Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Warum es auch morgen Zeitungen geben wird

Von Peter Glotz

 

Kein Zweifel, die Zeitungen sind in der größten Krise seit 1945. Man könnte ganze Seiten mit Hiobsbotschaften füllen. Die gedruckten Medien werden auf eine radikale Probe gestellt.

Trotzdem behält Wolfgang Riepl Recht. Dieser hoch erfolgreiche Medienpraktiker aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, Jahrzehnte Chefredakteur der größten Nürnberger Zeitung, hatte 1913 in seiner mediengeschichtlichen Dissertation ein "Gesetz" formuliert. Es lautete: Kein neues Medium substituiert andere. Es verschieben sich nur Marktanteile. Riepl hat Recht behalten, als die Zeitung Konkurrenz durch das Radio bekam, später als das Fernsehen aufkam und in den allerletzten Jahren, als alle Welt vom Internet sprach. Er wird auch jetzt Recht bekommen. Zwar wird ein Teil der Rubrikenmärkte (Stellen-, Immobilien-, Automobilanzeigen) ans Internet abwandern, weil es einfach bequemer ist, in die Tastatur eigene Wünsche einzugeben, als in dicken Zeitungen zu blättern. Auf diese neue Situation muss sich die Zeitung einstellen, denn die Rubrikenanzeigen bildeten und bilden eine wichtige Säule des Ertrags der Tageszeitung. Im Prinzip gefährdet ist die Zeitung aber nicht.

 

Natürlich bedeutet das Riepl'sche Gesetz keine Bestandsgarantie für eine Mediengattung. Es gibt durchaus Medien, deren Marktanteil nach Einführung eines neuen gegen Null tendiert haben: Das gilt für die Schallplatte genauso wie für das Telegramm oder Microfiche. Aber es gilt für keines der "großen Medien"; also nicht für Zeitung und Zeitschrift, nicht für Radio, nicht für Fernsehen, auch nicht für den Film. Nur muss man wissen: Marktanteilsverluste können natürlich auch sehr schmerzhaft sein. Wenn in zehn Jahren nur noch zwölf statt 23 Millionen Tageszeitungen in Deutschland verkauft würden, wäre dies sicherlich ein tiefer Eingriff in die Medienlandschaft. Ein derart entscheidender Einschnitt ist aber höchst unwahrscheinlich.

 

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen hat das Kulturwerk Periodikum eine grosse Tradition. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, sich die Welt durch Lesen anzueignen. Ihre Gewöhnung ist so fest im Alltag - jedenfalls der Menschen in der westlichen Hemisphäre - eingeschrieben, dass elektronische Medien zwar Marktanteile zu sich herüber ziehen, Zeitung und Zeitschrift aber nicht ins Aus drängen können. Wir haben ein Problem mit jungen Leserinnen und Lesern, aber es ist keineswegs so groß, wie es gelegentlich dargestellt wird.

 

Zum Zweiten mag das Material Papier, auf dem Zeitung und Zeitschrift gedruckt werden, zwar kein "Wesensmerkmal" der Zeitung sein, um den großen Zeitungforscher Otto Groth zu zitieren. Wesensmerkmale sind Aktualität, Periodizität, Universalität und Publizität. Im Prinzip gibt es, wie die Kommunikationswissenschaft lehrt, auch gesprochene, gesendete oder getrommelte "Zeitung". Der Komfort des Materials Papier sollte aber nicht unterschätzt werden. Anstreichen, ausschneiden, markieren kann ein Mensch mit Medienkompetenz zwar durchaus auch mit Hilfe von elektronischen Medien. Es ist aber abstrakter, verlangt größere Kunstfertigkeit und den ständigen Umgang mit Geräten, deren Benutzeroberfläche immer noch vergleichsweise kompliziert ist.

 

Drittens ist das Kulturwerk Zeitung mit seinem Doppelcharakter - als Träger von Text und von Inseraten, als Austauschbörse für das Neueste aus der ganzen Welt und als Austauschbörse für Kauf- oder Leihprozesse - ein unvergleichlich übersichtliches und unvergleichlich preiswertes Medium. Mag sein, dass die Bezugspreise in der Zukunft steigen müssen, weil die Zahl der Rubriken- oder Werbeanzeigen sinkt. Das "Paket" Zeitung ist für Milliarden Menschen aber immer noch ein unvergleichlich günstiges Angebot. Niemand darf sich auf seinen Lorbeeren ausruhen, auch nicht Verleger und Journalisten. Fauler Traditionalismus wäre tödlich. Aber im Prinzip ist der Kommunikationsprozess, der mit den "Acta Eroditorum" und irgendwelchen Einblattdrucken begann, längst nicht zu Ende. Schon vor 30 Jahren hat der kanadische Medienprophet Marshall Mc Luhan das Ende der Gutenberg-Galaxis ausgerufen. Er hat sich geirrt. Im Weltraum gibt es viele Galaxien nebeneinander.

 

Download als Word-Dokument