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400 Jahre Zeitung - Ein Medium verändert die Welt

Von Gerd Renken

Soviel steht fest: Ohne Gutenberg keine Zeitung. Große Erfindungen lassen ihr Gesicht oft nicht immer erkennen, und kein Prophet hätte vorausgesagt, was dereinst aus seiner Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern werden würde. Auf die knappste Formel gebracht: Ohne Zeitung keine Aufklärung, ohne Zeitung kein Wegweiser in eine moderne Gesellschaft, in eine Demokratie. Bei diesem Jubiläum geht es um nichts weniger als um Geschichte und Gegenwart eines Mediums, das die Welt veränderte.

Der Buchdrucker Johann Carolus in Straßburg war der erste, der auf die Idee kam, den Buchruck für die regelmäßige Verbreitung von Nachrichten einzusetzen. Zuvor hatte er wöchentlich noch mit der Hand abgeschriebene Nachrichten verkauft - 1605 dann erschien in seiner "Truckerey" die erste gedruckte Wochenzeitung mit dem Namen "RELATION". 1609 folgte (ohne Angabe des Erscheinungsorts oder des Druckers) der "AVISO", der lange Zeit für die älteste gedruckte Zeitung gehalten wurde.

Wer bis dahin nichts über die Vorgänge in den Nachbarländern wusste, erfuhr jetzt etwas darüber, "was sich begeben und zugetragen hat / in Deutsch: vnd Welschland/Spannien/Niederlandt/Engellandt/Franckreich/ Vungern/Osterreich/Schweden/Polen/vnnd in allen Provintzen/in Ost:vnnd West Indien etc So alhie den 15. Januarii angelangt".

Chronist in eigener Sache

Dies also war der Start zu einer beispiellosen Verbreitung von Wissen über die Beschaffenheit der Welt und die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen wir leben. Bis verbesserte Reproduktionsverfahren und eine schnellere Übermittlung von Nachrichten den heutigen Standard erreichten, war der Weg noch weit. Dieser Weg ist aber nicht nur die Geschichte eines beispiellosen Erfolgs, sondern über einen langen Zeitraum hinweg auch die Geschichte eines Konflikts mit den weltlichen und - notabene - auch mit den kirchlichen Mächten. Es ist die Geschichte von Verfolgung und Zensur der Presse, bis in die Gegenwart hinein ein Dauerthema im Herrschaftsbereich von Diktatoren und autoritären Regimen. So wird die Zeitung auch zum Chronisten in eigener Sache, indem sie über Ereignisse berichtet, die auf sie zurückwirken: Zeitungsgeschichte als Zeitgeschichte.

Die erste Tageszeitung kam aus Leipzig

Im Laufe des 17. Jahrhunderts befriedigten bereits in 70 deutschen Städten Wochenblätter das Bedürfnis der Menschen, über ihre Stadtmauer hinaus in die Welt zu schauen. Andere europäische Länder zogen wenig später nach. Die erste Tageszeitung der Welt, "Einkommende Zeitungen" genannt, erschien in Leipzig. Mit Blick auf den Aktualitätsanspruch der Zeitung bedeutet auch sie Eckdatum und Meilenstein zugleich, weil der Verleger erkannt hatte, dass die Stadt als Kreuzungspunkt der Postlinien zugleich auch ein Umschlagplatz für Nachrichten war. Das war 1650.

Zeitungsunternehmen schießen in der Folge wie Pilze aus dem Boden - meist sind es nur kurzlebige Gründungen und die Auflage beträgt selten mehr als 300 Exemplare. Durch das Vorlesen auf öffentlichen Plätzen oder in den Familien wird die "Reichweite" allerdings gesteigert. Generell unterliegt in deutschen Landen die Presse der staatlichen Zensur und beschränkt sich auf eine unkommentierte Informationsvermittlung.

Der absolutistische Staat macht sich die "Macht der Presse" bald zu eigen und lässt den Verlegern vor allem wenig wirtschaftlichen Spielraum. Es sind die staats- oder stadteigenen Intelligenzblätter (lat: intellegere - einsehen), die das Anzeigenmonopol halten. Erst danach dürfen die Annoncen auch in einer Zeitung abgedruckt werden. Allerdings tragen die Intelligenzblätter dazu bei, das Angebot an gedruckter Information insgesamt zu verbreitern.

