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27. Oktober 2005 | Allgemeines

Kulturbruch oder Chance für den deutschen Zeitungsmarkt?

Diskussion um Einstieg angloamerikanischer Finanzinvestoren beim Printgipfel von BDZV und VBZV in München

Ist das erstmalige Engagement einer angloamerikanischen Finanzinvestorengruppe am deutschen Zeitungsmarkt ein Kulturbruch und des Teufels - oder bedeutet das fremde Geld nicht auch eine Chance für die Branche? Das war, ausgelöst durch den Verkauf der "Berliner Zeitung", eines der zentralen Themen beim Printgipfel, den BDZV und Verband Bayerischer Zeitungsverleger gemeinsam am 27. Oktober 2005 anlässlich der Münchner Medientage veranstalteten.

Printgipfel 06Für uns war das eine traurige Woche, weil wir zur Kenntnis nehmen mussten, dass uns das geplante zukunftsfähige Konstrukt von 'Berliner Zeitung' und 'Tagesspiegel' in Berlin nicht gelungen ist", sagte Michael Grabner, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung Verlagsgruppe von Holtzbrinck (Stuttgart). Die - aufgrund der Kartellgesetzgebung notwendige - Entscheidung, die "Berliner Zeitung" und nicht den "Tagesspiegel" zu veräußern, sei gefallen, weil alle Angebote für den Tagesspiegel auf eine reine "Filialisierung rausgelaufen" wären; das habe die Verlegerfamilie von Holtzbrinck nicht gewollt.

Als "grundsätzlich positiv" bewertete Dr. Dirk Ippen, Herausgeber und Geschäftsführer des "Münchner Merkurs", ein ausländisches Investment am deutschen Zeitungsmarkt. Allerdings gehöre er einer Verlegergeneration an, die immer auch die publizistische Aufgabe in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stelle. Dies müssten die Mecom Group und Veronis Suhler Stevenson erst noch beweisen. Der Berliner Zeitungsmarkt sei ein ausgesprochener Wettbewerbsmarkt. Wer dort erfolgreich sein - also mehr Leser und Inserenten gewinnen - wolle, brauche gute journalistische Qualität und kreative Werbeideen. Er freue sich auf die Newcomer, versicherte Ippen, "vielleicht können wir ja ein bisschen was von ihnen lernen".

Auch Helge-Jörg Volkenand, Verlagskoordinator und Geschäftsführer des Burda Publishing Centers (München), erwartet einen "positiven Effekt". Es bedeute nämlich, "dass die Investoren an die Zukunft der Zeitung glauben, wenn sie sich engagieren".

Hans Werner Kilz, Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" in München, gestand, er hätte es "insgesamt besser gefunden, wenn die 'Berliner Zeitung' an ein deutsches Verlagshaus gegangen wäre". Die Entscheidung des Kartellamts, die den Verkauf eines der beiden Blätter erzwungen habe, sei ihm "nicht ganz erklärlich". Beim Rückblick auf die durch die wirtschaftlich schlechte Situation der vergangenen Jahre bedingten Einschnitte im eigenen Haus meinte Kilz, dass es vielleicht einmal ganz heilsam sein könne, "wenn sich auch die Redaktion klarmacht, dass Gewinne erwirtschaftet werden müssen". Gleichzeitig warnte der Chefredakteur jedoch vor radikalen Einsparungen als Mittel, hohe Renditen zu erzielen. "Sparen heißt immer auch Qualitätsverlust." Der deutsche Zeitungsmarkt sei im Vergleich mit England, Frankreich oder den USA bis tief in die Region hinein ein Qualitätsmarkt. Printgipfel 04

Ähnlich argumentierte Claus Strunz, Chefredakteur der "Bild am Sonntag" (Hamburg). Die Vorstellung, dass man auf Dauer mit einer Tageszeitung sehr viel Geld mit einer Minimalzahl von Redakteuren verdienen könne, sei absurd. "Ohne Redakteure läuft im Zeitungsverlag gar nichts. Wer mit einer Zeitung Geld verdienen will, muss es den Journalisten gut gehen lassen."

"Sparen an sich macht keinen Spaß", sagte Martin Kall, Vorsitzender der Geschäftsführung der Tamedia AG (Zürich), die in den vergangenen Jahren aufgrund von Umstrukturierungsmaßnahmen 25 Prozent der Mitarbeiter hatte abbauen müssen. Es werde durch die Zielsetzung gerechtfertigt, "dass das Unternehmen super wird". Sein Haus habe parallel zu den Umstrukturierungsmaßnahmen in neue Produkte investiert, etwa in eine Pendlerzeitung (Gratiszeitung). Dies werde vom Markt auch honoriert. Kall berichtete, dass auch in der Schweiz das Echo auf den Verkauf der "Berliner Zeitung" groß sei - und dass sehr genau beobachtet werde, wie in Deutschland ausländische Investoren behandelt würden, die in das Land investieren wollten. Der Eindruck sei "verheerend".

Das sah auch Michael Grabner so: Er forderte in der von "Stern"-Ressortleiter Frank Thomsen geleiteten Diskussion dazu auf, den in den vergangenen Wochen aufgekommenen Begriff "Heuschrecken" für die Finanzinvestoren zu streichen. Den dürfe man allenfalls auf Hedgefonds anwenden. Weiter sei es "ungebührlich, jemanden als Insekt zu bezeichnen". Und im Übrigen gebe es eine Reihe deutscher Verlage, die sich in Osteuropa engagierten und dort namhafte oder sogar überwiegende Teile des Zeitungsmarkts besäßen. "Mir ist es aber noch nie untergekommen, dass in der Ukraine oder in Polen oder in Bulgarien einer gesagt hat, die deutschen Verleger sind Heuschrecken!"

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