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Prämierter Text

Saufkundschaft

Von Mark-Joachim Obert

An einem dieser Morgen, deretwegen man nie im Leben Postbote werden wollte, stand Hugo längst schon wieder unter seiner Laterne. Die paar Frühschichtler unserer Straße streckten sich die Ermattung aus den Gliedern, hier und da hustete jemand in die Dunkelheit, sich duckend vor den Regensalven. Die Autos zogen Wellen mit sich, manche ergoss sich über Hugos Schuhen. Er regte sich nicht.

Wie jeden Morgen hatte er schon eine gute Stunde zuvor im Fenster des zweiten Stockwerks im Haus gegenüber gewartet, von wo aus er die Laterne fixiert hatte, lange bevor die erste Straßenbahn quietschend um die Ecke gebogen war. Als er sie gehört hatte, hatte er sich weit hinaus gelehnt und Ausschau gehalten nach den Scheinwerfern des kleinen Transporters, der bald darauf von oben die Straße hinunter gekommen war. Noch bevor der Fahrer den Motor abgestellt hatte, hatte Hugo das Fenster geschlossen, das Licht gelöscht und sich auf den Weg nach unten begeben.

Dort stieg Rolf aus dem Transporter, ein hagerer Mann in Lederjacke, die Schirmmütze tief über die Augenbrauen gezogen. Wie er das Gitter vor seiner Trinkhalle hoch ließ, wandte er sich über die Schulter nach dem Haus zu, aus dessen Tür nun Hugo trat, gebückt, das Kinn in den Kunstpelz des Mantelkragens gedrückt, die Hände in den Taschen vergraben. Auf den Kunststoffsohlen seiner Halbschuhe kam er nur mühsam voran, seine Beine wackelten wie die eines Seiltänzers.

Keine 30 Meter waren es von seiner Haustür über die Straße zur Trinkhalle, doch brauchte er auch an schönen Sommermorgen lange genug, damit Rolf in aller Ruhe nach hinten in das kleine Lager gehen konnte, um eine warme Flasche Bier zu holen, nach der sich, kaum in Reichweite des Zeitungsbretts angelangt, Hugo gierig streckte.

»Irgendwann legt’s dich hin«, sagte Rolf und reichte Hugo das Bier nach draußen. »Hm«, schnaufte Hugo, setzte die Flasche an, warf den Kopf in den Nacken. Als betete er, verklärte sich sein Blick in den aufgerissenen Augen, Bier rann über seine Bartstoppeln und glitzerte unter dem kalten Licht der Laterne im Kunstpelz. Sein leises Wimmern steigerte sich in ein Grunzen, bis Hugo die Flasche von sich stieß und nach Luft biss wie ein gehetzter Hund.

»Langsam Hugo«, sagte Rolf und stellte, nicht ohne den Kopf zu schütteln, das zweite Bier zwischen die Zeitungspakete, die er inzwischen auf das Bord gewuchtet hatte.

Fünf-, sechsmal wiederholte sich das. Sie redeten niemals dabei, weil Rolf bald die paar Frühschichtler mit Zeitungen und Kippen versorgen musste und Hugo mit einem kurzen Rucken des Kopfes bedeutete, er möge sich zu seiner Laterne trollen. Nur der dicke Norbert hatte manchmal ein kurzes »Moin Hugo« übrig, kippte rasch seine beiden Klaren hinunter und verabschiedete sich mit einem gebrummelten »Jo« bis zum Feierabend.

