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1.Platz Kategorie "Text" Jahrgangsstufe 5 - 7

Teresa Conrad

Lorena von Gordon

Annika Hättich

Sarah Hemmelmann

Mainz

ALLGEMEINE ZEITUNG

 

ZWANZIG JAHRE IN 10 MINUTEN

mit:

Sarah

Lorena

Annika

und der Erzählerin Teresa

"Wie lange dauert das denn noch?", fragt Lorena ge-langweilt. "Der Professor hat doch gesagt, in diesem Raum würde die Zeit um das Eine-Million-fache be-schleunigt!" "Das heißt, dass wir... dass wir insgesamt 9 Minuten und 18 einhalb Sekunden brauchen um ins Jahr 2020 zu gelangen. Wir sitzen hier nun bereits 4 Minuten, das heißt, wir reisen gerade am Sommer des Jahres 2008 vorbei und müssten in 5 Minuten und ein paar Sekunden an unserem Ziel angelangt sein", erklärt Annika, erntet von uns jedoch nur verdrehte Augen. Ich sehe mich um und betrachtete die Gesichter meiner drei Freundinnen. Wie auch ich sitzen alle auf dem Bo-den. In ihren Gesichtern zeigen sich Neugier, Abenteu-erlust, aber auch Angst - kurz gesagt, die selben Gefühle wie bei mir. "Wie das dort wohl aussehen wird, in der Zukunft...", träumt Sarah vor sich hin. Irgendwie wird mir erst jetzt allmählich bewusst, was in der letzten halben Stunde geschehen ist, und trotzdem kommt es mir immer noch wie ein Traum vor. Es ist einfach zu absurd, die Story zu glauben, die uns soeben widerfah-ren ist...

Es begann alles auf unserem Heimweg von der Schule. Wir, damit meine ich meine Freundinnen Lorena, Sarah und Annika und natürlich mich, Teresa, waren alle recht gut gelaunt, weil die Lateinarbeit, die wir gerade wieder in Empfang genommen haften, für alle unerwartet posi-tiv ausgefallen war.

Als wir da so fröhlich erzählend die Straße entlang gin-gen, fiel uns ein Mann am Rand des Gehwegs auf, der in Gedanken versunken auf und ab ging. Er war viel-leicht vierzig, trug einen weißen Kittel und seine wirren Haare fielen ihm auf die Schultern - kurz, er sah aus wie ein verrückter Professor, und diese Vermutung soll-te gar nicht so abwegig sein. Während er da so auf und ab ging, murmelte er immer Worte wie "Ach, welch auswegloser Weg!" vor sich hin. Als wir schließlich an ihm vorbeigingen, waren seine Seufzer so groß, dass ich fragte: "Entschuldigung, können wir ihnen vielleicht irgendwie helfen ?" Erschrocken blickte er auf und ant-wortete melancholisch: "Nein, ach nein, das kann kei-ner. Ach, liebe Kinderchen ...!" Plötzlich stockte er. Sein Gesicht erhellte sich schlagartig. Er legte den Kopf auf seine rechte Schulter, schaute uns nachdenklich an und sagte schließlich: "Doch natürlich, natürlich könnt ihr mir helfen! Ähem, habt ihr vielleicht ein bisschen Zeit, denn dann könntet ihr mir wirklich helfen!" Seine Stimme überschlug sich vor Aufregung und Freude. Da wir ja zu viert waren, dachten wir nicht länger über eine Problematik des Angebots nach und folgten ihm in das Haus, vor dem wir gestanden hatten. Im Erdgeschoss führte er uns in eine Wohnung, sein Labor, wie er es nannte. Und wirklich, die Innenräume konnte man nicht anders bezeichnen, als "Labor". Jede mögliche Stelle war vollgestellt von Apparaturen und Gefäßen mit bun-ten Flüssigkeiten. "Ihh! Hier stinkt's!", flüsterte Sarah und rümpfte dabei die Nase. Professor Wirr, wie er sich uns vorgestellt hatte, führte uns zielstrebig in einen fensterlosen Raum, der wohl ursprünglich als Besen-kammer vorgesehen war. "Also", sagte er, "um auf den Punkt zu kommen: Ich möchte euch als "Tester" einer ganz außerordentlichen Erfindung engagieren." Seine eigene Überzeugung von dieser wohl megamäßigen Erfindung spiegelte sich in seinem strahlenden Gesicht deutlich wider. "Moment mal", unterbrach ich die feierli-che Stimmung, "soll das heißen, Sie benutzen uns als Versuchskaninchen? Sorry, aber davon war nicht die Rede..." Doch der Professor schritt ein. ,,Ich möchte es euch erst einmal erklären! Es ist so; dass ich es ge-schafft habe, Zeit in einem bestimmten Raum zu be-schleunigen, und zwar um das Eine-Millionfache. Das heißt, wenn ihr dort hineingeht, ich auf diesem Gerät ein zukünftiges Datum eingebe und auf diesen Knopf drücke, wird die Zeit in der Kammer beschleunigt und ihr gelangt in kurzer Zeit in der Zukunft! Ich habe es auch schon ausprobiert, und ich schwöre bei meiner seligen Mama, die Reise würde garantiert ohne Risiken verlaufen!" "Und warum brauchen Sie dann unsere Hil-fe, wenn sie es doch schon getestet haben?" fragte An-nika misstrauisch. "Ganz einfach deswegen, weil ich es allein nicht beweisen kann ! Niemand glaubt mir! Ihr müsstet einfach nach eurer Reise bestätigen, was ihr erlebt habt." Der Professor schien der Verzweiflung na-he und schaute uns bittend an. "Also, macht ihr mit?" Natürlich waren wir bei seinen Erzählungen total neu-gierig geworden und mussten so nicht lange überlegen: wir willigten ein, diese geniale Entwicklung zu testen. "Ach, ich bin euch zu größtem Dank verpflichtet! Aber nun zu eurem Reiseziel: wohin möchtet ihr?" Sarah er-griff die Initiative und machte einen Vorschlag: "Wie wär's mit selber Tag, selbe Zeit in, mhh, zwanzig Jah-ren?" "Ja gut", willigte Professor Wirr ein, "dann, Let's go!!!"

