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Prämierter Text

Hauptschüler und Migrant – und welche Chancen hast du dann?

Von Miriam Opresnik und Özlem Topçu

Eine normale Hamburger Hauptschule in einem normalen Stadtteil. Die Klasse 9c der Schule Langenhorn – 21 Schüler, fast die Hälfte davon »mit Migrationshintergrund «, wie es politisch korrekt heute heißt. Es gibt ungezählte Bemühungen, diese Jugendlichen in die Gesellschaft zu integrieren – aber wirken sie auch? Schon das wichtigste Ziel – die Beherrschung der deutschen Sprache – wird oft verfehlt. Viele finden keine Lehrstelle, sind frustriert, glauben, dass sie nicht dazugehören. Die Abendblatt-Autorinnen Miriam Opresnik und Özlem Topçu und der Fotograf Michael Rauhe haben vier Schüler der 9c, alle mit ausländischen Wurzeln, im Rahmen einer Kooperation mit dem NDR fast ein Jahr lang begleitet. Ein Besuch in einer anderen Welt – weit weg von der Mitte der Gesellschaft …

Barbara wird nicht hingehen. Noorziaa auch nicht. Sie werden keine Abschiedsfotos machen, keine Verabredungen für die Sommerferien treffen, keine Handynummern mit ihren Klassenkameraden austauschen.

Morgen, wenn ihre Klasse die Abschlussparty feiert, werden sie zu Hause bleiben. Weil sie nicht dazugehören. Noch nie dazugehört haben? Zur Klasse 9c der Hauptschule Langenhorn. Die anderen Schüler werden gegen 19 Uhr, nach der offiziellen Verabschiedung in der Schule, ins Vereinshaus des Niendorfer Turn- und Sportvereins gehen und feiern. 15 Euro hat jeder bezahlt. Es gibt Frikadellen, Bratkartoffeln und Salate, eine Käseplatte. Und Alkohol natürlich. Einige Schüler sind schon 16, die anderen werden eine schriftliche Erlaubnis ihrer Eltern in der Tasche haben. »Wir werden mit die ganze Klasse Party machen«, sagt Karol. Er wird zur Feier hingehen. Rudolf auch. Sie werden Bier trinken, tanzen, Spaß haben. Feiern. Ihren Hauptschulabschluss. Ein Abschluss, der kaum noch etwas wert ist. Abschluss einer längst gescheiterten Schulform.

Rund eine Million Jugendliche gehen heute in Deutschland auf die Hauptschule – das sind nur zehn Prozent aller Schüler. Vor 30 Jahren waren es noch 2,5 Millionen – mehr als jeder Vierte.

Lediglich 35,7 Prozent der Hauptschüler bekommen einen Ausbildungsplatz – laut Statistik. In der 9c sind es zwei Schüler. Zwei von 21. Karol und Rudolf haben keinen, Noorziaa und Barbara auch nicht.

Ole von Beusts Aktionsplan zur Integration

Schöne Aussicht 26, rechts der Feenteich, vorne die Außenalster. Das Gästehaus des Hamburger Senats. Die Queen hat hier schon übernachtet, der König von Jordanien auch. Bürgermeister Ole von Beust (CDU) hat am 5. April 2006 in die spätklassizistische Villa eingeladen. Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) ist da, Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) auch. Hubert Grimm, Geschäftsführer der Handelskammer, und sein Kollege von der Handwerkskammer, Frank Glücklich. Es sind die Spitzenvertreter von Industrie, Politik, Gewerkschaften und Arbeitsagentur. Sie alle sind hier, um einen Pakt zu schließen. Einen Ausbildungspakt. Einen »Aktionsplan zur Integration junger Migrantinnen und Migranten in Arbeit und Ausbildung«, wie es offiziell heißt. Schnell einigt man sich, innerhalb der nächsten zwei Jahre für 1.000 Jugendliche mit Migrationshintergrund Perspektiven in der Hamburger Arbeitswelt zu schaffen. Nach einem Jahr will man eine Zwischenbilanz ziehen. »Die beteiligten Unternehmen werden ihre Möglichkeiten ausschöpfen, um im Rahmen ihrer Ausbildungskapazitäten zusätzliche Ausbildungsplätze für junge Migrantinnen und Migranten bereitzustellen«, legen die 19 Teilnehmer schriftlich fest und unterschreiben das Papier. Die Presse macht Fotos.

Der Bürgermeister sagt: »Wir wollen, dass alle Hamburgerinnen und Hamburger die besten Möglichkeiten haben, in unserer Stadt etwas Positives aus ihrem Leben zu machen – ganz gleich, ob sie in Eilbek geboren sind, in Athen oder in Minsk. Die Alternative sind Entwicklungen wie die Unruhen in den französischen Vorstädten.«

Es ist der 5. April 2006.

Fast jeder zweite Jugendliche unter 18 Jahren in Hamburg ist Ausländer oder hat eine ausländische Herkunft.

Es sind Jugendliche, die fast viermal so oft wie deutsche Teenager die Schule ohne Abschluss verlassen. Jugendliche, die seltener einen Ausbildungsplatz bekommen. Die doppelt so häufig arbeitslos sind und die »von allem Positiven die Hälfte haben und von allem Negativen das Doppelte«, wie die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John es einmal formuliert hat.

Es sind Jugendliche wie Karol, Rudolf, Barbara und Noorziaa. Kinder von Spätaussiedlern, Einwanderern. Jugendliche »mit Migrationshintergrund«, wie es heute politisch korrekt heißt. Fremdarbeiter, Gastarbeiter, Ausländer – die Begriffe ändern sich wie die Mode, das Problem bleibt das Gleiche: Viele gehören nicht dazu.

Ihre Heimat: Polen, Chile, Afghanistan, Deutschland …

Rudolf (16) ist in Hamburg geboren, wohnt in Langenhorn, nur wenige Meter von der Schule entfernt. Seine Mutter Vaneidje (38) ist Brasilianerin mit holländischen Großeltern, sein Vater Heinz (53) Deutscher mit polnischen Wurzeln. Während eines Besuches in Deutschland hat Vaneidje Ende der Achtzigerjahre Heinz kennengelernt – und ihn geheiratet. Heute haben sie Krieg, sagt Rudolf. Polnisch spricht er nicht, Portugiesisch auch nicht. Seine Muttersprache ist Deutsch, seine Heimat Deutschland.