Kampf um die Pressefreiheit

Der Kampf um die Presse- und Meinungsfreiheit beginnt nach der Französischen Revolution; die Nationalversammlung verkündet die Pressefreiheit, und auch in den deutschen Ländern mehren sich die Stimmen, die ein Menschenrecht nicht länger von fürstlichen Gnaden abhängig sehen wollen. In den Freiheitskriegen 1813/1815 kommt es zu einem Gefühl allgemeiner Übereinstimmung auch zwischen Volk und Obrigkeit. So meldete "Der Preussische Correspondent" am 2. April 1813: "Die Freiheit der Rede und Schrift ist uns wiedergegeben." Josef Görres gründet den "Rheinischen Merkur" und sein Beitrag wird zum Fanal: "Pressefreiheit im Namen des Volkes. Öffentliche Meinung in Zeitungen."

Vor dem Hintergrund eines Herrschaftsverständnisses, dass "gegen Demokraten nur Soldaten" helfen, werden die Freiheiten durch die Karlsbader Beschlüsse zur "Bekämpfung revolutionärer Umtriebe" wenige Jahre später auf breiter Front kassiert. Mutige Versuche, die Grenzen der Pressefreiheit auszuloten, gibt es zwar immer wieder. Aber erst mit der Revolution von 1848 können die Fesseln der Zensur abgestreift werden. In der Paulskirchen-Verfassung wird die Pressefreiheit erstmals gesetzlich verankert.

Technische Erfindungen ermöglichen größere Verbreitung

Technisch hat sich inzwischen einiges verändert: Die britische "Times" wird bereits auf einer dampfbetriebenen Schnellpresse hergestellt. 1872/1873 wird in Augsburg die erste Rotationsmaschine gebaut und der geniale Erfinder Ottmar Mergenthaler entwickelt die Schriftsetzmaschine "Linotype" - das Zeitalter der vielfältigen Reproduzierbarkeit hat begonnen und damit der Kampf um den Leser.

Die Entwicklung der so genannten Massenpresse ist nicht mehr aufzuhalten. Aber zahlreich sind die Steine, die ihr dabei in den Weg gelegt werden. Allein im Jahr 1864 finden in Berlin 175 Prozesse gegen die Presse statt, nachdem Reichskanzler Otto von Bismarck mit seiner Absicht, unliebsame Zeitungen nach zweimaliger Verwarnung zu verbieten, am Widerstand des Parlaments gescheitert waren. 1874 löst das Reichspressegesetz 27 Landespressegesetze ab - erstmals wird damit eine einheitliche, gesetzliche Pressefreiheit in Deutschland garantiert. Gleichwohl: 1878, nach dem Erlass der Sozialistengesetze, stützt der Reichskanzler das Verbot sozialdemokratischer Zeitungen auf Notstandsbestimmungen!

Inzwischen hat sich Berlin zur Zeitungshauptstadt entwickelt: Weltgeltung erreichen Verlagshäuser wie Scherl, Ullstein und Mosse. Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es in Deutschland rund 3.000 Zeitungen - allein in Berlin mehr als 140 Tageszeitungen - gegen Ende der Weimarer Republik zählen wir sogar 4.275 Zeitungen.

Die Presse wird gleichgeschaltet

Gleichschaltung im Dienst des totalitären Staates und damit das Ende einer freien Presse bestimmen das Bild in der Zeit der NS-Herrschaft. Nur wenigen Blättern gelingt es, sich nach 1933 ein gewisses Maß an Eigenständigkeit - zumeist "zwischen den Zeilen" - zu bewahren. Wenn auch unter anderen politischen Vorzeichen begegnen nach dem Zweiten Weltkrieg die Leser im Osten Deutschlands - zunächst unter sowjetischer Besatzung, dann in der DDR - erneut einer gleichgeschalteten Presse. Eine journalistisch eigenständige Berichterstattung ist kaum möglich, die Regierung betrachtet die Presse als "Schild und Speer der Partei", die als Botschaft den Sieg des Sozialismus verbreiten soll.

Nachdem in den drei westlichen Besatzungszonen die Alliierten von 1945 an Lizenzen zunächst an "ausgesuchte" Verleger erteilt hatten, setzt in der jungen Bundesrepublik ein wahrer Gründungsboom bei den Zeitungen ein. Mit der Verabschiedung des Grundgesetzes wird die Pressefreiheit durch Art. 5 garantiert.

Die "Vierte Gewalt"

Die Presse begleitet den "Neubau" des Staates mit großem Engagement - man spricht schon bald von einer "Vierten Gewalt" - gemeint damit ist die starke Kritik- und Kontrollfunktion der Presse neben der gesetzgebenden, der exekutiven und der richterlichen Gewalt. Der Siegeszug der Presse ist bis heute beispiellos - Tag für Tag werden in Deutschland gut 22 Millionen Zeitungsexemplare abgesetzt. 347 Tageszeitungen mit mehr als 1550 lokalen Ausgaben sind ein Zeugnis für die Pressevielfalt, um die uns die meisten Länder dieser Welt beneiden.