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Rede von BDZV-Präsident Helmut Heinen anlässlich der Eröffnung des Zeitungskongresses am 17. September 2001 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

"Berlin ist immer eine Reise wert" - wie oft haben wir in der Vergangenheit die Anziehungskraft dieser Stadt hervorgehoben und dabei feststellen müssen, doch lediglich Gast zu sein. Das hat sich grundlegend geändert: Seit gut einem Jahr ist der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, über 70 Jahre nach der Selbstauflösung seines Vorgängerverbands zu Beginn des Dritten Reiches, wieder fest in Berlin verankert. Von seinem Haus der Presse an der Markgrafenstrasse im alten Berliner Zeitungsviertel aus nimmt er selbstverständlich Anteil an der Entwicklung der Stadt. Und gegenüber Bundesregierung und Parlament meldet er sich immer dann zu Wort, wenn es um die Freiheit der Presse und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Zeitungsverlage geht. Als Wirtschaftsunternehmen sind unsere in der überwiegenden Mehrzahl nach wie vor mittelständischen Verlage in die Entwicklung der Gesamtwirtschaft eingebunden.

Prognosen, besonders auch Konjunkturprognosen, sind von begrenzter Haltbarkeit. Wie schnell ihr Verfallsdatum eintritt, haben wir seit März dieses Jahres zur Kenntnis nehmen müssen. "Revidieren" wurde so zu einem markanten Wort des Jahres. Wachstumsprognosen mussten und müssen revidiert werden. Die Arbeitsmarktentwicklung hält nicht das, was von ihr versprochen wurde. Und auch wir müssen nun gegenüber dem positiven Trend des Jahres 2000 unsere Erwartungen drastisch zurücknehmen.

Die günstige Entwicklung des Anzeigengeschäfts im vergangenen Jahr war ohne Zweifel primär die Folge der Aufbruchstimmung in der deutschen Wirtschaft, besonders in der Wachstumsbranche "Informationstechnologie", des Entstehens eines Neuen Marktes sowie der Börsengänge von Unternehmen. Diese Entwicklung ist nun unterbrochen. Zumindest das Wort "Ernüchterung" ist wohl am Platz. Denn zum wiederholten Male erleben wir, wie schnell eine Konjunkturabflachung auf die Zeitungen durchschlägt und sich massiv auf unser wirtschaftliches Ergebnis auswirkt.

Der Zusammenhang zwischen schwacher Wirtschaftskonjunktur und Rückgang des Anzeigenaufkommens ist in den östlichen Bundsländern besonders augenfällig. Hier war der Rückgang der Anzeigenumfänge der Regionalzeitungen im ersten Halbjahr 2001 mit 16,6 Prozent gravierend höher als im Westteil Deutschlands mit 7,5 Prozent. Damit verloren die Zeitungen bis zur Jahresmitte gesehen mehr, als sie im Vorjahr gewonnen hatten. Denn in der ersten Hälfte 2000 waren die Anzeigenumfänge um 6,6 Prozent gestiegen.

Die wirtschaftliche Situation der Zeitungen hängt natürlich von vielerlei Faktoren ab. Einer davon, und sicherlich einer der ganz wesentlichen, ist der Rahmen, den die Politik setzt. Die Bundesregierung beteuert an allen Ecken und Enden, eine Politik betreiben zu wollen, die den Belangen der Wirtschaft Rechnung trage, weil vor allem die Wirtschaft Arbeitsplätze schaffe. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Das leidige 630-Mark-Gesetz zum Beispiel trägt weder zur Entlastung der Wirtschaft bei, noch kommt es den Menschen entgegen, die hinzuverdienen wollen oder müssen. Der Schaden, den das Gesetz den Zeitungsverlagen zugefügt hat, ist auch zweieinhalb Jahre nach Inkrafttreten des Regelwerks noch keineswegs repariert.

Bei erwarteten Einnahmeverlusten bis zu 200 Mark im Monat, die durch das 630 Mark-Gesetz verursacht werden, hatten seit April 1999 Tausende von Zustellern ihre Arbeitsverhältnisse gekündigt, und bis auf den heutigen Tag ist es vielen Verlagen nicht gelungen, ihr Vertriebsnetz mit einem konstanten Mitarbeiterstab wieder aufzubauen. Um die Leser pünktlich mit der Zeitung zu beliefern, ist ein unverhältnismäßig hoher Aufwand an Organisation und Kosten erforderlich. Und der bürokratische Aufwand, den der Gesetzgeber den Verlagen durch An- und Abmeldung sich ständig verändernder Mitarbeiter aufbürdet, ist gerade bei einer Regionalzeitung mit häufig wechselnden Zustellern kaum zu bewältigen.

Auch das neue Betriebsverfassungsgesetz leistet anderes, als die Wirtschaft zu entlasten. Zwar hat die Bundesregierung - das sei ausdrücklich anerkannt - das Kernanliegen der Presse beachtet, den dringend erforderlichen Tendenzschutz zu erhalten. Doch wirkt sich die Vielzahl neuer Regelungen gerade auf die mittelständische Wirtschaft - und damit auch auf die Zeitungsverlage - kostenträchtig und lähmend aus. Das gilt zum einen für die Aufblähung des Betriebsrats insgesamt und die Zahl der Freistellungen, zum anderen für den auch von diesem Gesetz aufgezwungenen bürokratischen Aufwand.

