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25. Juni 2019 | Namen und Nachrichten

Theodor-Wolff-Preis: Die Nominierten im Interview

MarisHubschmid2_Doris_Spiekermann-Klaas.jpgMorgen wird im Radialsystem V in Berlin der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis (TWP) verliehen. Von der Jury als preiswürdig nominiert sind 13 Texte (BDZV Intern berichtete). Wir haben die Autorinnen und Autoren gebeten, uns einige Fragen zu ihrer Arbeit zu beantworten. Hier antwortet Maris Hubschmid vom Berliner „Tagesspiegel“, nominiert in der Kategorie Reportage Lokal für ihren Beitrag „Bis zum letzten Tropfen“. Mehr von den Nominierten finden Sie bei Facebook und auf www.bdzv.de/twp/.


Wie entstand die Idee zu Ihrem Beitrag und wie haben Sie recherchiert?

Ich lebe in Kreuzberg. Mir sind wiederholt Männer aufgefallen, die einerseits obdachlos wirkten, aber auch wieder nicht. Irgendwann habe ich zwei von ihnen angesprochen. Da fiel das Stichwort Herrenwohnheim. Bald darauf wieder, als ich mit einer Kollegin zusammensaß, die ebenfalls in der Nachbarschaft wohnt. Herrenwohnheim! Schon das Wort reizte mich. Mich interessierte dieser Ort als Soziotop. Wie einzigartig die Einrichtung ist, habe ich erst bei meinem Besuch erfahren. Hier dürfen obdachlose Alkoholiker rund um die Uhr trinken. Niemand versucht mehr, sie zu heilen, zu formen. Sie gelten als austherapiert. Insgesamt bin ich fünf- oder sechsmal dort gewesen. Habe mit dem Heimleiter gesprochen, am Stammtisch und im Gemeinschaftsraum gesessen, jeweils zwei lange Gespräche mit zwei sehr unterschiedlichen Bewohnern, Till und Martin, geführt. Da das Heim so nah war, konnte ich auch für Rückfragen einfach vorbei fahren, was sehr hilfreich war, erstens, weil die Bewohner weder Telefon noch E-Mail haben, zweitens, weil ich sie dadurch in unterschiedlichen Momenten und Stimmungen erlebt habe.


Vor welchen Herausforderungen standen Sie dabei?

Da war zunächst die Frage nach dem Protagonisten: Einer aus 46! Wobei ein Teil der Männer gar nicht mehr in der Verfassung ist, Auskunft zu geben. Auch Martin zum Beispiel, der die tolle Wendung mitbringt, dass er inzwischen nüchtern und wohlhabend ist, kann sich an 30 Jahre seines Lebens nicht erinnern. Erst glaubte ich, mich für eine starke Geschichte für einen Protagonisten entscheiden zu müssen. Der Kosmos, das Thema sind ohnehin vielschichtig. Aber ich fand, dass sowohl Till als auch Martin viel über diesen Ort und die Gesellschaft erzählen und ihre Daseinsberechtigung in dem Beitrag haben. Der Text sollte berührend, aber ehrlich sein, nicht mitleidheischend. Denn wahr ist: Diese Männer haben auch viele andere Menschen enttäuscht. Dann wollten wir ja nicht bloß traurige Schicksale schildern. Ich habe versucht, die sehr besondere Atmosphäre im Heim einzufangen. Die habe ich eigentlich, obwohl das Elend allgegenwärtig ist, als bemerkenswert heiter, gelöst empfunden. Ich habe es so gedeutet: Hier, endlich, am Ende eines langen und oft bitteren Weges, formuliert niemand mehr Erwartungen an diese Männer. Nicht weiter scheitern können – darin liegt eine Art von Glück. Sie dürfen sein, wie sie sind, wer sie sind. Und tun, was sie wollen: Trinken. Ohne unmittelbare Existenzangst.


Wie wurden Sie dabei unterstützt?

In der Redaktion haben Katja Füchsel und Sidney Gennies, Leiter von Seite 3 und unserem Samstagsmagazin Mehr Berlin, wo der Text erschienen ist, die Geschichte von Anfang an unterstützt, mir Raum und Zeit gegeben, sie aufzuschreiben und die richtigen Fragen gestellt. Auch der Heimleiter Ulrich Davids hat viel Zeit geopfert und war sehr geduldig mit mir, zumal ich telefonisch in der Einrichtung nur ihn erreichen konnte. Die im Kiez wohnende Kollegin, mit der ich zufällig auf das Heim zu sprechen gekommen war, war unsere Fotografin Kitty Kleist-Heinrich. Dass sie dann die Bilder gemacht hat, hat wunderbar gepasst.


Was macht für Sie persönlich guten Journalismus aus?

Er ist unabhängig, unvoreingenommen und gründlich. Er zeigt uns nicht nur das Erwartbare, sondern lenkt den Blick auf Aspekte, Dinge und Schicksale, die uns sonst verborgen geblieben wären. Er ist relevant. Es gibt auch eine emotionale Relevanz.


Was braucht ein herausragender Artikel?

Eine Geschichte, die berührt, klare, unprätentiöse Sprache, aber Sätze, die hängenbleiben. Ein herausragender Artikel verändert und schärft den Blick und ist auch Jahre nach seinem Erscheinen lesenswert.


Was erwarten Sie von der Preisverleihung am 26. Juni in Berlin?

Ich freue mich wahnsinnig auf fantastische Kollegen, die ich teils nur vom Lesen kenne, und darüber, dass das Thema sowie Till und Martin in diesem Rahmen einmal mehr gewürdigt werden.

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