So stand Hugo denn allein unter seiner Laterne. Stets fiel ihm der Kopf irgendwann wie eine untragbare Last mal nach vorne, mal nach hinten, trübte Tränenflüssigkeit die Augen, bildete sich eine dünne Salzkruste zwischen den blauen Äderchen auf den tiefroten Wangen, mahlten die Backenzähne unermüdlich auf der Zunge. Und wenn sich Hugo seitlich auf den Abfallbehälter sinken ließ und die Lider halb schloss, weil der anbrechende Tag ihn blendete, ermahnte ihn Rolf, er, Hugo, möge sich wenigstens einmal hinlegen, und sei es nur für ein Viertelstündchen. Folgsam kramte Hugo dann fünf Euro aus der Hosentasche, drückte Rolf den zerknüllten Schein in die Hand und wankte so, wie er gekommen war, die Straße hinüber, begleitet von den Blicken Rolfs. »Der legt sich ja doch nicht ins Bett.« Kurz darauf ging im zweiten Stock das Licht an, und Hugos Gesicht erschien hinter dem Fenster, bleich und starr.

»Armer Teufel«, sagte Rolf nicht nur in diesen Momenten, »aber da kann man nichts mehr machen.«

Hugo war verheiratet gewesen. Mehr als 20 Jahre musste das her gewesen sein, vermutete Rolf. Seither bewohnte Hugo zwei Zimmer im Sozialblock auf der anderen Straßenseite. Anfangs verdiente er sich noch ein bisschen Schwarzgeld, schrubbte Toiletten, putzte Fenster in Kneipen. Als ihn keiner mehr wollte, vermittelte ihm Rolf einen kleinen Bezirk zum Anzeigenblättchen austragen. »Genau das Richtige für einen, der ohnehin nie schläft«, fand Rolf. Hugo aber schlief, kopfüber auf den Zeitungsstapeln in seinem Handkarren. Am Rande eines Parks fanden sie ihn mit einer leeren Wodkaflasche in der Manteltasche. Seither lebte er einzig von Stütze.

Rolf trug nebenher auch Zeitungen aus. Um drei aufstehen, Runde machen, zwischendurch Ware abholen, um sechs die Trinkhalle öffnen, den Frühverkehr abwickeln, wie Rolf es nannte. »Morgenstund hat Gold im Mund«, hatte der Vorbesitzer gesagt. Klar, der Laden erlaube keine großen Sprünge, aber der Berufsverkehr und ein halbes Dutzend trinkfester Stammkunden ernährten ihren Mann. »Lauf- und Saufkundschaft – harrharr.« Rolf schlug ein.

Mehr als zehn Jahre lang hatte er davor die Filialen einer Großmetzgerei beliefert, immer pünktlich, nie hatte jemand Grund zum Klagen gehabt. Aus dem Tiefschlaf heraus in die Arbeit zu springen, hatte er von Kindesbeinen an gelernt. Der Vater hatte einen Bauernhof im Ostfriesischen betrieben, und Rolf hatte lange vor der ersten Schulstunde im Stall und in der Scheune mitanpacken müssen. »Eine Mönchsruhe reicht mir, vier Stunden«, sagte er oft. Ein einziges Mal nur, das schwor er immer, wenn er davon erzählte, war er angetrunken in der Großmetzgerei erschienen. Der Vorgesetzte tobte: »Es geht nicht mehr.«

»Warum?«

»Weil du säufst.«

»Ich saufe nicht.«

»Guck doch in den Spiegel, Mann.«

Sein dünnes Haar war grau geworden, vom Nikotin vergilbte Strähnen hingen wie klebrige Spagetti über schattigen Augenhöhlen, in denen müde Pupillen schwammen. Furchen durchzogen seine eingefallenen Wangen. Der flaschendünne Hals lag in Falten wie bei einer Schildkröte. Die lilafarbene Nase glich einer Petersilienwurzel, in weiten Lücken verloren sich Zähne wie morsche Pflöcke.

»Ich hab’s endgültig satt. Ich will mein eigener Herr sein«, hatte Rolf bald nach dem Zerwürfnis in der Großmetzgerei entschieden. Noch am selben Tag hatte er Anzeigen studiert. »Suche Nachfolger für Trinkhalle.« Das war’s doch.

