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Zeitung und Apokalypse

Betrachtungen zum Millenniumswechsel

Von Hermann Unterstöger

Indem wir jetzt - kalendarisch zwar etwas umstritten, aber jubeltechnisch allgemein akzeptiert - über kurz oder lang in ein neues Jahrtausend hinüberschreiten beziehungsweise hineintaumeln, empfiehlt es sich, die Frage nach der Zukunft der Zeitung im Licht apokalyptischer Vorgänge zu sehen und womöglich auch zu beantworten. Dazu muss vorher in zwei, drei Worten die Apokalypse auf ihren tieferen Sinn hin abgeklopft werden. Der aber liegt, nach unserem Verständnis wenigstens, nicht so sehr in dem Durcheinander, das dabei herrscht, sondern in der neuen Ordnung, die nach dem Tohuwabohu entsteht. Kurz und gut: Zuversicht ist unser Bier.

Worauf die sich gründet? Wenn man in der Offenbarung Johannis blättert, so liest man von einem neuen Jerusalem, mit 144 Ellen hohen Mauern, mit Gassen von Gold und mit Toren, deren jegliches eine Perle ist. Eine schöne Stadt, ohne Zweifel, und wer nur irgend einen Begriff von den Bedürfnissen hat, die in Städten mit goldenen Gassen und Perlentoren und 144 Ellen hohen Mauern herrschen, der wird zustimmen, wenn wir als These in den Raum stellen: Ohne Straßenreinigung? Geht vielleicht. Ohne Kneipen? Schwierig, doch immerhin möglich. Ohne Magistrat? Kann unter Umständen höchst wünschenswert sein. Aber dass die Leute dort ohne Zeitungen auskommen? Nie und nimmer!

Doch vom Seher Johannes nun wieder zurück in unsere Zeit und auf den Jahrtausendwechsel. Es muss erstens der Umkehrschluss erlaubt sein, dass das, was für die ferne Vision als gültig erkannt wird, auch jetzt schon zu gelten hat - in bescheideneren Dimensionen, zugegeben, aber immerhin. Wenn dem so ist, dann wäre zweitens erwiesen, dass ein Zukunftsentwurf, der auf Vernunft und Glanz gleichermaßen Anspruch erheben will, des Elements Zeitung überhaupt nicht entraten kann. Insofern hätten wir die Zeitung und ihre fraglos erfreuliche Perspektive auf eine beinahe theologische Weise abgesichert, und davor haben ja in aller Regel sogar Ungläubige einigen Respekt.

Es ist bei apokalyptischen Vorgängen alter Brauch, dass sie sich in Zeichen ankündigen, die dem Kenner sagen: Oha, aufgepasst! Die weiteren Schicksale des Zeitungswesens nach dem bevorstehenden Zeitenumbruch (Achtung, Insider, es heißt Zeiten- und nicht Seitenumbruch) lassen sich ebenfalls an dem einen oder anderen Omen ablesen. Um nur eines zu nennen, so wird fast jeder von uns sich noch daran erinnern, wie man uns als einen Hauptnutzen elektronischer Systeme das völlig papierlose Büro vorhersagte. Und was geschah? Die Papierflut ist überschwemmungsgleich angestiegen, ihr Pegel steht, vage geschätzt, zur Zeit an dem Punkt, daß ein heutiger Büromensch aufs Jahr gerechnet durch Kopieren und Ausdrucken eben so viel Papier verbraucht wie früher ein ganzes Übersee-Handelskontor.

Der Grund dafür ist schnell gefunden. Wir Menschen sind noch viel zu nahe am haptisch ausgerichteten, durch Anfassen lernenden, durch Greifen nach Be-greifen strebenden Urmenschen, als dass wir uns mit den zwar unendlichen, aber völlig unstofflichen Textmassen auf den Bildschirmen begnügen wollten. Da wir aber so beschaffen sind, führen wir die feinen, in sich durchaus löblichen Neuerungen immer wieder ad absurdum: In unserer Sehnsucht, uns der unerschöpflichen Dateien auf dem Umweg übers Papier zu bemächtigen, häufen wir Papierberge auf, die ihrerseits nie im Leben zu bewältigen sind. Es fehlt das Maß dessen, was wir gerade noch "schaffen".