Lassen Sie mich aber nun auf ein Gesetzgebungsvorhaben zu sprechen kommen, das im ungünstigsten Fall nicht nur bei den Zeitungsverlagen und der gesamten Medienwirtschaft eine Kostenlawine auszulösen droht, sondern das letztlich zu einer massiven Einschränkung der Leistungsfähigkeit der Medien und der Kulturszene in ganz Deutschland führen könnte. Ich spreche vom Entwurf für ein neues Urhebervertragsrecht, der begleitet von schwerwiegenden Einwänden der Medien, der Wirtschaft und weiter Teile der Rechtswissenschaft sich nun im parlamentarischen Verfahren befindet.

Sehr geehrte Frau Bundsministerin der Justiz, wir danken Ihnen sehr dafür, dass Sie sich kurzfristig noch entschlossen haben, den Dialog mit uns nicht nur in Gesprächsrunden, sondern auch durch Ihre mit Spannung erwartete Rede in unserer heutigen Veranstaltung zu führen.

Es geht uns darum, in der Sache zu einem guten Ergebnis für die Publizistik, für die Medien in Deutschland zu kommen. Der Gesetzentwurf zeichnet sich durch zwei Kernvorschriften aus, die - würden sie realisiert - die Arbeit der Medien und der Kulturwirtschaft unkalkulierbar machen würden:

Zum einen soll ein gesetzlicher Anspruch des Urhebers auf "angemessene Vergütung" eingeführt werden. Zum anderen soll es den Gewerkschaften und anderen Urhebervereinigungen zukünftig möglich sein, kollektive Vergütungsregeln gegen einzelne Verlage gegen deren Willen von erzwingbaren Schiedsstellen festsetzen zu lassen.

In der krassen Formulierung des derzeitigen Entwurfs heißt das: Jeder Autor, der mit seinem Vertrag nicht mehr zufrieden ist, kann diesen in Zukunft mit Hilfe der Gerichte nachbessern lassen. Individualverträge haben praktisch keinen Wert mehr.

Kriterien für die Angemessenheit nennt der Gesetzentwurf nicht, der Richter würde nach "billigem Ermessen" vorgehen. Dieser gesetzliche Anspruch auf angemessene Vergütung verlagert im Zweifel die Entscheidung über das letztlich zu zahlende Honorar vom Markt auf den Staat und macht die wirtschaftliche Kalkulation von Verlagen, Rundfunkanstalten, aber auch öffentlichen Kultureinrichtungen so gut wie unmöglich. Die Verantwortlichen bei den Medien - sie müssen künftig sehr genau überlegen, ob sie überhaupt noch Beiträge von freien Urhebern übernehmen können. Dies ist auch vielen Urhebern bewusst. Eine freie Grafikerin sagte kürzlich: "Es gibt keine Hilfe, die mir mehr schaden könnte."

Zur zweiten Kernvorschrift: Der Gesetzentwurf sieht gemeinsame Vergütungsregeln vor, die die Verwerter mit den Gewerkschaften und anderen Urhebervereinigungen abschließen sollen. Verwerterverbände können sich diesem Abschluss entziehen, gerade wegen des verfassungsrechtlichen Schutzes des Artikel 9 des Grundgesetzes. Einzelnen Unternehmen verweigert der Entwurf diesen Schutz. Ihnen sollen Kollektivverträge - im Zweifel per Zwangsschlichtung - aufgezwungen werden.

Wir meinen, dass dies weit über das Ziel eines fairen Interessenausgleichs hinausgeht und im Ergebnis auch den Urhebern schadet.

Richtungweisend könnten die Prüfbitten sein, die der Bundesrat den Gesetzesinitiatoren unterbreitet hat. Die vom Bundesrat angeschnittenen Fragen weisen weitgehend in die Richtung, die auch die Medienorganisationen mit ihren Vorschlägen für ein verbessertes Urhebervertragsrecht vorgelegt haben.

Natürlich sollen und müssen Urheber für die Nutzung ihrer Werke leistungsgerecht vergütet werden. Nur ist das Procedere nicht mit einem globalen Prüfungsauftrag an die Gerichte abzuhandeln. Wenn Leistung und Gegenleistung aber in einem auffälligen Missverhältnis stehen, dann soll es auch nach unseren Vorstellungen zu einer Korrektur zugunsten des Urhebers führen. Der redliche Werknutzer hat so Rechts- und Kalkulationssicherheit. Der unredliche Nutzer kann vom Urheber nachträglich in Anspruch genommen werden. Verbände von Urhebern und Nutzern sollen für ihre jeweilige Branche die Möglichkeit erhalten, gemeinsame Verbandsempfehlungen zu vertraglichen Bedingungen und Vergütungen aussprechen zu können, die jedoch nicht normativ wirken und damit nicht zwingend sind. Dies bedarf freilich einer kartellrechtlichen Freistellung. Das hat die Medienwirtschaft vorgeschlagen, der Vorschlag orientiert sich an den Mittelstandsempfehlungen des Kartellrechts.

Frau Bundesministerin, wir appellieren an Sie, den Dialog auch in diesen Kernfragen konstruktiv zu führen. Stärken Sie nicht primär die Urheberorganisationen, sondern die Urheber, unsere täglichen Vertrags- und Geschäftspartner, die in aller Regel zu für beide Seiten akzeptablen Konditionen arbeiten. Neue kollektivistische Regelungen widersprächen allen Bekenntnissen zur Liberalisierung und Deregulierung auf dem Arbeitsmarkt. Hier war ja in den vergangenen Monaten viel von einer Politik der ruhigen Hand die Rede.

Wir setzen aber gerne den begonnenen Dialog fort, besonders auch, um Auswirkungen des Gesetzes zu vermeiden, die von Ihnen, Frau Ministerin, möglicherweise gar nicht intendiert sind. Die Medienverbände stehen jedenfalls zum konstruktiven Gespräch zur Verfügung.