Rolf schlief fortan bis fünf, weil sich das Geschäft gut anließ. Die Stammkunden hielten ihm die Treue, und genau wie es der Vorbesitzer versprochen hatte, machten erfreulich viele auf dem Weg zur und von der Arbeit Halt, um sich mit Zigaretten, Zeitungen und Knabbereien zu versorgen. Sieben Tage die Woche von sechs in der Früh bis zehn am Abend stand Rolf in seiner Trinkhalle. Vorm Schlafengehen machte er Kasse. »Und?«, fragte seine Erika, wenn er gegen Mitternacht das Licht löschte. »Sieht gut aus.« Die Bilanz nach einem halben Jahr begossen sie mit einer Flasche Sekt. Wenn erst mal die Schulden abgezahlt sein würden, würde das Geld reichen, für alle, für sie und die beiden Söhne. Sie würden sich vielleicht eine kleine Vier-Zimmer-Wohnung leisten können, vielleicht auch einen Urlaub. Einen Schrebergarten auf jeden Fall. Jetzt hatten sie doch Zeit dafür. Erika könnte ihre Arbeit in der Großkantine aufgeben, sie könnten sich abwechseln in der Trinkhalle. »Wir waren zufrieden«, sagte Erika einmal. »Und bei jedem anderen wäre es bestimmt auch so weitergegangen.«

Um Politik hat sich Rolf nie geschert, schon gar nicht um Lokalpolitik. Dass Stadtteil-Politiker ihn seiner Lebensgrundlage beraubten, merkte er erst, als es zu spät war. Die Straße vor seiner Trinkhalle diente Ortskundigen als Abkürzung, da sie zwei große Alleen miteinander verband. Nun sollte die Straße verkehrsberuhigt werden. Die Anwohner hätten sich über die Staus am Morgen und nach Feierabend beschwert. Zudem sei glücklicherweise kein Gewerbe ansässig, welches auf den Verkehr angewiesen sei. So stand es in der Zeitung, und Rolf konnte es nicht fassen. Er befragte Nachbarn und Kunden. Aber niemand wollte sich beschwert haben. »Ihr müsst mir helfen«, bat er. »Die Autofahrer kommen nicht mehr, wovon sollen wir leben?« Er legte eine Unterschriftenliste aus und ging zur Bürgeranhörung in den Ortsbeirat. Die Politiker schwiegen. Er bezichtigte sie der Lüge: Alle Nachbarn stünden auf seiner Seite. Die Politiker schwiegen. Er könne es beweisen, habe Unterschriften gesammelt. Wie viele?, fragten die Politiker. Er legte dem Ortsvorsteher die Liste vor. Lächerlich!, sagte der Ortsvorsteher. Rolf brüllte: »Ich wende mich an den Oberbürgermeister.« Da winkten die Politiker ab, und der Grüne sagte, so sei das immer: Jeder denke nur an sich.»Ich hätte ihn erschlagen, wenn die Erika nicht...«

Wenige Tage, nachdem sie die Einbahnstraßenschilder aufgestellt hatten, kauerte Rolf auf seinem Hocker und rauchte Kette. Ab und an schleppte er sich nach hinten, um Hugo ein Bier zu holen. Am Ende des Monats verzweifelten Rolf und Erika über der Bilanz. »Es hilft nichts«, sagte Rolf schließlich, »du musst wieder arbeiten.« In den folgenden Monaten war der Schrebergarten verwildert.

»Das hat mir besonders Leid getan«, sagte Erika mal leise wie im Vertrauen und fuhr sich durchs dünne Haar. Sie tat das unentwegt und rieb sich ständig die geröteten Augen. Mitte vierzig war sie. Ihr Alter verkündete sie wie zur Demonstration, mit anklagendem Tonfall. Ja, sieh mich nur an, forderte ihr Blick. »Kommt alles von hier«, sagte sie und deutete auf ihren Magen. Anfangs war da dieses Ziehen gewesen, kaum spürbar und auch nur hin und wieder. Der Stress, hatte sie gedacht. Es schmerzte immer häufiger, am Ende unaufhörlich, bis sie sich kaum mehr aufrecht halten konnte hinter der Theke der Großkantine.

