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Nominierter Text

Von Amrai Coen und Nicola Meier

Ein tödliches Versäumnis

Natürlich ist da das Wenn.

Wenn der Junge schon den typischen Ausschlag gehabt hätte, dann hätte sein Großvater vielleicht das Schild an der Praxis beachtet: „Bei Verdacht auf ansteckende Krankheit bitte klingeln!“

Wenn der Großvater geklingelt hätte, dann hätten die Arzthelferinnen den Flur geräumt, die Türen geschlossen und den Jungen statt ins Wartezimmer direkt ins Behandlungszimmer geführt.

Wenn nicht Montag gewesen wäre, dann wäre das Wartezimmer nicht so voll gewesen.

Wenn, wenn, wenn.

In Bad Salzuflen sagt ein Arzt: „Wenn wir bei dem Patienten erkannt hätten, dass das nicht nur ein Fieber ist, dann hätte man das vielleicht verhindern können.“

Christoph Holzhausen stützt sich auf einen Gehstock, er überquert einen Zebrastreifen, schaut auf den Asphalt, um nicht zu stolpern. Er steuert auf das Eckhaus am Marktplatz zu, ein gelber Altbau mit verzierter Fassade, anno 1906.

Holzhausen, ein schlanker Mann mit weißen Haaren und dichten weißen Augenbrauen, betritt das Haus, nimmt, weil es keinen Aufzug gibt, die Stufen in den ersten Stock. Er ist 79 Jahre alt, bis vor drei Jahren hat er hier gearbeitet. Er würde noch immer hier arbeiten, hätte er seit einer Herzoperation nicht diese Gleichgewichtsstörungen.

Sein Sohn hat die Praxis übernommen, und so stehen dieselben Wörter an der Tür wie früher: „Dr. med. Holzhausen, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin“. Eine von drei Kinderarztpraxen in der nordrhein-westfälischen Stadt Bad Salzuflen.

Christoph Holzhausen war ein halbes Jahrhundert lang Kinderarzt. Er sagt: „Ich hätte mir keinen anderen Beruf vorstellen können.“

Es ist ruhig, als er die Praxis aufschließt, ein Samstag. Langsam geht Holzhausen den Flur entlang, rechts und links Zimmer, Anmeldung, Behandlungsräume, am Ende des Flurs eine Tür, auf der „Wartezimmer“ steht. „Wahrscheinlich war es hier“, sagt Holzhausen und zeigt mit seinem Gehstock durch den Raum. Grüne Wände, ein Bild mit Zebras, Giraffen und Elefanten, graue Sitzbänke, auf dem Parkettboden steht ein Spielzeugauto. „Sieht noch genauso aus wie damals.“

Damals, an einem Montag im Mai 1999, nahm hier eine unglückliche Verkettung von Zufällen ihren Anfang. Holzhausen spricht ungern darüber. Er will abschließen mit dieser Sache, die ihn noch immer quält, nach all den Jahren. Aber er will auch nicht wegsehen, jetzt, da im Fernsehen und in den Zeitungen seit Wochen schon von den Masern die Rede ist.

Tagesschau, 24. März 2019: „Angesichts einer Häufung von Masernfällen prüft die Koalition eine Impfpflicht für Kinder“.

Der Spiegel, 30. März 2019: „Impfen auf Befehl. Der bizarre Streit um den Schutz unserer Kinder“.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. April 2019: „Debatte über Masern-Impfpflicht für Kindergarten- und Schulkinder“.

Süddeutsche Zeitung, 15. April 2019: „Immun gegen Argumente. Die Impfskepsis wächst weltweit – und mit ihr die Zahl der Masernfälle.“

Die Masern – eine Krankheit, die längst ausgerottet sein könnte, ist wieder ausgebrochen, auch in Deutschland. Seit Beginn dieses Jahres gab es 101 Fälle in Nordrhein-Westfalen. 46 in Niedersachsen. 46 in Baden-Württemberg. 34 in Bayern. 19 in Rheinland-Pfalz. 17 in Hessen. 15 in Sachsen. Elf in Berlin. Vier in Hamburg. Zwei in Thüringen. Einen Fall in Schleswig-Holstein.

In Lage sagt eine Mutter: „Wenn ich damals nicht in die Praxis gegangen wäre. Wenn ich Michas Fieber einfach abgewartet hätte. Wenn ... dieses Wörtchen. Das ist eine Sackgasse.“

Lage, eine Kleinstadt, 15 Autominuten entfernt von Bad Salzuflen. Ein moderner Neubau, vom Flur geht es in den Wohn- und Essbereich, rechts eine frei stehende Küche, links cremefarbene Sofas. Der Blick fällt auf ein Foto an der Wand, ein Junge, dunkle Haare, schiefes Lächeln, ein weißer Rahmen, an dem ein Herz hängt.

Oxana Giesbrecht, 46 Jahre alt, setzt sich an den Esstisch, eine schmale Frau, goldbrauner Bob, Hornbrille, manikürte Hände. Sie sagt, sie sei etwas aufgeregt. Auch sie will eigentlich nicht über das reden, was damals in Holzhausens Praxis begann. Trotzdem stimmt sie einem Gespräch mit dieser Zeitung zu, tritt in der Talkshow Maischberger auf. Sie hofft, wenigstens ein paar Menschen davon zu überzeugen, wie gefährlich diese Krankheit sein kann. Sie, die Mutter von Micha, der heute 20 Jahre alt wäre. An dessen Geburtstag sie immer eine Kerze anzündet.

An einem Freitag im Mai 1999 betritt ein elfjähriger Junge die Praxis von Christoph Holzhausen, er wird begleitet von seinem Großvater. In der Karteikarte des Patienten steht: Schlechter Impfstatus.

Christoph Holzhausen: „Den Impfstatus habe ich immer auf die erste Seite der Karte geschrieben. Damit der gleich zu sehen war.“

Er untersucht den Jungen und notiert: 14.05.99 mit Fieber, Bauch- und Kopfschmerzen in Praxis. Es sind Symptome, mit denen Holzhausen jeden Tag mehrmals konfrontiert ist. Er erinnert sich nicht mehr genau, aber wahrscheinlich hat er gesagt, was fast alle Kinderärzte in dieser Situation sagen: Bitte beobachten, ob es schlimmer wird.

Am 17. Mai 1999 kommt der Junge wieder.

