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Vor Prognosen wird gewarnt

Oft totgesagt und quicklebendig - die gedruckte Zeitung

Von Christian Veer

"Der Druck der Zeitung ist lediglich eine vorübergehende Erscheinungsform, die mit dem spezifischen Wesen der Zeitung nichts zu tun hat." Keine sonderlich originelle Analyse möchte man meinen - wäre sie nicht fast 100 Jahre alt: 1907 prognostizierte Zeitungsforscher Robert Brunhuber das Ende der gedruckten Zeitung.

Er blieb seitdem freilich nicht allein. "Ob es unsere gute alte ‚Dampfzeitung' noch lange machen wird, ist ungewiss", mutmaßte etwa AEG-Telefunken 1971 in einer Werbeanzeige und prophezeite schon damals zentrale Datenbanken, die "als gewaltige Wissenssilos einmal jedermann zugänglich" sein würden. Wenig später reihte sich der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan ein und rief das Ende der Gutenberg-Galaxis aus.

Besonders eifrig läuteten die Auguren das Sterbeglöckchen in den letzten zehn Jahren. Mit dem Internet kamen auch düstere Prognosen für die Zeitung: Das "Daily Me" etwa, die ganz persönliche, virtuelle Zeitung, hätte mittlerweile eigentlich die althergebrachte verdrängen müssen - so prophezeite es jedenfalls Anfang der 90er Jahre Nicholas Negroponte vom Media Lab des Massachusetts Institute of Technology. Das Ende für die Jahrtausendwende weissagte der Zeitung Microsoft-Gründer Bill Gates 1998 auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Auch "Der Spiegel" war sich 1999 sicher: "Nur eines ist inzwischen klar: Die gute alte Tageszeitung schwebt diesmal ernsthaft in Gefahr."

Im Würgegriff des neuen Mediums

Andy Grove, Chairman des Chipherstellers Intel, gab ihr zu dem Zeitpunkt noch drei Jahre, bevor sie jämmerlich einginge "im Würgegriff des neuen Mediums". Das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" vermutete zur gleichen Zeit in einem Abgesang auf die Tageszeitung: "Sehr wahrscheinlich werden sie aus dem Straßenbild verschwinden wie Pferd und Kutsche." Zur Jahrtausendwende gab der Kommunikationswissenschaftler Klaus Schönbach der gedruckten Zeitung noch zehn bis 15 Jahre. Mittlerweile hat er sich selbst relativiert.

Der Medienökonom Axel Zerdick, selbst jeglicher Technikscheu unverdächtig, begegnete allzu Technikverliebten zuweilen mit einem Gedankenspiel - der "reverse invention": Man stelle sich vor, es gäbe das Internet schon fast 400 Jahre, und wir lebten ganz selbstverständlich mit stets und überall verfügbaren, breitbandigen, drahtlosen Zugängen. Nun erfindet ein heller Kopf die gedruckte Tageszeitung. Man male sich die euphorischen Prognosen für diese und die düsteren für das Internet aus! Beflügelt würden die Experten sicher die fantastischen Eigenschaften besingen: Der Akku ist obsolet, in der Badewanne kann von nun an ohne Gefahr für Leib und Leben lesen, am Strand muss Sand nicht mehr gefürchtet werden, Auflösung und Kontrast-Werte übersteigen die eines Bildschirms bei weitem, falt- und knickbar ist das wundervolle neue Medium noch dazu - und schließlich lassen sich damit obendrein lästige Fliegen erschlagen, nasse Schuhe schneller trocknen und roher Fisch geruchsarm befördern.

Trotzdem hatte auch Zerdick nicht nur gute Nachrichten für die Zukunft der Zeitung: "Unternehmen werden Stellenangebote bald nur noch aus Dummheit, Faulheit oder Mitleid in Zeitungen veröffentlichen", diktierte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" in den Block.

Computer? Kein Bedarf!

Hüten solle man sich vor Prognosen, "vor allem vor solchen über die Zukunft", warnte Mark Twain. Nicht nur die überholten Orakel zur Zeitung geben ihm Recht: Der Verheißung des papierlosen Büros steht ein enormer Anstieg des Papierverbrauchs entgegen. Die allzu rosigen Prognosen für Btx - nicht wenige weissagten eine mit dem Fernsehen vergleichbare Ausbreitung - konnten letztlich dessen Flop nicht verhindern. Umgekehrt wurde der Siegeszug des Computers 1943 nicht gestoppt durch die recht verhaltene Bedarfsprognose des damaligen IBM-Chefs Thomas Watson: "Ich glaube, es gibt einen weltweiten Bedarf an vielleicht fünf Computern". Auch nicht dadurch, dass 1977 Ken Olsen, Präsident und Gründer des Computerherstellers Digital Equipment, "keinen erdenklichen Grund" sah, "weshalb jemand einen Computer bei sich zu Hause haben sollte".

Ebenfalls unterschätzt wurde das Telefon. Die britische Post betrachtete die Entwicklung als unwichtig, da sie ja schon über ein ausgezeichnetes Boten-System verfügte. Jegliche Zukunft sprachen Experten dem Auto ab - schließlich fehlten ausreichend geschulte Chauffeure. Dabei gab es gerade Anlass zur Hoffung, dass die Erfindung das Eintreten eines recht unerfreulichen Szenarios verhindern würde - jenes der sogenannten Pferdemist-Prognose: Meterhoch mit solchem bedeckt würden die Straßen von New York spätestens 1910 unpassierbar sein, belegten Mitte des 19. Jahrhunderts amerikanische Hochrechnungen. Freilich ein Verstoß gegen das oberste Gebot für Wirtschaftsprognosen: "Nenne Zahlen oder nenne einen Zeitpunkt. Aber um Himmels Willen nie beides gleichzeitig."