Eines Nachmittags verlor sie das Bewusstsein. Sie schnitten ihr einen Teil des Magens heraus. Eine geregelte Arbeit schaffte sie danach nicht mehr, die mickrige Rente reichte allenfalls für drei Einkäufe. Ein paar Stunden am Tag stand sie fortan in der Trinkhalle, damit sich Rolf wenigstens ab und zu um seinen Schrebergarten kümmern konnte. Oder er legte sich hin, weil die Beine ihn nicht mehr tragen wollten. »Krampfadern«, sagte Rolf, rollte zum Beweis die Hosenbeine nach oben und kratzte mit eingerissenen Fingernägeln über blutende Krater. Dreimal war er bereits zusammengebrochen, das Herz war angegriffen, sagten die Ärzte. Er rauchte zu viel, vom Schnaps nicht zu reden. Er müsse einfach kürzer treten. »Nur wie?«, fragte Rolf. Der Große war in der Lehre, musste aber schon Frau und Kind versorgen. Der Kleine ging noch zur Schule.

Irgendwann übernahm Rolf wieder Fahrten für den Großmetzger. Sie hatten sich vertragen. Rolf trank weniger, vor einer Tour nie. Viereinhalb Stunden zog er mit Zeitungen und Fleischwaren durch jede Nacht. Wenn sich Erika morgens zu schwach fühlte, machte er ohne Pause in der Trinkhalle weiter, wenn Erika partout nicht hochkam, bis Feierabend. Ab und zu sprang der Große die letzten zwei Stunden ein, den Kleinen nahm Rolf am Wochenende mit, damit er’s lernte.

»Als der Ecki noch da war, war das schon eine Erleichterung«, sagte Rolf oft zu denen, die Ecki noch gekannt haben, »auch wenn’s keiner von euch glauben mag.« Ecki hatte zu den Stammtrinkern gehört. Bis zehn am Abend stand er an der Trinkhalle und haute allein mit dem dicken Norbert und Al Bundy, der seinen Spitznamen seiner Physiognomie verdankte, gut 15 Schnäpse und zwei Kisten Bier weg. Anschließend dämmerte er in der Eckkneipe dem Zapfenstreich entgegen. Ecki war ein geduckter, unzufriedener Kerl. Mit seiner Missgunst gegen alles und jeden brachte er zuweilen selbst seine Zechkumpanen gegen sich auf. Und er schuldete Rolf immer Geld. Bis Rolf ihm anbot, die Deckel an Samstagen und Sonntagen abends abzuarbeiten.

Von sieben bis zehn war fortan Ecki-Zeit, was bedeutete, dass man spätestens um halbzehn unten sein musste. Danach nämlich räumte Ecki auf und ließ sich nur mit Engelszungen überreden, seiner Aufgabe nachzugehen. Manchmal half einzig die Drohung, ihn bei Rolf zu verpetzen, worauf er sich an seiner Schiebermütze kratzte und schließlich die Ware auf die Theke knallte. Wenn an Sommerabenden die Kinder ihr Erspartes vor ihm ausschütteten und um fünf verschiedene Sorten Süßigkeiten zu Pfennig- und Groschenpreisen baten, zählte Ecki mühsam die Münzen, unterbrach sich, um einen wartenden Erwachsenen zu bedienen, vergaß dabei die Zwischensumme, begann folglich von Neuem, die Münzen zu zählen, und je öfter sich das wiederholte, desto wüster beschimpfte er jeden, der sich anstellte. Abschließend kippte er zur Beruhigung zwei Doornkaat weg. »Ach, der Ecki«, sagte Erika noch Jahre danach, »der war doch eigentlich ein ganz Lieber.«

Es war ein Frühlingsabend gewesen, an dem Norbert und Al Bundy vor lauter Sorge vorgeschlagen hatten, die Polizei zu rufen. Drei Tage lang hatte sich Ecki nicht mehr blicken lassen. »Drei Tage«, sagte Norbert, »Mensch Erika, da stimmt was nicht.« Erika sah Rolf an, und Rolf sagte: »Geh du mit der Polizei.« Im Normalfall hätten sie die Tür niemals aufgebrochen, sagte Erika. Dass dies kein Normalfall war, davon konnte sie die Polizisten rasch überzeugen.

