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Nachlaß Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Julius Dresel an Hermann Dresel, Geisenheim 10.3.1848

"Die Tage kommen und gehen, man weiß nicht mehr wie! Jede Zeitung bringt Nachrichten in Massen, deren eine einzige früher die Aufmerksamkeit von Monaten in Anspruch genommen hätte. wir leben wie in einem beständigen Taumel, Emil schreibt heute, daß er seit gerade 7 Tagen noch nicht zu sich selbst gekommen sei, er war namentlich bei Vorbereitung der zahllosen Proklamationen u Aufrufe bei der Schnellpresse u nachher wegen der Versendung thätig. - da ich wohl annehmen darf, daß dir die jüngste Nassauische Geschichte bekannt ist, so will ich Dir einzelnes erzählen wie mirs gerade einfällt. - als die Badener mit ihrer Adresse aus Mannheim richtig den Anfang gemacht hatten, wurden uns. Deputierte von Hergenhahn, der nachher an der Spitze blieb u als der den, befähigtste noch immer im Hauptsicherheitscomite alles leitet, sofort nach Wiesbaden berufen. dort beriethen diese Herren unter der Einwirkung der größten Aufregung des Publikums. Man beschloß die bekannten 9 Forderungen der Nassauer. Boten (darunter Turner im Dauerlauf) wurden am 1 .d.M. durchs ganze Ländchen geschickt um zur Volksversammlung auf den 2. Nachmittags 3 Uhr einzuladen. Die Patrioten ergossen sich in Strömen in die Hauptstadt. Die Rheingauer, Fußgänger eingerechnet, rasselten in insgesamtem Zug mit 15 Wagen hintereinander durch die Stadt vor die Kurgärten. Der Saal fasste die Menge nicht, Hergenhahn von einer Schar Turner mit ihren grauen Hüten wie von einer Leibwache umringt stellte sich auf einen Tisch zwischen die Säulen auf der Theatertreppe u verlaß die 9 Forderungen mit einer Vermahnung zur Ruhe. Eine Deputation, er an der Spitze begab sich vors Ministerium, um die Antwort bei Dungern zu holen. Der Herzog war nach Berlin verloren gegangen u ward stündlich zurückerwartet. Während der Abwesenheit der Deputation verhielten sich die etwa 3/m Menschen musterhaft u hörten Reden u Gesänge unterm Regenhimmel. Hergenhahn, dann ´ich bring euch gute Botschaft, Nr 1 Volksbewaffnung u Nr.2 Preßfreiheit sind bewilligt! Das übrige kann ohne den Herzog nicht gewährt werden" Sturm der Unzufriedenheit! , Alles! Gleich! Auf der Stelle! Er soll da hier, er muß da hier, er ist versteckt!' Unbesiegbares Mißtrauen! Leidenschaftliche Anstrengungen das Volk zu beschwichtigen, das unerschütterlich ´wir glabet net! He (er) muß do hier!' Endlich half ein Proletarier im Kittel (Hauswarth im grünen Wald, Thon [unleserlich]) indem er neben Hergenhahn, der vorhin zur Geduld bis zum 4. aufgefordert hatte mit dem Ersuchen dann noch zahlreicher wiederherzukommen, die Leutedringend bat, da weiter heute nichts zu tun sei, doch ruhig nach Hause zu gehen. Hergenhahn unterbrach [unleserlich] ihn und nach diesem Theater ging endlich Alles ruhig nach Hause.