Wenn nun, wie ursprünglich vorgesehen, der Herr Bundesinnenminister zu uns sprechen würde, hätte ich noch ein völlig anderes Anliegen vorgetragen, das im Interesse der gesamten politischen Öffentlichkeit liegt und das thematisch bei ihm ressortiert: Die Medien brauchen die Möglichkeit, die DDR-Vergangenheit aufzuklären und Erleichterung bei der journalistischen Recherche über die Täter!

Sechs Millionen Personen-Dossiers hat der Unterdrückungsstaat DDR dem wiedervereinigten Deutschland hinterlassen. Mit dem so genannten Stasi-Unterlagengesetz schien ein Regelwerk geschaffen zu sein, das den Persönlichkeitsschutz des Einzelnen ebenso gewähren würde wie eine mögliche offene Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit und Überführung der Täter.

Unstrittig war und ist, dass dabei den Medien eine bedeutende Rolle zukommen würde. Doch mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Einsichts- und Nutzungsmöglichkeiten der Medien wie auch der Zeitgeschichtsschreibung sehr beschränkt sind. Ich meine, die Funktion der Presse, in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten zu beschaffen, Stellung zu beziehen und an der Meinungsbildung mitzuwirken, darf - bei allem Respekt für persönliche und private Belange - bei der Aufarbeitung der unsäglichen Vergangenheit nicht behindert werden.

Bereits im Zusammenhang mit dem Datenschutz war von der Europäischen Union kurz die Rede; Europa gewinnt auch in anderen Bereichen hinsichtlich der Rahmenbedingungen für die Medien und die Wirtschaft immer mehr an Bedeutung. Das haben wir nirgendwo stärker gespürt, als beim Stichwort "Werbeverbote".

Aber kaum hatte der Europäische Gerichtshof der EU eine Werberegelungskompetenz im Bereich der Gesundheitsvorsorge bestritten, das Tabakwerbeverbot folglich aufgehoben, legte die Kommission nunmehr einen neuen Richtlinienentwurf vor, der insbesondere die Werbung für Tabakerzeugnisse in Zeitungen und Zeitschriften verbietet. Zugleich verlautet - mehr oder weniger offiziell - aus Brüssel, dass auch die Werbung für Alkohol, für Wein und Bier, und für Kraftfahrzeuge mittelfristig europaweit eingeschränkt werden soll. Ist ein solches Ansinnen nicht von ideologischer Verblendung geleitet? Offenbar wird dem Bürger nicht zugetraut, sich mündig für oder gegen ein Produkt zu entscheiden, man misstraut der Freiheit der Kommunikation, setzt die Vielfalt der Presse in Europa und Hunderttausende von Arbeitsplätzen aufs Spiel.

Mit ihrem neuen Richtlinienentwurf will die Kommission bis 2004 die Regelungen zur Tabakwerbung in den Mitgliedsstaaten, wie sie sagt, "harmonisieren", um den Binnenmarkt zu fördern. Eine schlitzohrige Begründung. Denn die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes hatte der EU ja eine Regelungskompetenz im diesem Bereich der Gesundheitsvorsorge abgesprochen. Aber eine Notwendigkeit für eine Harmonisierung besteht überhaupt nicht, da es durch unterschiedliche Regelungen zur Tabakwerbung in den Mitgliedsstaaten nicht zu Störungen des Binnenmarktes kommt. Es ist kein Fall bekannt, in dem es zu Marktbehinderungen gekommen wäre.

Bisher haben fünf Länder (Finnland, Frankreich, Italien, Portugal und Schweden) ein umfassendes nationales Tabakwerbeverbot. Trotz dieser inländischen Verbote wird jedoch die Einfuhr ausländischer Produkte mit Tabakwerbung selbst von diesen Ländern in der Praxis nicht behindert. Andere Staaten der Gemeinschaft (Bundesrepublik Deutschland, Griechenland, Luxemburg, Österreich und Spanien) erlauben die Werbung für Tabakwaren in der Presse oder sehen wie Belgien, Dänemark, Irland und die Niederlande in ihren Gesetzen Freihandelsklauseln für Printprodukte aus dem Ausland vor. Die EU-Kommission ignoriert, dass nur ein kleiner Bruchteil der Zeitungen, zwischen ein und zwei Prozent, überhaupt grenzüberschreitend vertrieben wird. Dieser Tatbestand verweist die behauptete Notwendigkeit der Harmonisierung ins Reich der Legenden.

Wir können es nicht oft genug wiederholen: Freie Medien sind auf einen funktionierenden Werbemarkt angewiesen, wenn eine vielfältige Presselandschaft erhalten bleiben soll. Werbeverbote beeinträchtigen diese Vielfalt. Umso mehr, als Werbung in Konkurrenzmedien wie Kino oder Plakat nach dem Willen der Kommission erlaubt bleiben soll. Wir müssen Brüssel zu der Einsicht bringen, dass es einer medienpolitisch schädlichen Konzentration auf dem Medienmarkt Vorschub leistet, wenn es seine Vorstellungen hier durchsetzt.

Es gilt der Satz: Werbeverbote sind Denkverbote! Für legal hergestellte Produkte muss auch legal geworben werden können! Das war und ist auch die Meinung der Bundesregierung. Die Verlage können hoffentlich zu Recht erwarten, dass sie an dieser Auffassung konsequent festhält.

