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Kleine Wahrheiten

Von Anja Pasquay, BDZV

Wer die zur „Rückblende 2007“ eingereichten Karikaturen und Fotos vergleicht, könnte meinen, Karikaturis­ten und Fotografen wohnten auf unterschiedlichen Kontinenten oder hätten doch jedenfalls ein ganz und gar anderes Jahr erlebt. Hier G8 in Heiligendamm, Randale und Demonstrationen, Merkel und Müntefering – dort dopende Radsportler, Rauchverbot, streikende Lokomotivführer und genasführte Verbraucher.

Große Fluchten versus kleine Wahrheiten. Ein deutsches Jahr eben. Und wieder einmal bestätigt sich die alte Weisheit: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wobei die Karikaturen – zugegeben – selten ganz und gar wortlos bleiben. Ein kleiner Schubs in die gewünschte Richtung darf es für den Betrachter wohl sein, je­denfalls da, wo das zur Kenntlichkeit überzeichnete öffentliche Personal der Republik den Misshelligkeiten des deutschen Alltags ausgesetzt wird.

Dabei fallen die gezeichneten Kommentare der Karikaturisten im Übrigen häufig härter und eindeutiger aus als die ihrer schreibenden Kollegen. Bestes Beispiel sind die Karikaturen des diesjährigen ersten Preisträ­gers Thomas Stuttmann. Da wird eine ikonographische Filmsituation mit Ulrich Mühe in „Das Leben der An­deren“ zur für jeden sofort wiedererkennbaren Folie von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und sig­nalisiert „Teil II“ des Überwachungsstaats. Oder der rheinland-pfälzische Ministerpräsident erlebt mir nichts dir nichts die Metamorphose von Beck zu Marx - jede wortreiche Erklärung zur aktuellen Diskussion über die Agenda 2010 und das SPD-Parteiprogramm erübrigt sich.

Ganz anders die von Knollenmännchen und Strichelfräuleins bevölkerten Cartoons und Collagen aus der aktuellen Tagespresse: Sie entfalten überhaupt erst durch den zugeschriebenen Text ihre volle Wirkung und streifen den Kalauer so ungeniert wie den subversiven Witz. Auf der Höhe der gesellschaftlichen Diskussion bewegen sie sich allemal: Vattenfall, Ekelfleisch und Kinderkrippenplätze gehören auch zur „Rückschau auf das politische Jahr“. Es hat sich gelohnt. Mit Blick auf die Karikatur war 2007 definitiv ein großes Jahr.

 

Ansonsten lief alles harmonisch

Von Jan Fleischhauer

 

Fotografisch war 2007 ein bewegtes Jahr. Ständig waren die Deutschen auf der Straße, um Fahnen und Plakate zu schwenken: gegen höhere Steuern und für bessere Löhne, gegen Bush, den Atommüll und den Bildungsnotstand. Die Linken demonstrierten gegen die Rechten, die Lokführer gegen den Bahnvorstand und alle Dritte-Welt-Aktivisten, Klimaschützer und sonstwie kritischen Geister gemeinsam gegen die Mächti­gen im Ostseebad Heiligendamm - so haben es jedenfalls die Bildjournalisten festgehalten.

 

Die Energie auf der Straße steht in seltsamem Kontrast zu der Bewegungslosigkeit der Großen Koalition, aber vielleicht bedingt sich ja beides auch. Was die Politik in Berlin angeht, war 2007 ein kraftloses Jahr; man hat Mühe, die Höhepunkte zu nennen, Veränderungen, die als Zeitmarken dienen könnten. War es die Gesundheitsreform, die dieses Jahr das bestimmende Thema war, oder die Mindestlohndebatte? Oder pas­sierte das schon in 2006? Schwer zu sagen, alles verschwimmt im Rückblick, und auch die Bilder der politi­schen Fotografen bieten keine Gedächtnisstütze. Das einzige, was sich noch relativ einfach zuordnen lässt, ist der unermüdliche Einsatz des Bundesinnenministers für neue Sicherheitsgesetze, aber der vollzieht sich abseits der Blitzlichter und Scheinwerfer; der zeichnerische Kommentar des Karikaturisten Klaus Stuttmann dazu brachte es mühelos auf Platz eins.