Die - offen gestanden höchst erwünschte - Analogie stellt sich locker ein. Wir alle haben nach der obigen Theorie den Drang, die Fülle der aus audiovisuellen Quellen sprudelnden Informationen auszudrucken, um sie, wie der Student im "Faust" sagt, getrost nach Hause tragen zu können. Das geht freilich rein technisch nicht, und genau hier, wo Wunsch und Unmöglichkeit sich schmerzhaft reiben, blüht der Weizen der Zeitungen. Sie machen letztlich zwar nichts anderes, als auszudrucken, aber wie sie das machen, ist das Entscheidende: In der vertretbaren Auswahl, in der das Herz wie den Geist erfreuenden Mischung und, versteht sich, in genau der Menge, die dem Menschen zuträglich ist. Was diese Menge betrifft, so sollte man sich bei ihrer Definition nicht scheuen, auf Paul Fleming und sein Gedicht "Wie er wolle geküsset sein" zurückzugreifen. Darin findet sich eine zeitlos schöne Mengenlehre: "Nicht zu wenig, nicht zu viel, / Beides wird sonst Kinderspiel."

Ob es andere anthropologisch gefärbte Argumente dafür gibt, den Zeitungen gute Chancen einzuräumen, das müßte man die dafür zuständigen Gelehrten fragen. Die Vermutung, der Mensch hänge auch mit anderen Sinnen als nur seinem Greifvermögen an dem Produkt Zeitung, kommt indessen nicht von ungefähr, sondern läßt sich aus dem bekanntlich prallen Leben heraus belegen. Zu nennen wäre hier vor allem der Geruchssinn. Man muss nur einmal einen Habitué des Zeitunglesens dabei beobachten, wie er am Kiosk sein Blatt erwirbt, es nochmal faltet und wie er dann, während er über das für die Lektüre am besten geeignete Kaffeehaus nachdenkt, seine Nase in das längliche Gebilde versenkt. Nur elende Prosaiker werden den Anblick so deuten, dass da halt einer in Gedanken verloren ist und seine Nase an etwas Beliebigem wetzt.

Dem Kenner erschließt sich das Bild anders - und richtig: Unser Mann hat seinen Riechapparat entfaltet wie ein Astronaut sein Sonnensegel, und mit dem herben Aroma der Druckfarben nimmt er in einem beinahe osmotischen, jedenfalls irgendwie genialischen Vorgang den Inhalt des Blattes ahnend in sich auf. Er riecht den Mehrwertsteuer-Erhöhungs-Zweispalter auf Seite vier, er wittert den Konzert-Verriss im Feuilleton, und was die neuesten Tratschereien aus dem Hause Grimaldi betrifft, so hat er sie im Wind, ehe er nur einen Buchstaben davon zu Gesichte bekommen hat.

Man sollte mit Apokalyptischem prinzipiell vorsichtig oder jedenfalls respektvoll umgehen. Was jedoch die Zukunft der Zeitung angeht, so sagen wir es unverblümt: So lange es Leute gibt, die etwas in Händen halten und ihre Nasen in Druckerschwärze tauchen wollen, kannst du, Zeitenwende alias Millenniumswechsel, ruhig schon mal anrollen.

 

Hermann Unterstöger (56) schreibt seit 1978 für die "Süddeutsche Zeitung" in München. Er ist Redakteur im Ressort Innenpolitik und gehört zu den regelmäßigen Autoren der Glosse "Streiflicht" auf der Titelseite.

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Buntes Leben - oder: Wie Fräulein Fantini das Lesen lernte

Eine Zeitungsgeschichte für Kinder

Von Jutta Richter

"Lies nicht soviel", sagte meine Großmutter immer und blinzelte durch ihre dicken Brillengläser. "Lesen verdirbt die Augen."