"Hallo, Lorena, wach auf! Noch 15 Sekunden, der Countdown läuft!", sage ich und springe auf. Das Herz schlägt mir bis zum Hals und den anderen geht es, meiner Menschenkenntnis zufolge, nicht besser. .. .7-6-5-4-3-2-1- NULL!!!!!!! Plötzlich fängt die Besenkammer an zu ruckeln und ein Gong ertönt. "Irgendwie komm' ich mir hier vor wie in einer Mikrowelle", murmelt Annika mit zitternder Stimme. Wir gehen langsam auf die Tür zu, und ich drücke die Klinke herunter. Zu unserer Ver-wunderung sieht die Wohnung dahinter fast genau so aus, wie die, die wir zuvor verlassen hatten. Verwundert betreten wir die Wohnung, schrecken aber wieder zu-rück, als uns plötzlich ein alter Mann entgegenlächelt. "Ich habe euch schon erwartet!", ruft der Mann, "Er-kennt ihr mich nicht mehr ?" Uns geht ein Licht auf, doch bevor wir dem gealterten Professor Wirr antwor-ten können, fährt er fort: "So sieht man sich nun wieder, nur mit dem Unterschied, dass ihr im Gegensatz zu mir nicht älter geworden seid ! Haha!" Ein bisschen über-rascht, ihn hier wieder zu treffen, blicken wir etwas ent-setzt zu ihm hinüber. "Ihr müsst keine Angst haben", sagt der alte Professor Wirr, "ihr kommt wieder zurück in eure Zeit, dafür werde ich schon sorgen. Es ist näm-lich so, dass sich mein derzeitiger Lebensstandard nur dann ändern wird, wenn ihr in der Vergangenheit die Welt mit meiner Erfindung bekannt macht: Dann werde ich nämlich reich !!" In seinen verträumten Augen spie-geln sich förmlich ich die Dollamoten. "Aber zurück zu euch. Also in 4 Stunden, das heißt um 17.58 Uhr, müsst ihr spätestens wieder hier sein, sonst kann ich die Zeit in der Besenkammer nicht mehr zurückstellen, und ...", eine Zornesfalte zieht sich über seine Stirn, ". . .und der Reichtum wäre futsch !!" Er steckt uns noch einen Umschlag mit Geld zu, dreht sich um und über-lässt uns uns selbst:

Als wir im Treppenhaus des alten Gebäudes stehen, meint Sarah enttäuscht: "In den zwanzig Jahren scheint sich ja nicht besonders viel verändert zu haben!" Außer den frisch gestrichenen Wänden und dem einen bläu-lich gefärbten Fenster fällt wirklich nichts besonders Futuristisches auf. Schließlich geht Sarah auf die schwere Haustür zu, drückt die Klinke herunter und geht einen Schritt nach draußen. Stille. "Sarah,. lebst du noch?", fragt Lorena, doch sie bekommt keine Ant-wort. Schließlich folgen wir Sarahs Schritten und ihrem Blick: "Wow!" Etwas anderes kann man nicht dazu sa-gen: Wir können unsere geliebte, laute Kaiserstraße fast nicht wiedererkennen. Die Straße hat sich in den letzten zwanzig Jahren von einer lauten, für längere Aufenthalte nicht gut geeigneten Hauptverkehrsader in ein regelrechtes Spaziergängerparadies verwandelt. Die immer noch große Anzahl an Fahrzeugen hat sich nicht verringert, dafür aber die Autos selbst: Ihre Mo-torengeräusche sind merkbar leiser, der Geruch von Abgasen unauffälliger, und zwischendurch scheint es auch Fahrzeuge zu geben, die überhaupt ganz ohne Treibstoff fahren. Sie haben auf einer schmalen "Mo-torhaube" nur einen Propeller sitzen.

Außerdem existieren nur noch zwei Spuren in jede Fahrtrichtung, die dritte auf jeder Seite ist zu Gunsten der breiten Verkehrs-,,Insel" gekommen, die dem gan-zen Geschehen noch die Vollendung bringt: Der nun circa 70 Meter breite und 500 Meter lange Streifen zwi-schen den beiden Spuren ist nicht mehr von unbesuch-ten Bänken und riesigen Blumenbeeten übersät. Kleine Seen, riesige Liegewiesen mit Gewächsen aller Art zie-ren ihn nun. Ein großer Teil ist von einer riesigen Glas-kuppel überdacht und darunter tummeln sich Spazier-gänger und teilweise sogar Badende.

Auf jeden Fall bekommen wir die Münder und Augen nicht mehr zu. Schließlich bricht Lorena unser Schwei-gen: "Ach herrje, nun haben wir noch genau drei Stun-den und neunundvierzig Minuten, um uns in dieser ver-rückten Welt zurechtzufmden!" "Puh, ist das hier heiß!", ruft Sarah, wieder zum Leben erwacht. Annika stimmt ihr zu: "Stimmt, selten waren Apriltage so warm. Ich glaube‚ in unserer langen Kleidung gehen wir noch ein, wir müssen uns nachher auf die Suche nach kurzen Klamotten machen, in dem Umschlag, den uns der Prof gegeben hat, ist, glaube ich, genug Geld."