Barbara (17) kommt aus Chile, lebt seit drei Jahren in Deutschland, in Langenhorn, ein paar Kilometer von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt entfernt. Ihre Mutter Silvia (34) hat sich während eines Besuchs hier in Pedro (44) verliebt – und ist bei ihm geblieben. Bis heute. Er lebt seit 30 Jahren in Hamburg. Dem Pass nach ist er Chilene. »Doch ich fühle mich als Hamburger, als Deutscher «, sagt er. Er liebt Deutschland, schätzt die Arbeitsmoral, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit.

Barbara hasst Deutschland, verachtet die Respektlosigkeit der Jugendlichen gegenüber Erwachsenen, die Disziplinlosigkeit ihrer Mitschüler, die Unfreundlichkeit der Menschen. Sie fühlt sich fremd, hat Heimweh. Fast jeden Tag ruft sie ihre Großeltern an. Irgendwann will sie zurück zu ihnen. Zurück nach Chile.

Noorziaa (17) kommt aus Afghanistan, lebt seit mehr als drei Jahren bei ihrer Tante Aqila (33) und ihrem Onkel Omer (45) sowie ihren vier Cousins in Duvenstedt, neben dem Freibad. Dort war sie noch nie, schwimmen kann sie nicht. Die Familie ist vor neun Jahren vor den Taliban nach Deutschland geflohen. Drei der Cousins gehen auf das Gymnasium, Tante und Onkel haben einen Job und eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Noorziaa nicht. Sie ist »befristet«. Ihr Vater wurde im Bürgerkrieg getötet, die Mutter schickte Noorziaa allein nach Deutschland. Die älteste Tochter sollte nicht in einem Land bleiben, in dem Gewalt gegen Frauen und Zwangsheiraten zum Alltag gehören. Einmal im Monat ruft Noorziaa ihre Mutter an – für 4 Euro kann sie 14 Minuten lang telefonieren. »Ich habe solche Sehnsucht nach ihr«, sagt sie. In Deutschland fühlt sie sich fremd, hat kaum Freunde. Nur Barbara. Doch zurück nach Afghanistan will sie nicht. Nie. Dort hat sie viele Freunde. Aber keine Zukunft.

Karol (17) kommt aus Polen, lebt seit drei Jahren in Hamburg, in Eidelstedt, direkt an der S-Bahn. Wenn draußen ein Zug vorbeifährt, klappert drinnen leise das Geschirr. Sein Vater Adam (51), ein Spätaussiedler, ist kurz vor dem Fall der Mauer 1989 nach Deutschland gekommen. Damals seien die Menschen freundlich zu Ausländern gewesen, sagt er. Später habe sich das geändert. Später hat er seine Frau Teresa (53) und die Kinder nachgeholt. Die Eltern sind froh, in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Karol ist es nicht. Er vermisst Polen, fährt so oft wie möglich zu seinen Großeltern, seinen alten Freunden, nach Briesen, ein kleines Dorf, 125 Kilometer nordöstlich von Stettin. Elf bis zwölf Stunden dauert die Fahrt mit dem Bus. »Irgendwann werde ich für immer dahin zurückkehren «, sagt Karol. Dort sei seine Heimat. Dort will er sterben.

»Es wird eine der schwierigsten und komplexesten Reformaufgaben sein, die hier aufgewachsenen ausländischen Kinder voll in unsere eigene Gesellschaft zu integrieren«, hat Helmut Schmidt (SPD) einmal gesagt. Damals, am 27. Februar 1981. Damals lebten in Deutschland 4,6 Millionen Ausländer.

Heute zählen die Statistiker nicht mehr nur Ausländer, sondern »Menschen mit Migrationshintergrund«. Es geht nicht mehr nur um den Pass, den jemand hat. Es geht um die Herkunft. Und so zählt der bosnische Flüchtling genauso dazu wie der Spätaussiedler aus Kasachstan, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Denn Integrationsprobleme haben beide.

»Dieses Thema ist in Deutschland einfach über viele Jahre unter den Tisch gekehrt worden. Da hat man gesagt: Wir haben Gastarbeiter. Dann hat man immer so gelebt, als wären sie an irgendeinem Tag wieder weg. Das wird nicht stattfinden. Deshalb sind sie Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, denen wir die gleichen Chancen geben müssen«, sagt Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Es ist der 7. November 2006.

In Deutschland leben 15,3 Millionen Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund.

Freitag, 8.30 Uhr. Die Schüler der 9c haben »Arbeitslehre« bei Jens Ehlers (38). Er ist ihr Klassenlehrer, seit der 7. Klasse schon. Seitdem steht das Fach zur »Berufsorientierung« auf dem Stundenplan. Es geht um Berufsfindung und -erkundung, wirtschaftliche Zusammenhänge, den Unterschied zwischen Handel und Handwerk, zwischen Lohn und Gehalt. So steht es im Lehrplan. Doch zuerst einmal geht es um die Frage, wer den Tisch bemalt hat – und wer ihn wieder sauber machen muss. Während der Lehrer noch mit einigen Schülern diskutiert, machen andere bereits den Computer an, surfen im Internet oder spielen Mad Cars – ein Autorennen.

Nach einer Viertelstunde beginnen die ersten Schüler, die Arbeitszettel zu bearbeiten. Der Tisch ist immer noch dreckig. Die Aufgabe der Schüler: »Erstelle einen Steckbrief zu deinem Wunschberuf«. Die nötigen Informationen sollen sie sich von der Internetseite www.machs-richtig.de der Arbeitsagentur holen.

Barbara hat die Adresse Buchstabe für Buchstabe abgetippt und landet sofort auf der richtigen Seite. Andere sind schon daran gescheitert. Infos zu ihrem Wunschberuf »Stewardess« kann Barbara auf der Seite nicht finden – weil sie nicht weiß, wie man das Wort schreibt. »Probier es mal mit ,Flugbegleiterin’«, rät Lehrer Jens Ehlers. Doch unter dem Buchstaben »V« findet Barbara nichts. Unter »F« auch nicht. Weder Stewardess noch Flugbegleiterin ist ein Ausbildungsberuf. »Dann nehme ich eben meinen Zweitwunsch: Gastronomie«, sagt sie und tippt »Garstronomie« in die Suchmaske ein – und kommt erneut nicht weiter. Sie gibt auf.

Praktika haben ihnen nicht viel Praxis gebracht

Sie arbeitet stattdessen an ihrem Praktikumsbericht. Vor acht Wochen war sie im Wiener Café Wirth. »Winer« hat sie auf ihren Ordner geschrieben und das »e« vergessen. Viel steht noch nicht darin. »Ich musste viele Kalte und Warme Getränke machen, und ich musste auch in die Garten gehen und Eiscafe hinbringen ich war meine pause immer in die Küche und ich konnte auch essen ich musste Eiswürfel in die 3.schtock holen«, schreibt sie in den Bericht und erzählt, wie gut ihr das Praktikum gefallen hat.