Sie hat in ihrem ganzen Leben nicht mehr als sechs Bücher gelesen. Und ich ahnte schon als Kind, dass das nicht stimmen konnte, dass man vom Lesen schlechte Augen bekommt. Damals war ich sieben und ging in die erste Klasse. Ich ging sehr gern zur Schule. Unsere Lehrerin hieß Fraulein Fantini und roch nach Nelkenseife. Das fand ich so schön, dass ich immer ganz nah bei ihr sein wollte.

Fraulein Fantini war sehr besonders. Sie zeigte uns wie die Buchstaben aussahen und sie brachte manchmal ihren Teddybären mit zur Schule. Der hieß Otto und hatte nur noch ein Ohr und sein Fell war ganz abgeschabt. Und obwohl der Ottobär genauso alt war wie Fräulein Fantini, durfte er immer noch in Fräulein Fantinis Bett schlafen.

Kinder sagte Fräulein Fantini eines Morgens, Kinder, hab' ich euch eigentlich schon erzählt wie ich das Lesen gelernt habe? Es wurde mucksmäuschenstill im Klassenzimmer. Wir hielten alle den Atem an, denn wir wußten, dass jetzt eine Geschichte kommen würde, eine Fräulein-Fantinigeschichte und Fräulein-Fantinigeschichten waren das Allerbeste an der Schule.

Also, hört zu, sagte Fräulein Fantini: Als ich so alt war wie ihr, klappte jeden Morgen um fünf unser Gartentor zu. Dann bin ich wach geworden und mein Ottobär auch und wir beide wussten, dass jetzt eine Zeitung an der Türklinke klemmte. Eine Zeitung, die nach Druckerschwärze roch und nach Papier, eine Zeitung, aus der man Papierhüte falten konnte und Schiffchen. Eine ganz neue Zeitung voll mit Bildern und Buchstaben. Ein paar Buchstaben kannte ich schon, genauso wie ihr ein paar Buchstaben kennt. Aber der Ottobär sagte immer, dass er alle Buchstaben lesen könnte. Einfach alle. Und Zeitung sowieso. Ich glaubte das nicht, denn wenn ich ihn bat mir etwas vorzulesen, schüttelte er den Kopf und schwieg.

An dem Morgen aber, von dem ich erzählen will, wurde alles anders. Es war ein Samstag. Ich hatte das Gartentor zuklappen hören und war zur Haustür geschlichen, um die Zeitung hereinzuholen. Ich wollte einmal als erste die Bilder betrachten, und ich wollte ausprobieren, wieviel ich schon lesen konnte. Leise, ganz leise machte ich die Kinderzimmertür hinter mir zu. Papa und Mama schliefen noch. Ich setzte mich ins Bett und faltete die Zeitung auseinander. POLITIK stand über der ersten Seite. Ich konnte das lesen, aber ich verstand nicht, was das bedeutete. WIRTSCHAFT stand über der zweiten Seite. Das hörte sich auch nicht spannend an. Ich blätterte um. BUNTES LEBEN, na, bitte, das war doch schon besser. Mitten auf der Seite war ein großes Farbfoto. Ich stieß Otto an. "Mensch, guck mal, Otto!" Ich war ganz aufgeregt. Da saß nämlich ein Teddybär neben einem Kind und der Bär sah genauso aus wie Otto und das Kind sah genauso aus wie ich. Otto brummte vor sich hin. "Bin müde, will schlafen...", brummte er.

Ich hielt ihm die Zeitung vor die Nase. "Da! Guck doch! Das bist doch du!" "Tatsächlich", brummte Otto "Und daneben, das bist du!" Da saßen wir beide auf meinem Bett und saßen gleichzeitig mitten in der Zeitung, im BUNTEN LEBEN, der Otto und ich!

Und unter dem Bild stand etwas geschrieben "Lies vor!" sagte ich zu Otto. Otto brummte leise. "Ich, ähh, ich glaube da steht Otto Bär."