Am 3ten herrschte natürlich große aufregung und Spannung im ganzen Land. Es verbreitete sich das Gerücht, der Herzog würde an der Spitze von zwei Regimentern Österreichern Preußen u Baiern einrücken. Deputationen wurden nach Wiesbaden ans Comite geschickt um zu fragen u die Hülfe der Waffen anzubieten. es war begreiflich blöder Lärm durch Furcht und Exaltation hervorgerufen. Der 4. (Samstag) kam: abermals ergossen sich Ströme aber ganz anders angeschwollen nach Wiesbaden. Das Bäuerchen mit seinem Starrkopf erschien zahllos war in seiner unüberwindlichen Thätigkeit und Ausdauer klassisch. Die schlimmsten schritten aus dem Amt Höchst u von Hofheim (Revenge wegen an des Kartoffelkriegs in den 30er Jahren) in Reih und Glied an kenntlich mit Stock und Kittel verhängnisvoll daher. der Rheingau zeichnete sich wieder aus, seine Bevölkerung Ein erschien in Ordnung und trat mit anstand auf; wir sammelten uns an der Seite vom Nass. Hof. Kaum eine Chaise oder ein Leiterwagen war zu Hause geblieben + unser Zug dauerte so lang, daß die Leute lachen mußten, weil das Ding mit den fidelen Gesichtern kein ende nehmen wollte. - Am Vormittag war Prinz Nikolaus jüngster Bruder des Herzogs) mit Preen auf der Kursaal Wiese erschienen + sprach (16 Jahre alt) ganz gut ´Sein Bruder hätte klagte seine Nassauer viel zu lieb, als daß ein so schändliches Gerücht wahr sein könnte.'

Denn Nicolaus und die Herzogin Mutter u vDungern hatten die 9 Forderungen bereits Unterschrieben, allein das Volk achtete das gar nicht., es war gründlich + wollte sich nur die zusage des Herzogs beruhigen lassen, der natürlich manches Lob hören mußte. Die ganze Masse glaubte nicht, daß er abwesend sei, wir sprachen uns zu hunderten heiser, es war ganz vergebens: er sollte beim Gouverneur oder bei Bemba in Mainz oder bei Baak in der Friedrichsstraße versteckt sein. Wir ermahnten zur Ordnung und Geduld u warnten vor Excessen: ´Wir wolle ja nix Unrechts, awer he muß do hie u muß glei g... sonst --! oder mehr bleibe 3 dag u 3 nächt uf em Platz!'