Christoph Holzhausen: „An normalen Tagen hatten wir zwischen 80 und 110 Patienten in der Praxis. Montags war es immer am vollsten.“

Der 17. Mai ist ein Montag.

Christoph Holzhausen: „Der Junge war am Vormittag da.“

Auch Oxana Giesbrecht ist an diesem Vormittag in der Praxis. Ihr Sohn Micha, sechs Monate alt, hat das ganze Wochenende lang gefiebert.

Oxana Giesbrecht: „Ich dachte, bevor ich irgendwas verpasse, Mittelohrentzündung oder so, gehe ich besser zum Arzt. Ich hatte Michas großen Bruder dabei, der war drei Jahre alt. Im Wartezimmer war es voll. Der Gedanke, dass Micha sich mit etwas anstecken könnte, kam mir gar nicht. Ich war keine ängstliche Mama.“

Christoph Holzhausen: „Micha hatte ein Exanthema subitum, ein Drei-Tage-Fieber, harmlos.“

Aus Christoph Holzhausens Patientenakten lässt sich rekonstruieren, dass an diesem Vormittag im Wartezimmer auch ein neun Monate altes Kind mit einem Wangen-Ekzem sitzt. Ein zweijähriges, das eine Schnittverletzung hat. Ein fünfjähriges mit Bauchschmerzen. Ein zwölf Monate altes, das wegen einer Vorsorgeuntersuchung da ist.

Keines der Kinder ist gegen Masern geimpft. Sie sind zu jung. Oder ihre Eltern sind Impfgegner.

Nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts in Berlin sollten Kinder „die 1. MMR-Impfung (MMR steht für Masern-Mumps-Röteln) im Alter von 11–14 Monaten und die 2. MMR-Impfung im Alter von 15–23 Monaten durchführen lassen“.

Auch Micha war noch nicht alt genug für die Impfung.

Bei Masern ist die Infektionsgefahr enorm groß: Die Krankheit ist ansteckender als die Grippe, ansteckender als Tuberkulose, ansteckender als Ebola. Ein Niesen, ein Husten, ein Lachen genügt. Wer nicht geimpft ist und sich mit einem Erkrankten in einem Raum aufhält, steckt sich mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent an. In der Fachsprache: Kontagionsindex nahe 100 Prozent.

Christoph Holzhausen untersucht den elfjährigen Jungen erneut. Diesmal notiert er in der Akte: 17.05. Rachen gerötet und Entwicklung eines Exanthems, Diagnose: Masern.

Es vergehen zwei Wochen, dann häufen sich in Holzhausens Praxis die Diagnosen derselben Krankheit.

29.05. Patient, 9 Monate alt. Diagnose: Masern.

31.05. Patient, 2 Jahre alt. Diagnose: Masern.

02.06. Patient, 12 Monate alt. Husten und Schnupfen, Koplik nachweisbar, Diagnose: beginnende Masern mit Fieber und Ausschlag.

Gleich mehrere Masernkranke in wenigen Tagen, das hat Holzhausen selten erlebt. Aber noch ahnt er nicht, dass die Sache etwas mit seiner Praxis zu tun hat.

Oxana Giesbrecht: „Micha bekam hohes Fieber, richtig hoch. Wir hatten gerade ein bisschen mit Zufüttern angefangen. Er wollte gar nichts mehr. Wollte nur an die Brust. Und dann kam der Ausschlag.“

02.06. Patient, 6 Monate alt. Diagnose: Masern mit Bronchitis und Konjunktivitis.

Oxana Giesbrecht: „Wir haben gedacht: Na gut, Masern halt. Das war nichts, wo man sich groß Gedanken gemacht hat.“

Masern, eine harmlose Kinderkrankheit, das denken viele. Früher hatten schließlich alle Masern, gab es sogar Masernpartys, auf denen Kinder sich anstecken sollten, damit sie es hinter sich hatten. Alles halb so wild, oder?

Christoph Holzhausen ist in der DDR geboren und aufgewachsen, in Brandenburg, man hört es manchmal noch, wenn er sagt: jeschaut, jedacht, jemacht. 1966 hat er seine erste Stelle in einer Klinik in Wittenberg angetreten, vier Jahre später erlebte er die Einführung der Masernimpfung, in der DDR war sie verpflichtend. 1973 wurde die Impfung auch in Westdeutschland eingeführt.

Holzhausen war nicht glücklich in der DDR, seine Kinder hatten kaum Ausbildungsmöglichkeiten, er stellte einen Ausreiseantrag. Im Frühjahr 1989 übersiedelte er mit seiner Familie nach Nordrhein-Westfalen, Anfang der Neunzigerjahre eröffnete er in Bad Salzuflen seine eigene Praxis.

Manchmal wundert sich Christoph Holzhausen, wie schnell Menschen vergessen. Die Masern sind nicht harmlos, sind es nie gewesen. Sie schwächen das Immunsystem, und dann steigt die Wahrscheinlichkeit einer Mittelohrentzündung, einer Lungenentzündung, einer Gehirnentzündung.

Bis 2016 nahm die Zahl der Masernfälle ab. Seitdem werden es jedes Jahr mehr.

Gemeldete Masernfälle 2016 in Europa: 5273.

Gemeldete Masernfälle 2017 in Europa: 23.927.

Gemeldete Masernfälle 2018 in Europa: 82.596.

Lange Zeit sah es so aus, als gebe es Masern-Epidemien nur noch in Entwicklungsländern, dort, wo das Geld fehlt, um die Menschen zu impfen. Jetzt aber ist die Krankheit plötzlich auch in den Industrienationen wieder allgegenwärtig. In den USA, in Europa, in Deutschland. Nicht weil der Impfstoff zu teuer wäre. Sondern weil Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen wollen. Weil sie glauben, die Impfung würde ihre Kinder nicht schützen, sondern ihnen schaden. Anfang dieses Jahres erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Impfgegner zur „globalen Bedrohung“.

Oxana Giesbrecht wuchs in der Sowjetunion auf, wo es umfangreiche Impfprogramme gab, mit 16 Jahren kam sie nach Deutschland. Darüber, ob sie ihre Kinder impfen lassen soll oder nicht, hat sie sich nie Gedanken gemacht.

Oxana Giesbrecht: „Für uns als Eltern war klar: Impfen, trösten – und gut ist.“

Micha hat die Masern schnell überwunden. Er wird ein Jahr alt, zwei Jahre, drei, vier, fünf.