Aber das stand da nun ganz und gar nicht, soviel verstand ich von den Buchstaben. Und da merkte ich, dass Otto nicht lesen konnte. Nur ich allein konnte lesen. Jetzt und in Zukunft und Zeitung sowieso. Und ich strengte mich mächtig an und Otto war ganz verlegen und es klappte. Von einem Wort zum anderen wurde es leichter. Als wenn jemand in meinem Kopf einen Lichtschalter angemacht hätte. Einen Wörterlichtschalter. "Kind und Bär", las ich. "Nun ist es wieder soweit! Die Winterzeit steht vor der Tür. Draußen heult der Wind. Da tut es gut, wenn man im warmen Zimmer sitzt und mit seinem Teddybären kuschelt."

Und das hat ja auch gestimmt, sagte Fräulein Fantini. "Und wie ist dein Bild in die Zeitung gekommen?", fragte ich. Fräulein Fantini zuckte die Schultern. "Wer weiß?", antwortete sie. "Und wer weiß, ob nicht Morgen schon ein Bild von euch in der Zeitung ist, da müsst ihr nur nachgucken. Und ganz nebenbei", sagte sie, "ganz nebenbei lernt man so das Lesen!" Und da hat sogar der Ottobär genickt.

 

Jutta Richter, geboren 1955, lebt seit 1978 als freiberufliche Autorin auf Schloss Westerwinkel im Münsterland. Jutta Richter ist für ihre Kinderbücher vielfach ausgezeichnet worden. Zuletzt veröffentlichte sie im Hanser-Verlag in München "Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil" und "Es lebte ein Kind auf den Bäumen" (Illustrationen von Katrin Engelking, mit Noten von Konstantin Wecker).

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Ein wunderbarer Beruf

Theodor-Wolff-Preise werden in Leipzig verliehen

Von Hans-Joachim Fuhrmann

 

Journalisten haben einen wunderbaren, beneidenswerten Beruf. Sie sind immer dabei, gehören aber niemals dazu. Sie sind von Berufs wegen Beobachter und gehen einer Arbeit nach, bei der man vielen Menschen begegnet, bedeutenden und durchschnittlichen, Schurken und Helden mit all ihren Sorgen und Faszinationen. Es ist ein Job, bei dem man nie aufhört zu lernen, und das macht ihn so reich. So schilderte Thomas Löffelholz seinen Berufsstand. Der Mann muss es wissen. Mehr als vier Jahrzehnte war er Zeitungsjournalist, davon viele Jahre in der ersten Liga als Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung" und der Zeitung "Die Welt". Im vergangenen Jahr wurde er für sein Lebenswerk mit dem "Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis" ausgezeichnet.

Es ist der renommierteste Journalistenpreis hier zu Lande, den der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) in jedem Jahr vergibt. Und die Liste jener, die ihn bekommen haben, liest sich wie ein "Who Is Who" der Medienszene. Viele haben Karriere gemacht als Chefredakteure und deren Stellvertreter, manche sind mittlerweile sogar Fernsehstars, andere Herausgeber, Verleger und Intendanten. Ausgezeichnet wurden sie alle für herausragende Zeitungsgeschichten: vorbildlich in Sprache, Stil und Form, auf eingehender Recherche und Analyse gründend, Zeugnis einer demokratischen und gesellschaftspolitischen Verantwortung. Genau das sind die Maßstäbe, die Theodor Wolff gesetzt hat, nach dem der Preis benannt ist. Doch wer war dieser Mann eigentlich?

Er galt als brillanter Formulierer und genialer Chefredakteur. Manche verglichen ihn mit einem Dirigenten, der seine Redaktion wie ein Orchester leitete. Theodor Wolff, über viele Jahre an der Redaktionsspitze des international renommierten "Berliner Tageblatts". Geboren 1868 in Berlin als Sohn einer jüdischen Textilkaufmannsfamilie, begann er nach einem kurzen, lediglich mit der mittleren Reife beendeten Besuch des Gymnasiums zunächst eine kaufmännische Lehre beim "Tageblatt". "Ich hatte mit der deutschen Sprache bei den Magistern kein Glück", schrieb Wolff später über seine vermeintliche Schulkarriere. Bald schon lieferte der angehende Verlagskaufmann, der ohnehin Journalist werden wollte, Reiseberichte und schrieb über Literatur und Theater. 1894 ging er als Korrespondent nach Paris. Seine ausführlichen, atmosphärisch dichten und präzisen Berichte über politische und gesellschaftliche Entwicklungen im Nachbarland steigerten die Auflage und auch sein persönliches Ansehen. 1906 kehrte er nach Berlin zurück, übernahm die Chefredaktion und entwickelte das "Tageblatt" zur wichtigsten liberalen Stimme in Deutschland. Für die Redaktion gewann er die besten Köpfe seiner Zeit. Jenen Individualisten, versponnenen Künstlernaturen und genialen Sprachartisten gab er den nötigen Freiraum. Im "Tageblatt" schrieben Leute wie Alfred Kerr, Joseph Roth und Kurt Tucholsky.