Das Militair hatte schon am 2ten sich vollkommen bürgerlich gezeigt, Officiere saßen unter uns u die Gemeinen ließen die Freiheit leben. 2000 Gewehre waren unter die Bürger durch die Regierung ausgetheilt u die Bürgergarde 2-3000 Mann stark hatte die Hauptpunkte des Theaterplatzes u der Stadt besetzt, ebenso wurden die Kanonen von Bürgern im Zeughaus bewacht. - 3 Uhr schlug, Hergenhahn sprach und - wurde von den 20-30000 Menschen gar nicht verstanden, ebensowenig irgend ein anderer Ordner. Es war auch gar nichts zu machen. Der Herzog war nicht da u Er allein konnte der Sache ein Ende geben - sonst gar nichts wurde beachtet. Großer Tumult auf der Theatertreppe! Schrecklicher Anblick wie sich dank Mainzer Lausbuben (Metterniche u dergl .... Zöglinge) Republikschreier mit der Bürgergarde auf der Treppe balgten, die Nassauer waren durchgängig musterhaft (Einzelne ausgenommen) aber als die Bajonette blitzten u die deputierten beinahe erdrückt wurden sah ich in aschauderhafter Angst und Tausende mit mir nach dem 1ten Blutstropfen, dann wäre sicherlich ein gräßlich Blutbad gefolgt um Nichts und wieder Nichts wahrscheinlich gegen die Stadtgarde, bloß um den Muth auszulassen. In dieser Scene band ein dummer Theaterdiener die Nass. Fahne vom Balkon u senkte sie in die Menschen, sie ward von den Mainzern in 1000 Stücke gerissen, während die deutsche überall in Ehren flatterte. In diesem kritischen Moment stürzte Hergenhahn u Andern in die Caserne gefolgt von 1OOOden u ließ die Soldaten auf die Constitution schwören, Vater führte andere Tausende auf den Marktplatz um v. Rathhaus die Provis. Regierung des Comites bis zur Ankunft des Herzogs zu proklamieren. Nikolaus und die Herzogin gingen in schwarz gekleidet wie Gefangene auf dem Balkon des Schlößchens auf und ab. Die Menge betrug sich anständig. Nach und nach versammelten sich gewiß 15.000 Männer vor dem Schlößchen. Jeden Augenblick konnte irgend eine Veranlassung den allgemeinen Unwillen zum demolieren bringen. Die Bauern meinten kaltblütig: ´brech mer's mal ab, vieleicht springt er raus!' Graf Walderdorff trat auf den Balkon, sprach dummes Zeug an die ,Leute' u ward jämmerlich ausgelacht. Gott sei Dank auf einmal hieß es der Herzog, der Herzog!' und ein dumpfes Gemurmel der Erwartung lief im selben Augenblick über die Köpfe von dem Platz in die Nebengassen. Eben war er mit der Eisenbahn v Fft angelangt u zu Fuß von Bürgergardisten umgeben ins Schlößchen geeilt sogleich erschien er auf dem Balkon mit dem Federhut. Großartiges Bravo! ,Nassauer, was euch versprochen worden ist ich werde es halten, traut mir, wie ich auf euch vertraue! etc' Endloser Jubel, unbeschreiblicher Eindruck! Ganz wie von selbst wogte urplötzlich ein Gebet durch die Menge: ,Heil unserem Herzog Heil!' Aber nur für einen Augenblick, die Gefühle waren zu mächtig für den Gesang. Fünf Minuten später war der Platz wie gefegt. Jeder eilte zurück nach Haus zu den seinigen um der Erste die frohe Botschaft zu verkünden. wir hatten einen Courier voraus in den Rheingau geschickt u wurden am Abend in allen Orten mit Illumination und Hurra empfangen. Sonntag abend schwamm ganz Nassau in einem Feuermeer. Das Rauschen in den Wogen der Bevölkerung war süßester Wohllaut im Ohr des Patrioten. Freiheit schall es über Berg und Thal, Freiheit! wird es bald durch ganz Deutschland schallen, daß bis zum Echo der äußersten Grenzmarken die Herzen in Begeisterung freudig schlagen. - Nur die matte Kursachsen können sich noch nicht ermannen. Wenn man die Sprache dieser Leute liest so wird Einem, solcher Ereignisse gegenüber, wirklich ganz übel; diese Menschen erstreben noch allerunterthänigst, während Süd - u Westdeutschland ,,fordert u erzwingt"

Berlin braucht auch lange zeit bis es anfängt sich zu regen. dort liegt der Haas im Pfeffer, sowie der Hund begraben!

Unserem Beispiel vom 2ten u 4ten habens die Darmstädter im großen Stil nachgemacht.

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Wir haben hier in Oestrich u Rüdesheim schon mehrere Volksversammlungen gehabt, die immer befriedigend ausfielen. Das gemeine Volk versteht die Freiheit oft lächerlich falsch. Mehr als 40 Dörfer haben ihre Schulzen, die die verhaßt waren, abgesetzt d.h. ihnen einstweilen den gehorsam verweigert. Über der Höhe sollen die Bauern Treibjagden halten, hier im Taunus finden sie den Wald viel zu dicht, auch tragen sie kein Verlangen fürder den zehnten zu zahlen u dergl. Um solchen Unfug zu steuern wurden unter der Leitung des CentralComites in Wiesbaden in jedem Ort ein OrtsComite (meist 7 Mitglieder) gebildet, die wieder in einem AmtsComite vertreten werden.

Überall entstanden Ehrengarden, 50, 80, 100 an einem Ort, die Nachts durch Patrouillen die Ordnung schützen.

Die alten Landstände machen noch das neue Wahlgesetz, wonach dann die neue einzige Kammer gebildet wird mit etwa 36 Mitgliedern.

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Der Herzog ward in Furt u in Höchst als er v Berlin durchkam mit Steinen u schimpfen verfolgt; seitdem macht er sich sehr gut. er sprach kräftig u benahm sich seitdem ganz offen; die Thränen liefen ihm über die Backen als er in Ffurt hörte: c'est bastard! Gott sei dank war noch Zeit, sonst gabs Mord u Thotschlag, Jetzt ist alles hübsch - einstweilen

Dein Bruder Jul. Dresel