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1.Platz Kategorie "Text" Jahrgangsstufe 11 - 13

Malte von Wildenradt, Klasse 11

Gymnasium Isernhagen

HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

 

Schöne Jugend

Das Zimmer wurde durch den neuen, flimmerfreien Großbildmonitor in diffuses Licht getaucht. Die Rollläden waren heruntergelassen, und der Deckenventilator rührte in einer dicken‚ von Chipsgeruch geschwängerten Luft herum. Nur hin und wieder drangen Geräusche von der Isernhagener Straße in den Raum. Neben der Tastatur und dem Mous-Pad türmten sich leere Fast-Food-Verpackungen, Chipstüten und zerdrückte Cola-light-Pappbecher. Heute Abend würde Alex den ganzen Abfall nach draußen stellen, damit die Müllfrachter, die alle zwei Tage vorbeikommen, ihn abtransportieren. Er ließ sich zurück in den weichen Kunstledersessel sinken und betrachtete sein Handy, das mit weniger als 50 g in seiner Hand lag und alle 10 Sekunden in Form eines Blinkens ein Lebenszeichen von sich gab. Dann rief er die Mailbox ab. Neben den neuesten Nachrichten über Kino, Musik und allerlei Konzerttipps, die er rasch löschte, entdeckte er auch eine Nachricht von Tim. Seitdem man drei von fünf Schultagen zu Hause am Computer arbeitete, sahen sie sich nicht mehr sehr oft.. Tim fragte nach, was Alex am Wochenende vorhätte, und ob er Lust hätte mit ihm, Lena und Meike einen Videoabend zu machen. Eigentlich hatte Alex schon. Lust, Meike zu treffen, (sie hatten oft miteinander gechattet) doch wenn sie sich "live" sahen, kam das Gespräch irgendwie nicht in Gang.

Nun gut, er wendete sich wieder dem Computer zu. Seine Finger flogen über die Tastatur, während seine Augen den Monitor fixierten. Auch hier kümmerte er sich erst um die Flut der Neuigkeiten, die ständig in seinen Computer geschwemmt wurden. Er streifte mit seinem Blick die verschiedenen Kategorien: TV, Mode, Shopping, Chat-room-Tipps, Gossip und irgendwo weiter unten auch Politik und Wirtschaft. Aber das war langweilig: Korruption bei niederländischen Politikern, Fusion von Megamedia und De Mol-World und irgendwo in Togo tobte einer dieser Bürgerkriege.

Seit über sechs Stunden lag er jetzt auf der Lauer. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen. Sie stand jetzt als gleißend heller Feuerball hoch am Himmel und brannte auf Josephs dunkle Haut herab, die von dicken Schweißperlen bedeckt wurde. Der Geruch von heißer Erde und trockenem Gras stieg in seine Nase. Und obwohl seine Ellenbogen längst wund gescheuert waren, umklammerte er weiterhin krampfhaft die Kalashnikov, deren heißen metallenen Lauf er an seine Wange presste.

Sein linkes Bein war eingeschlafen und völlig taub. Das war schlecht. Sehr schlecht! Was, wenn er plötzlich aus seiner Deckung aufspringen müsste, um auf die herannahende Miliz zu feuern?

Doch er wagte es nicht, aufzustehen oder sich irgendwie zu bewegen. Schließlich konnte es auch sein, dass Nelson ihn dabei sah und unzufrieden mit ihm wäre. Nelson hatte ihn vor wenigen Wochen bei den Rebellen aufgenommen, nachdem die Schweine von der Miliz in Josephs Dorf eingedrungen waren. Mit Jeeps waren sie ins Dorf eingefahren. Zuerst hatten sie Josephs Vater und die anderen Männer aus den Häusern gezerrt und der Reihe nach erschossen. (Die Erinnerungen an den toten Körper seines Vaters, der blutüberströmt im heißen Sand lag, verfolgte Joseph in jeder Nacht.) Dann waren sie über die Frauen hergefallen. Joseph wartete begierig darauf, endlich einen dieser Mörder erwischen zu können. Sein Finger würde sich um den Abzug krümmen und jede einzelne Kugel, die den Körper eines dieser Schweine zerfetzen würde, würde ihn für das entschädigen, was man den Seinen angetan hatte.