Oxana Giesbrecht: „Er hat Bilder gemalt, ich habe eine ganze Kiste. Er war der einzige von unseren vier Jungs, der malte. Er konnte seinen Namen schreiben und unsere Namen. Er hat sich völlig normal entwickelt.“

Dann kommt der Sommer 2004, Micha ist fünfeinhalb.

Oxana Giesbrecht: „Er war bockig, richtig aggressiv. Ich war wieder schwanger. Wir dachten: Vielleicht ist er eifersüchtig. Dann gab es eine Nacht, in der er nicht schlafen konnte, er hat geweint und gesagt: Ich sehe überall Käfer! Große Käfer! Das war kurz vor unserem Urlaub. Wir dachten: Der ist so überdreht im Moment. Im Urlaub ist er oft gestolpert. Wir dachten: Micha, langsam! Anfang September kam er in den Schwimmkurs. Der Lehrer sagte: Frau Giesbrecht, so ein Kind hatte ich noch nie. Er hat so viel Kraft in den Armen. Aber seine Beine bewegt er nicht. Danach habe ich einen Termin bei Dr. Holzhausen gemacht.“

Christoph Holzhausen: „Wir hatten kurz vorher eine Vorsorgeuntersuchung, da konnte Micha alles. Und wenig später, der Einbeinstand zum Beispiel – ging nicht mehr. Ich habe Micha sofort in die Klinik geschickt.“

Oxana Giesbrecht: „Ein Neurologe hat ihn untersucht und dann gesagt: Wir werden ihn stationär aufnehmen.“

Bericht des Klinikums Lippe Detmold: „Sehr geehrte Familie Giesbrecht, wir berichten über o. g. Patienten, der sich vom 12. 10. 2004 bis 16. 10. 2004 in unserer stationären Behandlung befand.“

Oxana Giesbrecht: „Der Neurologe sagte: Ich möchte, dass Sie Ihren Mann anrufen. Ich habe ihm gesagt: Peter, bitte komm.“

Bericht des Klinikums Lippe Detmold: „Diese Befunde sprechen für das Vorliegen einer subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) [...] als Spätfolge einer frühkindlichen Maserninfektion.“

Oxana Giesbrecht: „Der Arzt hat gesagt: Genießen Sie jeden Tag mit ihm. Das klang wie: Er wird morgen sterben.“

SSPE. Vier Buchstaben, Oxana Giesbrecht schreibt sie auf.

Christoph Holzhausen: „Die Klinik rief mich an. Sie hätten SSPE festgestellt. Selbstverständlich guckt man dann in der Literatur nach, was da geschrieben steht. Und welche therapeutischen Möglichkeiten es gibt.“

Aus dem Masern-Ratgeber des Robert Koch-Instituts: „Die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) stellt eine sehr seltene Spätkomplikation dar, die sich durchschnittlich 6–8 Jahre nach Infektion manifestiert. Nach Literaturangaben kommt es durchschnittlich zu 4–11 SSPE-Fällen pro 100.000 Masernerkrankungen. Ein deutlich höheres Risiko besteht bei Kindern < 5 Jahren. Dieses wird auf etwa 20–60 SSPE-Fälle pro 100.000 Masernerkrankungen geschätzt [...]. Die Prognose ist stets infaust.“

Infaustus, das ist Latein für: ungünstig.

Den Bericht der Klinik bekommt Christoph Holzhausen direkt in seine Praxis gefaxt.

Christoph Holzhausen: „Die wichtigste Aufgabe für einen Kinderarzt ist, dass die Kinder gesund sind. Und wenn sie krank sind, dass sie wieder gesund werden.“

Bericht des Klinikums Lippe Detmold: „Eine Heilungschance besteht derzeit leider nicht.“

Ungünstig, das bedeutet in der Medizin: endet tödlich.

Die Masernviren befallen Gehirnzellen, jahrelang unbemerkt. Nach und nach breiten sie sich im Gehirn aus. Nervenzellen werden zerstört, Muskeln reagieren nicht mehr. Von den ersten Symptomen der SSPE bis zum Tod dauert es in der Regel ein bis drei Jahre, manchmal länger.

Christoph Holzhausen setzt sich damals in seiner Praxis an den Computer. Er will wissen, wann genau Micha Masern hatte. Als er das Stichwort in die Suchmaske eingibt, taucht der Name jenes Jungen auf, der am 17. Mai 1999 in seine Praxis gekommen war. Und die Namen der sechs Kinder, die wenig später ebenfalls an Masern erkrankt waren.

Holzhausen kommt ein schwer erträglicher Verdacht. Er forscht weiter in den Patientenakten: Alle infizierten Kinder waren kurz zuvor für andere Untersuchungen bei ihm in der Praxis gewesen, alle an jenem Tag, an dem auch der elfjährige Junge in seinem Wartezimmer saß, die Krankheit noch nicht diagnostiziert, aber schon hochansteckend.

Die infizierten Kinder, sie hatten nichts gemein, außer dass sie alle Patienten von Dr. Holzhausen waren und am selben Vormittag in seiner Praxis.

Christoph Holzhausen: „Es war damals eine dunkle Stunde, als ich das feststellte: in der eigenen Praxis angesteckt. Schiete.“

Im Herbst 2004 erstellt Holzhausen eine Liste: Indexpatient: geboren 1988. Impftermine wurden nicht wahrgenommen.

Als bei Micha Giesbrecht SSPE diagnostiziert wird, ist der Junge, den Christoph Holzhausen als „Indexpatient“ bezeichnet, 16 Jahre alt. Holzhausen hat ihn zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zwei Jahren nicht gesehen.

Christoph Holzhausen: „Der war gar nicht mehr in meiner Praxis. Vielleicht war der weggezogen aus Bad Salzuflen, ich weiß es nicht.“

Er sucht nicht weiter nach dem Jungen. Wozu auch? Die Frage nach Schuld verbietet sich für Holzhausen. Der Elfjährige war einfach ein krankes Kind, das zu ihm in die Praxis kam.

Patient 2: geboren 1998. 6 Monate alt.

Patient 3: geboren 1998. 12 Monate alt.

Patient 4 ist ein erwachsener, ungeimpfter Verwandter eines Patienten.

Patient 5: geboren 1998. 9 Monate.

Patient 6: geboren 1991. 8 Jahre.

Patient 7: geboren 1994. 5 Jahre. Eltern Impfgegner.