"Aber erst einmal müssen wir uns das da unten an-schauen!!", erkläre ich entschlossen und laufe auf den Bürgersteig. Unten angekommen, bleibe ich verwundert stehen und reibe mir die Augen: Statt einer Ampel mit einem Standbein und normalerweise drei Lampen sehe ich vor mir mitten in der Luft einfach ein rotes Licht schweben. Wie bei einer Fußgängerampel aus dem Jahr 2000 hat das Licht die Form eines stehenden Männchens, jedoch scheint es nicht von irgendeinem Gerät zu kommen, sondern steht Fata-Morgana-artig in der Luft. "Sagt mal, spinn ich oder seht ihr das auch ?", frage ich meinen Freundinnen zugewendet. Doch die schauen fast noch erstaunter als ich. Als ich mich wie-der zur Straße drehe, halten plötzlich alle Fahrzeuge vor uns und das rote Männchen färbt sich grün. "Ach, ist doch egal, was das ist. Hauptsache es ist 'ne Ampel, und wir kommen endlich über diese Straße!" Sarah zuckt mit den Schultern, überquert die Straße und steuert auf die penibel gepflegten Wiesen unter der Glaskuppel zu.

Wir folgen ihr und treten ebenfalls der riesigen Glas-kuppel gegenüber, einem überwältigenden Bauwerk. "Los, schaut, da ist ein Eingang. Lasst uns reingehen" "Müssen wir da rein, da muss es doch heiß wie im Treibhaus sein!", bedenkt Annika. "Natürlich wollen wir das, irgendwie müssen die anderen es doch auch aus-halten.", antworte ich ihr lachend.

Und wirklich, in der grünen Landschaft zwischen den Seen mitten auf der Straße ist es traumhaft, eine ange-nehme Kühle kommt uns entgegen, es duftet nach Frühling, und man hört Vogelgezwitscher. "Cool, hier sind ja auch Tiere. Hört ihr auch das Vogelgezwit-scher?", sagt Sarah träumerisch, als sich uns plötzlich eine ältere Frau in den Weg stellt. "Ach, Kinnärs, dreu-me könnt ihr in euerm Bed? Des iss vom Band! Fürs Entertäinment!" Verwundert schauen wir ihr nach und ziehen die Augenbrauen hoch. "Ist doch egal, ist trotz-dem irgendwie schön", sagt Lorena, lässt sich auf die Liegewiese plumpsen und wendet sich noch mal der Straße zu, "aber das mit diesen komischen Ampeln war ja schon irre!" Hier meldet sich ein älterer Herr zu Hilfe, wie auch schon die Dame mit einem außerordentlichen Informationsreichtum: "Ja lebt ihr auffem Mond? Des sind doch die neuen Dingsdas, die dieser Verkehrsatel-lit oben im All ausstrahlt. Wie heißen die nochma, Ret-schel?" Die Antwort kommt von einer jüngeren Dame, die neben ihm auf einer aus Pflanzen bestehenden Bank sitzt: "Das sind Lightmirages, Alfred, die unser Traffic-Satellite aussendet." "Genau, jetzt isses mir och widder eingefalle: Leitmirrätschs." Anerkennungsvoll nickt die junge Begleitung dem Mann zu und wendet sich dann wieder einer Art Notebook zu. Auch ihre Haut trägt statt Bräune eine vornehme Blässe, wie es uns auch schon bei einigen Badegästen aufgefallen ist.

Nach einem Blick auf die riesige Glaskuppel, bittet An-nika den Mann um weitere Informationen: "Entschuldi-gung, aber warum wurde hier eigentlich diese Kuppel gebaut?" "Ach, des ist doch ein Protection-Dome. Der soll erstens vor dem Träffik-Lärm und dann doch auch vor der Sonn schütze, sonst würd man sisch doch, wenn man hier liegt, den Hautkrebbs hole. Außerdem, wer will denn heutzutage noch Sonnenbräune haben, iss doch voll out." Damit dreht er sich weg. Plötzlich erblicken wir ein kleines, vielleicht 4-jähriges Kind, dass mit dem Finger auf uns zeigt. "Mom, look, da sind Ol-dies!"

Als wir dem verwunderten Kind nachschauen, müssen wir anfangen zu kichern, schauen an uns herunter und dann wieder auf die vorbeigehenden Leute. "Die Mode aus dem Jahr 2000 entspricht wirklich nicht besonders der heutigen. Kommt, wir kaufen uns am besten andere Klamotten, sonst fallen wir noch zu sehr auf", meint An-nika lachend und fordert uns auf, ein Kleidergeschäft aufzusuchen.

Als wir den Park wieder verlassen, diesmal an einem anderen Ausgang, fällt uns sofort die alte Christuskir-che auf, die uns mit ihrem täglichen Geläute schon vor zwanzig Jahren bekannt gewesen ist. Sie hat sich äu-ßerlich wenig verändert, nur dass, wie eh und je, Bau-arbeiter an ihr beschäftigt sind. Doch um ihre Kuppel ist nicht wie im Jahre 2000 der typische grüne Stoff über die riesigen Gerüste gehängt. Es sind mehrere Glas-platten an einer Art Flaschenzug aufgehängt, dessen Höhe man an einem Pult am Kircheneingang beliebig verstellen kann und auf der sich derzeit viele Arbeiter tummeln.

"Ach, schaut mal, unsere Schule im Jahre 2020!", sage ich schmunzelnd und deute auf das Schulgebäude des Rabanus-Maurus-Gymnasiums, der Christus-Kirche direkt gegenüber. Neben dem Eingang hängt ein Bild-schirm, der einige School-News anzeigt. "Klinkt euch am Dienstag um 2pm alle auf der RaMa-Website ein: Dort findet nämlich der neue Virtuell-Soccer-Workshop statt! Werdet die neuen RaMa-Masters!"

