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22. Oktober 2015 | Veranstaltungen

Publishing-Gipfel: Optimismus, Neugier, Experimentierfreude

22. Oktober 2015

Wer Wehklagen über die schwierigen Zeiten für die Zeitungsbranche erwartet hat, sah sich aufs Angenehmste enttäuscht beim diesjährigen Publishing-Gipfel, den BDZV und Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) am 22. Oktober 2015 bei den Medientagen München veranstaltet haben. Vielmehr mischten sich hier gesunder Realismus mit Blick auf die anstehenden Aufgaben und großer Optimismus, was die Zukunft des Zeitungmachens angeht. Schlüsselworte waren „Neugier“ und „Mut zu Experimenten“. Die Moderation hatte Uwe Vorkötter, Chefredakteur des Branchenmagazins „Horizont“.

So berichtete Petteri Putkiranta, Geschäftsführer der größten finnischen Tageszeitung „Helsinging Sanomat“ (HS), dass sein Medienunternehmen gedruckt und digital 2,1 Millionen Finnen pro Woche erreiche und weiter wachsen wolle. An Bezahlmodellen im Netz führe dabei aus seiner Sicht kein Weg vorbei. Wobei die immer größere Bedeutung des mobilen Zugangs die wohl letzte Chance sei, dies noch erfolgreich zu implementieren. Bei „HS“ zahlten bereits 50 Prozent der Abonnenten für digitalen Content.

In der anschließenden Podiumsdiskussion erklärte Ulrich Gathmann, Geschäftsführer Nordwest-Medien (Oldenburg), dass für die nächsten fünf bis 15 Jahre Print noch das Kerngeschäft ausmachen werde. „Und das ist auch gut so, weil wir die Zeit brauchen, um das Digitale zu entwickeln.“ Gathmann verwies auf die technologischen Standards, die durch die großen US-Unternehmen gesetzt würden und die die Leser nun auch von ihrer Zeitung in Deutschland erwarteten. „Da sind wir erst am Anfang. Aber mit Hilfe der Technologie unseren Lesern und Nutzern die individuell zugeschnittenen Produkte anzubieten, die sie brauchen, empfinde ich als eine motivierende Vision.“

„Entspannt“ sah Martin Wunnike, Vorsitzender der Geschäftsführung Mittelbayerischer Verlag (Regensburg) die Situation: „Unser Geschäft ist ja nicht das Drucken, sondern das Verbreiten von Inhalten in jeder Form.“ Sein Haus passe sich flexibel den Entwicklungen an, sei erfolgreich wie nie und erreiche durch zielgruppen-definierte Produkte auch wieder mehr junge Leute. Das habe auch mit einem Mentalitätswandel zu tun. Wunnike: „Ich bin froh, dass Redaktionen jetzt auch von Markt und Kunden reden.“

Über erfolgreiche neue Formate und einen Zuwachs an Abonnenten der gedruckten Zeitung wie bei der Online-Reichweite im vergangenen Jahr berichtete auch Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin „Der Standard“ (Wien). Dafür seien die alten journalistischen Tugenden genauso wichtig wie die Bereitschaft, neue Wege des Erzählens zu finden. Die Chefredakteurin verwies stolz auf die Stärke des „Standard“ bei der Live-Berichterstattung. Sehr gut angenommen würde von den Nutzern auch ein Live-Ticker beim Fußball.

Zitate

  • Anna Huber, Mitarbeiterin Medienhausmarketing, „Nordbayerischer Kurier“: Ein großer Vorteil des Lehrgangs ist der Austausch mit Kollegen aus anderen Verlagshäusern. Schon oft bin ich mit neuen Ideen zurückgekommen. Natürlich fällt einem das Gespräch mit Jemandem, den man schon etwas länger kennt, leichter. Dass an den Modulen immer dieselben Personen teilnehmen, ist in jedem Fall auch ein bedeutender Pluspunkt des Kurses.

  • Martin Wunnike: Ich bin seit 1992 bei der Zeitung. Seitdem 'sterbe' ich.