 

Nicht, dass die Regierung untätig gewesen wäre, allen voran die Kanzlerin, ganz im Gegenteil. Schon eine erste, flüchtige Durchsicht des politischen Fotoalbums hinterlässt den beruhigenden Eindruck, dass die Deutschen international ein enorm beliebtes Volk sind. Im Kanzleramt geht es zu wie im Taubenschlag, im­mer ist jemand zu Gast, mal mit kleinem, mal mit großem Gefolge. Das aussagekräftigste Foto vom Staats­besuch des saudischen Königs Abdullah zeigt einfach die endlose Schlange von Limousinen, die sich auf dem Pariser Platz in Berlin staut.

 

Spätestens nach dem zehnten Bild von Angela Merkel auf dem roten Teppich, möchte man den lieben Gästen aus dem Ausland allerdings zurufen: Lasst die Frau doch mal arbeiten, die Führerin der drittgrößten Industrienation der Erde hat noch was anderes zu tun, als Hände zu schütteln und fremden Nationalhymnen zu lauschen. Immerhin: Der Handkuss, wie ihn Jacques Chirac hingebungsvoll pflegte, darf seit der französi­schen Präsidentenwahl im Sommer als feuchtes Relikt gelten: Nicholas Sarkozy bevorzugt, wohl auch mit Rücksicht auf die eigene Körpergröße, den Wangenkuss.

 

Wenn sich die Kamera mal auf die Regierungsbank richtet oder in den Kabinettssaal, die Orte des politi­schen Tagesgeschäfts, sieht man vor allem große Müdigkeit. Die Akteure wirken merkwürdig erschlafft nach zwei Jahren Rot-Schwarz, sie haben einen unfrohen Zug um den Mund, meist kehren sie einander den Rücken zu oder starren in Akten. In den Gesichtern steht die Anstrengung, noch zwei weitere Jahre durch­halten zu müssen, es scheint keine schöne Perspektive zu sein.

 

Vermutlich werden sich die Deutschen an 2007 als ein Jahr erinnern, bei dem sie noch einmal der Hoffnung nachgeben konnten, es ginge auch so, ohne größere Anstrengungs- und Veränderungsbereitschaft. Die Wirtschaft läuft, die Arbeitslosigkeit sinkt, statt von Reformen fürs Volk reden die Parteien lieber von neuen Wohltaten. Ein Zwischenjahr, ohne Anlass zu wirklicher Freude, aber auch ohne echte Sorgen.

 

Das größte Ereignis war am Ende das jährliche Zusammentreffen der G8, diesmal ausgerichtet in Deutsch­land. Keine andere Politgeschichte lieferte bei der Rückblende 2007 so viele stimmungsvolle Bilder. Über­wölbt von einem makellosen Ostseehimmel kamen alle auf ihre Kosten, die Politiker in den weißen Hotelvil­len und die Demonstranten in den Zeltlagern davor. Wogegen man genau war, trat dabei in den Hintergrund, Hauptsache, man kam zusammen, ein großes Spaßevent, auch Dank der Polizei, mit der man Katz und Maus spielen konnte. Das Siegerfoto von Fabian Bimmer fängt die Stimmung wunderbar ein. Es zeigt einen Trupp hochgerüsteter Bereitschaftspolizei neben einer Gruppe Demonstranten in Clownskostümen, schon im Moment der Aufnahme lösen sich die Formationen auf, hinter die Polizisten haben sich zwei Spaßmacher mit ihren bunten Hütchen geschlichen, ein heiteres Bild aus einem unbekümmerten Land.