Direkt darüber steht ein riesiger Schriftzug: "Rama, the school of tomorrow!" "Ausgerechnet das RaMa!", lacht Lorena, als sie das ungewöhnliche Motto der doch alt-sprachlichen Schule liest. Gerade verlässt ein Mann das Schulgebäude, und ich gehe schnell auf ihn zu. "Entschuldigung, sind sie hier Lehrer?" Mir fällt auf, dass er ein wenig zurückschreckt, als er merkt, dass er angesprochen ist. "Allerdings, that's right, ich bin hier teacher", antwortet er ein wenig verwirrt. "Können sie uns vielleicht ein paar Auskünfte über das Rabanus-Maurus-Gymnasium geben?", fahre ich fort. "Ja natür-lich", antwortet der Teacher bereitwillig, "Aber erstens heißt es gar nicht mehr Gymnasium, seit 2012 gibt es doch keinen Hochschulunterschied mehr, wie früher, also Gymnasium, Realschule, Hauptschule. Zwar ist das RaMa seit zehn Jahren privatisiert, um eben Latein noch als Fremdsprache anbieten zu können, aber es gibt trotzdem keinen Klassenverband mehr, wie eben auch auf den staatlichen Schools. Ansonsten ist es ge-nauso wie auf staatlichen Schulen: Das heißt, noch zwei weitere Pflichtfremdsprachen, davon eine jedoch nur schriftlich für Mailverkehr, daneben natürlich noch English als zweite Muttersprache. Dann gibt es noch zwei Stunden täglich Information-science-lesson und... äh, es ist eben wie überall! Ich muss jetzt leider los!" Der Lehrer beendet seinen leiernden Redefluss abrupt und wohl ziemlich aufgeregt und verabschiedet sich schnell mit einem Seitenblick auf das Schulgebäude. Aus dem kommt gerade ein Schüler gerannt, der hinter dem nun schneller gehenden Lehrer herschreit: "Ey, Hobel, wenn du mir noch einmal ne sechs verpasst, then you're dead!!!"

Wir schauen dem Lehrer hinterher und sind erschro-cken über die Szene, die uns gerade eben dargeboten wurde. "Los, lasst uns jetzt Richtung Innenstadt gehen, wegen den Klamotten", lenkt Lorena ab. "Erst mal müs-sen wir sehen, ob sie überhaupt noch dort ist, wo sie vor zwanzig Jahren war!", scherzt Annika und wir über-queren an der nächsten Lightmirage die Straße.

Die Häuser an denen wir vorübergehen, sehen denen aus unserer Zeit nicht unähnlich. Ihre Fenster sind meistens bläulich gefärbt. Die Menschen, denen wir auf der Straße begegnen, obwohl es seltsamerweise nicht besonders viele sind, fallen alle durch ihre seltsame Bekleidung auf. Obwohl sicherlich Temperaturen von über 300 C herrschen, laufen sie alle mit langen Klamot-ten rum: Oft mit einer Art Umhang und gräulichen Schleiern über den Händen.

"O, seht", ruft Sarah, "dort drüben sind mehrere kleinere Kleidergeschäfte, da können wir doch mal gucken!" "Wie viel Geld haben wir denn zur Verfügung ?", frage ich Annika. Die schaut in den Umschlag des Profes-sors, den sie aufbewahrt hatte. "Moment. Also, wir ha-ben ... 100 Euro, damit müssten wir dicke auskommen."

Nachdem wir eines der Geschäfte betreten haben, schauen wir uns um. Schließlich kommt eine Verkäufe-rin auf uns zu. "May I help you?" Unsicher wegen der englischen Anrede frage ich: "Ah, do you speak ger-man, too?" Die Antwort kommt prompt: "Ja natürlich, ich muss nur jeden Kunden englisch ansprechen, wegen unserer internationalen Bevölkerung... Also, wie kann ich euch helfen?" "Wir suchen kurze Kleidung, mit un-serer langen, und dazu ja ein wenig altmodischen, kommen wir in der Hitze noch um !", seufze ich heiter. Als ich jedoch in das entsetzte Gesicht der gut 40 Jahre alten Dame blicke, werde ich unsicher. Habe ich was falsches gesagt ? "Ja wisst ihr denn nicht, dass heute Ozonalarm ist. Wenn ihr heute in kurzer oder nicht an-tiUV-beschichteten Bekleidungen rumlauft, bekommt ihr mit einer Wahrscheinlichkeit von 40% Hautkrebs!", klärt die Verkäuferin auf. Verdutzt sehe ich zu meinen Freundinnen hinüber. Sarahs und Lorenas Gesichter schauen starr zu der Dame, und ich frage die Verkäufe-rin: "Mh, was können sie uns denn empfehlen, damit wir das verhindern können?" "Also für den heutigen Tag würde ich entweder diese luftigen Trousers und ein Skirt-Shirt dazu oder diesen Dress mit dem bunten Scarf empfehlen. Das sind beides die neuen Frühlings-Trends, und natürlich sind die Teile auch alle Anti-UV-beschichtet", stellt die Verkäuferin uns ihre Empfehlun-gen vor, die ein wenig wie in einer übertriebenen Wer-besendung klingen. "Ich nehme die Hosen, Kleider mag ich nicht!", legt Annika sofort fest. Auch Sarah, Lorena und ich entscheiden uns für die Hosen, der violette Dress, der einer enggeschnittenen Nonnentracht gleicht, kommt uns ein bisschen affig vor. Die Trousers sind aus einem für uns undefinierbaren Stoff, der je-doch an Kunststoff erinnert. Das "Skirt-Shirt" sieht, wie es der Name schon sagt, aus wie Rock, nur mit der Ei-genschaft, dass er über den Oberkörper gezogen wird. Als wir gerade gehen wollen, hält uns die Dame aus dem Geschäft noch einmal auf. "Ich sehe, ihr habt gar keine Face-Protection-Cream für euer Gesicht Da holt ihr euch nur rote Brandbäckchen!" So bezahlen wir auch noch diese Sonnencreme, schließlich haben wir nicht vor, als Opfer der Ozonbelastung zurück nach Hause zu kommen.