Im Übrigen kümmern unsere Zeitungen sich geradezu vorbildlich um den Gesundheitsschutz. Gerade die Printmedien haben durch eine sachliche, differenzierte Berichterstattung wohl am meisten zur Information über gesundheitsgefährdende Erzeugnisse beigetragen, ohne jede falsche Rücksichtnahme auf wirtschaftliche Interessen einzelner Branchen. Und wir werden darin nicht nachlassen. Gerade Eingriffe in die wirtschaftlichen Grundlagen der Printmedien können aber zu Einschränkungen der Berichtsvielfalt auch in diesem Bereich führen. Daran dürfte keinem gelegen sein, wohl auch nicht der EU-Kommission. Unabhängige Zeitungen brauchen wirtschaftliche Stabilität.

Wir verfolgen mit Sorge die Bemühungen des satt mit Gebühren plus Werbeeinnahmen ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunks, seine Expansionspolitik in Richtung Internet auszudehnen. Ihm komme eine "Schlüsselrolle" im Internet zu, sagte WDR-Intendant Fritz Pleitgen. Das Internet erscheint in diesen Plänen als "Dritte Programmsäule". Die öffentlich-rechtlichen Anstalten wollen sich damit zu Multimedia-Unternehmen entwickeln. Hier müssen deutliche Stopp-Schilder aufgestellt werden. Ein Gutachten des Leipziger Staats- und Medienrechtlers Professor Christoph Degenhart stützt unsere Auffassung, dass eine solche Expansion eine Umformung des Kommunikationsauftrags bedeuten würde - und einen Verstoß gegen geltendes Recht.

Internet-Dienste, so Degenharts zentrale These, gehörten nicht zum Aufgabenbereich öffentlich-rechtlicher Programmanbieter. Allenfalls Eins-zu-Eins-Übertragungen von Programmen und die programmbegleitende Information im Netz seien mit dem Rundfunkauftrag vereinbar. Eine weitergehende Auslegung zum Beispiel des WDR-Gesetzes widerspreche den Grundsätzen, die das Bundesverfassungsgericht im Bereich der Rundfunkverfassung dargelegt habe. Internet-Dienste fallen typischerweise nicht unter den Rundfunkbegriff und damit auch nicht in den primären Aufgabenbereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der eine "Grundversorgung" sicherzustellen hat.

Ich weiß, dass es hier noch heftige Dispute geben wird. Aber wir dürfen von unserer gut begründeten Position nicht abgehen. Es darf nicht zu weiteren Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten der privaten Presse kommen! Im Übrigen bin ich überzeugt, dass das einem Missbrauch der Gebühren der Rundfunk- und Fernsehteilnehmer gleichkäme.

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten müssen wissen, dass wir ihre Expansionspläne sorgfältig beobachten und sie gegebenenfalls auf ihre verfassungsrechtliche Zulässigkeit überprüfen lassen.

Wir appellieren an die verantwortlichen Medienpolitiker, auf die Anstalten einzuwirken, damit diese von sich aus die Grenzen des rechtlich Zulässigen respektieren.

Die deutschen Zeitungen befinden sich in einer Phase verschärften intermediären Wettbewerbs. Gerade erst haben wir den Angriffsversuch gratis verteilter Blätter auf unsere Leser- und Anzeigenmärkte abwehren können. Ob das Thema Gratiszeitungen damit erledigt ist oder ob es zu einer Neuauflage dieses Kampfes kommen wird, wissen wir heute nicht. Was wir aber wissen ist: Für unsere Zeitungen, wenn sie weiter erfolgreich sein wollen, kommt es mehr und mehr auf Qualität an. Qualitätssicherung ist unser Schlüssel zur Zukunft.

In den Verlagen und Redaktionen hat man das erkannt. Die deutschen Tageszeitungen präsentieren sich im Jahr 2001 optisch und inhaltlich in einer Frische, die alles Reden von einem alten Medium Lügen straft.

Erstmals nach längerer Zeit kommt es auch zur Etablierung neuer Titel auf dem Markt der Sonntagsblätter und damit zur Vergrößerung der Angebotsvielfalt. Das spricht für ungebrochene Innovationskraft.

Und von der immer neuen Frische des Mediums zeugen auch die herausragenden journalistischen Leistungen, wie sie alljährlich vor allem durch den Theodor-Wolff-Preis gewürdigt werden. Dieser Preis steht nun in seinem 40. Jahr. Er ist ein ganz konkreter Beitrag zur Qualitätssicherung und -verbesserung.

An der Bandbreite der eingereichten und ausgezeichneten Arbeiten kann man ersehen: Wenn es in unserer Multimediawelt ein universales Medium gibt, dann die Zeitung: übersichtlich, sprachsensibel und für Texte, die in die Tiefe gehen, geeignet.

Qualitätssicherung ist mit steigenden Kosten verbunden, mit Investitionen in Redaktionen und technische Ausstattung. Um dies finanzieren zu können, unterstützen wir die Suche nach möglichst kreativen, marktwirtschaftlichen Lösungen zur Belebung der Konjunktur und des Arbeitsmarktes. Man sollte endlich den Mut haben, auch an vermeintliche Tabus zu rühren. Diese Zeit verträgt keine Denkverbote. Sie ruft vielmehr nach Auflösung von Denkblockaden.

 

 

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Neue Strategien in veränderten Märkten - Marco E. de Stoppani

Zeitungskongress 2001 des BDZV

17./18. September, Berlin

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Sie werden sicherlich Verständnis dafür haben, dass es mir nach den unvorstellbaren Terrorangriffen in New York und Washington nicht leicht fällt, die heutige Tagung mit einem reinen Fachreferat zu eröffnen.

