei: Ich gehe immer ergebnisoffen heran und höre beide Seiten fair an. Nicht jede Spur erhärtet sich – auch das gehört dazu. Guter Journalismus heißt für mich, so lange weiterzusuchen, bis es rund ist – und ehrlich zu bleiben, wenn sich ein Verdacht eben nicht bestätigt.
Was braucht ein herausragender Artikel?
Reibung. Die besten Geschichten entstehen in der Konfrontation: Es braucht jemanden, der nachfragt, kritisiert oder klagt, es braucht Betroffene und Menschen, die wirklich aufklären wollen. Häufig kommt erst dann Bewegung in einen Fall, wenn auch Ermittlungsbehörden aktiv werden. Genauso braucht es das, was man auf den ersten Blick nicht sieht: zahlreiche Informationen hinter den Kulissen und vertrauliche Hintergrundgespräche. Und es braucht einen kühlen Kopf – auch dann, wenn die Anwaltsschreiben reinflattern. Dann gilt es, ruhig zu bleiben und den Druck nicht an sich heranzulassen, sondern in die Recherche umzulenken.
Was erwarten Sie von der Preisverleihung?
Vor allem freue ich mich auf den Abend und darauf, die anderen Journalistinnen und Journalisten kennenzulernen. Als 25-Jähriger für diesen Preis nominiert zu sein, erfüllt mich mit großer Demut. Ich habe sofort die Recherchen der anderen Nominierten gelesen und war von ihren Arbeiten begeistert – auf LinkedIn habe ich mich gleich vernetzt. Mir geht es darum, Kontakte zu knüpfen und gute Recherchen einmal gebührend zu feiern; im tagesaktuellen Geschäft kommt das viel zu kurz. Einfach mal stolz sein auf das Erreichte. Und dann: am Boden bleiben und weitermachen. Denn die Geschichte ist noch nicht vorbei – und es braucht uns, sonst deckt niemand die Missstände auf. Die Leute zählen auf die AZ, dass wir dranbleiben.