Wolffs eigener Stil zu schreiben war geprägt durch seine freiheitlichen Ansichten. Er dachte und schrieb politisch, doch nie eng parteipolitisch. Geradezu besessen war er in seinem Anspruch nach Genauigkeit und Wahrhaftigkeit in der Darstellung und Argumentation. Und er wusste um die Grenzen seiner Arbeit: "So schwebt über jeder Wahrheit noch ein letztes vielleicht."

In der Endphase der Weimarer Republik sah er die Nationalsozialisten als größte Gefahr für die Demokratie. Seine letzten Leitartikel beschworen noch einmal die freiheitlich-politischen Ideale. Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 musste Wolff aus Berlin fliehen. Seine Bücher und Texte wurden zwei Wochen später öffentlich verbrannt. Nach kurzen Stationen in Österreich und der Schweiz, wo ihm der erhoffte Schutz verweigert wurde, fand er endlich in Nizza einen Zufluchtsort. Jäh endete das Exil, als er am 23. Mai 1943 verhaftet und der Gestapo ausgeliefert wurde. Regelrecht in den Tod getrieben, starb Theodor Wolff am 23. September des Jahres im jüdischen Krankenhaus in Berlin.

Der Theodor-Wolff-Preis wird in diesem Jahr in Leipzig verliehen. Neun herausragende Journalisten werden dann in jener Stadt geehrt, wo vor zehn Jahren eine friedliche Revolution ihren Anfang nahm. Sie führte bald zum Zusammenbruch eines Regimes, unter dem das freie Wort keine Chance hatte. Der Festakt findet am 16. September 1999 im neuen Verlagsgebäude der "Leipziger Volkszeitung" statt.

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Zeitungen in Zahlen und Daten 1999

Von Anja Pasquay

1. Deutschland ist ein Zeitungsland. Täglich erscheinen hier 355 Tageszeitungen mit 1.576 lokalen Ausgaben in einer Gesamtauflage von 25 Millionen Exemplaren. Daneben kommen 25 Wochenzeitungen mit zwei Millionen Exemplaren und acht Sonntagszeitungen mit einer Auflage von 4,4 Millionen heraus. Das bedeutet: Auf je 1.000 Einwohner kommen in Deutschland 303 Zeitungsexemplare. Und unsere Zeitungen werden gelesen: Durchschnittlich 40 Minuten wenden die Bundesbürger täglich für ihre Lektüre auf.

2. Die lokalen und regionalen Abonnementzeitungen in Deutschland haben treue Leser. Rund 16 Millionen Exemplare werden täglich im Abonnement zugestellt, das heißt, durch Zeitungszusteller oder per Post bis an die Haustür gebracht. Weitere 1,3 Millionen Exemplare werden pro Tag am Kiosk oder im Laden verkauft. Die überregionalen Zeitungen verkaufen gut eine Million Zeitungen täglich im Abonnement und weitere 388.000 Exemplare im Einzelverkauf. Bei den Kaufzeitungen dagegen wird der Umsatz mit 5,9 Millionen Exemplaren täglich am Kiosk gemacht, immerhin 108.000 Exemplare werden aber auch Tag für Tag an Abonnenten zugestellt.