Die Bilder dieser schrecklichen Gewaltakte und die Anteilnahme am unermesslichen Leid unserer Mitmenschen sind zu präsent. Seit einer Woche befinden wir uns alle in einem Wechselbad der Gefühle und Emotionen, die eine Rückkehr zum Alltag nicht ohne weiteres zulassen.

Durch die unerhörte Provokation dieser Tage sind die Grundwerte einer freien und offenen Gesellschaft bedroht. Gerade deshalb sollen die Medien Ruhe und einen klaren Kopf bewahren und zeigen, dass sie nicht bereit sind, den Triumph des Terrors gelten zu lassen und eine Destabilisierung unseres Gesellschaftslebens und unserer Wirtschaft hinzunehmen.

Ich werde deshalb meine Ansprache in einer gegenüber meinen ursprünglichen Absichten veränderten Form halten und bitte schon jetzt um Ihr Wohlwollen dafür.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren

Ich darf Sie zu Ihrem Mut beglückwünschen. Trotz erhitzter Kontroverse um den Fluglärm und dessen Verteilung haben Sie einen Schweizer gebeten, Ihre Tagung zu eröffnen, und dies ausgerechnet mit Gedanken zu "neuen Strategien in veränderten Märkten". Bitte verstehen Sie, dass ich mir mit dieser Themen-Vorgabe und im Anblick Ihrer illustren Versammlung etwa so vorkomme, wie das hochalpine Heidi in der Fremde.

In einer Zeit, in der die "new economy" die Werte der "true economy" wiederentdeckt, ist der Begriff "neu" im Zusammenhang mit Strategien an sich schon sehr gewagt. Zudem glaube ich, dass das Wort "Strategie" in der heutigen Medienwelt oft mehr Absicht als gelebtes Verhalten bedeutet.

Mit dem Risiko, dass Sie realisieren, was Sie ohnehin schon ahnen - nämlich, dass auch die Neue Zürcher Zeitung mit Wasser kocht - will ich mich Ihrer spannenden Herausforderung stellen und einige Grundsätze formulieren, die uns bei der Konzeption unserer Strategie geleitet haben.

Die Neue Zürcher Zeitung ist kein Sonderfall.... oder doch?

Die "Neue Zürcher Zeitung" ist eine der ältesten Tageszeitungen Europas. Seit 1780 steht sie für eine leider nicht mehr sehr weit verbreitete publizistische Vision, bei der einige vermeintlich altmodischen Werte einen hohen Rang einnehmen: Kontinuität und Verlässlichkeit der Berichterstattung, vertiefte Analyse, Hintergrunderhellung, Faktentreue, Unabhängigkeit und Orientierung an liberalen Werten.

Seit 1868 stehen die drei Buchstaben "NZZ" auch für ein Unternehmen, das den symbolischen Namen Aktiengesellschaft "für die", nicht etwa "der" Neuen Zürcher Zeitung trägt. Dies ist keine herkömmliche Trägerschaft, vielmehr eine Gesellschaft, bei der Erfolg mehr Voraussetzung als Ziel ist. Eine Gesellschaft, deren 1300 Aktionäre Wert legen auf ein erstklassiges Produkt und nicht nur auf Rentabilität. Eine Gesellschaft, die "customer value" und nicht nur "shareholder value" ins Zentrum ihres Handelns stellt.

Seit etwa zehn Jahren steht "NZZ" auch für eine Unternehmensgruppe, die neben nationalen und regionalen Tageszeitungen und demnächst auch eine Sonntagszeitung, auch Zeitschriften, Bücher, Druckleistungen, Radio- und Fernseh-Sendungen sowie Internet-Dienstleistungen anbietet.

Die NZZ-Gruppe steigt mit guter Verfassung und mit Zuversicht in das neue Jahrtausend. Rund 2000 Mitarbeitende haben letztes Jahr über eine halbe Milliarde Schweizer Franken Umsatz erwirtschaftet. Der Gruppengewinn konnte dank guter Konjunktur innert fünf Jahren verdreifacht, der Unternehmens-Cash flow mehr als verdoppelt werden. Der return on equity stieg im Jahr 2000 auf 11 Prozent, und dies bei einem Eigenfinanzierungsgrad von fast 70 Prozent. Das hat der NZZ von einem neidischen Bewunderer auch schon das Bonmot eingebracht, sie sei die einzige Schweizer Bank mit eigener Tageszeitung.

Trotz Abkühlung des Werbemarktes und der Internet-Euphorie zeigt sich der Aktienkurs unserer Gruppe mit rund 180'000 Franken/Aktie weiterhin in kraftvoller Verfassung. Das zeigt die durchschnittliche Jahresrendite unserer Aktie, die in den letzten zehn Jahren über 20 Prozent pro Jahr betrug. Mit einer P/E-ratio von 16 und einer Börsenkapitalisierung von gegen 800 Millionen Franken dürfte unsere Aktie eher konservativ bewertet sein.

Zu erwähnen ist schliesslich auch die besondere Führungskultur unseres Unternehmens. Besonders insofern, als publizistische Überlegungen auch unternehmerisch den Ausschlag geben. Wir schreiben nicht nur auf den redaktionellen Seiten Individualität und Liberalismus gross. Überzeugen wirkt bei der NZZ stärker als Anordnen, Bewahren schliesst das Erneuern nicht aus und Konsensbildung wie gemeinsame Verantwortung wird nicht nur verkündet sondern echt gelebt.