Patient 8: geboren 1997. 2 Jahre. Eltern Impfgegner.

Micha Giesbrecht ist Patient 2.

Die Liste nennt Holzhausen seine „Alarmliste“. Wenn noch eines der Kinder, die weiterhin Patienten in seiner Praxis sind, mit neurologischen Auffälligkeiten zu ihm käme, wäre ihm sofort klar: SSPE-Verdacht. Bei den Patienten 3 und 5, die sich wie Micha als Säugling mit Masern angesteckt haben, ist die Gefahr, dass sie an SSPE erkranken, noch einmal erhöht. Holzhausen weiß das damals nicht, weil die entsprechenden Studien noch nicht vorliegen.

Christoph Holzhausen: „Die meisten Patienten von der Alarmliste kamen weiterhin in die Praxis zu mir. Ich war immer froh, wenn die gesund waren.“

Holzhausen bestreitet nicht, dass Impfungen ein Risiko in sich tragen, dass es Komplikationen geben kann. Aber es geht beim Impfen immer auch um Wahrscheinlichkeiten, um Statistik. Holzhausen ist ein Mann, der an Zahlen glaubt. In seinem Haus am Stadtrand von Bad Salzuflen, stattliche Häuser und gepflegte Vorgärten, sitzt er im Wohnzimmer und blättert in einer Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts, sie stammt aus dem Jahr 2004, dem Jahr, in dem Micha erkrankte. „Für mich ist die Frage: Ist die Gefahr durch die Erkrankung größer oder durch die Impfung? Und bei Masern ...“, Holzhausen zeigt auf eine Tabelle, in der die Wahrscheinlichkeit der Komplikation einer akuten Gehirnentzündung dargestellt wird: Bei Erkrankung: 1/1000–10.000. Nach Impfung: 1/1.000.000 (Zusammenhang unsicher) .

Eins zu tausend bis zehntausend.

Eins zu eine Million, wenn es überhaupt einen Zusammenhang gibt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind eine Gehirnentzündung bekommt, ist bei einer Masern-Infektion also mindestens 100-mal so hoch wie bei einer Impfung.

Oxana Giesbrecht: „Micha hat das gar nicht so richtig wahrgenommen, seine Erkrankung. Wir haben gesagt: Micha, du bist schwer krank. Und er meinte: Ist nicht schlimm, ich bin nicht krank.“

Christoph Holzhausen: „Ich habe immer noch diesen einen Hausbesuch in Erinnerung. Sie wollten mir vorführen, wie er läuft. Und dann lief er und ist richtig nach vorne gefallen.“

Am 24. November 2004, fünf Wochen nach Michas Diagnose, bringt Oxana Giesbrecht ihr viertes Kind zur Welt: Elias.

Oxana Giesbrecht: „Da konnte Micha nur noch zwei, drei Wörter sagen. Innerhalb von einem Monat hat er aufgehört zu laufen und zu sprechen. An Weihnachten hatten wir ein apathisches, gelähmtes Kind. Mein Mann und ich konnten lange nicht über diese Phase reden. Es war so schmerzhaft, zu sehen, wie er alles verlernte. Wie dieser quicklebendige Junge zu einem Nichts wurde.“

Micha bekommt einen Rollstuhl.

Oxana Giesbrecht: „Für mich war der schlimmste Moment, als mein Mann einmal nach Hause kam. Ich hielt Micha zum Fenster, zum Parkplatz hin. Ich sagte: Schau mal, wer da ist! Und er guckte ... und er konnte nicht Papa sagen. Manchmal kamen noch Sprachbrocken raus. Oder er fing an zu lachen, wenn jemand nach einem Rülpser sagte: ›Schulz.‹ Aber dann hörte auch das Lachen auf.“

Oxana Giesbrecht erinnert sich, wie schwierig das Jahr nach Elias’ Geburt war. Nicht nur wegen der Erkrankung von Micha. Auch wegen Elias. Auf einmal hatte sie Angst, er könne sich ebenfalls infizieren. Auf einmal war sie, was sie nie sein wollte: eine ängstliche Mutter. Sie ging nicht mit ihm zum Babyschwimmen, hatte bei größeren Veranstaltungen ein mulmiges Gefühl.

Dass Säuglinge wie Elias, die noch zu jung zum Impfen sind, in Deutschland eigentlich nicht Gefahr laufen, sich mit Masern anzustecken, liegt an der sogenannten Herdenimmunität. Sind 95 Prozent der Bevölkerung geimpft, kann ein Virus zwar auftreten, sich aber nicht verbreiten, haben Experten berechnet. Die Infektionskette wird unterbrochen, das Virus findet keinen Wirt mehr, den es befallen kann. Eine Impfung schützt also nicht nur einen selbst oder das eigene Kind, sondern auch andere, die nicht oder noch nicht geimpft werden können.

Es gibt keine einheitlichen Angaben zur Impfsituation in Deutschland. Was man weiß: 92 Prozent der Schulanfänger haben beide Masernimpfungen erhalten, eine Impflücke besteht vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, nur knapp 80 Prozent von ihnen sind geimpft. Deutschland liegt also weit unter dem Wert, den es für eine Herdenimmunität braucht.

Damals, Ende 2004, quält sich Christoph Holzhausen mit einer Frage: Soll er die Eltern jener Kinder, die auf seiner Alarmliste stehen, benachrichtigen? Soll er ihnen von Micha erzählen, von der möglichen Gefahr?

Holzhausen überlegt lange. Dann entscheidet er.

Christoph Holzhausen: „Ich habe es abgelehnt, die Eltern zu informieren und zu sagen: Ihr Kind hatte dann und dann Masern, und es könnte sein ... dass ... dass das auftritt.“

Das – SSPE. Jene vier Buchstaben, die auch Holzhausen sehr beschäftigen, bis heute.

Christoph Holzhausen: „Wenn man therapeutisch eingreifen könnte, dann hätte ich wahrscheinlich anders entschieden. Aber wenn man nichts machen kann? Ich bin selber Vater. Die Eltern leben sonst jahrelang in Angst. Die sind dann nur verkrampft, eine verkrampfte Familie. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht ausbricht, ist ja viel, viel größer als die, dass es ausbricht.“

Auch in diesem Fall glaubt Holzhausen, der Mann der Zahlen, die Statistik auf seiner Seite.

