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Das Jahr der Knollen

Von Titus Arnu

Eigentlich ist das Weltgeschehen eine überwiegend traurige Angelegenheit. Der tägliche Blick in die Zeitungen wirkt eher deprimierend als erheiternd: Terroranschläge, Erdbeben, Waldsterben, Vergeltungsschläge. Und Helmut Kohl gehört immer noch dem Bundestag an. Was soll daran bloß lustig sein?

Karikaturisten müssen sich diese Frage täglich neu stellen. Aus einer niederschmetternden Ausgangslage schaffen sie kleine Kunstwerke. Die Redaktionen hätten die Karikaturen am liebsten eine Stunde nach Bestellung, möglichst digital, in brillanter Qualität, mit Brüller-Pointe, und zwar rucki, zucki. Das ganze natürlich für eine knappe Hand voll Euro. Kein Wunder, dass die wenigsten Karikaturisten überleben können, ohne im Nebenberuf berühmter Architekt oder sonstwie reich zu sein.

Was den Rucki-zucki-Faktor angeht, hat sich in den vergangenen Jahren Erfreuliches getan. Eine Zeichnung lässt sich heute innerhalb von Minuten scannen und per E-Mail an den zuständigen Grafiker senden. Und die Pointen-Dichte verhält sich entgegengesetzt zum Wirtschaftswachstum - sie nimmt deutlich zu. Auch die Zeichenstile fallen immer vielseitiger aus. Zeichner wie ©tom (Thomas Körner), Hendrik Rupp oder Klaus Stuttmann bedienen sich einer Bildsprache, die man aus Comics kennt: Sprechblasen, reduzierte Linien und Knollennasen haben Einzug gehalten in die Karikatur. Die Presse-Vielfalt in Deutschland bietet den unterschiedlichsten Stilen Platz: „Eulenspiegel“ und „Titanic“ drucken die wilden, bizarren Gestalten von Günter Lerch (alias Benno) oder Greser & Lenz, alte Meister wie Luis Murschetz, Brigitte Schneider, Felix Mussil oder E. M. Lang pflegen die Kunstform der klassischen Karikatur in der „Zeit“, der „Süddeutschen Zeitung“ oder der „Welt“.

Obwohl die Zeiten nicht gerade witziger werden, drucken die Zeitungen zunehmend wirklich komische Karikaturen. Vielleicht ist das gerade die Stärke der Karikatur: Sie kann ernste Dinge knallhart kommentieren und darf dabei verzerren, bissig und subjektiv sein. Ja, selbst über Themen wie den Terroranschlag in New York lassen sich hervorragende Karikaturen zeichnen. Und das ist auch gut so. Es ist sogar notwendig - denn auch in traurigen Zeiten will man kurz auflachen, und sei es auch nur bitter.

 

Das Jahr der Doppeltürme

Von Alexander Smoltczyk

Das politische Foto des Jahres 2001 ist eine Doppelbelichtung. Es geht nicht anders, denn jedes Foto ist durch die Ereignisse vom 11. September nachbelichtet worden. Das Bild der rauchenden Doppeltürme in New York hat sich so in die Netzhaut eingebrannt, dass es sich wie ein Schatten auf jedes Foto legt, das beansprucht, die Wirklichkeit dieses politischen Jahres eingefangen zu haben.

Wie anders, wie fremd wirkt nach dem 11. September etwa das Foto eines Guido Westerwelle im 18%-Hemdchen mit Narrenkappe auf dem Kopf, umgeben von perückten Mietschönheiten. In den 10-Sekunden-Beiträgen des Fernsehens wäre die grandiose Peinlichkeit dieser Szene verflimmert. Aber das Pressefoto bewahrt sie auch und lässt in der Rückblende die Zeit für's stille Verzweifeln: Wie sehr muss eine Partei sich eigentlich zum Clown machen, um beim Publikum anzukommen?