Im Wiener Café Wirth kann man sich nicht an Barbara erinnern.

Karol und Rudolf spielen immer noch Mad Cars. Rudolf hat sein Praktikum bei Jungheinrich gemacht. Nicht, weil er Lust darauf hatte, sondern weil er sich bis zuletzt nicht um einen Platz gekümmert hat. Die Stelle hat ihm dann ein Bekannter seiner Mutter besorgt. Er habe zu viele andere Sachen im Kopf gehabt, sagt Rudolf und meint sein Hobby »Softair«, eine Variante von Gotcha. Dabei werden im Wald Kriegsgefechte simuliert – mit Schusswaffen und Plastikgeschossen. Meistens ist sein Bruder Andrion (18) mit dabei. Er ist Rudolfs Vorbild. Er war ein Jahr arbeitslos, geht jetzt auf die Berufsfachschule. Da will Rudolf nach der Hauptschule auch hin, dann zur Bundeswehr, als Pilot. »Bundeswehr ist wie eine Klassenreise«, glaubt er.

Karol will am liebsten Feuerwehrmann werden, »Menschen retten, Leben retten «. Damit er den Aufnahmetest schafft, trainiert er täglich. Nicht Mathe oder Deutsch, sondern seine Muskeln. Im Kellerverschlag der Familie hat er sich ein »Fitnessstudio« eingerichtet, auf sechs Quadratmetern. Mit Gewichten, einer Hantelbank. »Ich will fit sein, wenn es so weit ist«, sagt er. Sein Praktikum hat er nicht bei der Feuerwehr gemacht. Sondern in der Polnisch Katholischen Mission an der Großen Freiheit, wo er als Messdiener arbeitet. Dort kennt er die Arbeit. Dort schätzt man ihn.

Während die beiden Jungs immer noch Mad Cars spielen, quält sich Noorziaa mit ihrem Steckbrief. Ihren Wunschberuf »Apothekenhelferin« findet sie nicht. Der läuft unter dem Begriff »Pharmazeutisch-technische Assistentin«. Sie träumt davon, einen weißen Kittel zu tragen und anderen Menschen zu helfen. Ein bisschen so wie ihre Mutter, die Hebamme ist.

Doch das wird wohl nicht klappen. Glaubt Siegfried Wenzel, Inhaber der Apotheke Duvenstedt, wo Noorziaa ihr Praktikum gemacht hat. Ja, sie sei fleißig gewesen. Und aufgeschlossen. Und freundlich. Aber das reiche nicht, sagt der Apotheker. Ihre Sprachkenntnisse seien im Moment einfach noch zu schlecht.

 Die Sprache ist das größte Problem. Bei fast allen. Fast überall. In der Schule, der Freizeit. Selbst im Freundeskreis. »Ich habe fast nur Ausländer als Freunde. Die sprechen auch schlecht Deutsch – und lachen mich nicht aus, wenn ich Fehler mache«, sagt Karol. Die Deutschen lachen ständig.

Ein Jahr lang ist er in eine Vorbereitungsklasse gegangen, zusammen mit Noorziaa und Barbara. »Es war schrecklich«, sagt Noorziaa. Sie konnte nur Dari – eine in Afghanistan weit verbreitete Variante von Persisch. Der Lehrer konnte nur Deutsch. »Wir mussten uns mit Händen und Füßen verständigen«, sagt Noorziaa.

Fünf Stunden täglich hatten sie Deutschunterricht. Doch viel gelernt habe sie da nicht, sagt Barbara. »Außer dem Lehrer sprach ja niemand Deutsch. Es waren nur Ausländer in der Klasse. Von wem hätten wir es denn da lernen sollen?«

Für sie ist Sprache ein Symbol von Zusammengehörigkeit – und Fremdheit. Etwas, das sie beim Verwirklichen ihrer Träume behindert.

»Sprachdefizite bei Beginn der Schullaufbahn können nur schwer ausgeglichen werden – mit allen negativen Auswirkungen, die das auf die späteren Berufschancen hat«, hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gesagt. Das war am 29. Mai 2002. In Deutschland lebten 7,3 Millionen Ausländer.

Genitiv, Dativ? Offenbar noch nie davon gehört . . .

Gonda Schnell (61) ist die Deutschlehrerin der 9c. Sie ist eine gutmütige Frau, engagiert, seit 37 Jahren Lehrerin. Sie steht hinter ihrer Aufgabe, nicht aber hinter dem Schulsystem. »Die Probleme der Schüler sind so unterschiedlich und individuell, dass Schule ihnen in ihrer jetzigen Form nicht gerecht werden kann.« Karol, Barbara und Noorziaa haben seit einem Jahr einmal pro Woche nachmittags Förderunterricht, um wenigstens die größten Sprachdefizite zu beheben. »Wir hätten damit viel früher und intensiver anfangen müssen«, sagt Frau Schnell.

Eins stellt sie klar: Die deutschen Schüler in der Klasse sind kaum besser. »Die meisten können nicht mit dem Dativ umgehen, vom Genitiv haben sie noch nie etwas gehört.« Texte werden nicht verstanden, ganze Satzteile beim Sprechen weggelassen. Da wird gesagt »Ich gehe Wochenende Hochzeit« oder »Gehen wir heute Computerraum?« Sätze, die der Deutschlehrerin wehtun.

Heute stehen die verschiedenen Zeiten auf dem Stundenplan. Die Schüler sollen Verben konjugieren. Es ist eine Wiederholung des Lernstoffs, eine Vorbereitung auf die Abschlussprüfung. Die Zeitformen Präsens, Perfekt, Präteritum, Plusquamperfekt und Futur stehen mit jeweils einem Beispielsatz auf dem Aufgabenzettel – doch trotzdem kann fast kein Schüler die Aufgaben auch nur annähernd lösen.

Rudolf hat Probleme mit dem Präsens, schreibt statt »du trittst«, »du tretest«. Beim Präteritum hat er fast jede Aufgabe falsch gelöst. Er schreibt »er seht« statt »er sah«, »er esst« statt »er aß«. Zweimal in der Woche, dienstags und donnerstags, hat er Nachhilfe bei einer Privatlehrerin in Deutsch und Englisch. Doch das reicht nicht.

»So ist es keine ausreichende Leistung«, schreibt Frau Schnell auf seinen Aufgabenzettel – so wie bei 14 weiteren Schülern. Nicht ausreichend für die Hauptschule, nicht ausreichend für den Ausbildungsmarkt. Nicht ausreichend für das Leben.

»Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass 50 Prozent der Migrantenkinder am Ende der Pflichtschulzeit das Mindestniveau nicht erreichen, dass für eine Ausbildung notwendig ist.« Das hat Arbeitgeberpräsident Dieter Hund am 3. Juli 2006 gesagt. Jeder fünfte Bürger in Deutschland ist ausländischer Herkunft.

Zwölf Tage später sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel: »Nur wer eine gute Ausbildung hat, hat alle Chancen, in unsere Gesellschaft integriert zu sein.«

Die »Beratungs- und Koordinierungsstelle zur beruflichen Qualifizierung von jungen Migrantinnen und Migranten« (BQM) hat ihr Büro in der City Nord, Kapstadtring 10. Von ihrem Schreibtisch im zweiten Stock guckt Hülya Eralp (53) auf eine Filiale der Post. Sie mag die Post. Nicht die Filiale, sondern das Unternehmen. Weil es aufgeschlossen gegenüber ihren Vorschlägen ist. Gegenüber Migranten.

Interkulturelle Kompetenz bringt auch keinen Job

Hülya Eralp ist Referentin bei der BQM. Ihr Job ist es, die Unternehmen für die interkulturellen Kompetenzen von jungen Migranten zu sensibilisieren. Das heißt: Klinkenputzen im Sinne der Integration. Zwei Drittel ihrer Arbeitszeit ist sie in Unternehmen, trifft Geschäftsführer und Personalchefs. »Ich will sie überzeugen, nicht nur die Defizite der Jugendlichen ausländischer Herkunft zu sehen, sondern ihre Kompetenzen«, sagt Hülya Eralp.

Kurz: Sie tut das, was Bundeskanzler Helmut Kohl bereits Anfang der Neunzigerjahre angemahnt hat: »Bemühen Sie sich bitte besonders auch um die ausländischen Schulabgänger!«

Heute bemüht sich Hülya Eralp noch immer darum. Darum, dass die Firmen die »interkulturelle Kompetenz« der Jungendlichen sehen – und nutzen. Interkulturalität als Schlüssel zur Integration? Für Hülya Eralp ist es mehr: »Die Fähigkeit, sich in das Denken und Fühlen anderer Menschen hineinzuversetzen und einen Sachverhalt aus mehreren Perspektiven betrachten zu können«. Soziale Kompetenz nennen das Soziologen.

Sie will Chancengleichheit – aber nicht Gleichbehandlung. Das höre sich nach einem Widerspruch an, sei es aber nicht. Sie erzählt die Geschichte von zwei Bewerbern, die über eine 1,70 Meter hohe Mauer gucken sollen. Der eine ist 1,80 groß – der andere 1,60. »Ist doch logisch, dass der Kleine eine Leiter braucht.«

Eine Leiter, das ist für Frau Eralp der interkulturelle Einstellungstest. »Bei diesem Verfahren soll durch gezieltes Erfragen von Schlüsselqualifikationen eine Benachteiligung durch interkulturelle Unterschiede vermieden werden. Etwa Zwei- oder Mehrsprachigkeit.« Die sei für die internationale Ausrichtung der Unternehmen von großem Vorteil, glaubt sie. So weit die Theorie.

In der Praxis sieht es anders aus. In der Praxis ist bilinguale Kompetenz – das heißt die zusätzliche Beherrschung der Muttersprache – für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt eher irrelevant. Das hat die Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration herausgefunden.

In der Praxis interessiert es nur wenige Arbeitgeber, ob Noorziaa Persisch spricht, Karol Polnisch beherrscht oder sie über sonstige interkulturelle Fähigkeiten verfügen. »Für die Betriebe ist es unerlässlich, dass die Azubis die deutsche Sprache beherrschen und rechnen können. Das sind die Grundlagen, ohne die gar nichts geht«, sagt Dr. Uve Samuels (39), Geschäftsführer Bereich Berufsbildung der Handelskammer.

Barbara, Noorziaa und Karol haben eine ihrer Abschlussarbeiten trotzdem in ihrer Muttersprache gemacht. Statt in Englisch. Das spricht niemand von ihnen. Auch Barbara nicht, die Flugbegleiterin werden will, und nicht weiß, dass sie dafür perfekt Englisch können muss. Und Deutsch.

Im Unternehmen bleibt keine Zeit für Sentimentalitäten

Cord Wöhlke ist ein nüchterner, pragmatischer Mann. Ein Geschäftsmann. Er muss Shampoo, Spülmittel und Klopapier verkaufen. In 109 Filialen mit 1.300 Mitarbeitern. In einem Markt, der so umkämpft ist, dass man beim Einkauf in zehntel Cent rechnen muss. Sentimentalitäten kann sich das Unternehmen nicht leisten.

Cord Wöhlke ist Geschäftsführer der Iwan Budnikowsky GmbH. In diesem Jahr hat er 41 Auszubildende, jeder Dritte davon hat keine deutschen Wurzeln. In anderen Unternehmen ist es – rein statistisch gesehen – jeder Vierte. »Migranten haben viele Stärken«, sagt Wöhlke. »Sie sind belastbarer, freundlicher – und serviceorientierter.« Und, allen Studien zum Trotz: Wöhlke schätzt auch die Mehrsprachigkeit. »Es reicht schon, wenn ein Kunde im Geschäft in seiner Landessprache angesprochen wird. Das baut großes Vertrauen auf.«

Wöhlke ist Mitglied des Hamburger Integrationsbeirates. Alle drei Monate treffen sich die rund 50 Mitglieder und entwickeln Konzepte »für die Eingliederung von Zuwanderern«. Denn das friedliche Nebeneinander von Einheimischen und Zuwanderern reiche nicht. Das hat Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram gesagt, als der Beirat vor sechs Monaten ein neues Integrationskonzept beschlossen hat. »Integration ist dann gelungen, wenn die Zuwanderer gleichberechtigt am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben teilhaben.«

Es ist der 19. Dezember 2006. Rund ein Viertel der Bevölkerung in Hamburg hat Migrationshintergrund.

Statt Entscheidungen gibt es nur Ratschläge

Wolfgang Wietbrok kennt Wöhlke. Auch er ist im Integrationsbeirat. Zwei Stunden dauern die Sitzungen, von 19 bis 21 Uhr. Dann reden die Mitglieder über Sprachförderung, Ausbildung von Migranten und »qualifizierte Zuwanderung«. Es gibt Arbeitsgruppen, Gespräche, Empfehlungen. Entscheiden können sie nichts, nur Ratschläge geben.