 

Die Aufnahme, die von der Jury mit dem zweiten Preis ausgezeichnet wurde, steht dazu in ernüchterndem Kontrast. Sie fängt einen Moment von großen Ernst ein, und es ist wohl kein Zufall, dass dieser Augenblick, obwohl hochoffiziell, von der Öffentlichkeit nicht weiter wahrgenommen wurde. Das Bild von Henning Schacht zeigt drei Särge, aufgebahrt vor dem Regierungsairbus der Luftwaffe, daneben im Rollstuhl in stiller Andacht Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. In den Särgen liegen die Leichen von drei toten Polizis­ten, eingeflogen aus den Bergen Afghanistans, wo sie einem Anschlag aus dem Hinterhalt zum Opfer fielen, drei deutsche Helden, die aus einem Krieg heimgekehrt sind, den die Deutschen am liebsten vergessen würden, drei tote Zeugen einer grimmigen Wirklichkeit, die man hierzulande lieber ausblendet.

 

180 Fotografen hatten dieses Mal Arbeiten eingeschickt, über 1000 Fotografien insgesamt, dazu 400 Kari­katuren, 12 Stunden saß die Jury zusammen, verteilt auf zwei Tage. Man sah noch einmal die großen Ab­schiede des Jahres, den schnellen, kurzentschlossenen wie im Fall von Franz Müntefering, ein letzter Auftritt vor der Bundespressekonferenz, dann in den Wagen und weg. Und den endlosen, der sich über Monate zu erstrecken schien, wie ihn Edmund Stoiber zelebrierte: Abschied von der Partei, den Bayern, der Welt. Das amüsanteste, und dann auch wieder entlarvendste Foto ist vielleicht Peter Kneffels Schnappschuss von Stoiber als Ehrenbürger der Universität Seoul, das der Jury einen Sonderpreis wert war.

 

Es gibt auch interessante Details zu erkennen, wenn man lange die Bilder von Leuten betrachtet, die Politi­kern so nahe kommen wie kaum jemand sonst. Man kann zum Beispiel sehen, dass Sarkozy überraschend kleine, dicke Finger hat und Gerhard Schröder Haarschopf inzwischen so dunkel und gleichmäßig getönt ist, dass er an poliertes Teakholz erinnert. Einmal sitzt Merkel in einem KIassenzimmer irgendwo in Afrika, durch die Fenster fällt helles Licht, alle Kinder schauen auf, nur eine schreibt fleißig in ihr Heft, es ist die Dame vorne rechts in der ersten Schulbank, die deutsche Kanzlerin, immer strebsam, immer bemüht.

 

Wer 1000 Bilder an sich vorbeiziehen lässt, bekommt zudem einen Eindruck, was Politiker alles so mitma­chen, um sich beim Publikum beliebt zu machen. Sie zwängen sich in seltsame Kostüme, sie kriechen unter Elefanten herum und posieren mit toten Tieren, die man ihnen in die Hand drückt. Manche kommen gar nicht vor, obwohl sie es von ihrer Position müssten. Kein einziges Foto von Bildungsministerin Annette Schavan und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Und was war 2007 eigentlich mit der FPD los? Ausgerechnet die Partei, deren Vorsitzender früher verlässlich jeden Unsinn mitmachte, wenn dabei Presse heraussprang, ist offenbar aus der Wahrnehmung verschwunden. Irgendwann entdeckt man Guido Westerwelle neben Angela Merkel sitzend, ein Sektglas balancierend, aber das ist dann auch schon alles. Von den Grünen war 2007 etwas mehr zu sehen, aber die schaffen es selten in die engere Wahl, weil der grüne Hintergrund, der dort obligatorisch zu sein scheint, jedes Foto verdirbt.

 

Was war sonst noch? Das Fischauge kommt wieder zum Einsatz, allerdings sehr zum Missfallen der Jury („Ein ganz blöder Effekt“). Wer zwei gleiche Motive einreicht, dokumentiert damit nach Meinung der Juroren nicht Variantenreichtum, sondern nur Wankelmut („Wenn man nicht mal selber entscheiden kann, was ein Bild ist, können wir jetzt auch nicht helfen“).

 

Ansonsten lief alles harmonisch. Diskussion gab es eigentlich nur einmal, beim Foto einer jungen G8-Akti­vistin in rotem Kleid, die gerade von einem Wasserwerfer erwischt worden war. „Seit zehn Jahren gibt es in der Fotografie Mädchen mit durchweichtem Kleid“, kommentierte ein Jurymitglied abfällig. „Das wird dann auch seinen guten Sinn haben“, war die Antwort des Juryvorsitzenden.