3. Vier Fünftel der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre (78 Prozent) lesen regelmäßig eine Tageszeitung. Das sind etwa 50 Millionen Männer und Frauen. Bei den lokalen und regionalen Abonnementzeitungen liegen die Leserinnen (68,8 Prozent) sogar ganz leicht vor den Lesern (68,1 Prozent). Dagegen werden Kaufzeitungen und überregionale Abonnementzeitungen stärker von Männern (26 Prozent beziehungsweise 7,6 Prozent) als von Frauen (17,2 Prozent beziehungsweise 4,9 Prozent) genutzt.

4. Nach Altersgruppen betrachtet, erreichen die Tageszeitungen ihre höchste Reichweite traditionell bei den 40- bis 69-jährigen Lesern, nämlich zwischen 83 und 86 Prozent. Auch von den über 70-jährigen greifen fast 84 Prozent regelmäßig zur Tageszeitung; und bei den 30- bis 39-jährigen sind es knapp 76 Prozent. Zwar wird von den jüngeren Altersgruppen im Vergleich weniger und weniger regelmäßig Zeitung gelesen, doch liegen auch hier die Reichweiten auf einem hohen Niveau. Von den 20- bis 29-jährigen werden 66,6 Prozent durch die Zeitung erreicht; bei den 14- bis 19-jährigen sind es immerhin 55,5 Prozent.

5. Die Netto-Werbeeinnahmen der Tages- und Wochenzeitungen lagen 1998 bei 11,5 Milliarden Mark. In weitem Abstand folgten das Fernsehen (7,9 Milliarden), Werbung per Post (6,8 Milliarden), Publikumszeitschriften (3,7 Milliarden) und Anzeigenblätter (3,4 Milliarden). Damit sind die Tageszeitungen unangefochten der Werbeträger Nummer Eins. Ihr Anteil am Werbemarkt allerdings geht seit Jahren zurück. 1998 betrug er 28 Prozent, 1988 hatte er noch 38 Prozent betragen. Das Fernsehen machte im selben Zeitraum einen Sprung von neun Prozent auf 19 Prozent Marktanteil.

6. Die lokalen Nachrichten interessieren die Leser in ihrer Zeitung ganz besonders, 85 Prozent lesen sie "im allgemeinen immer". Auf den nächsten Plätzen in der Beliebtheitsskala folgen politische Meldungen und Berichte aus Deutschland (68 Prozent) und dem Ausland (53 Prozent) sowie die Anzeigen (49 Prozent). Besonders wichtig finden die Leser ferner Leitartikel, Tatsachenberichte aus dem Alltag, und Sportnachrichten. Nur ein Drittel widmet sich dagegen regelmäßig der Kultur (34 Prozent), 29 Prozent lesen regelmäßig Nachrichten aus Technik und Wissenschaft, und gerade einmal acht Prozent legen Wert auf den Fortsetzungsroman.

7. Anzeigen in der Tageszeitung sind gewünschter Lesestoff. Nach dem Lokalteil und der Politik nehmen Anzeigen in der Lesergunst den dritten Platz ein. Obendrein gelten Zeitungsanzeigen als besonders glaubwürdig: Während zum Beispiel 53 Prozent der Befragten auf Werbung im privaten Fernsehen gut verzichten könnten, legen 82 Prozent der Leser Wert auf Information durch Anzeigen in der Tageszeitung. Dabei profitieren die Anzeigen gewiß auch von der Glaubwürdigkeit des redaktionellen Teils in den Tageszeitungen.

8. Die lokalen und regionalen Abonnementzeitungen genießen bei ihren Lesern eine besonders hohe Glaubwürdigkeit. Einer forsa-Umfrage zufolge hielten 41 Prozent der Befragten die Tageszeitung für das glaubwürdigste Medium. Dagegen erzielte das öffentlich-rechtliche Fernsehen nur einen Wert von 31 Prozent, weit abgeschlagen folgten der öffentlich-rechtliche Hörfunk (11 Prozent) und das private Fernsehen (7 Prozent). Die Schlusslichter bildeten der private Hörfunk (2 Prozent) und Internet und Online-Dienste (1 Prozent). Immerhin 6 Prozent der Befragten wollten sich für keines der genannten Medien als das glaubwürdigste entscheiden.