2001 war auch in der Bundesrepublik das Jahr der Doppeltürme. Und es war das Jahr der Antipoden, das Jahr der großen Zweikämpfe. Georg Bush Jr. gegen Osama Bin Laden, Ariel Scharon gegen Jassir Arafat, Edmund Stoiber gegen Angela Merkel und, auf ihre eigene Art, Joschka Fischer versus Gerhard Schröder. Ob erzwungener Männerbund, kultivierte Zwietracht, uralter Hass oder Zweikampf bis zur Vernichtung des anderen - es war die Umgangsform des Duells, das dieses Jahr ausgezeichnet hat, mal mit Säbel, mal mit Florett. So sind auch die beiden ersten Preise der „Rückblende 2001“ Fotografen zuerkannt worden, die es verstanden haben, die Beziehung von Gegenspielern im Bild zu bannen. Die Bildserie von Stephanie Pilick, sie bekam den ersten Preis, zeigt die CDU-Vorsitzende mit dem bayerischen Ministerpräsidenten auf dem Dresdener Parteitag im Dezember. Vermutlich nehmen die beiden, obwohl sie klatschen, selbst gerade einen Applaus entgegen. Als bewegtes Bild wäre die Szene nach 10 Sekunden vergessen, überblendet von anderen Reizen. Doch Pilicks Dreierbild offenbart uns ein Menuett, höfischer mehr als höflich. Eine Zweierszene auf offener Bühne, so verkrampft, bigott und gestelzt wie die Bücklinge und Kratzfüße am französischen Hof - kurz vor der Revolution.

Die Bildserie liefert den Beweis für die ungeheure Macht der politischen Fotografie. Auf dem Parteitag haben Stoiber und Merkel alles daran gesetzt, den Konflikt zwischen ihnen zum Hirngespinst zu erklären und eine Veranstaltung der großen Harmonie zu inszenieren. Sie wussten, dass alle Journalisten darauf lauerten, sie der Zwietracht zu überführen. So setzten sie alles daran, dies zu vermeiden. Und dann drückt ein Fotograf dreimal auf den Auslöser, hält die Zeit an - und wer Augen hat zu sehen, der sieht, was zwischen diesen beiden Parteifreunden passiert.

Sehr viele Worte sind nötig, um das Verhältnis zwischen dem Bundeskanzler und seinem Außenminister zu beschreiben. Dem guten Fotografen genügt im Idealfall 1/250 Sekunde, um den Betrachter alles Nötige zu sagen. Die Juroren der „Rückblende 2001“ erkannten den zweiten Preis einem Foto aus der Haushaltsdebatte vom 26. September zu. Ist es die Schuld des Fotos, wenn es einer Karikatur gleicht? Wenn die Karikatur eine aus der Güteklasse Honoré Daumiers ist, dann erübrigt sich die Frage ohnehin. Wie sehen die Twintowers des Kabinetts, die beiden mächtigen Männer der Politik. Beide haben einige Tage vorher den Bündnisfall der NATO erklärt und werden ihr Land in wenigen Wochen in einen Krieg schicken. Doch auf dem Foto sind zwei Komödianten zu sehen, die sich höchst amüsiert zur Galerie hin verneigen und zu sagen scheinen: „Voilà, es ist doch alles nur Cabaret! Theater! Seid nachsichtig. Wir sind alle nur Staatsschauspieler, manche machen's besser, manche schlechter, und wir sind die besten.“

Das Bild ist gelungen, weil es einen Wesenszug der Schröderschen Politik ans Licht bringt, das „mal halblang“, eine Distanz zu Amt und Würden, die nur mit allen Wassern der Rebellion gewaschene Nachkriegsjungs mitbringen können.

Der Jury lagen 316 Fotos von 57 Fotografen vor. Sie wählten 107 Bilder aus für den Katalog und die Ausstellung in Berlin, Bonn, Brüssel, Hamburg und Leipzig. Auf 29 Bildern ist der Bundeskanzler zu sehen, auf 15 sein Stellvertreter, der Außenminister. Johannes Rau hat die Porträtisten in diesem Jahr weniger interessiert, als seine Frau Christina. Und wo ist eigentlich Herr Merz?

