Susanne Kusicke

Kurzbiographie der Nominierten in der Kategorie Zukunft & Verantwortung

Susanne Kusicke, geboren 1967 in Berlin, studierte Germanistik und Philosophie an der FU Berlin. Danach schrieb sie als freie Mitarbeiterin Lokalreportagen und Kulturessays für die „Berliner Morgenpost“ und die „Welt“. 1998 volontierte sie bei der F.A.Z. Dort ist sie seit dem Jahr 2000 Redakteurin in der politischen Redaktion. Von 2016 bis 2020 gestaltete sie den politischen Teil der „F.A.Z. Woche“, dann wechselte sie in die Online-Redaktion. Seit diesem Jahr gehört sie zum Kommentarteam im „Zeitgeschehen“.

Portrait Susanne Kusicke
privat

Im Interview

Wie entstand die Idee zu Ihrem Beitrag und wie haben Sie recherchiert?

Die Idee ist in meinem privaten Umfeld entstanden. Das kommt bei mir eher selten vor, die meisten meiner Artikel entwickeln sich aus politischen Ereignissen oder Diskussionen. Auf einer Familienfeier kam das Gespräch auf die Schwierigkeiten, eine Bahncard zu kaufen, seitdem es diese nur noch online gibt. Eine Bekannte meiner Schwiegereltern erzählte davon; sie hatte es nicht geschafft und musste ihre Tochter um Hilfe bitten. Alle waren erst empört - und dann ratlos: „Kann man denn einfach alles nur noch ins Internet verlegen? Was, wenn einer gar kein Handy hat? Müssten dafür nicht analoge Zugänge erhalten bleiben?“ Spürbar waren ein starkes Gefühl der Ausgrenzung und die Sorge, dass sich diese Entwicklung in Zukunft noch beschleunigen könnte.

Ich begann, bei Seniorenverbänden, Beratungsorganisationen und in Selbsthilfekursen zu recherchieren und Interviews zu führen. Ich wollte herausfinden, ob die Berichte in meiner Runde zufällig waren oder repräsentativ sind für die Erfahrung einer Generation. Parallel dazu fragte ich unter Freunden, Bekannten und Kollegen herum. Alle kannten das Problem, als Betroffene oder als Kinder von Betroffenen, und alle fühlten sich damit ziemlich alleingelassen. Die gefeierte Digitalisierung, mit der es gar nicht schnell genug gehen kann, hat also eine Schattenseite: eine große, sehr heterogene Gruppe von (älteren) Menschen, die von der Entwicklung und damit der gesellschaftlichen Teilhabe abgeschnitten zu werden drohen oder es schon sind.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie dabei?

Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, die vielen Geschichten, Ängste und Einschätzungen nicht nur aufzuschreiben, sondern auch zu strukturieren - und zu erklären: Wie konnte es zu dieser weitgreifenden Ohnmachtserfahrung kommen? Ist jemand dafür verantwortlich? Was kann man ändern, und wie geht es weiter? Dafür habe ich eine zweite Recherche mit Interviews und Anfragen bei den zuständigen Digital-Ministern und in relevanten Dokumenten, etwa im Koalitionsvertrag, unternommen. In diesem Zusammenhang stieß ich auf die „Digital only“-Strategie des Bundesdigitalministers Wildberger, über die damals noch kaum berichtet worden war. Das Thema nahm also eine Wendung aus dem Persönlichen ins konkret Politische.

Wie wurden Sie unterstützt?

Unterstützung bedeutete für mich vor allem, Zeit für die Recherche und das Scheiben zu haben. Es waren meine Kolleginnen und Kollegen, die mir diese Zeit verschafften, indem sie immer wieder Teile meiner Aufgaben übernahmen.

Was macht für Sie persönlich guten Journalismus aus?

Für mich ist guter Journalismus, gesellschaftlichen Veränderungen offen und verantwortungsbewusst zu begegnen. Daraus folgt für mich vor allem, dass man mit den Menschen spricht, um die es geht, und nicht nur über sie. Dafür ist Empathie sehr wichtig, ebenso eine gute Beobachtungsgabe. 

Was braucht ein herausragender Artikel?

Herausragend finde ich Artikel, die einen in ein anderes Leben, eine andere Situation mitnehmen, in die man sich dann besser hineinversetzen kann, denn gegenseitiges Verständnis bewahrt den Zusammenhalt in einer Gesellschaft.

Was erwarten Sie von der Preisverleihung?

Ich freue mich sehr darauf, die anderen Nominierten kennenzulernen (einen kenne ich schönerweise schon). In einer Zeit, in der Zeitungsredaktionen mit sinkenden Auflagen, steigenden Kosten und Konkurrenz der sozialen Medien zu kämpfen haben, erwarte ich Freude an gutem Journalismus und einen Schub für das Selbstbewusstsein, dass dieser in so vielen Redaktionen von vielen klugen Menschen geleistet wird.

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