"Irgendwie gefällt mir die Mode aus unserer Zeit bes-ser!", meint Lorena und schaut an sich herunter. "Mensch, bist du altmodisch, Lorena!" Ich lache und frage dann: "Wohin wollen wir jetzt?" "Wie wär's mit dem Marktplatz, vielleicht ist dort etwas Besonderes los."

Alle stimmen dem Vorschlag von Sarah zu, und wir set-zen uns wieder in Bewegung. In unserer neuen Beklei-dung fühlen wir uns recht wohl, uns ist längst nicht mehr so heiß wie vorher.

Plötzlich hören wir eine laute, englisch sprechende Stimme. Als wir schließlich den Marktplatz erreichen, sehen wir den "Urheber": An einer Gebäudewand hängt dort ein riesiger Bildschirm, auf dem dieser sprechende Mann zu sehen ist. Vor diesem Bildschirm sitzen ca. 700 Menschen unter einem großen Zelt auf Stühlen und schauen ihn interessiert an, zwischendurch klat-schen sie. Neugierig, wie wir sind, gehen wir auf die Menschenansammlung zu, genauer auf einen am Ran-de stehenden Mann, der uns ein guter Informant zu sein scheint. "Entschuldigen Sie", spricht Annika den Mann an, "wir sind Touristen, können sie uns vielleicht ein paar Informationen geben?"

Der Mann dreht sich sofort bereitwillig um und lächelt uns freundlich an. Er hat dunkle Haare und ich schätze ihn auf ungefähr Anfang dreißig.

"Sony, könnt ihr eure Frage noch einmal wiederholen, ich war gerade eben noch so auf die englische Sprache konzentriert", erklärt er freundlich. "Was ist das denn hier für eine Versammlung, und wer ist dieser Mann auf dem großen Ding?", fragt Annika nun. Der Mann lacht. "Stammt ihr vom Mars? Erstens sind es gar nicht so viel People, wäre kein Ozon-Alarm, wären hier dreimal so viel. Zweitens ist das kein Ding, sondern der National-Screen der City Mainz, und drittens ist das nicht ir-gendein Mann auf dem Screen, sondern der Duke von West-Europe, Dr. Pierre Darvé. Ihr scheint wirklich vom Mars zu kommen, wenn ihr nicht wisst, dass heute der 10. .Survival-Day ist. Jeder Duke spricht bei diesem großen Anlass über die National-Screens, die übrigens jede City und jedes Village auf der Erde besitzen, zum Volk. Immerhin ist heute das zehnjährige Jubiläum der Weltrettung.

Schweigsam hören wir ihm zu. National-Screens? Duke? "Survival Day" ? "Weltrettung? Was ist denn damals passiert?", frage ich interessiert. Plötzlich fängt der befragte Mann an zu lachen. "Sony, but are you trying to pull my leg?" "Was?!?" Die Redewendung stößt bei uns auf Unverständnis. "Wollt ihr mich veräp-peln?", fängt der Mann noch mal an. "Von so weit kön-nen Touristen gar nicht kommen, dass sie nicht wissen, was am "Survival Day" geschehen ist!!" Damit dreht er sich weg.

"Vielleicht sollten wir uns ein bisschen mehr über das Zeitgeschehen informieren?", schlägt Sarah einge-schüchtert vor. "Wir könnten uns eine Zeitung kaufen!" "Gute Idee, nur wo?" Lorena schaut sich suchend um. Plötzlich ruft sie: "Schaut, dort ist ein "Media-Shop". Vielleicht gibt es dort so etwas!" Wir gehen auf das Ge-schäft in einer Nebenstraße zu. Als wir die Tür öffnen und eintreten, ertönt eine freundliche, maschinell klin-gende Frauenstimme: "Customers are there!"

Während wir auf Bedienung warten, schauen wir uns um. Bis auf eine unnormal große Ladentheke und zwei riesige Bildschirme mit Werbungen, ist der Räum leer. Endlich betritt eine Verkäuferin den Raum, eine recht hübsche, vielleicht 30 Jahre alte Frau. "Hello, my name is Violet, may I help you ?" Auf die englische Anrede schon eingestellt, antwortet Lorena: "Ja, haben Sie eine aktuelle Zeitung für uns?" Ein bisschen erstaunt schaut Violet uns an. "Ihr wollt eine Newspaper? Moment!" Sie dreht sich um, drückt einen Knopf auf einer Schalttafel und mehrere winzige Schachteln erscheinen aus einem Loch auf der breiten Theke.