Micha ist seit zwei Jahren krank, als 2006 eine Masern-Epidemie in Deutschland auftritt, am Ende des Jahres werden es 2308 Fälle sein. Wie immer, wenn Masern ausbrechen, berichten die Medien. Und so kommt es, dass eine Mutter im Fernsehen einen Beitrag sieht über ein Mädchen, das an den Folgen von Masern gestorben ist.

Diese Mutter, Anca Knäpp, ist eine Frau, die sich schnell Sorgen macht, die immer daran denkt, was alles passieren könnte. Sie hat eine Tochter, Natalie, die als Baby Masern hatte. Natalie ist ein Kind, das oft krank ist, vielleicht geht Knäpp die Fernsehreportage deshalb nicht mehr aus dem Kopf. Sie beschließt, am nächsten Tag zu Natalies Kinderarzt zu gehen. Anca Knäpp lebt in Bad Salzuflen, der Kinderarzt ist Christoph Holzhausen.

Anca Knäpp: „Ich habe ihn gefragt: ›Könnte so was irgendwann auch bei Natalie passieren? Sie hatte ja Masern als Baby.‹ Da hat Herr Holzhausen einen Fall angedeutet, hat gesagt, dass ein Kind krank ist. Aber er hat nicht die Diagnose genannt, mir nicht vom Ausmaß erzählt. Vielleicht durfte er auch gar nicht so viel Auskunft geben. Oder er wollte mich nicht beunruhigen.“

Natalie Knäpp ist Patient 3 der Alarmliste.

Christoph Holzhausen: „Die Wahrscheinlichkeit, dass SSPE ausbrechen würde, war so, so gering. Es konnte eigentlich nicht passieren.“

Bei Micha Giesbrecht verschlimmert sich in der Zwischenzeit die Krankheit.

Oxana Giesbrecht: „Die Schlaffheit verschwand, und es kamen Spastiken. Er hatte furchtbare Schmerzen.“

Michas Medikamente:

MST Granulat 60 mg 1x / Tag

MST Granulat 70 mg 2x / Tag

Tetrazepam 25 mg 3x / Tag

Tetrazepam 50 mg 2x / Tag

Lioresal 5 mg 1x / Tag

Lioresal 10 mg 4x / Tag

Keppra 500 mg 2x / Tag

Antra MUPS 20 mg 2x / Tag

Melatonin 5 mg 1x / Tag

Frisium 10 mg 1x / Tag

Movicol Junior 1½ Btl. 2x / Tag

Micha bekommt eine Magensonde. Micha bekommt Morphium.

An einer Grundschule in Bad Salzuflen sackt die Leistung einer Schülerin ab.

Anca Knäpp: „Es fing damit an, dass Natalie sich immer schlechter konzentrieren konnte. Sie war in der dritten Klasse und war eigentlich eine sehr gute Schülerin – und plötzlich nicht mehr. Wir besorgten ihr Nachhilfe, aber das half nicht. Sie wiederholte die dritte Klasse. An einem Tag mussten die Schüler einen Aufsatz schreiben. Der von Natalie war schlecht. Und der Lehrer hat ihn vor der ganzen Klasse vorgelesen. Später hat er das bereut. Dann fing sie an zu stürzen. Erst einmal. Am nächsten Tag zweimal. Zwei Tage später, bei einem Schulausflug, viermal.“

Christoph Holzhausen: „Die Mutter rief an: Natalie ist gestürzt. Da habe ich gleich gedacht: Hoffentlich nicht dasselbe! Ich habe sie sofort ins Krankenhaus geschickt.“

Die Diagnose: SSPE.

Anca Knäpp: „Aus dem Krankenhaus hab ich mit Herrn Holzhausen telefoniert. Der sagte mir: ›Frau Knäpp, ich habe gehofft, dass es ein Tumor ist, aber nicht SSPE.‹“

Gegen einen Gehirntumor kann man kämpfen, es wenigstens versuchen, mit allem, was die Medizin zu bieten hat.

Anca Knäpp, 42 Jahre alt, lebt in Bad Salzuflen in einem Viertel voller Einfamilienhäuser. Erst hat sie nicht geantwortet auf die Anfrage dieser Zeitung. Ein paar Tage später meldet sie sich doch. Im Flur, im Wohnzimmer, an den Wänden, in den Regalen, überall stehen und hängen gerahmte Fotos von der Familie, vor allem Fotos von Natalie. Anca Knäpp zeigt auf ein Bild: ein lächelndes Mädchen, lange, dunkelbraune Haare, eine kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen. „Da ist sie acht“, sagt Anca Knäpp. „Und noch gesund.“

In drei Fotoalben hat Anca Knäpp Natalies Leben festgehalten. Natalie als pummeliges Baby. Natalie verkleidet als Prinzessin. Natalie mit einer Schultüte. Anca Knäpp blättert durch das letzte, das dritte Album. Natalie an ihrem achten Geburtstag: ein Kind, das fröhlich lächelt, vor einer Torte. Natalie an ihrem neunten Geburtstag: ein Kind, das etwas desinteressiert vor einer Torte sitzt. Natalie an ihrem zehnten Geburtstag: ein Kind, das im Rollstuhl sitzt, apathisch, jemand steht daneben und trägt eine Torte.

Anca Knäpp: „Du wusstest, dass du dich von deinem gesunden Kind verabschiedest. Tag für Tag.“

Christoph Holzhausen: „Die beiden Fälle, Micha und Natalie, das waren natürlich mit die übelsten Fälle in meiner Zeit als Arzt. Emotional die übelsten Fälle.“

Oxana Giesbrecht: „Manche haben zu mir gesagt: Verklag Dr. Holzhausen! Ich habe gesagt: Wie? Warum denn? Da war ein Junge in seiner Praxis, er hatte noch nicht einmal Ausschlag. Und seine Praxis hat uns immer angerufen, fürs Impfen: ›Frau Giesbrecht, wir müssen einen Termin machen.‹ Die waren da sehr gewissenhaft.“

Anca Knäpp: „Ich habe kein Bedürfnis, Herrn Holzhausen etwas vorzuwerfen. Viele haben mich gefragt: Wie konntest du danach nur weiter zu ihm gehen? Am Anfang war eine Wut da ... aber ich bin kein nachtragender Mensch. Ich habe gemerkt, dass ihn die ganze Sache sehr beschäftigt hat.“

