Florian Sturm

Kurzbiographie des Nominierten in der Kategorie Zukunft & Verantwortung

Florian Sturm, Jahrgang 1986, arbeitet von Leipzig aus als freier Journalist für zahlreiche Medienmarken im In- und Ausland - von Focus und Science Notes über Spiegel Online, Bayerischer Rundfunk und Annabelle (CH) bis hin zum Guardian (UK) und National Geographic (US). Er widmet sich vor allen den Themen Wissenschaft und Medizin, Biodiversität und Ozeane. Und allem rund um unsere Gesellschaft. Bislang veröffentlichte er zwei Bücher („Ein Leben für den Ozean. 10 Geschichten über die Helden der Meere“ und „Was ist Was. Verborgene Welten“). Florian Sturm ist Mitglied von Freischreiber und nerdpol, einer Agentur für Medizin- und Wissenschaftsjournalismus.

Portrait Florian Sturm
Gonçalo Fonseca

Im Interview

Wie entstand die Idee zu Ihrem Beitrag und wie haben Sie recherchiert?

Ende 2024 wurde ich erstmals auf das Thema Wissenschaftsbetrug aufmerksam. Mich faszinierte journalistisch, was dort geschieht. Zugleich war ich schockiert über das Ausmaß des Problems und darüber, wie wenig die Öffentlichkeit davon weiß. Für eine lange Recherche ist das eine ziemlich gute Kombination. In den folgenden Monaten sprach ich mit mehreren Dutzend Expert:innen und arbeitete mich in die fachlichen, wirtschaftlichen und strukturellen Hintergründe ein. In oft stundenlangen Gesprächen per Zoom – innerhalb Europas, in die USA und nach Australien – versuchte ich, Vertrauen zu einem Netzwerk sogenannter Science Sleuths aufzubauen. Diese Wissenschaftsdetektivinnen und Wissenschaftsdetektive suchen – meist in ihrer Freizeit – nach Fehlern, Manipulationen und Fälschungen in bereits veröffentlichten Studien. Sie übernehmen also – völlig unbezahlt – die Qualitätskontrolle, die eigentlich kommerzielle Wissenschaftsverlage leisten sollten. Außerdem habe ich Konferenzen in Stockholm, Halle und der Schweiz besucht und traf dort weitere Fachleute. Dieses Sachverständnis und das Vertrauen waren am Ende der Schlüssel: Es öffnete mir Türen zu Quellen, Einschätzungen und Details, ohne die dieses Langzeitprojekt und damit auch dieser Text im Tagesspiegel nicht diese Tiefe erreicht hätte.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie dabei?

Die erste Herausforderung bestand darin, in die komplexe und abstrakte Welt des wissenschaftlichen Publikationswesens einzusteigen. Ich musste verstehen, wie dieser Markt funktioniert, wie Forschende, Verlage, Gutachterinnen und Gutachter und Institutionen miteinander arbeiten und wo dieses System anfällig für Betrug ist. Das gelang nur, weil ich das Vertrauen jener Menschen gewann, die dem Wissenschaftsbetrug seit Jahren nachgehen: die Science Sleuths. Sie gaben und geben mir immer noch Einblick in ihre Arbeit, in Techniken, Fallbeispiele, Strukturen und neue, so muss man es leider sagen, Betrugstrends. Eine weitere Herausforderung war der Umgang mit den kommerziellen Wissenschaftsverlagen. Viele von ihnen reden das Problem klein. Das liegt auch in ihrem Geschäftsmodell: Sie profitieren finanziell von einem System, das aus Sicht der Wissenschaftsintegrität erhebliche Schwächen hat. Trotzdem gehört ihre Perspektive in eine faire Recherche. Journalistisch schwierig war, ihre ausweichenden, beschwichtigenden oder teils sachlich falschen Antworten nicht einfach zu übernehmen. Ich musste sie prüfen und einordnen. Ich fürchte, das ist mir nicht in jedem einzelnen Moment perfekt gelungen. Aber am Ende, glaube ich, doch fast immer.

Wie wurden Sie unterstützt?

Vor allem von etwa einem Dutzend Science Sleuths. In unzähligen Gesprächsstunden konnte ich sie immer wieder um Hintergrundinformationen, kurze Erklärungen und konkrete Einordnungen bitten. Sie sahen in mir das Vertrauen und die Fähigkeit, dieses komplexe, aber wichtige Thema so zu erzählen, dass es auch ein Laienpublikum versteht.

Eine frühe und wichtige Unterstützung kam außerdem von der Jury des Peter-Hans-Hofschneider-Recherchepreises für Wissenschafts- und Medizinjournalismus. Sie glaubte an dieses Langzeitprojekt. Ihre Förderung machte es mir als freiem Wissenschaftsjournalisten überhaupt erst möglich, so viel Zeit und Energie in diese Recherche zu investieren. Auch deshalb werde ich das Projekt fortführen. Denn es gibt noch viel zu berichten.

Was macht für Sie persönlich guten Journalismus aus?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil es den einen Journalismus nicht gibt. Ich arbeite in verschiedenen Genres und Formaten, für sehr unterschiedliche Zielgruppen: für Kinder, Jugendliche und Erwachsene; für Laien und für Fachleute.

Was meine Arbeit verbindet, ist die Faszination für ein Thema und für unsere Rolle als Journalist:innen. Wir vermitteln Weltgeschehen. Wir erklären Zusammenhänge, Konflikte und im besten Fall auch Lösungswege. Diese Rolle empfinde ich als großes Privileg. Und sie bringt Verantwortung mit sich. Für mich zeigt sich dieses Bewusstsein vor allem in der Bereitschaft, in meiner täglichen Arbeit ein paar Schritte weiterzugehen: beim Suchen nach neuen Formaten und ungewöhnlichen Perspektiven; bei der intensiven Vorbereitung auf ein Interview, beim Hintergrundgespräch mit zwei zusätzlichen Expert:innen, obwohl die Grundrecherche schon steht; beim Ringen um einen guten Text; und bei der Entscheidung, ein Thema nicht fallen zu lassen, nur weil der erste Artikel erschienen ist.

Dieser Extraaufwand macht für mich guten Journalismus aus. Aber freie Journalist:innen müssen ihn sich leisten können – und Auftraggebende müssen ihn ermöglichen wollen.

Was braucht ein herausragender Artikel?

In meinen Augen vor allem die Bereitschaft, sich trotz gründlicher Vorrecherche einem Thema offen zu nähern. Beim Recherchieren und Schreiben kommen dann im Idealfall noch eine unerwartete Perspektive, Empathie und Augenhöhe mit den Protagonistinnen und Protagonisten sowie ein Gefühl für die richtige Sprache hinzu. All das ändert sich von Beitrag zu Beitrag. Gerade das macht unseren Beruf so spannend und abwechslungsreich.

Was erwarten Sie von der Preisverleihung?

Ich erwarte einen Abend der Wertschätzung für die vielen Kolleginnen und Kollegen – angestellt und vor allem freiberuflich –, die jeden Tag ihre Energie in guten Journalismus stecken. Gerade freie Journalistinnen und Journalisten investieren oft viel mehr Zeit in Recherchen, als sich wirtschaftlich rechtfertigen lässt. Außerdem hoffe ich, viele wunderbare Freunde und Kolleginnen und Kollegen zu treffen und bin sehr stolz darauf, einigen Familienmitgliedern, die mich begleiten werden, diese für mich noch immer faszinierende Welt der Medien näherbringen zu können.

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