Die Zeitung ist und bleibt unsere Kerngeschäft

Die digitale Vernetzung der Welt ist seit der Erfindung des Buchdrucks ohne Frage die dynamischste und folgenreichste aller bisherigen Entwicklungen im Medienbereich. Nicht trotzdem, sondern gerade deswegen wird die gedruckte Zeitung sowohl für Leser wie für Inserenten ein attraktives, ja ein unentbehrliches Produkt bleiben.

Die Explosion der digitalen Möglichkeiten macht das Informationsgeschäft zwar schneller und globaler, aber auch anspruchsvoller, nervöser, fehleranfälliger und unübersichtlicher. Und genau hier liegt die grosse Chance der Zeitung.

Ein kluger Amerikaner hat einmal gesagt: "People are over-newsed and underinformed." Mit anderen Worten: je mehr Alternativen, desto weniger Gewissheiten.

Es besteht kein Zweifel darüber, dass Computer, Telekommunikation und Medien mehr und mehr zusammenwachsen. Ich glaube aber nicht, dass diese Konvergenz in eine Verschmelzung münden wird. Wenn es stimmt, dass wir in einer multi-optionalen Welt leben, dann gilt eh nicht das Entweder/Oder, sondern vielmehr das Sowohl/Als auch. Das macht mich ganz sicher, dass auch in einer medientechnisch revolutionierten Welt professionell erarbeitete, zuverlässige Information gefragt bleibt - auf Zeitungspapier wie im digitalen Netz.

Ich bin davon überzeugt, dass der Journalist der Zukunft zwar die moderne Technologie nutzen, aber nicht zum Nachrichten-Techniker emporsinken wird. Der Journalist von morgen mag ein Okular mit einem miniaturisierten Bildschirm tragen, das ständigen Kontakt zum Internet hält. Möglicherweise wird ein Internet-Browser seine Sprachbefehle sofort in Text umwandeln und die Mini-Kamera auf seiner Reportermütze wird der Dienstredaktion erlauben, das Geschehen vor Ort live zu verfolgen.

Für manche Anwendungen mag diese Art von "computer aided reporting" Sinn machen. Zugleich aber entlarvt diese durchaus ernst gemeinte Vision, dass man heute vielerorts mehr an Technologien als an publizistische Inhalte denkt. Das ist, wo es der Fall ist, ein Irrweg.

In der Tat besteht die grosse Chance der Zeitung in der nachhaltigen Pflege oder gar Rückeroberung der Inhalte. Die Zeiten dafür sind reif, weil auch gute Zeitungen immer anfälliger werden für das, was den Journalismus an die Glaubwürdigkeitsgrenze verdächtig macht: Verkürzungen, Vereinfachungen und Zuspitzungen um des Effektes Willen. Mit Recht wird eine allgemein abnehmende journalistische Sorgfalt beklagt, eine Nivellierung nach unten, ein Häppchen-Journalismus und ein billiges "Infotainment". In solchen Zeiten kann die seriöse Zeitung wieder stärker zur Alternative für Nachdenkliche werden: zu einer Alternative, bei der man auch heute noch weiss, was man gestern gesagt hat; bei der Aktualität zwar wichtig, Qualität aber entscheidend ist; bei der Inhalt und Form, Gestalt und Gehalt einander bedingen.

Im Einklang mit dieser Überzeugung ist und bleibt das Verlegen von Zeitungen das Kerngeschäft der NZZ. Alle anderen Aktivitäten unserer Gruppe werden als komplementäre Geschäfte betrachtet. Eine Ausnahme bilden unsere Internet-Leistungen. Das führt mich zu meiner nächsten These.

Die "new economy" ist alles andere tot

"The internet has been a wonderful disappointment", schrieb die Financial Times im vergangenen Frühjahr. Diese Aussage betrachte ich als genau so falsch, wie es die überschwängliche Euphorie der neunziger Jahre gewesen ist.

Es ist nicht lange her, da galt an manchen Orten das schnelle Ausgeben von Geld als Nachweis für besondere unternehmerische Fähigkeiten. Vor anderthalb Jahren schlug die Stimmung um. Die zuvor hochgejubelte "new economy" sieht inzwischen recht alt aus. Es bestätigte sich: Wer viel ausgibt, aber wenig einnimmt, geht pleite. Welch bahnbrechende Entdeckung!

Die Reaktion vieler Marktteilnehmer fiel angesichts der brutal schnellen Kapitalvernichtung heftig aus. Selbst weltweit tätige Medienunternehmen haben ihre Online-Aktivitäten in dramatischen Sparübungen ausgedünnt. Solche Reaktionen sind zwar verständlich, aber aus strategischer Sicht nicht unbedenklich.

Eine differenzierte Analyse zeigt, dass die Antriebskräfte der Internet-Wirtschaft - nämlich hohe Liquidität, niedrige Eintrittsbarrieren und boomende Technologie - wenig an Wirkkraft eingebüsst haben.

Noch immer ist die Liquidität der Finanzmärkte recht hoch, aber sie sucht sich ihre Unternehmen sorgfältiger aus. Ein attraktiver Businessplan und eine spannende "Story" reichen heute nicht mehr aus, um Risikokapital zu überzeugen. Auch die Unternehmen der "new economy" haben erkannt, dass es einen Unterschied gibt zwischen kreativen und lukrativen Geschäftsideen.

Bis zur Verschmelzung von "new economy" und "true economy" wird noch einiges Lehrgeld zu zahlen sein. Trotzdem wäre es in meinen Augen ein Fehler, die Internet-Revolution als Eintagsfliege zu werten.