Ecki hatte im Schlafanzug in seinem Fernsehsessel gesessen, mit geschlossenen Augen und einem Zug um den Mund, als hätte er schön geträumt. Sie habe nicht mal weinen können, sagte Erika, so unwirklich sei ihr das alles erschienen: Wie der Polizist sie in die Wohnung führte, ihre Schultern stützend, mit seiner Hand ihren Oberarm streichelnd. Und wie sie vor Ecki standen und der Polizist sie fragte, ob der da besagter Herr sei. Da erst war ihr bewusst geworden, dass sie zum ersten Mal in all den Jahren jemanden Eckis vollständigen Namen sagen hörte. Ecki wurde auf dem Friedhof des Stadtteils beigesetzt, anonym.

Beim Erledigen des Papierkrams fiel Erika auf, dass er nicht mal die Fünfzig gepackt hatte. »Er war jünger als mein Rolf«, sagte sie. Als sie davon erzählte, wischte sie sich die Tränen mit dem Handrücken aus den Augen. »Scheiße.«

An den Hundstagen, wenn die gelbe Dunstglocke die Hitze nach unten drückte, weil die Straße von jeder Frischluftschneise abgeschnitten dalag, tanzten Hugos Augen wild hin und her, als verfluchten ihn Dämonen. Manchmal wieder schien sich sein Blick nach innen zu kehren, wenn er den Oberkörper weiter und weiter aus dem Fenster lehnte, halb geöffnet den Mund, aus dem Speichel fäden liefen. Einmal drohte ihm ein Passant Schläge an, weil er argwöhnte, Hugo habe ihn absichtlich bespuckt. Schimpfwörter hallten durch die Straße, überall traten Menschen an die Fenster und glotzten. Hugo regte sich nicht. Schließlich drehte sich der Passant mit einer verächtlichen Handbewegung ab und rief: »Der ist doch irre.« Die Menschen in den Fenstern blieben stumm, einige nickten, die Jungen auf der Straße kicherten hinter vorgehaltener Hand.

Rolf glaubte nie, dass Hugo in solchen Momenten irgendetwas dachte. Vielleicht dachte das Rolf aber nur, weil Hugo fast nie etwas sagte, wenn er unten an der Trinkhalle vor sich hin döste. Aber lehnte er sich manchmal nicht verdächtig weit aus seinem Fenster? »Mir macht das Angst«, sagte Erika, die Hugo kein Bier mehr gab, bevor er nicht wenigstens eine Stulle gegessen und ein Glas Milch getrunken hatte. »Ach du«, sagte Rolf dann und verzog sich nach hinten, worauf Erika einmal flüsterte: »Mein Rolf, der verdrängt immer alles.« Zuweilen beschlich sie der Verdacht, ihn plagten Schuldgefühle. »Wegen der Sache mit dem Andy.«

Den Andy hatten sie gar nicht so gut gekannt. Er gehörte zwar zu den Stammtrinkern, holte sich seine zehn Biere und die vier Flachmänner Hardenberger aber meistens nur ab. »Der konnte den Norbert nicht leiden«, sagte Erika, was vermutlich daran gelegen habe, dass Norbert sein Leben irgendwie noch geregelt kriegte. Norbert war Computer-Fachmann. »Da macht dem so schnell niemand was vor«, sagte Rolf oft voller Ehrfurcht. Früher hätte Rolf sein Hab und Gut darauf verwettet gehabt, dass Norbert bloß ein Prahlhans war. Bis er sich eine neue Computer-Kasse zugelegt und ein Wochenende lang damit herum geplagt hatte, die Anleitung zu kapieren. Er scheiterte kläglich. Statt 3,60 Mark buchte die Kasse 36 Mark und das wieder und wieder. Die Kunden verloren die Geduld, die Abrechnung am Abend stimmte hinten und vorne nicht.