9. In der Europäischen Union erscheinen täglich rund 1.145 Zeitungen mit einer Gesamtauflage von knapp 81 Millionen Exemplaren. Die Bundesrepublik Deutschland bietet mit 355 Tageszeitungen (davon 135 Zeitungen mit Vollredaktion, die 1.576 lokale Ausgaben herausgeben) das vielfältigste Angebot. An zweiter Stelle steht Spanien mit 130 Zeitungen. Es folgen: Schweden (100), Großbritannien (99), Italien (92), Frankreich (85), Dänemark (37) und Niederlande (35), Portugal (29), Griechenland (28), Österreich (17). Irland (6) und Luxemburg (5) bilden die Schlußlichter.

10. Bei rund 380 Millionen West-Europäern kommen im Durchschnitt auf 1.000 Einwohner 228 Zeitungsexemplare. Diese vergleichsweise geringe Zeitungsdichte ist vor allem auf die eher unterentwickelte Lesekultur bei den südlichen Mitgliedstaaten der Europäischen Union zurückzuführen. So kommen in Portugal lediglich 72 Exemplare auf 1.000 Einwohner, in Italien sind es 104 Zeitungsexemplare; die höchsten Auflagen per 1.000 Einwohner weisen Norwegen (588), Finnland (455) und Schweden (430) auf. Im guten Mittelfeld liegen die Schweiz (377), Deutschland (303) und die Niederlande (290).

11. Nach Auflage stellen die deutschen Tageszeitungen mit knapp 25 Millionen Exemplaren den mit Abstand größten Tageszeitungsmarkt in West-Europa, gefolgt von Großbritannien mit einer Auflage von 18,7 Millionen Zeitungen täglich. Sogenannte "Mittelmärkte" sind bei den Tageszeitungen Frankreich (8,5 Millionen Exemplare), Italien (6 Millionen) und die Niederlande (4,5 Millionen). Bei den übrigen nationalen Zeitungsmärkten handelt es sich um "Kleinmärkte" mit Zeitungsauflagen von 124.000 Exemplaren wie in Luxemburg bis zu 1,6 Millionen Exemplaren in Belgien. Weltweit stellen die Japaner den größten Zeitungsmarkt mit 72,4 Millionen verkauften Exemplaren täglich. Platz zwei belegen die USA mit knapp 56,2 Millionen Exemplaren. Deutschland steht - nach China und Indien - an fünfter Position.

12. In Westeuropa existieren bei der Zeitungsreichweite deutliche Unterschiede. Die eifrigsten Zeitungsleser wohnen im Norden der Gemeinschaft. In Deutschland greifen 78 Prozent der über 14-jährigen regelmäßig zur Zeitung. Dabei werden sie noch übertroffen von den Schweden (89 Prozent), Finnen (85 Prozent), Schweizern (83 Prozent) und Norwegern (81 Prozent). Vergleichsweise wenig regelmäßige Zeitungsnutzer über 14 Jahre gibt es dagegen in Frankreich (50 Prozent), Spanien (37 Prozent), Italien (40 Prozent) und Griechenland (18 Prozent).

13. In Deutschland besteht eine erhebliche Nachfrage nach internationaler Tagespresse. Etwa 125 fremdsprachige Titel werden täglich angeboten. Besonders groß ist der Markt für türkische Tageszeitungen, allein "Hürriyet" hat eine Auflage von mehr als 63.000 Exemplaren. Den Löwenanteil machen jedoch englischsprachige Titel aus den USA und dem Vereinigten Königreich aus.

14. Wer seine Tageszeitung nicht abonnieren möchte, kann sie auch an einer der fast 110.000 Verkaufsstellen des Einzelhandels in Deutschland erwerben. Das bedeutet eine "Händlerdichte" von 1,34 Einzelhändlern pro 1.000 Einwohner. An rund 5.000 Absatzstellen wird zusätzlich internationale Tagespresse angeboten; dabei setzen Bahnhöfe und Flughäfen mit ihren rund 500 Verkaufsstellen weit über die Hälfte der internationalen Presse ab.

 

Bei Fragen:

BDZV

Abteilung Kommunikation + Multimedia

Tel: 0228/81004-23

oder

pasquay(at)bdzv.de

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