Oxana Giesbrecht: „Ich weiß, wie entsetzt Dr. Holzhausen war, als Micha gelähmt dalag. Ich glaube, nach den Hausbesuchen ist er immer mit feuchten Augen gegangen. Auch für ihn ist das ein Trauma.“

Anca Knäpp: „Herr Holzhausen hat den Kontakt zwischen Oxana und mir hergestellt.“

Oxana Giesbrecht: „Ich hatte ein Kaffeetrinken bei mir zu Hause mit Freundinnen. Herr Holzhausen rief an und erzählte mir von Natalie. Ich fing an zu weinen. Meine Freundinnen dachten, jemand wär gestorben. Ich dachte: Das gibt es nicht, das kann nicht sein. Das ist doch so selten!“

Anca Knäpp: „Oxana hat uns angerufen, und wir haben uns verabredet. Micha konnte, als wir ihn kennenlernten, nicht mehr laufen oder sprechen. Natalie hatte auch schon viele Fähigkeiten verloren.“

Oxana Giesbrecht: „Natalie war so ein bildhübsches Kind. So eine Süße. Wenn wir uns besucht haben, lagen die Kinder nebeneinander.“

Anca Knäpp: „Oxana hat mir beigestanden, wenn ich nicht mehr weiterwusste.“

Oxana Giesbrecht: „Ich konnte Anca ein bisschen auffangen. Aber ich konnte sie nicht trösten. Ich konnte nicht sagen: Das wird schon! Hab Hoffnung! Ich wusste ja, wie der Verlauf ist.“

Anca Knäpp: „Wir wollten nicht wahrhaben, dass es keine Chance mehr für unser Kind geben soll. Keine Heilung.“

Sie und ihr Mann fahren mit Natalie zu Experten nach Hannover und nach Österreich, versuchen es mit allen möglichen Therapien. Natalie erhält Infusionen, bekommt alle drei Stunden Medikamente verabreicht, auch nachts. „Damit haben wir Natalie sehr gequält“, sagt Anca Knäpp.

Nichts hilft. Die Krankheit, später als bei Micha ausgebrochen, verläuft bei Natalie schneller.

Im April 2019 steigt Anca Knäpp aus ihrem Passat, sie überquert eine Straße und geht durch ein gusseisernes Tor. Wie immer an ihren freien Tagen, zweimal die Woche, kommt sie hierher. Sie geht einen Schotterweg entlang, geradeaus an den Urnengräbern vorbei, erste rechts, vierte links. Dann bleibt sie stehen und sagt: „Hallo, mein Schatz.“

Natalie Knäpp

* 12. 5. 1998

† 13. 10. 2011

Das Grab ist verziert mit Engeln, die Blumen sind noch frisch. „Es ist mein zweites Zuhause“, sagt Anca Knäpp. Oft verbringt sie Stunden am Grab, erzählt ihrer Tochter von ihrem Alltag, davon, was sie beschäftigt. In Natalies Nachbargräbern liegen Menschen, die älter als 90 wurden. Hin und wieder sind spielende Kinder zu hören. Nur ein paar Schritte entfernt, gleich hinter der niedrigen Friedhofsmauer, liegt der Kindergarten, in den Natalie ging.

Anca Knäpp: „Sie bekam eine Lungenentzündung, und Herr Holzhausen hat uns ins Krankenhaus geschickt. Ich habe damals gespürt, dass es die letzten Tage mit Natalie sind. Auf der Intensivstation fragte uns der Arzt, ob sie an den Geräten weiterleben soll ... Das mochten wir ihr nicht antun. Ich habe Natalie dann einen Brief geschrieben, einen Abschiedsbrief. Der Pastor hat ihn bei der Beerdigung vorgelesen.“

Wir haben uns so sehr gewünscht, dass Du wieder gesund wirst, dass Du erwachsen wirst und eines Tages nach Hause kommst und sagst: „Mama, ich bin verliebt!“ [...] Wir wollen dich nicht gehen lassen, aber wir müssen.

Zu der Beerdigung hat Anca Knäpp auch Natalies Kinderarzt eingeladen, Christoph Holzhausen.

Christoph Holzhausen: „Ich bin mit der ganzen Praxis hingegangen.“

Er hat Anca Knäpp nie die Frage gestellt, die er sich selbst bis heute stellt: Hätte er es den Eltern der anderen Kinder sagen sollen? Hätte er es Anca Knäpp sagen sollen? Damals, als Natalie noch gesund war – und Micha schon krank.

Anca Knäpp: „Ich weiß nicht, ob ich das gerne gewusst hätte. Es so ganz direkt von einem Arzt gesagt zu bekommen ... Die Masern waren ja ohnehin in ihrem Gehirn und haben angefangen, alles zu zerstören. Wenn es etwas gegeben hätte, was wir hätten tun können, wäre es gut gewesen, informiert zu werden – aber so? Wir haben diese Jahre mit unserem Kind genossen, waren unbeschwert.“

Auf dem Friedhof schaut Anca Knäpp jetzt auf die Uhr. Kurz vor eins, gleich kommt ihr Sohn aus der Schule, sie muss ihn zum Schwimmunterricht fahren, dann zum Fußballtraining. Sie kniet sich vor das Grab ihrer Tochter, zeichnet mit ihren Fingern ein Kreuz in die Erde.

Oxana Giesbrecht: „Micha ist an einem Montag gestorben, am 10. Juni 2013, zu Hause. Morgens um halb acht war seine Sauerstoffsättigung ganz unten. Ich hab seinen Kopf gehalten. Und dann merkte ich: Er fängt an zu verschwinden. Ich hab nur geschrien: Peter, komm her! Mein Mann nahm Micha auf den Arm. Und dann habe ich gesehen, Micha guckte geradeaus. Er schaute sich etwas an. Und er freute sich. Für mich ist das ein Trost. Er hat noch zweimal ausgeatmet. Und dann war er dahin.“

Micha stirbt knapp zwei Jahre nach Natalie und 14 Jahre nachdem er sich als Säugling mit Masern angesteckt hat.