Keine Chance hatten PR-Bilder oder billige Gags. Andere Bilder des Jahres möchte man einfach nur vergessen. Der deutsche Verteidigungsminister, auf grüner Wiese die Lerche spielend, während seine Soldaten in Mazedonien einziehen; der deutsche rot-grüne Innenminister, stolz einen Polizeiknüppel reckend.

Manchmal war die Komposition bestechend, manchmal der Witz einer Szene: so ein Bruder Johannes, predigend in der Wüste; oder die erste grüne Agrarministerin Auge in Auge mit einer Rinderherde.

In den Katalog sind Bilder gekommen, die eine Pose entlarven, weil der Fotograf beim offiziösen Hofberichts-Termin einen Augenblick länger verharrte als die anderen und so den Moment einfangen konnte, wo die Züge des Mächtigen zur Kenntlichkeit erschlafften.

So wird die andere, tragische Seite der rot-grünen Politik von einem Foto erzählt, das nur knapp eine Auszeichnung verpasste. Es ist das Porträt der Gesundheitsministerin Andrea Fischer am Tage, als sie wegen der BSE-Krise ihren Rücktritt erklärte. Das Bild ist der Gegenpol zur selbstgewissen Männerpose, die sonst am Kabinettstisch demonstriert wird. Da sitzt eine gescheiterte Reformerin. Fallengelassen von ihren politischen Freunden und von den Verhältnissen. Sie ist bitter. Sie ist zerbrechlich und angespannt, weil sie ein letztes Mal Façon bewahren muss, während das Publikum bereits weitergeschoben wird. Die Façon ist das Gesicht der Macht, und in diesem Moment ist es nur noch ein hauchdünnes Make-up, in dem Haarrisse zu ahnen sind.

Aus Frankreichs politischer Tagesfotografie kommt die Technik des falschen Blickwinkels, des enthüllenden Verdeckens. Natürlich würde das Porträt Ariel Scharons als Passfoto kaum taugen, schon gar nicht nach den strengen Identifizierungskriterien Otto Schilys. Da verdeckt ein Hut das Gesicht zum größeren Teil. Doch um so deutlicher spricht das eine sichtbare Auge des israelischen Premierministers. Bei seinem Besuch in Berlin-Grunewald, am Ort der Deportation, zeigt der Blick des alten Generals eine andere Tiefe, und es ist auf diesem Foto nicht zu übersehen, in welcher Vergangenheit die Entschlossenheit dieses Mannes ihre Wurzeln hat. Arnd Wiegmann hat für sein Bild den dritten Preis der „Rückblende“-Jury bekommen.

Sieht man von den Zweikämpfen ab, war das politische Jahr 2001 in Deutschland keines der großen Konfrontationen. Die Debatten waren zu neu und auch viel zu schwierig, als dass sie in den alten Mustern hätten geführt werden können. BSE und Präimplantationsdiagnose, Globalisierung, Gentechnik, Rentenreform - wer könnte guten Gewissens behaupten er wisse wirklich, was zu tun sei? Auch die außenparlamentarischen Schlachten fanden dieses Jahr in sicherem Terrain statt. Wer geht schon für PID, gegen Prionen oder Stammzellenimporte auf die Straße? Demonstriert wurde 2001 gegen die Neonazis der NPD und Castor-Transporte. Und im Berliner Wahlkampf flog einmal ein Ei an den Kopf eines der leutseligsten Politiker im Bundestag, Michael Glos. Das Ei war schnell vergessen, nicht so das Foto vom völlig verängstigten CDU-Spitzenkandidaten Frank Steffel, der sich hinter dem Bayern versteckt.

Die Jury vergab den Sonderpreis „Das scharfe Sehen“ an vier Bilder aus der deutschen Protestkultur des Jahres 2001. Keines ist wirklich bedrohlich. Keines erinnert auch nur entfernt an die schlimmen Bilder aus Genua. Glücklich ein Land, das nur solchen Widerstand nötig hat.