  • Jochen Kalka: Es ist mutig, dass die Zeitungsverleger das Thema Native Advertising bei den Medientagen aufgreifen. Das zeigt, dass sie vorwärts denken.

  • Torben Ellmers, Teamassistent B2C-Marketing, MADSACK Market Solutions: Der Erfahrungsaustausch mit den Teilnehmern und den kompetenten Dozenten sorgt für neue Ideen, die man ins eigene Haus mitnimmt. Die Diskussionen fanden in einer angenehmen Atmosphäre statt.

  • Mathias Müller von Blumencron: Wer sagt, er weiß, wie die Medienbranche in fünf Jahren aussieht, ist entweder ein Scharlatan oder ein Unternehmensberater oder beides.

  • Barbara Geier: Im angelsächsischen Sprachraum verwendet man lieber den Begriff 'Sponsored Ad'. Native Ad ist dort negativ konnotiert.

  • Detlev Niehues, Vertriebsabteilung, „Westfälischer Anzeiger“: Gerade für mich als Quereinsteiger in der Verlagswelt ist die Vertriebssicht 360° Gold wert. Das projektorientierte Arbeiten in Teams und der verlagsübergreifende Informationsaustausch bilden hier eine wertvolle Basis. Persönlich ist es eine Anerkennung, diese Weiterbildungsmöglichkeit von meinem Verlag bekommen zu haben und bedeutet für mich eine Wertschätzung der schon erbrachten Leistung für mein Unternehmen.

  • Andreas Scherer: Von den Bloggern können wir Zeitungen lernen, wie man sich als Marke inszeniert.

  • Andrea Malgara: Das Ziel von Native Ads: Wir wollen damit Awareness und Loyalität schaffen. Das ist keine laute Werbung.

  • Chiara Zellner, Lesermarkt / Einzelverkauf, „Mittelbayerische Zeitung“: Als Teilnehmerin des erstmalig durchgeführten Zertifikatskurses kann ich ausschließlich positiv über Inhalt, Ablauf und Organisation berichten. Jungen Leistungsträgern und Nachwuchskräften aus den Bereichen Marketing und Vertrieb wird dadurch die perfekte Möglichkeit geboten sich ein umfassendes Know-how in allen Bereichen anzueignen.

  • Petteri Putkiranta: Daten spielen für uns eine wichtige Rolle. Wir können damit Qualität messen. Wir debattieren allerdings noch über das Wie.

  • Nadine Rosenkranz: Wir trennen scharf zwischen Redaktion und Native Advertising. Dabei schaffen wir kein Umfeld für unsere Kunden, sondern nehmen ein Thema auf und erzählen es.

  • Ulrich Gathmann: Der Wert des Journalismus ist das, was unsere Kunden ihm beimessen.

  • Alexandra Föderl-Schmid: Überall, wo 'Standard' draufsteht, muss ein hoher Standard drin sein.

Dass eine Bezahlschranke allein nicht zum erfolgreichen Transfer in digitale Geschäftsmodelle führen wird, betonte Matthias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Medien der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Das ist eine Wissenschaft, wir wissen doch noch gar nicht, wie man optimal digital verkauft.“ Die sozialen Medien spielten eine essenzielle Rolle für das „Erste Mal“, den ersten Kontakt zum Leser und Nutzer. „Dann versuche ich, sie mit dem Funken der Marke zu infizieren – und dann erst, vielleicht, zu zahlenden Kunden zu machen.“ Als positive Begleiterscheinung der Digitalisierung charakterisierte Müller von Blumencron, dass der Austausch mit Chefredaktionen konkurrierender Medien „viel kooperativer“ sei, als früher in der reinen Printwelt.

Selbstbewusst war auch der Auftakt des Publishing-Gipfels. „Wir brauchen keine Hilfe von der Politik, wir brauchen positive wirtschaftliche Rahmenbedingungen“, erklärte Andreas Scherer, Erster Vorsitzender des VBZV, im Interview mit dem Bayerischen Staatssekretär für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie, Franz Josef Pschierer. Dieser wiederum sah es als Aufgabe der Politik, „Vielfallt bei den Medien zu sichern.“

(Fotos: BDZV/Lütkecosmann)

Ort: München

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