Als die digitale Vernetzung der Welt den Charakter der Informationsangebote wie auch das Verhalten der Informationskonsumenten zu beeinflussen begann, beschloss die NZZ, die Herausforderung "Internet" anzunehmen: positiv und dynamisch, aber auch nüchtern und verantwortungsbewusst. Wir haben uns engagiert im Wissen darum, dass die damalige Goldgräberstimmung Illusion war. Wir haben uns an die historisch verbürgte Wahrheit erinnert, dass im amerikanischen Goldrausch des letzten Jahrhunderts weniger die Goldsucher das grosse Geld gemacht haben als jene, die ihnen die Schaufeln verkauften.

Vor zwei Jahren haben wir die Online-Aktivitäten zur zweiten Säule unseres Kerngeschäftes erhoben. Dies haben wir in der Überzeugung getan, dass sich das Online-Medium allmählich zu einem wichtigen, das Printmedium ergänzenden Instrument zur Wahrnehmung unseres publizistischen Auftrages entwickeln wird, und dass sich mit qualifizierten publizistischen Inhalten Schritt für Schritt auch im Online-Medium Geld verdienen lässt. A propos Geld verdienen; Meine nächste These lautet:

Publizistische Leistungen sind und dürfen nicht gratis sein

Es ist nicht allzu lange her, da hörte ich überall den Satz: "Information on the net is shared, not sold". In jener Zeit begann die Medienwelt Software, Internet-Anschlüsse, Computer und Handys zu verschenken.

Nur wenige Jahre später werden die Beteiligten unter Schmerzen daran erinnert, dass auch Geschenke etwas kosten. Gewusst hat man das eigentlich schon immer, aber niemand wollte damals gegen den Strom schwimmen, auch die NZZ nicht. Aus Angst vor davonschleichenden Usern und fordernden Werbern haben wir alle bis zum heutigen Tag leider mehr geredet als gehandelt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass auch morgen die Inhalte und nicht die Technik der Grund sein werden, warum Menschen mediale Dienstleistungen nutzen. Als Presseverlage verfügen wir über ein wertvolles Know-How im Bereich der Informationsaufbereitung und -vermittlung. Die Fähigkeit zu ordnen und einzuordnen, zu unterscheiden und auszuscheiden, zu interpretieren und zu werten, über Positionen zu berichten und selbst Position zu beziehen, - das alles sind Werte, die Geld wert sind; ihnen gebührt nach wie vor eine Gebühr. Warum in aller Welt sollten wir solche Leistungen verschenken?

Wenn eine Gruppe von bedeutenden Verlegern sich dazu entschliessen könnte, ihre publizistischen Leistungen im Internet gegen Entgelt zu vermarkten, hätte das meiner Ansicht nach eine enorme Signalwirkung. Ich bin gerne dabei und ermuntere Sie dazu - selbstverständlich in vollem Respekt vor Ihrem strengen Kartellrecht.

"Coopetition" ist mehr als nur ein Schlagwort

"Stop worrying about protecting your print business, worry about winning a new one". Diese Botschaft hören die Presseverlage seit mindestens fünf Jahren. Wir nehmen diese Botschaft ernst, vergessen aber nicht, das Kerngeschäft nachhaltig zu sichern, von dem wir alle heute leben, nämlich die gedruckte Zeitung.

Das Zeitungsgeschäft weist bekanntlich die Eigenschaften sowohl eines klassischen Dienstleistungsunternehmens auf wie diejenigen eines herkömmlichen Industrieunternehmens.

Gerade diese Eigenschaften führen mich zur Überzeugung, dass nicht der Leserschwund das grösste Risiko unserer Branche ist, sondern der Wandel der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen künftig Zeitungen verlegt werden.

Die Leser- und Auflagezahlen stagnieren und die Werbeausgaben in der Presse sinken dramatisch. Die Preiselastizität ist begrenzt. Die Personal-, Herstellungs- und Beschaffungskosten steigen. Teure Ersatzinvestitionen drängen sich in immer kürzer werdenden Intervallen auf. Das alles macht die Existenzgrundlage mancher Presse-verlage enger und brüchiger. Es ist dringend nötig, dass unser Geschäft effizienter, flexibler, transparenter und einfacher wird. Dies lässt sich oft nur im Verbund erreichen.

Ich denke dabei an "coopetition" als Kombination von "cooperation" and "competition". Dahinter steckt der Gedanke des Verbundes selbstbewusster, gleichgesinnter Verlagshäuser. Ziel solch punktuell, strategischer Allianzen ist es, den Mediennutzern einen Mehrwert anzubieten, den die einzelnen Verlagshäuser im Alleingang nicht erbringen können.

Der enge Schulterschluss mehrerer Medienhäuser setzt Ressourcen frei für eine umfassendere, kompetentere, besser gestaltete journalistische Leistung. Er ermöglicht eine schlankere Kostenstruktur, die Erbringung von attraktiveren Werbeleistungen und die Bündelung von Finanzmitteln.

Die Notwendigkeit solcher Verbundsysteme ist in unserer Branche seit langem erkannt. Deren Realisierung scheitert aber oft an der Angst, die eigenen Handlungsspielräume auch nur ansatzweise zu beschränken und einen vermeintlichen Wettbewerbsvorteil preiszugeben.

Die NZZ hat schon vor Jahren die Initiative zu einer Reihe von Verbundsystemen ergriffen, mit denen zum Teil beträchtliche Mehrwerte realisiert werden konnten.

Ich denke hier an multilaterale Kooperationen in den Bereichen der Frühvertragung, des Betreibens von Druckzentren, der digitalen Übermittlung von Druckvorlagen, der Realisierung von gemeinsamen Medien-Datenbanken, der Verwirklichung von umfassenden Internet-Plattformen oder des Einkaufes von Telephonie-Leistungen mit dazugehörigen Netzwerken und einiges mehr.