»Lass mal den Fachmann ran«, hatte Norbert schließlich getönt, Rolf mit gönnerhafter Geste bei Seite geschoben, und im Nu hatte die Kasse wie von selbst funktioniert. »Da staunten wir alle Bauklötze«, erzählte Rolf. Der Andy aber habe in sein Bier gestänkert, der Norbert solle sich verdammt nochmal nicht ständig so aufspielen. Worauf Norbert mit seinem Wanst den schwächlichen Andy über den Bürgersteig geschubst und auf ihn herab gegrölt habe: »Was willst du Sozialschmarotzer? Du warst ja selbst zum Müll sortieren zu blöd.«

Es war wohl ein Fehler gewesen, dass alle mitlachten. Obgleich sie das ja immer taten, wenn Norbert die Leute hochnahm. Und war es nicht gerade Andy gewesen, der sich stets köstlich amüsierte über die verlegenen Gesichter der jungen Mädchen, denen Norbert unsittliche Anträge zuhechelte? Aber nun hatte Andy genug. Er blieb zu Hause. »Viel Erfolg beim Einzelkampf-Trinken«, rief Norbert ihm hinterher, wann immer sich Andy mit Nachschub eingedeckt hatte. Und immer lachten sie alle. »Wir waren uns doch sicher, der Andy würde sich schon irgendwann beruhigen«, sagte Erika. »Aber dann diese Nacht...«

Rolf hatte gerade das Gitter herunter lassen wollen, als Andy plötzlich neben ihm gestanden hatte, einen Zwanziger in der einen, einen Strick in der anderen Hand, und Rolf um eine Flasche Wodka gebeten hatte. Sie gingen hinein, und wie Andy das Wechselgeld mit der Linken an sich nahm, bemerkte Rolf, wie Andys Rechte sich um das Seil krampfte, dass sein Unterarm zitterte.

»Was willsten mit dem Seil?«

»Meinste, das hält mich?«

Bei jeder anderen Antwort wäre Rolf hellhörig geworden, ganz bestimmt. Aber so hatte er gedacht, Andy hätte sich einen dummen Scherz mit ihm erlaubt. »Verstehste?«, sagte Rolf, »ich habe dem noch erklärt, was für einen Knoten er machen muss. Ich kann das doch, ich bin ja Ostfriese.« Andy hatte sich bedankt.

»Mach’s gut, Rolf.« »Mach’s besser, Andy.«

Kurz vor Sonnenaufgang des nächsten Tages fuhr auf der großen Allee ein Auto auf ein anderes, weil dessen Fahrer ohne erkennbaren Grund gebremst hatte. Der Unfall sei glimpflich verlaufen, hieß es. Dennoch hätten die Fahrer noch bei Eintreffen der Polizei unter Schock gestanden, einer der beiden habe auf der Straße behandelt werden müssen. Auf Höhe der Unfallstelle ragte eine mächtige Kastanie in die Höhe. An ihrem dicksten Ast hatte sich ein 35-jähriger Mann erhängt. So ungefähr stand es in der Bild-Zeitung geschrieben, und Rolf konnte es nicht fassen. »Erst der Ecki, dann der Andy«, sagte Erika. »Was ist das nur für eine Scheiße.«

Rolf hätte dringend ins Krankenhaus gemusst. Am Ende hatte er diesen Husten, immer schlimmer, manchmal die ganze Nacht hindurch. Der Arzt hatte ihn sogar angebrüllt: Kürzer treten! »Der hat gut reden«, sagte Erika einmal, »wie soll ich das ohne Rolf hinkriegen? Und wenn am Ende noch der Hugo...« Manchmal, in den zähen Mittagsstunden, beobachtete sie bange das Fenster im zweiten Stock. Im Stillen, sagte sie, habe sie sogar schon gebetet: »Um Himmelswillen,

Hugo, spring nicht.«

»Der springt nicht«, sagte Rolf.