Die Hausaufgaben waren schnell gemacht. Einen Text in Englisch lesen, eine Frage in Deutsch beantworten und ein paar Aufgaben in Mathe. Mit Deutsch hatte Alex so seine Probleme. Er verstand nicht sehr viel von Brecht und seinen merkwürdigen Theorien und Stücken. Da ging ihm die Mathematik schon viel leichter von der Hand. Infinitesimalrechnung war eine Sache, die schnell zu erlernen und anzuwenden war. Das war schließlich reine Logik! Trotzdem ärgerte Alex sich ein bisschen über ein Gespräch, das er vor kurzem in der Schule mit einem Mitschüler führte. Der behauptete, dass das alles Scheinprobleme seien und es Wichtigeres als Differentialquotienten gäbe. Da hatte Alex nur gelacht und gesagt: "Mathematik hat sehr viel mit der Wirklichkeit zu tun, denn die Wirklichkeit ist praktisch gleichbedeutend mit Technik und Computern. Und um Computer zu installieren braucht man Mathematik." Sein Mitschüler hatte ihn verständnislos angesehen und ihm die Lektüre eines Politik-Newsboards empfohlen. Dort würde er über die wirklichen Probleme in dieser Welt aufgeklärt werden.

Aber das war ein Schwätzer! Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Technik einen Entwicklungsstand erreichen würde, der Hungersnöte und Bürgerkriege zum Verschwinden brächte.

Wieder flogen seine Finger über die Tastatur. Er lud das Spiel "Star Fighter X" auf die Festplatte. Und schon Sekunden später heulten die Turbinen seines Weltraumgleiters auf und er erhob sich donnernd in die Höhe.

Joseph schreckte auf. Er hatte etwas gehört ... es kam langsam näher. Ein donnerndes Geräusch dröhnte über ihm. Doch schon beruhigte er sich wieder; das war nur einer der Müllgleiter aus dem reichen Kontinent, der tonnenweise Abfall auf die Deponien im Nachbarstaat brachte. Dort kriegen sie Geld für das Aufnehmen von Müll. Es soll dort riesige Deponien geben, die sich bis in den Horizont erstrecken. Und merkwürdig verformte Vögel sollen dort über den Müllbergen kreisen, die von stählernen Ungeheuern durchforstet werden. Joseph verstand das alles nicht. Er würde gern verstehen, denn er hatte von Fillipe, dem Lehrer aus dem Nachbarsdorf gelernt, dass es wichtig ist viel zu wissen. "Nicht ein Gewehr, sondern eure Klugheit wird euch hier rausholen"‚ sagte er einmal. Aber dann haben sie ihn geholt. Die Schlauen werden immer zuerst geholt. Naja, und jetzt hatte Joseph eben doch ein Gewehr in der Hand. Leider nur ein einfaches Maschinengewehr mit sehr wenig Munition. Die rückstoßgedämpften Plasmagewehre der Miliz waren um einiges besser.

In hohem Tempo düste der Kampfgleiter durch die leeren Korridore des zerstörten Raumfrachters. Alex umklammerte den Joystick und starrte gebannt auf den Bildschirm.

Das Fadenkreuz seiner Laserkanone wanderte umher.

Irgendwo lauerte der Feind. 

Joseph bekam ein schlechtes Gefühl in der Magengegend. Wurde er vielleicht beobachtet? Er war für einen kurzen Moment eingenickt! Für wie lange? Ein paar Sekunden? Ein paar Minuten? Hoffentlich nicht länger! Hatte da nicht hinter ihm ein Zweig geknackt?

Oh ja, er hatte ihn im Visier. Der gegnerische Raumgleiter hatte ihn auch entdeckt, doch es war zu spät. Alex drückte nur kurz den Joystick und, noch während sein Gegner sich umdrehte, wurde er von einer Salve Laserstrahlen getroffen.

Joseph lag tot im heißen Sand. Während er verblutete, nahm man seine Kalashnikov und suchte nach weiteren Rebellen.

Alex lächelte. Er hatte das Spiel gewonnen.