Mit Gemeinschaftsunternehmen dieser Art wollen wir die Attraktivität der Presse erhöhen, das Eindringen branchenfremder Akteure auf unserem Spielfeld erschweren und die Einführung neuer Technologien aktiv beeinflussen. Die bis anhin gemachten Erfahrungen ermuntern uns dazu, solche Allianzen fortzusetzen und zu erweitern.

Die Telematik ist eine wertvolle Verbündete

Ohne Informatik und Telekommunikation ist die Informationsbeschaffung und -aufbereitung sowie die inhaltliche und physische Erstellung und Zustellung einer Zeitung kaum mehr möglich. Das wissen wir alle. Trotzdem stelle ich immer wieder fest, dass der Telematik in vielen Unternehmen nicht der strategische Stellenwert beigemessen wird, den sie verdient. Das erachte ich als bedenklich, weil uns gerade die Telematik eine wichtige Chance bietet, unser Geschäft effizienter und für unsere Kunden attraktiver zu gestalten.

An folgenden Beispielen möchte ich Ihnen darstellen, welche Möglichkeiten die Telematik auch im klassischen Verlagsgeschäft bietet.

Während der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Kanada verrichteten unsere Redaktoren und Photographen ihre Arbeit vor Ort, ausgerüstet mit Laptop, digitalen Kameras und mobilen Telefonen. Auf dem Internet wurden Recherchen durchgeführt und Datenbanken konsultiert. Die publizistischen Inhalte wurden in Form von Texten, Bildern und Grafiken digital nach Zürich übermittelt. Nach deren ebenfalls volldigitaler Aufbereitung wurden die fertigen Zeitungsseiten via Glasfaser und Satellit an die Druckereien übermittelt. Zeitgleich mit Zürich wurde die Internationale Ausgabe der NZZ in Frankfurt und Passau gedruckt.

Zur selben Zeit wurde unser Blatt via Internet nach Vancouver zum Headquarter von Newspaper Direct und von dort aus zum Beispiel zum Hotel Kempinsky in Moskau übermittelt. Mit einem herkömmlichen Photokopierer wurde die Internationale Ausgabe der NZZ vor Ort ausgedruckt und dem interessierten Hotelgast ausgehändigt.

Ebenfalls zur selben Zeit wurde die Internationale Ausgabe der NZZ an einem der Zeitungsautomaten der Firma Pepc in Amsterdam übermittelt und dort ebenfalls digital ausgedruckt.

Darüber hinaus wurde die Zeitung acht Datenbanken weltweit zur Verfügung gestellt und auf NZZ Online veröffentlicht. Die NZZ ist auch tagesaktuell im "elektronischen Kiosk" für Sehbehinderte in Blindenschrift und in Ton erhältlich.

Parallel dazu wurde unser Blatt via Internet nach London gesandt. Auf einer vor ein paar Monaten in Betrieb genommenen Pilotanlage der Firmen Océ und Hunkeler wurden die Zeitungs-Exemplare der NZZ für die Londoner City vor Ort volldigital gedruckt und in Hauszustellung verteilt.

Diese Beispiele mögen als banal erscheinen; das sind sie aber nicht. Diese stellen das Resultat eines komplexen, mehrjährigen Projektes dar, das in unserem Hause die Bezeichnung "mission impossible" erhielt und bei einigen unserer Partner vorerst Kopfschütteln hervorrief.

Die Grundidee hinter diesem Projekt war eigentlich simpel: statt zuerst drucken und dann verteilen, zuerst verteilen und dann drucken. Erste Voraussetzungen dazu wurden bei der NZZ bereits 1995 geschaffen. Die technischen Rahmenbedingungen für die Fernübertragung und den dezentralen, volldigitalen Druck konnten aber erst vor kurzem realisiert werden.

Die Vision eines lückenlosen, volldigitalen Geschäftsprozesses vom Ereignis bzw. vom Werbeauftraggeber zum Leser ist leider noch Zukunftsmusik.

Ich bin der Meinung, die Presse wäre gut beraten, wenn sie sich intensiv mit diesen Problemen und Chancen der Digitalisierung auseinandersetzen würde. Nur mit schlanken, nachvollziehbaren, effizienten und standardisierten Geschäftsprozessen, wird es uns gelingen, die Attraktivität der Presse und ihre Existenzgrundlage zu sichern.

Schlusswort

Meine Damen und Herren, die Presse hat heute oft keine gute Presse. Vor sechs Monaten trafen sich 26 Medienschaffende, Werbeauftraggeber sowie Technologie- und Medienexperten im Management-Zentrum St. Gallen zum Thema "Zukunftsstrategie für Schweizer Medien". Der Bericht dieses "think tank" zeichnet kein rosiges Bild. "Die Schweizer Medien haben Mühe, mit den sich schnell ändernden Marktbedürfnissen mitzuhalten; Schuld daran sind Trägheit, knappe Ressourcen und fehlendes Know-How", lautet das Fazit dieser Begegnung. Diese Aussage soll uns alle zur Reflektion animieren.

Ich wünsche Ihnen allen die Zuversicht, den Willen, die Kraft und die Bereitschaft zur Veränderung, die wir brauchen, um die Zukunft der Presse erfolgreich zu meistern. In diesem Sinne bedanke ich mich für Ihre Einladung und ihre Geduld und wünsche Ihnen einen regen Meinungsaustausch in den kommenden Stunden.