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21. Mai 2018 | Allgemeines

Mehr als ein schneller Tapetenwechsel

Peter Bandermann schildert seine Erfahrungen beim #ReporterTausch2018

Bandermann_Peter3.jpgPeter Bandermann von den „Ruhr Nachrichten“ war als Tauschreporter bei der „Lausitzer Rundschau“ in Hoyerswerda im Einsatz. Hier schildert er seine Eindrücke vom #ReporterTausch2018.

Fünf Tage Reportertausch. Recherche auf fremdem Terrain in einem unbekannten Team – der #Reportertausch2018 war ein Experiment, dass die Heimatredaktion so nicht bieten kann und aus der Sicht des Gasts in Hoyerswerda voll funktioniert hat. Das lag an den Kolleginnen und Kollegen der „Lausitzer Rundschau“, die als Lokaljournalisten vor Ort in Hoyerswerda und an den Desks den Versuch engagiert mitgetragen haben. Kann ein Externer mit dem Blick von der Seite aus der Großstadt Dortmund die Themen der ländlichen Lausitz so aufschreiben, dass tatsächlich eine neue Perspektive und damit ein Mehrwert entsteht? Stehen da nicht Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West im Weg?

Lausitzer_Seenlandschaft_Foto_Bandermann__1_.JPGFrage 1 war schon am ersten Tag beantwortet: Lokaljournalisten ticken in der Lausitz nicht anders als im Ruhrgebiet. Sie müssen das Gras wachsen hören können. Der Reportertausch macht sie zu Verbündeten. Und dieser Mentalitäts-Unterschied? Klar, den gibt es. Aber der ist zwischen Hoyerswerda und Dortmund nicht größer oder kleiner als zwischen Hamburg und Bayern oder dem Ruhrgebiet und dem Rheinland.

Hoyerswerda … wer denkt da nicht zuerst an Plattenbau, Nazis und das Jahr 1991, als Rassisten eine Asylbewerberunterkunft belagert und die Kleinstadt im Osten der Republik in nur wenigen Tagen in die Schlagzeilen katapultiert haben. Google merkt sich die beschämenden Ereignisse bis heute und bietet sie weit oben in der Ergebnisliste an. Doch schon kurz nach der Anreise an einem Sonntagnachmittag bewährt sich der wichtigste Blickwinkel, den ein Lokaljournalist einnehmen kann, um den Algorithmen einer mächtigen Suchmaschine nicht allein das Bild von der Realität zu überlassen: Selber sehen führt zu anderen Ansichten.

Lausitzer_Seenlandschaft_Rostiger_Nagel_Aussichtsturm_Foto_Bandermann__16_.JPGDas von Medien gern bediente Bild vom schlecht gelaunten Ost-Giftzwerg stellt die Realität ebenso wenig dar wie das Bild vom ewig nörgelnden Ruhrpott-Motzki. Stattdessen: Aufgeschlossene Typen, die beim Wort „Reportertausch“ die Ohren aufstellen, dem Journalisten, der aus der Fremde kam, bereitwillig ein Interview geben und anschließend fragen: „Und dieser Reportertausch, über den Sie am Anfang gesprochen haben … was ist das nochmal?“ Ein kurzes Gespräch über den Lokaljournalismus und der Satz „Ich werde ja in der Zeitung lesen, was Sie daraus machen“ - dann geht es weiter zum nächsten Interview.

Die „Lausitzer Rundschau“ hatte dem Gast aus Dortmund einen Recherche-Auftrag erteilt, dessen Thema für die Region bedeutend ist – am ersten Tag ging es um den Tourismus. Denn die vom Braunkohletagebau hinterlassenen Löcher, Krater, Risse und Furchen in der Erde sind zur einzigartigen Lausitzer Seenlandschaft verschmolzen. Bilder von einer überwältigend schönen Landschaft verdrängen die Nazi-1991-Plattenbau-Impressionen mit voller Wucht. Die Lausitz bewerkstelligt einen Strukturwandel, der dem Reporter auf Zeit bestens bekannt vorkommt. In einem schleichenden Prozess ist in Dortmund die Montanindustrie weggebrochen. Zigtausend Arbeitsplätze sind verschwunden. Übrig blieben Altlasten, Arbeitslosigkeit und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Die wirtschaftlichen Folgen hat das Ruhrgebiet gut kompensieren können, aber noch heute sind die Folgen sichtbar.

In der Lausitz ist das nicht anders. Nach der Wende machte die Treuhand dort ein Schornstein nach dem anderen dem Erdboden gleich. Arbeiter und Forscher verließen die Region. Hoyerswerda und das Umland schrumpften um mehrere Zehntausend Menschen. Mit einer für den Bergbau typischen Malocher-Mentalität modellierten die Sachsen in den vergangenen Jahren diesen Landstrich zu einer faszinierenden Ferienregion um. Ein Urlaubsziel, das es mit den deutschen Tourismus-Hotspots aufnehmen kann, aber dafür noch eine größere Reichweite erzeugen muss. Der Lokalreporter sah sich in den fünf Tagen in der Reisejournalisten-Rolle, recherchierte schließlich über die bis heute spürbaren Folgen der drastischen Treuhand-Politik und besuchte die „Kunst + Kohle“-Ausstellung des überwältigenden Industriemuseums Energiefabrik Knappenrode.

Schon nach einer Schicht stand fest: Fünf Tage Reportertausch sind eigentlich zu kurz. Denn beim Erkunden der Region bewahrheitete sich einer der ersten Sätze, die im Volontariat so oft zu hören waren. „Die schönsten Geschichten liegen auf der Straße. Man muss sie nur sehen“ - die Straßen der Lausitzer Seenlandschaft sind lang. Der #Reportertausch2018 war mehr als ein schneller Tapetenwechsel. Zwischen Tür und Angel haben wir über die Digitalisierung im Lokaljournalismus gesprochen und erkennen können, dass unsere Themen identisch sind, dass wir voneinander lernen können.

Der #Reportertausch2019 kann kommen.

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