"So", sagt sie, "hier haben wir sämtliche aktuellen New-schips: ‚Mainz interactiv', die ‚International News', wie wär's mit der ‚Star-Boulevard'.." Ich unterbreche sie: "Sony, was sind Newschips?" Mit einem Gesichtsaus-druck, als hätte sie uns gerade bei einem üblen Scherz erwischt, ruft sie: "You can't teil me that! Ihr wisst doch wohl, was Newschips sind?" Sie schaut uns strafend an. "Äh, neee, wir kommen aus einem kleinen Dorf, da gibt es so etwas nicht !", sage ich, um unsere Wissens-lücke zu entschuldigen. Immer noch misstrauisch meint Violet: "Ein kleines Dorf Wo gibt's denn so was! Aber trotzdem, ich möchte es euch erklären: So ein Chip kostet im Durchschnitt einen Euro, und auf ihm drauf sind die neuesten Informationen des Tages. Um den Chip lesen zu können, braucht man einen "Reader". Das ist so eine Maschine..." Sie drückt wieder auf einen Knopf, der einen Teil der Theke öffnet und einen "Rea-der" empor hebt. Es ist ein Hand-großes Gerät, mit ei-nem Screen und einer kleinen Tastatur. ;‚Das ist zum Beispiel der "Jet read 3000", das Besondere an ihm ist, dass er in der Anzeigeform sehr variabel ist. Er..." Er-neut wird sie unterbrochen, dieses Mal von Lorena: "Wie viel kostet so ein Teil?" Sichtlich beleidigt, ihre Werbetexte nicht zu Ende vortragen zu dürfen, antwor-tet sie: "Der "Jet read 3000" kostet 22,99 Euro, der "Cy-berNews CPX" 20,50 Euro,..." Uns bleibt die Spucke weg, unser Geldbudget ist nämlich auf 14 Euro be-schränkt, und Annika greift nochmals in den Redefluss ein. "Und der billigste kostet ... ?" Mit einem starren Ge-sicht und der Einsicht, dass wir für ein bombiges Ge-schäft leider nicht zur Verfügung stehen, seufzt Violet: "Ich glaube, 15 Euro. Doch ich muss von einem solchen Kauf abraten. Schauen Sie doch, der "Jet read" hält das ganze Leben, während..." "Sagen Sie, .haben sie nicht einfach eine Zeitung auf stinknormalen Papier?", ärgert sich Sarah kopfschüttelnd. Violets Verlangen, uns so schnell wie möglich loszuwerden, steht ihr ins Gesicht geschrieben. Schnell zieht sie einen Papierhaufen unter dem Ladentisch hervor und sagte zu uns: "Ja, das ha-ben wir auch, ich dachte nur, ach, es ist halt so unmo-dern. Solche Newspapers werden eigentlich nur von Leuten gekauft, die es noch lieben, am Frühstückstisch die Paperzeitung in den Händen zu halten, und werden deshalb eigentlich nur an Extra-Stands verkauft!" Ihre Freude, mal wieder einen Werbetext zum Besten gege-ben zu haben, zeigt sich nun deutlich in einem Lächeln. "Deshalb haben wir auch nur die ‚Changing Times"', fügt Violet noch hinzu und sieht uns entschuldigend an, "sie kostet 1,50 Euro." Erleichtert bezahlen wir die Zei-tung und verlassen den Laden.

In der Nahe ist ein Café, und wir setzen uns an einen Tisch. "O, schaut", sagt Sarah, ihre Nase steckt in der Zeitung, "Hier steht's: ‚10 Jahre Survival Day'. Ach herr-je, vor zehn Jahren schien es wirklich fast zum Weltun-tergang gekommen zu sein. Oder hier: ‚Erneute Auf-stände gegen Weltherrschaft der UN'." Ich nehme Sa-rah die Zeitung ab. "Wow, es scheint wohl eine Welt-herrschaft zu geben. Hier auf der ‚Political Page' ist auch eine Grafik dazu: Jetzt verstehe ich das auch mit dem "Duke" auf dem Nationalscreen. Das ist sozusa-gen ein Teilherrscher in unserem Weltstaat." Die Zei-tung ist wirklich interessant: Wir finden noch Berichte von der AIDS-Mutation bis hin zu den neuen "Interactiv-Glasses", die sich dieselben Fähigkeiten wie ein PC zu eigen machen.

Tief in die Zeitung vertieft, schreckt uns plötzlich eine Stimme auf: "May I help you?", fragt die freundliche Männerstimme. Wir schauen uns um. Woher kam die Frage ? Da fange ich an zu lachen: "Seht mal auf den Tisch!" Ich deute auf einen schwarzen Kreis, eine Art Lautsprecher, der aus der Mitte des Tisches heraus-ragt. Nochmals kommt die Frage: "Sorry, do you want to drink something?" "Ja", spricht Lorena in den Laut-sprecher hinein, "wir nehmen... vier Mineralwasser?" Dabei schaut sie uns fragend an und deutet auf den Geldumschlag. Annika nickt zuversichtlich und flüstert: "Reicht dicke!" Wenig später kommt unser Wasser auch schon, diesmal mit einem richtigen Kellner. "Macht 16 Euro!" Wir schauen ihn entgeistert an. "Entschuldigung, ich glaube Sie haben sich verrechnet. Wir hatten nur vier Wasser bestellt", sage ich schließlich lächelnd und schiebe dem Kellner die Rechnung zurück. "Es tut mir leid, aber vier mal vier Euro, das macht nun mal 16 Eu-ro. Bekanntlich ist Wasser aus süßen Mineralquellen wegen dem Mangel recht teuer. Ihr hättet entsalztes Meerwasser bestellen sollen, da wäre der Preis nur halb so hoch.", erklärt der Kellner beharrend. Ich lasse mich zurück in meinen Stuhl fallen und frage schließlich verärgert: "Können sie dann vielleicht ein Wasser zu-rücknehmen? Denn wissen sie, diese Wucherpreise können wir uns nicht leisten!" Zerknirscht sieht der gute Mann unsere Bredouille ein und nimmt das Getränk wieder an sich und verschwindet.