Das ist ungewohnt für Wietbrok. Er ist ein Macher, Personalchef bei der Norddeutschen Affi, Europas größtem Kupferhersteller mit einem Jahresumsatz von 5,8 Milliarden Euro und 3.200 Mitarbeitern, 2.000 davon in Hamburg. Rund 30 Prozent der Auszubildenden haben Migrationshintergrund. »Unser Unternehmen hat jahrelang von Gastarbeitern profitiert. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber diesen Menschen und ihren Kindern«, sagt Wietbrok. Dankbarkeit also? Nicht nur. »Wir brauchen Nachwuchs. Dringend. In ein paar Jahren wird es in Deutschland zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte geben.«

Szenenwechsel: Caffamacherreihe 1, Neustadt. In der Axel-Springer-Passage ist ein Podium aufgebaut. Ole von Beust ist da, Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig und Affi-Chef Werner Marnette. Außerdem ein paar Lehrer und Schüler. Sie sprechen über Ausbildungschancen von Migranten, werben für den Aktionsplan des Senats. Marnette bietet spontan zwei zusätzliche Lehrstellen an. Fatih (14) und Lukasz (15) (Namen geändert) greifen sofort zu. Ihre Namen werden notiert, die Gespräche folgen.

Schnell stellt sich heraus: Die beiden sind noch nicht »ausbildungsreif«, wie es heißt. Bedeutet: Sie scheitern schon im Aufnahmetest der Affi. Im Matheteil und bei den Wissensfragen. Welche Aufgaben da gestellt werden? Addiere drei Fünftel zu sieben Drittel, beantworte folgende Frage: Wenn 2 Bleistifte 50 Cent kosten, wie viel Bleistifte kann man für 5 Euro kaufen? Es ist ein Multiple-Choice-Test. Fünf Lösungen werden angeboten. Beide Bewerber entscheiden sich meist für die falsche.

Die Affi schickt sie trotzdem nicht weg, bietet ihnen eine einjährige Einstiegsqualifizierung an. Wenn sie sich bewähren, bekommen sie am Ende der Zeit doch noch eine Lehrstelle.

192 Euro im Monat? Zu wenig für viele

Rund 1.000 solcher Plätze gibt es in Hamburger Unternehmen. Zwei Drittel der Stellen bleiben jedes Jahr unbesetzt. Karol hat noch nie etwas davon gehört.

Die meisten, denen Praktikumsvermittler Jesco Stahlmann von der Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft davon erzählt, haben keine Lust. »Oder die Bezahlung ist ihnen zu schlecht«, sagt Stahlmann. Es gibt 192 Euro im Monat.

Noorziaa, Barbara, Karol und Rudolf haben sich bisher noch nicht beworben. Nicht für eine Ausbildung in der Apotheke, bei der Bundeswehr, der Feuerwehr. Nur für die Berufsfachschule. Sie wollen nach der neunten Klasse noch keine Lehre machen, weiter zur Schule gehen. So wie 14 andere Schüler aus der Klasse. Weil es bequemer ist, einfacher. Sagt Klassenlehrer Jens Ehlers. Immer wieder hat er den Schülern geraten, lieber eine Ausbildungsstelle zu suchen, eine Lehre zu machen. Vergeblich. »Der Schritt in die Arbeitswelt ist vielen Jugendlichen in dem Alter noch zu groß. Die bekannten Abläufe der Schule geben ihnen Sicherheit«, sagt Ehlers. Noorziaa sagt etwas anderes: »Das ist wie ein Realschulabschluss. Damit habe ich viel bessere Chancen.« Glaubt sie.

Doch noch nicht einmal 40 Prozent schaffen danach laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung den Übergang in eine reguläre Berufsbildung. Berufsfachschule, Berufsvorbereitungsjahr – oft Warteschleifen auf dem Weg ins berufliche Nichts?

Hamburgs Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig hat jüngst sogar angekündigt, die jetzige Berufsvorbereitung ganz abzuschaffen. »Das ganze System ist reformbedürftig, weil es zu statisch und zu wenig individuell arbeitet. Jahrelang wurden alle Jugendlichen in ein Raster gezwängt. Heute wissen wir, dass das falsch war.«

Wenn man so will, hat die Senatorin selbst Migrationshintergrund. Ihre Familie väterlicherseits kommt aus dem schlesischen Langenbielau (dem heutigen Bielawa in Polen), hatte dort einst das größte Textilunternehmen von Kontinental-Europa. Ihre Mutter war als gebürtige Pragerin tschechischer Herkunft, ihr Vater stammt aus Berlin. »Mir ist erst später bewusst geworden, dass es einen Unterschied zwischen mir und den anderen Kinder gibt«, sagt sie. Zwischen ihr und den Kindern mit beidseitig deutschen Elternteilen. Zwischen ihr und den Kindern der türkischen Gastarbeiter, die in der Fabrik der Eltern in Augsburg beschäftigt waren. »Die türkischen Arbeiter meines Vaters waren seine treuesten Mitarbeiter«, sagt Alexandra Dinges-Dierig. Der Umgang sei vollkommen normal gewesen, Kontakt zu den türkischen Kindern habe sie wenig gehabt. Es sei mehr ein Neben- als ein Miteinander gewesen.

Auch auf dem Schulhof – Angst vor Zuwanderung?

Genau das, was auch der frühere Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) bemängelt hat. »Leider müssen wir feststellen, dass bei uns immer noch zu wenig für ihre gesellschaftliche Eingliederung getan wird. Häufig leben die ausländischen Arbeitnehmer und ihre Familien isoliert mehr neben als unter uns, und in aller Regel haben ihre Kinder nicht die angemessenen Bildungschancen. (…) Damit sich die ausländischen Arbeitnehmer hier wirklich heimisch fühlen können, bedarf es der Hilfsbereitschaft und des Verständnisses aller Arbeitnehmer.«

Es ist der 21. März 1972, als Willy Brandt das vor der Belegschaftsversammlung der Bayerischen Motorenwerke sagt. Damals lebten in Deutschland 3,5 Millionen Ausländer.

Fast 30 Jahre später wird man erkennen, dass Integration nicht nur eine Frage von Anstand, sondern auch von Wirtschaftlichkeit ist. Fast 30 Jahre später sagt Brandts Nachfolger, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD): »Es ist eben nicht nur eine moralische Frage, ob wir bereit sind, mit Angehörigen anderer Kulturen, anderer Nationen, mit Menschen anderer Hautfarbe und anderer Religion zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben. Sondern es liegt auch in unserem ganz nüchternen ökonomischen Interesse. Beides gehört zusammen, es lässt sich nicht voneinander trennen.« Es ist der 23. November 2000. In Deutschland leben 7,3 Millionen Ausländer.