 

Das Foto schaffte es in die zweite Runde der 90 besten Aufnahmen, dort kann es jetzt jeder selber beurtei­len. Glückliches Deutschland, das solche Demonstranten hat.

 

Eine Ausstellung für das ganze Jahr

Seit 2005 heißt die Rückblende im Untertitel: Der deutsche Preis für politische Fotografie und Karikatur. Sie trägt diesen Titel zu Recht – und das nicht bloß, weil es keinen vergleichbaren Preis in Deutschland gibt. Es ist vor allem die seit vielen Jahren konstant hohe Qualität der Werke, die den Anspruch stützt, und es ist der beachtliche öffentliche Widerhall.

 

Die Rückblende ist als Wettbewerb gestaltet, sie lockt mit Preisen, und sie lockt nicht schlecht mit einer Preissumme von € 25.000. Aber Vorsicht! Die Rückblende ist nicht nur und nicht in erster Linie Wettbewerb. Wettbewerb und Preise sind vielmehr auch Mittel zum Zweck. Der Zweck, das ist die Ausstellung der Rückblende, begleitet von einem Katalog und einem Internet-Auftritt, der alle eingereichten Werke dokumentiert.

 

Das Ziel der Ausstellung ihrerseits ist die Deutung des vergangenen politischen Jahres. Das schafft keine Karikatur, keine Fotografie für sich allein. Wenn aber, angeregt von den Preisen des Wettbewerbs, die Elite der deutschen Bildjournalisten und Karikaturisten ihre besten Werke einsendet, dann mag genug kritische Masse zusammenkommen, um eine Ausstellung zu bestücken, die das vergangene Jahr verständig zu deuten erlaubt.

 

So ist es nun schon seit geraumer Zeit. Die Ausstellung der Rückblende mit ihrer glücklichen Verbindung von Karikatur und Foto ist Schaustück an ersten Adressen des politisch-kulturellen Lebens der Republik, sie zählt mehr als 40.000 Besucher jährlich. An sieben Orten wird sie gezeigt, an doppelt so vielen Orten könnte sie gezeigt werden. Der Katalog ist begehrt und binnen kurzem vergriffen, manche Lehrer nutzen ihn im Unterricht. Das Echo auf Wettbewerb und Ausstellung ist stark und mehr als bloß freundlich. Man darf wohl sagen, dass die Rückblende das Ansehen von Bildjournalisten und Karikaturisten hebt, ihre Deutung des politischen Geschehens stützt.

 

Die Jury der Rückblende deutet auch, aber sie ist in ihrer Deutung an die eingereichten Werke gebunden, darauf macht sie sich einen politischen Reim. Die Preisentscheidungen der Jury haben mit diesem Reim zu tun – wie anders? Ästhetische Erwägungen kommen deshalb nicht zu kurz und die Freude an Witz und Provokation auch nicht. Die Entscheidung über die Aufnahme in die Ausstellung nimmt die Jury nicht weniger wichtig als die Entscheidung über die Preise.

 

Mit Blick auf 2006 hatte die Jury der Rückblende den medialen Overkill angeprangert und mit Absicht einen Kontrapunkt gesetzt. 2007 kommt trockener daher. Eine gute Konjunktur  mindert die Ängste … und mehrt das Unbehagen an der Verteilung des Reichtums. Sozialkonflikte bleiben nicht länger im Ansatz stecken, sondern werden ausgetragen. Die Globalisierung taugt nicht mehr recht als Keule, die Leute beginnen sie zu durchschauen. Argumente für Bildung, Klimaschutz und anständige Löhne gewinnen, die Hörigkeit schwindet. Es liegt was in der Luft.

 

Aber schauen Sie selbst und machen Sie sich ein Bild.

 

Viel Vergnügen!

 

 

Dr. Karl-Heinz Klär

Bevollmächtigter des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund und für Europa