Plötzlich fragt Sarah: "Sagt mal, wie viel Uhr haben wir eigentlich ?" "Gleich fünf vor fünf, antwortet Annika, "Wir haben noch fast eine Stunde Zeit. Wir können uns ja schon mal auf den Weg wieder Richtung Vergangen-heit machen, vielleicht sehen wir unterwegs noch ein paar interessante Dinge." Ihr Vorschlag trifft auf Zu-stimmung, und wir schlendern wieder Richtung Kaiser-straße.

Als wir am Dom vorbeigehen, fallen uns zwei Damen, die eine vielleicht Mitte vierzig, die andere circa 70, auf. "That's unfair!", sagt die jüngere, mit einem übertriebe-nen Ami-Slang. "Nun nehmen die Hospitals nicht ein-mal mehr Krebskranke auf: Es gäbe wichtigere Dinge als eine Krankheit wie Brustkrebs. Sie soll sich ins Bett legen und sich die Medicine aus dem Drugstore besor-gen! Noch nicht einmal für uns bestellt haben sie diese teuren Pillen!", fährt sie aufgebracht fort, während sie die schwache Frau neben sich, wahrscheinlich ihre Mutter, stützt. Wir blicken uns verwundert in die Augen. Ist Krebs im Gegensatz zu anderen Krankheiten so nebensächlich geworden?

Ich denke noch über das gerade Beobachtete nach, als uns Lorena auf ein Schild vor dem Dom aufmerksam macht. "Lassen Sie sich taufen, und Sie bekommen jeden Sonntag nach dem Gottesdienst ein Frühstück kostenlos!", steht auf dem Schild vor dem Eingang des Domes.

"Mensch, muss sich die Kirche nun schon die Kirchen-besucher kaufen?", platze ich völlig entsetzt heraus. "Es ist wirklich hart, welche Dinge sie hier tut, um sich am Leben zu halten!" Doch wir sind nicht die einzigen, die das Schild entdeckt haben: Ein Ehepaar mit ihrem vielleicht 12-jährigen Sohn nähert sich dem Dom-Eingang und bleibt vor der Schrift stehen.

"Ey, Mum, I want to be a Christian! Das iss cool!", ruft der Sohn. Gerade verlässt ein Pfarrer, wie es scheint, das große Gebäude, und der Junge stürmt laut auf ihn los. "Ey, priest, ey, gibt's zu dem Frühstück auch das Power Meal mit den Cyber Games zum Sammeln ? Mir fehlt nämlich nur noch ‚Murder 2' ". Verwirrt und sicht-lich deprimiert antwortet der Mann Gottes nur: "Ich wer-de mich darum kümmern." "That's cool! Dann bin ich bei euch Stammgast !", schreit der Junge ihm noch hin-terher und wendet sich wieder seinen Eltern zu.

Wir wenden uns, recht verwirrt von unseren jüngsten Beobachtungen, in die andere Richtung, in Richtung der Wohnung des verrückten Professors. "Sagt mal", fängt Lorena plötzlich an, "wie viele Jugendliche habt ihr eigentlich schon zu Gesicht bekommen?" Es ist klar, worauf sie hinaus will, und tatsächlich waren es nicht besonders viele gewesen. Aber wo ist die gesamte Ju-gend? "Vielleicht sind sie alle entführt worden", lässt Sarah ihre Phantasie spielen. Annika zieht missbilli-gend die Augenbrauen hoch. Plötzlich zieht sie eine Grimasse und fängt an, aus allen Kräften zu schreien: "HALLO! Rückt sofort alle Kinder wieder heraus, ihr elenden Entführer!!!" Wir fangen an zu lachen und schauen uns nach Reaktionen um. Plötzlich nähert sich uns eine Dame im Großmutteralter und giftet uns an. "Was soll denn das Gebrülle ! Ich kann euch sagen, wer die entführt hat! Die sind alle an ihre Computer o-der ihre Inderäktiv-Glasses gefesselt, diese Schwach-köpfe! Diese leichtsinnigen Halbwüchsigen kümmern sich nur noch um diese Technik und 'en Dreck um die Gesellschaft hier draußen. Anstatt in den stickigen Bu-den zu verkommen, könnte sie mal den Älteren helfen, diese unsoziale Jugend!" Ungewollt fangen wir über den Wutausbruch der wild gestikulierenden Frau an zu grinsen. Die Alte wirft uns einen versöhnlichen Blick zu, doch Lorena verhindert glücklicherweise noch mal un-ser Unglück: "Es tut uns Leid, aber wir müssen jetzt nach Hause. Sie finden sicher auch noch andere Hilfs-bereite...!" Beleidigt geht die Dame wieder ihres Weges und ruft uns mit hoch erhobenen Armen noch irgendet-was wie "Ach Gott, mit so einer Jugend geht die Welt noch unter!" hinterher.

"Es scheint wohl wirklich so zu sein, dass sich die jün-gere Bevölkerung nur noch mit Dingen wie Computern beschäftigt", meint Annika, als wir wieder unserem Weg folgen. "Und persönliche Kommunikation unter Freun-den scheint wohl auch nicht mehr besonders beliebt zu sein, außer im Chatroom, steht hier ja auch in der Zei-tung." Endlich erblicken wir wieder das große Glasbau-werk mitten auf der Kaiserstraße.