Moralisch oder ökonomisch? Barbara, Noorziaa und Karol haben überhaupt nicht das Gefühl, aufgenommen worden zu sein. »Hier wirst du nur danach bewertet, welche Jeans du anhast. Ob du die ,richtige’ Marke trägst«, sagt Barbara. Die richtige ist eine von G-Star. So eine, wie sie Rudolf trägt. Barbara trägt die falsche Marke. Das merkt sie an den Blicken der anderen. »Die gucken immer so komisch«, sagt sie und meint: abschätzend, arrogant. Und manchmal sieht sie noch etwas anderes in den Blicken: Angst. Angst vor Zuwanderern.

Nach der jüngsten Shell-Jugendstudie haben junge Menschen in Deutschland derzeit vor allem Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut – und vor Zuwanderung nach Deutschland. 58 Prozent sprechen sich dafür aus, in Zukunft weniger Zuwanderer aufzunehmen als bisher. 2002 waren es 48 Prozent. 2002 hatten die Jugendlichen am meisten Angst vor Terroranschlägen.

Unliebsame Konkurrenz auf dem Jobmarkt

Und: Je weniger Geld jemand hat, umso weniger Migranten wollen sie in Deutschland haben. Viele sehen in ihnen unliebsame Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Die einen haben es schwer – die anderen noch viel schwerer.

Chancengleichheit gibt es nicht. So steht es im Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz der Länder. Kinder mit Migrationshintergrund kommen später in die Schule. Sie besuchen doppelt so häufig wie Deutsche eine Haupt- oder Sonderschule. Sie bekommen bei gleichen Leistungen schlechtere Noten.

Das hat auch Vernor Munoz, Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung der UN, festgestellt und angemahnt: »Solange Bildung nicht als ein Menschenrecht betrachtet wird, das jedem Kind garantiert werden muss, wird es schwierig sein, den spezifischen Bedürfnissen deutscher Schüler Rechnung zu tragen, deren Eltern oder Großeltern aus anderen Ländern nach Deutschland kamen.«

Es ist März 2007. In Hamburg verlässt jeder zehnte Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Mehr als 50 Prozent davon sind Migranten.

Es ist das Europäische Jahr der Chancengleichheit für alle und das letzte Schuljahr der Klasse 9c. Es sind noch wenige Wochen bis zum Abschluss. Einen Ausbildungsplatz hat noch niemand.

Tevfik Kirmaci (47) steht auf dem Pausenhof der Schule Langenhorn, dreht sich eine Zigarette. Er hat noch ein paar Minuten, bis er in die 9c muss. Er will die Schüler überzeugen, eine Ausbildung zu machen, und sie an Firmen vermitteln.

Kirmaci trägt Jeans und eine Wollmütze. Es ist kalt draußen, Kirmaci friert. Er kommt aus der türkischen Stadt Canakkale, ist Leiter von »Hanseaten bilden aus« – einem Projekt der Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung, zu der auch die BQM gehört. Kirmaci und Eralp haben ihre Büros im selben Haus, im selben Stockwerk. Wollen das Gleiche: bessere Chancen für Migranten. »Die BQM macht die Vorarbeit und sensibilisiert die Unternehmen. Wir akquirieren Ausbildungsplätze und suchen die geeigneten Bewerber dafür«, sagt Kirmaci zu Lehrer Jens Ehlers.

Die Beratung kommt bei den Jugendlichen nicht an

Zu den Schülern sagt er: »Ihr sucht einen Ausbildungsplatz – wir haben die freien Stellen.« Noch weiß er nicht, dass fast niemand Interesse an einer dualen Ausbildung hat, fast alle weiter zur Schule gehen wollen. Das erfährt er erst, als er die Schüler fragt: »Wer von euch war schon einmal beim Arbeitsamt?«

Keiner hebt die Hand. Nur Noorziaa sagt, dass sie pharmazeutisch-technische Assistentin werden will – und deswegen weiter zur Schule geht. Als Kirmaci fragt, welche Zensur sie in Chemie habe, guckt sie verwundert. »Chemie? Ich habe kein Chemie.« Kirmaci fragt weiter: Welche Noten sie in Physik habe, in Mathe. Dann fasst er zusammen: »Das wird schwer. Ich rate dir zu einer Ausbildung als pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte.« Das will Noorziaa nicht.

Kirmaci kennt das Problem: Viele jugendliche Migranten haben unrealistische Vorstellungen. »Das Ziel muss aber sein, überhaupt eine Ausbildung zu bekommen und abzuschließen – vielleicht nicht im Traumberuf, aber auf dem Weg dorthin«, sagt Kirmaci, selbst Diplom-Geologe, und rät Noorziaa eindringlich, zu ihm in die Beratung zu kommen.

Noorziaa wird nicht hingehen.

Die Beratung kommt nicht an. Nicht bei Noorziaa, nicht bei Barbara. Bei kaum einem Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Das hat eine Untersuchung der Migrationsforscherin Professor Ursula Boos-Nünning ergeben. Ihr Fazit: Es gibt eine Diskrepanz zwischen Beratungsangebot und Beratungsbedürfnis. Soll heißen: Statt zum Arbeitsamt zu gehen, nutzen Jugendliche ausländischer Herkunft oftmals eher Beziehungen und Kontakte – so wie es in ihren Herkunftsländern üblich ist. Rudolf hat das Praktikum durch einen Bekannten bekommen, Noorziaa auch. Sie haben viele Kontakte, zu »ihren Leuten«. Zu Deutschen kaum. Sie bleiben lieber unter sich.

»Wir haben lange die Augen verschlossen«

Bekannt ist das Problem schon lange, sehen wollte es niemand. »Wir haben zu lange die Augen verschlossen – verschlossen vor den Abschottungstendenzen in unseren Städten, verschlossen vor den Unterschieden zwischen den Kulturen und vor den Integrationsproblemen an unseren Schulen. Gerade dort aber entscheidet sich, ob Integration gelingt«, sagt Deutschlands einziger Integrationsminister Armin Laschet aus Nordrhein-Westfalen (CDU).

Karol zählt die Tage bis zu den Ferien, wenn er wieder nach Polen fährt. Und er zählt die Stunden bis Sonntag, wenn er wieder nach St. Pauli fährt. Dort sind seine Freunde. Dort lacht niemand über ihn. In der Polnisch Katholischen Mission an der Großen Freiheit. Dort interessiert sich niemand für Jeansmarken. Hier trägt Karol einen Talar, ist Messdiener. »Das mache ich, seit ich sieben bin. Zuerst in Polen, jetzt hier. Das ist wie ein Stück Heimat«, sagt Karol.