»Und wenn doch?«

»Dann kann ich mir die Kugel geben.«

»Ach du.«

An einem dieser Morgen, deretwegen man sein ganzes Leben lang Spätaufsteher bleiben wollte, als die kleine Heizung in der Trinkhalle sich nur allmählich durchsetzte, der geringfügige Verkehr abgewickelt war und Hugo unter seiner Laterne langsam alles um sich herum aus dem Sinn verlor, studierte Rolf ein Bündel Versicherungsformulare. In seinem Mundwinkel glomm die Filter lose herunter, seine Finger tippelten unrhythmisch über die dampfende Tasse, mit der anderen Hand fächelte er sich den Qualm aus dem Gesicht. Klebriger Duft von Rum mit einem Schuss Tee mischte sich mit dem Geruch schwarzen Tabaks, und Rolf drückte die Filterlose in den Haufen Stummel, dass einige über den Rand des großen Aschenbechers purzelten. »Weißte, was der Unterschied zwischen mir und Hugo ist?«, fragte er, wobei er die Augen über dem Kleingedruckten noch ein bisschen mehr zusammenkniff. »Ich bin tot mehr wert als lebendig.« Dann schaute er auf und grinste.

In Gedenken an Rolf (1950 - 2007)

FRANKFURTER RUNDSCHAU

Nr. 81 vom 5./6. April 2007

Bewertung der Jury

Mark-Joachim Obert erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2008 in der Kategorie »Allgemeines« für den Beitrag »Saufkundschaft«, erschienen in der Frankfurter Rundschau am 5./6. April 2007.

Mark-Joachim Obert hat genau hingesehen. Bei dem Trinkhallenbesitzer Rolf, bei dessen Frau Erika, bei den Kunden Hugo, Andy, Ecki. Es sind kleine Leben, die er beschreibt. Armselige, gebrochene Existenzen, die den Kiosk anlaufen, wie einen Heimathafen und sich dort ihren Schnaps abholen wie eine tägliche Dosis Medizin. Bis in die Details der Physiognomie beschreibt Mark-Joachim Obert diese Menschen, die strampeln, leben wollen und es doch nicht richtig auf die Reihe kriegen, das Leben. Mit Respekt und einer inneren Anteilnahme, die solchen Menschen nur selten entgegengebracht wird. Die präzise Beobachtungsgabe zeichnet Mark-Joachim Obert als hervorragenden Reporter aus, seine genaue, anschauliche Sprache als exzellenten Autor. Dafür hat er den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis in hohem Maße verdient.

Kurzbiographie

Mark-Joachim Obert

Geboren am 9. November 1965 in Frankfurt am Main.

Seit 1988 als Journalist tätig, Reportagen u.a. aus Südamerika und Osteuropa für Tageszeitungen und Magazine, seit 1990 zudem fester freier Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau für Lokales, Politik und Medien. Parallel dazu ein Studium der Slawistik, Germanistik und Soziologie an der Universität Frankfurt am Main; 1996 abgebrochen

1997 Volontariat bei der Frankfurter Rundschau, seit 1998 Redakteur u.a. in den Ressorts Sport und Feuilleton, aktuell für das Magazin/Panorama tätig mit den Schwerpunkten Reportagen und Interviews.

Nebenbei zahlreiche Beiträge für Anthologien (zuletzt in »Literatur als Qual und Gequalle«, Edition Tiamat 2007, Berlin) und unter anderem für die kulinarische Kampfschrift »Häuptling eigener Herd« (Edition Vincent Klink, Stuttgart).