Oxana Giesbrecht: „Ich habe nicht erwartet, dass Dr. Holzhausen zur Beerdigung kommt. Als ich ihn gesehen habe, habe ich ihn sehr bewundert. Er hatte die Stärke, zu kommen. Er sagte: ›Es tut mir so furchtbar leid, was passiert ist.‹ Und dass es bei ihm passiert ist. Ich habe ihm damals gesagt, er soll doch bitte aufhören damit.“

Christoph Holzhausen: „Frau Giesbrecht hat gesagt: Wir geben Ihnen keine Schuld. Wir geben Ihnen keine Schuld!“

Oxana Giesbrecht: „Es tat ihm sehr leid. Das wünsche ich keinem Kinderarzt. Gerade er, ein impfender Arzt!“

Christoph Holzhausen: „Besonders schlimm fand ich bei Micha und Natalie, dass sie so jung waren, als sie angesteckt wurden. Dass man sie noch nicht impfen konnte.“

Zwei Mütter, die ihre Kinder begraben mussten. Ein Arzt, der damit klarkommen muss, dass sie sich in seiner Praxis, in der er Kindern helfen wollte, mit der tödlichen Krankheit infizierten. Und das alles, weil ein elfjähriger Junge nicht geimpft war.

Anca Knäpp: „Dem Jungen mache ich keinen Vorwurf, das Kind kann nichts dafür, den Eltern aber schon. Der Gedanke ist mir natürlich gekommen: dass die das Leben anderer aufs Spiel setzen. Die bestimmen einfach über andere. Ich weiß nicht, was aus dem Jungen geworden ist.“

Christoph Holzhausen: „Ich habe nie wieder von ihm gehört. Auch nicht von seinen Eltern oder seinem Großvater.“

Nachdem Micha und Natalie an SSPE erkrankt sind, trifft Christoph Holzhausen eine Entscheidung: Er behandelt nur noch geimpfte Kinder, die Kinder von Impfgegnern nicht mehr. Außer es handelt sich um einen Notfall – als Arzt ist das seine Pflicht.

Christoph Holzhausen: „Man spricht Impfungen an, Impflücken. Und wenn die Eltern sagen: Nein, wir möchten keine Impfungen, dann sagt man: Dann können Sie hier nicht dauerhaft betreut werden.“

Holzhausen hat in solchen Gesprächen versucht, die Impfgegner auf seine Seite zu bringen, viele Male.

Christoph Holzhausen: „Da reden Sie sich dumm und dämlich.“

Ärzte wie Holzhausen können in solchen Gesprächen Zahlen, Fakten, Studien referieren. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Als Antwort bekommen sie dann meistens geheimnisvolle Theorien präsentiert, vermeintliche Beweise, angebliche Expertenmeinungen, oft hervorgegraben aus den Tiefen des Internets.

Christoph Holzhausen: „Ich kann mich nicht erinnern, dass es je zu einem lauten Streit mit Impfgegnern gekommen ist. Aber die Gespräche mit diesen Eltern dauerten immer lang. Zeit, in der die anderen Patienten warten müssen. Verschwendete Zeit.“

Oxana Giesbrecht, die vierfache Mutter, kann gut verstehen, dass es schwerfällt, ein Baby impfen zu lassen, dieses kleine Wesen, das man so liebt, dem ja kein Schaden widerfahren soll. Sie hat mit Impfgegnern diskutiert. Manchmal haben sie ihre Sätze angefangen mit „Das tut uns ja leid mit Micha, aber ...“ Aber.

Aber wir hatten die Masern doch auch, und es war kein Problem.

Aber die Risiken von Impfschäden.

Aber die Chemikalien in den Impfstoffen.

Aber die Pharmaindustrie, die nur Kasse machen will.

Inzwischen versucht Oxana Giesbrecht, nicht mehr hinzuhören, wenn Impfgegner reden, zu viel Verletzendes ist in ihren Aussagen. Nur manchmal, wenn sie auf Facebook sieht, dass Impfgegner Beiträge über das Impfen kommentieren, erträgt sie es einfach nicht – und mischt sich ein. Dann schreibt auch sie in die Kommentarspalten. Dann erzählt sie davon, was Micha widerfuhr. Und wird nicht selten beschimpft dafür.

Oxana Giesbrecht: „Bei manchen dieser Leute habe ich das Gefühl, ich muss mich noch dafür entschuldigen, dass Micha gestorben ist. ›Einer von tausend!‹, sagen die. Sag so was einer Familie wie unserer: Einer von tausend. Das ist grausam. Diese Krankheit ist grausam. Das Kind stirbt nicht einfach. Das Kind wird durch die Krankheit gequält, und die Familie ist mit betroffen.“

Anca Knäpp: „Das ist kein Schicksalsschlag! Das ist etwas, was man vermeiden kann. Mit Impfen.“

Oxana Giesbrecht: „Die Hardcore-Impfgegner kriegt man nicht überzeugt. Mir geht es um die Mamis, die unsicher sind, die fragen: Wie sollen wir das entscheiden?“

Es gibt Impfgegner, die noch heute an eine Studie glauben, wonach Impfungen zu Autismus führen. Obwohl die Untersuchung vielfach widerlegt und dem Autor die ärztliche Zulassung entzogen wurde. Einige wenige bezeichnen Impfen als „den neuen Holocaust“, der die gesamte Menschheit bedrohe. Wer so spricht, ist für Argumente nicht mehr empfänglich.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat in einer repräsentativen Befragung festgestellt, dass es in Deutschland zwei Prozent überzeugte Impfgegner gibt.

Eine sehr viel größere Gruppe sind diejenigen, die „teilweise Vorbehalte“ gegen das Impfen haben, etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Sie lehnen Impfungen nicht mit der Vehemenz ab wie die Impfgegner. Auch sie hinterfragen die Sicherheit oder den richtigen Zeitpunkt einzelner Impfungen. Aber im Gegensatz zu den radikalen Impfgegnern lassen sie sich mitunter noch mit Argumenten erreichen.

Das ist der Grund, weshalb Oxana Giesbrecht noch immer über ihren Sohn spricht, obwohl es ihr wehtut. Wenn schon alles, was Micha zustieß, ohne Sinn ist, dann lässt sich vielleicht Sinn darin finden, aufzuklären.

Deshalb sind auch Anca Knäpp und Christoph Holzhausen bereit zu erzählen.

Als Holzhausen damals beschloss, keine ungeimpften Kinder mehr zu behandeln, hat er, ganz persönlich und nur in seiner Praxis, etwas eingeführt, was jetzt in ganz Deutschland diskutiert wird: eine Impfpflicht.

Anfang Mai will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen Vorschlag für ein Gesetz vorlegen, das vorschreibt, Kita- und Schulkinder gegen Masern impfen zu lassen. Er bekommt breite Unterstützung. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey spricht sich für eine Masern-Impfpflicht in Kitas und Schulen aus, die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles ist dafür, genauso wie Spitzenpolitiker der Linken und der FDP.