»Kirche leistet einen wichtigen Beitrag zur Integration, weil die Menschen in einer fremdsprachigen Umgebung dort einen Ort der Beheimatung finden. Hier fühlen sie sich zu Hause, wenn sie in ihrer Muttersprache beten und singen«, sagt Hamburgs Erzbischof Werner Thissen. Am 29. Mai 2007. In Deutschland leben 25,87 Millionen Katholiken, 25,38 Millionen Protestanten, 3,3 Millionen Moslems und 107.800 Juden.

Karol ist Katholik. In seinem Zimmer hängen Fotos von Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI., schräg gegenüber ein Poster vom HSV. Er bewundert die Fußballer, den Papst auch. »Früher wollte ich Priester werden.« Heute will er kein Priester mehr werden, wegen des Zölibats. Heute will er lieber heiraten. Eine Freundin hat er nicht, eine deutsche Freundin will er nicht. »Sie muss Polin sein«, sagt er. Warum keine Deutsche? Die seien – »äh . . .« Er druckst.  Schlampen? Er antwortet nicht.

Das Ziel des Aktionsplans ist erreicht, oder?

Schöne Aussicht 26, rechts der Feeinteich, vorne die Außenalster. Das Gästehaus des Hamburger Senats. Es ist der 31. Mai 2007. Ole von Beust hat zur Zwischenbilanz seines Aktionsplans geladen. Wolfgang Wietbrok ist da, Cord Wöhlke auch. Frau Eralp von der BQM ist gekommen, ihr Kollege Tevfik Kirmaci nicht. Es gibt Kaffee und Kekse. Und eine gute Nachricht, sagt der Bürgermeister. »Das Ziel ist erreicht.« Innerhalb von einem Jahr habe man 1.000 Migranten in Arbeit und Ausbildung integriert – statt wie geplant in zwei Jahren.

340 betriebliche Plätze hat die Wirtschaft neu geschaffen. Für 372 Jugendliche ausländischer Herkunft wurden außerbetriebliche Ausbildungsplätze bei Trägern eingerichtet, deren Kosten der Senat trägt. 276 betriebliche Ausbildungs- und Arbeitsplätze wurden zusätzlich mit Migranten besetzt. Macht zusammen fast 1.000. Nächstes Jahr sollen es zusammen 2.000 werden.

Davon weiß Barbara nichts. Sie wird nicht hingehen, Noorziaa auch nicht. Morgen, wenn ihre Klasse die Abschlussparty feiert, werden sie zu Hause bleiben. Sie werden mit ihren Familien feiern. Barbaras Eltern haben eine Überraschung für sie geplant. Sie sind stolz auf Barbara, sie selbst ist es auch. »Ich hätte nie gedacht, dass ich es schaffe«, sagt sie und hat bereits neue Pläne. Nein, nicht als Flugbegleiterin. Auf den Job hat sie keine Lust mehr. »Wegen ihres Freundes«, glaubt ihr Vater Pedro. Er mag Barbaras Freund. Der Junge ist Chilene.

Beim Arbeitsamt treffen sie sich vielleicht wieder

Jetzt will Barbara Apothekerin werden, so wie Noorziaa, sagt sie – und meint: pharmazeutisch-technische Assistentin. Nach den Ferien wollen sie zusammen die Berufsfachschule Gesundheit besuchen. In eine neue Klasse gehen, neue Mitschüler haben. Noch einmal neu anfangen. Und endlich vielleicht dazugehören?

Karol will auf die Berufsfachschule für Elektronik- und Informationstechnik gehen, Rudolf auf die Berufsfachschule Wirtschaft und Verwaltung. Er ist froh, dass die Hauptschule vorbei ist. Die anderen nerven ihn. Auch Noorziaa und Barbara.

Zwei Jahre werden sie jetzt getrennte Wege gehen. Jeder von ihnen wird versuchen, einen guten Abschluss zu machen, eine Lehrstelle in seinem Traumjob zu finden. Wenn das nicht klappt, werden sie sich vielleicht wiedersehen.

Auf dem Arbeitsamt?

Lehrstunde

9.14 Uhr: Vor der Klassentür der 9c stehen sechs Schüler und warten auf das Ende der Stunde. Drinnen wird Mathe unterrichtet, seit fast 45 Minuten. Doch davon bekommen die Schüler nichts mit. Sie sind zu spät gekommen und müssen vor der Tür auf das Ende der Stunde warten. Zwei Jungs nennen den Lehrer »einen Kiffer«, die Mädchen reden über die bevorstehende Mathearbeit am nächsten Tag. Was das Thema ist? »Keine Ahnung.«

9.15 Uhr: Mathe ist zu Ende, Englisch beginnt – mit minutenlangen Ermahnungen. »Nimm die Mütze ab«, »Füße vom Tisch« und immer wieder »Hört auf zu reden.« Für die anstehende Abschlussprüfung sollen die Zeiten »Simple Present« und »Present Progressive« wiederholt werden. Wie die Zeiten gebildet werden, weiß nahezu keiner. Es ist Stoff der fünften Klasse. Karol macht seine Mathehausaufgaben, bemüht sich nicht einmal, den Taschenrechner zu verstecken.

9.27 Uhr: Der erste Schüler wird aus dem Klassenzimmer verwiesen, sechs Minuten später die nächsten beiden.

9.35 Uhr: Die Lehrerin verteilt Arbeitsblätter. Nach einem kurzen Blick auf den Zettel wendet sich Karol wieder seinem Taschenrechner zu. »Hast du Englisch jetzt endgültig aufgegeben?«, fragt Frau Maack. »Ja«, sagt Karol, ohne aufzublicken.

9.41 Uhr: Zwei Schüler bewerfen sich mit Papierkugeln, beginnen plötzlich eine Schlägerei. Ein Stuhl fällt um. Die Lehrerin reagiert nicht. Sie kontrolliert die Hausaufgaben. 15 von 20 Schülern haben die Aufgaben nicht gemacht.

9.46 Uhr: In der letzten Reihe stehen unvermittelt die beiden Schüler Frank* und David* auf, ziehen ihre Jacken an, packen ihre Taschen und verlassen ohne eine Erklärung das Klassenzimmer. Sie kommen nicht zurück. Der Unterricht dauert noch 14 Minuten.

9.50 Uhr: Von draußen wird gegen die Tür getreten, Rufe sind zu hören. »Fick mich«, schreit eine Schülerin in der Klasse und wirft eine Papierkugel gegen die Tür. Niemand arbeitet mehr.

