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30. November 2000 | Allgemeines

Zeitung ist zentrales Medium der Wissensgesellschaft

Deutsche lesen viel, aber oberflächlich / Kongress der "Stiftung Lesen"

Trotz der großen Vielfalt medialer Freizeitangebote ist das Zeitunglesen den Deutschen nach wie vor die wichtigste Nebenbeschäftigung: Gleichauf mit dem - beliebten - Fernsehen wird das Lesen einer Zeitung von 86 Prozent aller Befragten als wichtige Beschäftigung in der Freizeit genannt. Es folgen das Lesen von Zeitschriften (71 Prozent), Radio hören (70 Prozent). Die PC-Nutzung steht mit 17 Prozent an letzter Stelle.

Im Zeitalter von Internet und Multimedia lesen die Deutschen nicht viel weniger als zu Beginn der 90er Jahre, aber oberflächlicher. Auf diese Kurzformel lässt sich eine neue Studie der Stiftung Lesen bringen, die am 23. November 2000 bei einem internationalen Kongress "Gutenbergs Folgen - Von der ersten Medienrevolution zur Wissensgesellschaft" in Mainz vorgestellt wurde. "Die Schere zwischen 'Lustlesern' und 'Musslesern' geht immer weiter auseinander", fasste Leseforscher Bodo Franzmann die Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung von 2.350 deutschsprachigen Bundesbürgern ab 14 Jahren zusammen, die mit einer Erhebung aus dem Jahr 1992 verglichen wurde. Erstmals wird in der Studie der Zusammenhang zwischen der Internet-Nutzung und dem Lesen mit Zahlen belegt. Gerade für junge Menschen im Alter bis 29 Jahre gilt: Wer häufig im Datennetz surft, nimmt auch gern und oft ein Buch in die Hand.

"Die Computernutzung ist keine Verhinderung von Lesen", widerlegte Hans-Jürgen Hippler von der ZMG bei der Präsentation der Untersuchung ein verbreitetes Vorurteil. Von den jungen Computernutzern lesen 15 Prozent täglich ein Buch, 40 Prozent geben sich mehrmals in der Woche der Lektüre hin, elf Prozent dagegen nie. Von denjenigen, die keinen PC benutzen, lesen nur vier Prozent täglich, aber 30 Prozent nie ein Buch. 19 Prozent gaben an, seltener als einmal im Monat ein Buch zu lesen. Auch die Zahl der gelesenen Bücher klafft zwischen Jugendlichen, die der "Informationselite" angehören, und den anderen Altersgenossen stark auseinander. So lesen 33 Prozent der Computerfreaks elf bis 20 Bücher im Jahr, neun Prozent von ihnen sogar bis zu 50 Bücher jährlich. Von den Nicht-PC-Nutzern liest dagegen fast die Hälfte (47 Prozent) nur ein bis fünf Bücher pro Jahr. Offenkundig hinken viele Jugendliche auf dem Weg in die Informationsgesellschaft hinterher. "Da muss sich die Bildungspolitik etwas einfallen lassen", meinte Leseforscher Franzmann.

Generell hat die tägliche Buchlektüre in Deutschland in den vergangenen Jahren abgenommen. Seit 1992 sank der Anteil der täglichen Leser von 16 auf sechs Prozent. Am anderen Ende der Skala ging die Zahl der Nie-Leser nach oben: 28 Prozent aller Befragten gaben an, nie ein Buch in die Hand zu nehmen. Vor acht Jahren waren es erst 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der jährlich gelesenen Bücher zu. Auch die Buchausstattung in den Haushalten verbesserte sich deutlich. Werden alle diese Faktoren berücksichtigt, ergibt sich ein anderes Bild: Die Zahl der Vielleser nahm von 25 auf 28 Prozent zu, die der Kaum- und Wenigleser von 53 auf 45 Prozent ab. "Vielleser sind die, die freiwillig lesen und denen es Spaß macht, Wenigleser tun es, weil sie lesen müssen", erläuterte Christiane Tullius von der ZMG.

Bei der Lektüre hält der Trend zu Sach- und Fachbüchern an. Im Jahr 2000 gaben 41 Prozent der Befragten an, Ratgeber oder Literatur zur Weiterbildung zu lesen, 1992 waren es 31 Prozent. "Diese Entwicklung entspricht der Zeit", meinte Franzmann, "in einer Informationsgesellschaft wird auch mehr Informationsliteratur gebraucht". Die überraschendste Erkenntnis haben die Wissenschaftler aber bei ihren Fragen nach den Lesestrategien gemacht: So hat die Zahl der "Häppchen-Leser" von 18 auf 47 Prozent stark zugenommen. 19 Prozent überfliegen beim Lesen nur noch die Seiten. Von den Jugendlichen bis 19 Jahren gab sogar fast jeder dritte an, sich nur die interessantesten Passagen durchzulesen. "Die Leser passen sich immer stärker an das Informationsüberangebot in der Mediengesellschaft an", schließt Prof. Klaus Ring, Geschäftsführer der Stiftung Lesen, aus der Studie. Vielleser seien zwar lesefreudig und kompetent wie nie zuvor, ein Großteil der Deutschen sei aber immer noch nicht ausreichend auf die Anforderungen des Informationszeitalters vorbereitet. "Das Betriebssystem für die neuen Medien ist das Lesen", betonte Ring. Deshalb müsse mehr getan werden, um "Leser-Karrieren" zu fördern. Vor allem den Eltern kommt dabei laut Studie eine große Verantwortung zu. "Wenn beide Eltern lesen, hat man keine Chance, am Lesen vorbeizukommen", sagte Tullius. Die Schule könne Versäumnisse im Elternhaus kaum ausgleichen.

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