"Los wir haben nur noch eine viertel Stunde, wenn wir die verpassen, müssen wir hier für immer bleiben, und darauf habe ich, ehrlich gesagt, keine Lust!", rufe ich eilig, nachdem ich auf die Uhr geblickt habe. Die ande-ren nicken zustimmend, und wir steuern zielstrebig auf den Hauseingang von Professor Wirrs Wohngebäude zu. Drinnen klingeln wir an seiner Wohnungstür. "Be-such für sie!" hören wir die Klingel drinnen sagen, und wenige Sekunden später wird uns auch schon geöffnet. "Hallo, da seid ihr ja wieder! Kommt rein!" Als wir uns alle auf einen Stuhl fallen lassen, spüren wir unsere Müdigkeit. "Mensch, das war ein Tag !", ruft Sarah er-schöpft. "Na, war's interessant ? Habt ihr viel gese-hen?", fragt Professor Wirr, sichtlich aufgeregt. "Ja, al-lerdings", bestätige ich, "es hat sich wirklich viel verän-dert. Wie zum Beispiel der Verkehr. Was sind denn das für Fahrzeuge, mit diesen, riesigen Propellern vorne drauf ?" Ich wende mich fragend an den Professor. "Ach das. Das sind sogenannte Biomos, eine Abkür-zung für Biomobile. Sie fahren nicht mehr mit irgendei-nem Treibstoff, wie die Autos, also mit Benzin, Wasser-stoff oder so. Sie haben einen Akkumulator, der durch die drehenden Bewegungen des Propellers bei Fahrt-wind aufgeladen werden kann. Wenn man natürlich länger nicht gefahren ist, kann man sich auch Batterien kaufen. Das ist auf jeden Fall sehr umweltfreundlich! So, jetzt müsst ihr aber zurück in die Besenkammer! Sonst ist es zu spät, die Zeit zurückzustellen!" Eilig geht der Professor auf die Besenkammer zu. Wir folgen ihm und betreten die "Zeitmaschine. "Gut. Also macht's gut, und helft mir in der Vergangenheit, meine Entwicklung zu beweisen!" Wir verabschieden uns von ihm und dem Jahr 2020, fühlen uns aber erleichtert, als die Tür ge-schlossen wird und ein Summen einsetzt. Die Zeit wird wieder zurückgespult!

Nach kurzer Stille seufzt Lorena: "Mensch. das war ein Abenteuer! Und dazu noch ein einmaliges Erlebnis!" "Ja", stimmt Annika zu, "und ich bin froh, dass ich heute Mittag auf das Angebot eingegangen bin. So schnell wird das nämlich keiner mehr erleben." Da zeige ich jedoch Bedenken: "Na ja, wenn wir dem Patentamt gleich die Erfindung von Professor Wirr bestätigen, dann werden sicher öfter Zeitreisen stattfinden!" "Und dann stellt sich die Frage, ob das so gut ist. Immerhin würden dadurch die Zeiten total aufgemischt, vielleicht gäbe es sogar Kriege unter den Zeiten", meint Sarah nachdenklich. "Nur wäre es gegenüber dem Professors fair, wenn wir seine Erfindung beim Patentamt nicht bestätigen würden? Außerdem würden sich sicher auch noch andere Testpersonen finden lassen und die Prob-lematik wäre trotzdem nicht beseitigt." Nach diesen Worten kommt wieder die Stille in den leicht vibrieren-den Raum. Ungefähr acht Minuten später ertönt wieder dieser Mikrowellengong, und wir öffnen die Besen-kammertür vorsichtig, gespannt darauf, ob wir uns wirk-lich wieder im Jahr 2000 befinden. Und so ist es. La-chend verlassen wir die Besenkammer und laufen durch ein Spalier von Menschen, die uns erwartungs-voll entgegenblicken, teilweise werden wir sogar foto-grafiert. "Hallo, alles gut überstanden?", fragt der nun wieder junge Professor freudig und nimmt uns in Emp-fang. "Das sind die Herren vom Patentamt und sie..." Gerade als wir die "Herren vom Patentamt" und einige Presseleute mit einem rnisstrauischen Blick würdigen, knallt es hinter uns. BANG!!!!

Sofort drehen wir uns um und sehen das Unglück: Rauch steigt aus der Besenkammer und Funken sprü-hen aus der Amartur am Eingang. Das Gesicht des Professors zieht eine Grimasse, die von Entsetzen nicht übertroffen werden kann und schreit: "Nein!!!!!!" Er läuft auf die qualmende Zeitmaschine zu und versucht hinter der Amartur etwas hervorzuziehen, während die restlichen Anwesenden sich mit Feuerlöschern bewaff-nen und versuchen, den Rauch zu ersticken.

Nochmals ruft der Professor verzweifelt: "Nein!!!" Er hält verkohltes Papier in den Händen. "Nein! Alles ist vorbei, alles ist zerstört!! Die Formel ist verbrannt!" Mitleidig schauen wir vier zu ihm hin. Die Leute von der Presse und dem Patentamt raunen noch etwas wie "Das war wohl nichts, Wirr!" und verlassen dann die Wohnung. Noch überwältigt von dem "Wunder", das wohl einiges Unheil verhindert hat, rufen wir dem armen Professor noch mal leise "Danke für alles!" zu. Doch er schaut nur abwesend zu uns hoch, und schließlich verlassen wir den Raum ebenfalls.

Draußen begrüßt uns unsere wohlvertraute Kaiserstra-ße und der Lärm der Autos - und doch fühlen wir uns in unserer Zeit richtig wohl, wohler als in der Zeit zwanzig Jahre später.

"Ich glaube, es war vielleicht gar nicht so schlecht, dass sich die Maschine selbst zerstört hat! Wer weiß, was sonst noch alles so passiert wäre - beim Reisen durch die Zeiten."

"Aber wenigstens haben wir dieses einmalige Erlebnis gehabt", sagt Lorena. "Und eine bleibende Erinnerung an unser Abenteuer", lache ich und winke mit unserem Souvenir aus der Zukunft: der "Changing Times".

 

ENDE