9.58 Uhr: Die Lehrerin beendet den Unterricht. »Den normalen Irrsinn«, wie sie es nennt. »Ich bekomme hier keinen Fuß auf die Erde, höchstens einen Zeh.«

10.30 Uhr: Die große Pause ist zu Ende, der Englischunterricht geht weiter. Nur fünf Schüler sind im Klassenzimmer. Es dauert zwölf Minuten, bis alle eingetroffen sind. Auch David* und Frank* sind wieder da. Warum sie vorhin abgehauen sind? »Mussten uns abreagieren«, sagen sie. Wovon abreagieren? »Von der Frau. Die regt mich auf!«, sagt Frank. Er meint seine Lehrerin.

10.31 Uhr: Karol zählt die Tage bis zu den Ferien. »Dann fahre ich wieder nach Polen«, sagt er. An Englisch denkt er nicht.

10.45 Uhr: Die Schüler sollen eine Aufgabe von der Tafel abschreiben. Die meisten haben ihre Englisch-Hefte nicht mit, reißen Zettel aus anderen Heften heraus.

11.05 Uhr: Roberto* fragt, ob er früher gehen kann. Seine Erklärung: »Der Techniker kommt, und meine Mutter kann kaum Deutsch. Ich muss den Übersetzer machen.«

11.20 Uhr: Beginn der Deutschstunde. Matthias* kokelt an seiner Jacke. Doch Gonda Schnell, die Deutschlehrerin, reagiert weder auf den Gestank noch auf den Lärm. »Ihr habt noch 48 Tage bis zur Abschlussarbeit. Nutzt die Zeit«, sagt sie. Doch die meisten haben keine Lust, machen einfach nicht mit. Totalverweigerer nennen die Lehrer sie.

11.35 Uhr: Frau Schnell spricht einzelne Schüler auf ihr Fehlen am Vortag an, auch Frank. Er reagiert aggressiv: »Na und? Ist das ein Verbrechen?« Frau Schnell versucht zu beschwichtigen: »Ich will doch nur, dass du deine Chance nutzt.« Daraufhin steht Frank wortlos auf und schlägt seinem Mitschüler in den Nacken.

11.45 Uhr: Das erste Mal an diesem Tag ist es fast ruhig. Sogar Frank und Matthias arbeiten mit. Scheinbar. Matthias schreibt die Lösungen aus einem Buch ab. Noorziaa und Barbara quälen sich durch die Aufgaben. Das meiste verstehen sie nicht. »Aber sie geben sich Mühe«, sagt Frau Schnell.

12.50 Uhr: Nach der Mittagspause haben die Schüler Geschichte bei Jens Ehlers. Frank und Matthias stören immer wieder, sollen die Klasse verlassen. »Nehmt euren Müll mit und geht raus«, ordnet Jens Ehlers an. Doch die beiden weigern sich, den Müll vom Boden aufzuheben. Als Ehlers seine Aufforderung wiederholt, brüllt Matthias: »Sie können uns mal.« Den Müll nehmen sie mit. Frank sagt beim Hinausgehen: »Ich scheiß auf euch. Scheiß Lehrer.«

*Namen geändert

HAMBURGER ABENDBLATT

Nr. 146 vom 26. Juni 2007

Bewertung der Jury

Miriam Opresnik und Özlem Topçu erhalten den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2008 in der Kategorie »Lokales« für den Beitrag »Hauptschüler und Migrant – und welche Chancen hast du dann?«, erschienen im Hamburger Abendblatt am 26. Juni 2007.

Welch ein journalistischer Marathonlauf! Ein Jahr lang die Begleitung von Hauptschülern, die vor ihrem Berufseinstieg voller Träume, Hoffnung und Wünsche sind. Und dann feststellen müssen: sie sind Hauptschüler und Migranten. Ein Jahr lang Recherche im Unterricht, zu Hause, bei Lehrern, Eltern, Experten über ein Problem mit sozialpolitischem Sprengstoff. Miriam Opresnik und Özlem Topçu von der Lokalredaktion des Hamburger Abendblatt haben ihre Idee mit ungewöhnlicher Hartnäckigkeit verfolgt – die Zeitung hat dem Thema ungewöhnlich breiten Raum gegeben. Die Autorinnen verstehen es, diesen Raum journalistisch hervorragend zu füllen und die präzise Beobachtung der Einzelschicksale in plastische und zugleich nüchterne Sprache umzusetzen. Hier lebt das Wort so eindringlich, dass der Leser gefangen wird, beteiligt wird und beginnt, sich Gedanken über seine Mitmenschen zu machen. Miriam Opresnik und Özlem Topçu ist ein journalistisches Lehrstück gelungen.

Kurzbiographien

Miriam Opresnik

Geboren am 14. Juli 1974 in Kamp-Linfort.

Nach dem Abitur in Norderstedt von 1994 bis 2001 Lehramtsstudium in den Fächern Sport und Deutsch an der Universität Hamburg. Abschluss: Staatsexamen.

2001 bis 2002 Volontariat bei den Harburger Anzeigen und Nachrichten, Hamburg. Danach bis 2005 freie Mitarbeit bei den Harbuger Anzeigen und Nachrichten, beim Hamburger Abendblatt und für Frauen- und Familienzeitschriften. Seit Oktober 2005 Redakteurin beim Hamburger Abendblatt; dort inzwischen als Chefreporterin mit Schwerpunkt für sozialkritische Berichterstattung tätig.

Miriam Opresnik wurde vielfach ausgezeichnet; u.a. mit Medienpreis der Theodor-Springmann-Stiftung (2007), dem Serienpreis der Robert-Bosch-Stitung (2006), dem Journalistenpreis des Unionhilfswerks (2006), dem World Vision Journalistenpreis »Zukunft für Kinder« (2006). Mit Özlem Topçu erhielt sie 2008 zwei weitere Würdigungen: vom Journalistinnenbund sowie vom Axel-Springer-Preis für junge Journalisten.

Özlem Topçu

Geboren am 12. Februar 1977 in Flensburg.

Nach dem Abitur von 1996 bis 2004 Studium der Islam-, Politik- und Medienwissenschaft in Hamburg und Kiel. Abschluss: Magister Artium

Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin und freie Mitarbeiterin bei der Deutschen Welle, Köln, sowie bei den Harburger Anzeigen und Nachrichten, Hamburg, und beim Online-Dienst der Zeitschrift Stern. 2005 bis 2006 Volontariat bei der Journalistenschule Axel-Springer. Seit Anfang 2007 als freie Journalistin in Hamburg tätig.

2008 mit Miriam Opresnik vom Journalistinnenbund sowie vom Axel-Springer-Preis für junge Journalisten gewürdigt.