Als erstes Bundesland hat Brandenburg bereits Mitte April eine Masern-Impfpflicht für Kita-Kinder beschlossen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg prüfen die Bedingungen für die Einführung einer Impfpflicht.

Wenn sich Eltern weigern, ihre Kinder impfen zu lassen, und damit auch andere Kinder gefährden, ist der Reflex, sie per Gesetz zum Impfen zu zwingen, nachvollziehbar. Eine klare, einfache Lösung. In Wahrheit ist die Angelegenheit komplizierter. Eine vorgeschriebene Impfung verletzt das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und ist nur in Ausnahmefällen möglich. Am Mittwoch dieser Woche schaltete sich der Deutsche Ethikrat in die Diskussion ein und forderte „eine differenziertere Debatte“.

Bisher wird die Impfung gegen Masern zusammen mit der Impfung gegen Mumps und Röteln verabreicht. Einen einzelnen Impfstoff gegen Masern gibt es in Deutschland derzeit gar nicht, er müsste erst auf den Markt gebracht werden.

Die entscheidende Frage aber lautet: Wie würden Impfkritiker auf eine Impfpflicht reagieren?

Cornelia Betsch, Psychologin und Professorin für Gesundheits-Kommunikation an der Universität Erfurt, erforscht Impfentscheidungen. Sie hat ein Experiment durchgeführt, in dem es zwei Probandengruppen gab, die sich jeweils zwei fiktiven Impfentscheidungen stellen sollten.

Der einen Gruppe sagte man, die erste Impfung sei eine Pflichtimpfung, die zweite, gegen eine andere Krankheit, sei freiwillig. Die Angehörigen der anderen Gruppe hingegen konnten über beide Impfungen frei entscheiden. In beiden Gruppen gab es Impfbefürworter und Impfkritiker, die Einstellung wurde vor dem Experiment abgefragt.

Das Ergebnis: Jene Probanden, die einer Impfung skeptisch gegenüberstanden und der Gruppe angehörten, bei der die erste Impfung verpflichtend war, impften bei der zweiten, für sie freiwilligen Impfung oft nicht. „Sie holten sich sozusagen die eingeschränkte Entscheidungsfreiheit bei der nächstmöglichen Gelegenheit wieder zurück“, sagt die Wissenschaftlerin Cornelia Betsch. In der zweiten Gruppe, deren Probanden beide Male frei entscheiden konnten, war die Impfbereitschaft am Ende deutlich höher.

Betsch hält deshalb eine teilweise Impfpflicht, etwa nur gegen Masern, für den falschen Weg. „Ich stelle mir die Aufklärungsgespräche vor zwischen den Ärzten und den etwas skeptischen Eltern, die dann sagen: ›Na gut, Masern muss ich, aber dann lasse ich den Rest weg.‹“

Würde also eine Einzelimpfung für Masern gesetzlich vorgeschrieben, könnte es passieren, dass dann weniger Kinder gegen Röteln geimpft werden. Oder gegen Mumps. Auch diese Krankheiten können kompliziert verlaufen, auch sie können Gehirnentzündungen hervorrufen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat untersucht, warum Menschen die empfohlenen Impftermine verstreichen ließen. Dass sie Impfungen skeptisch gegenüberstehen, war nur ein Grund. Ein anderer: Sie hatten es im Alltagsstress schlicht versäumt.

Vergesslichkeit, Unachtsamkeit, Schlampigkeit – das klingt weniger spektakulär als die kruden Verschwörungstheorien von Impfgegnern. Im Fall des Elfjährigen, der damals die Masern in Christoph Holzhausens Praxis brachte, aber war genau dies das Problem. In der Patientenakte des Jungen hatte Holzhausen damals nicht nur notiert: Schlechter Impfstatus . Er hatte noch hinzugefügt: Keine Impfgegner, eher unzuverlässig, Impftermine wurden durch Mutter nicht wahrgenommen.

Die Impfpflicht ist eine Idee. Andere Vorschläge sind: Impfungen auch in der Apotheke, um sie leichter zugänglich zu machen. Ein einheitliches Erinnerungssystem. Ein nationales Impfregister – das gibt es in Deutschland bisher nicht. Geht der Impfpass verloren, ist nirgendwo zentral festgehalten, wer wogegen geimpft ist und wann die nächste Impfung fällig wäre.

Oxana Giesbrecht und Anca Knäpp haben heute nur noch losen Kontakt zueinander, das Leben geht weiter, muss weitergehen. Als Anca Knäpp am 13. Oktober 2018, dem siebten Todestag von Natalie, Gedanken an ihre Tochter auf Facebook postet, fügt Oxana Giesbrecht einen weinenden Smiley unter den Post.

Und als Oxana Giesbrecht am 15. November 2018 Bilder von Micha, der an diesem Tag 20 Jahre alt geworden wäre, auf ihre Facebook-Seite stellt, postet Anca Knäpp darunter ein Herz.

Der damals elfjährige Junge ist heute 31. Ein erwachsener Mann.

Wenn er auffindbar wäre: Würde er sich an seine Masernerkrankung überhaupt noch erinnern?

Wenn er wüsste, was damals im Wartezimmer von Christoph Holzhausen seinen Anfang nahm: Würde er sich schuldig fühlen?

Wenn man ihm sagte, dass zwei Kinder starben, weil seine Eltern die Impftermine versäumten: Würde er ihnen einen Vorwurf machen?

Wenn, wenn, wenn.

Kurzbiographien

Amrai Coen,

Jahrgang 1986, Redakteurin im Dossier der ZEIT. Geboren und aufgewachsen in Hamburg. Zur Schule gegangen in Deutschland, Mexiko und Australien. Rugby gespielt für den FC St. Pauli und in der deutschen Nationalmannschaft. Schreiben gelernt an der Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen und der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Seit 2012 bei der ZEIT.

 

Nicola Meier,

Jahrgang 1979, arbeitet seit 2016 für die ZEIT, erst als Pauschalistin im Dossier, dann als Redakteurin beim ZEITmagazin und Autorin fürs Dossier. Vorher arbeitete sie als freie Reporterin in Hamburg. Sie studierte Publizistik, Politikwissenschaft und Literatur in Mainz und besuchte die Reportageschule in Reutlingen. Ihre journalistischen Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet.