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Zeitungskongreß '98: Qualitätsoffensiven in neuen Märkten

Clement: Zeitungszustellung darf nicht verschlechtert werden / Sandmann: "Verbotsstrategie der EU"

Die wichtigste aktuelle Botschaft brachte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement mit zum Zeitungskongreß '98: Er wolle sich mit allen Kräften dafür einsetzen, daß die Zeitungsverlage im Bereich der Zustellung nicht stärker belastet würden, sagte er vor 450 Verlegern, Chefredakteuren und Medienexperten am 19. Oktober in Bonn. BDZV-Präsident Wilhelm Sandmann sagte der künftigen Bundesregierung "kritische Loyalität" zu. Hart ins Gericht ging Sandmann mit der EU-Politik: Werbeverbote seien "ein Angriff auf die Mündigkeit der Bürger". Der Verleger der in Regensburg erscheinenden "Mittelbayerischen Zeitung", Peter Esser, beschrieb in einer umfassenden perspektivischen Vorausschau die zur Jahrtausendwende anstehenden Veränderungen in den Verlagsunternehmen und deren Produkten. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen warnte er davor, das Verteilen von Zeitungen zum Nulltarif zum künftigen Geschäftsmodell der Branche zu machen. Qualität und Glaubwürdigkeit der Zeitung seien mit dem Verkauf der Blätter untrennbar verbunden.

In drei Arbeitskreisen setzten sich die Kongreßteilnehmer mit neuen Herausforderungen im Print-Markt, mit dem Online-Engagement der Zeitungshäuser sowie der Problematik des Urheberrechts in den neuen Medien auseinander.

Für sein klares Bekenntnis zur Position des BDZV in der Frage der 620-Mark-Jobs erntete der nordrhein-westfälische Ministerpräsident den Beifall der Zeitungsverleger. Er werde alles tun, daß die Praxis der 620-Mark-Tätigkeiten bei der Zeitungszustellung nicht verschlechtert werde, sagte Clement beim Festabend auf dem Petersberg, zu dem die Verlage "Bonner General-Anzeiger", "Kölner Stadt-Anzeiger"/ "Express", "Kölnische Rundschau" und "Rheinischer Merkur" eingeladen hatten. Ähnlich wie Clement hatte sich bereits vor einem Jahr beim Zeitungskongreß in Goslar der niedersächsische Ministerpräsident und designierte Bundeskanzler Gerhard Schröder geäußert. Auf dem Petersberg war von allen Seiten zu hören, daß die SPD und damit auch die neue Regierungskoalition bei der Zeitungsbranche im Wort stehe. Leider konnte Gerhard Schröder wegen der laufenden Koalitionsverhandlungen nicht am Kongreß teilnehmen.

Der neuen Bundesregierung unter dem SPD-Bundeskanzler sicherte BDZV-Präsident Wilhelm Sandmann die "kritische Loyalität" der Zeitungsverleger zu. Gleichzeitig warnte er davor, die 620-Mark-Beschäftigungsverhältnisse in die Sozialversicherungspflicht einzubeziehen. Damit kämen Belastungen in Millionenhöhe auf die Verlagsbranche zu. Im Bereich der Zeitungszustellung seien die Verlage auf diese Tätigkeiten angewiesen.

Der BDZV-Präsident machte deutlich, daß Zeitungen keine beliebige Ware, sondern für die Information und Orientierung der Bürger unverzichtbar seien und damit eine existentielle gesellschaftspolitische Rolle spielten. Die Politik müsse die Rahmenbedingungen sichern, daß alle Bürger zu akzeptablen Konditionen regelmäßig mit der Zeitung beliefert werden könnten. In diesem Zusammenhang mahnte Sandmann die langfristige Sicherung des Postzeitungsdienstes an.

Der Präsident hob hervor, daß die Zeitungsverleger den grundlegenden Festlegungen und Forderungen, die in den Leitlinien der SPD zur Medienpolitik dargelegt sind, "im wesentlichen zustimmen" könnten. Zugleich wies der BDZV-Präsident allerdings auch auf "bedenkliche Tendenzen" hin. So räume die SPD dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch immer eine viel zu weitgehende Sonderstellung ein.

Enteignung der Verlage

Sandmann warnte auch vor zunehmenden Eingriffen der Europäischen Union (EU) in die Belange der Presse. Das verabschiedete Tabakwerbeverbot sei kein einmaliger Ausrutscher der EU-Kommission und des Europäischen Parlaments gewesen. Dahinter stehe vielmehr eine "Verbotsstrategie". Über neue Werbeverbote und -restriktionen für weitere Produkte wie Autos, alkoholische Getränke, Medikamente werde in Brüssel und Straßburg längst nachgedacht. Sandmann bekräftigte die Grundsatzposition der Zeitungsverleger, daß legal hergestellte Produkte auch uneingeschränkt beworben werden dürfen. Die Politik der EU bezeichnete er als "Angriff auf die Mündigkeit der Bürger". Er begrüßte die von Bundeskanzler Helmut Kohl erhobene Klage gegen das Werbeverbot vor dem Europäischen Gerichtshof.

Sandmann wandte sich auch gegen Bestrebungen der EU und des nationalen Gesetzgebers, das Urheberrecht zu Lasten der Presse zu ändern. Wer die Verlage zwingen wolle, die Inhalte der gedruckten Zeitung ohne Einschränkung der Allgemeinheit zu überlassen, enteigne die Verlage. Die Zeitungshäuser müßten eigenverantwortlich darüber entscheiden können, wo und zu welchen Bedingungen die eigenen Zeitungsinhalte erscheinen.

Esser: Wandel von Produkten und Verlagsunternehmen

Gleichsam als Einstimmung auf die Fachdiskussionen in drei Arbeitskreisen setzte sich der Verleger der in Regensburg erscheinenden "Mittelbayerischen Zeitung", Peter Esser, mit gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen der Zeitungsverlage auseinander. Dabei machte er deutlich, daß sich die Arbeits- und Organisationsstrukturen stark wandeln würden. Die Verlage entwickeln sich zu kleinen Nachrichtenagenturen, die den jeweiligen Medienabteilungen der Verlage zulieferten. Esser: "Es entsteht eine elektronische Pinwand, an der Inhalte, Texte, Grafiken und Bilder hängen und die je nach den Bedürfnissen der als Vehikel tätigen Medien abgenommen werden und unterschiedlich verwendet und komponiert werden. Hier für die Tageszeitung, dort für das Sonntagsmagazin oder die Samstagausgabe, bearbeitet durch Online-Mitarbeiter für das Internet oder für eine CD-Rom."

Kritisch setzte sich Esser mit dem aus Schweden unter anderem nach Deutschland überschwappenden Zeitungsunternehmen "Metro" sowie der in Freiburg unter Mitwirkung des Verlages Gruner + Jahr erscheinenden kostenlosen "Zeitung zum Sonntag" auseinander. Er warnte vor dem Verschenken von wertvollen redaktionellen Inhalten. Die Vertriebserlöse seien Garanten einer besonderen Stärke der Zeitungen, nämlich der Glaubwürdigkeit der Informationen. Esser: "Wenn wir beginnen, wie 'Metro' unsere Zeitung kostenlos zu verteilen, wird man uns mit anderen Medien vergleichen, die ausschließlich um die Gunst der Werbungtreibenden kämpfen." Langfristig würden die Zeitungen den Kürzeren ziehen, wenn sich alles nur noch um Reichweiten, Zielgruppen und Preis-Leistungs-Verhältnisse drehe. Spätestens dann säße das Qualitätsmedium Zeitung in einem Boot mit TV, Radio und Online-Diensten. Deshalb sollten sich die Zeitungsverleger darauf verständigen, "gemeinsam einen Weg zu gehen - einen Kodex zu vereinbaren - der uns untersagt, unsere Produkte selbst zu verwertlosen".

Zu den expansiven Zeitungsobjekten von Stadtdirektoren und Bürgermeistern merkte der Regensburger Verleger an, daß dadurch nicht nur die wirtschaftliche Grundlage der Zeitung am Ort getroffen würde; die Stadtzeitungen beschädigten sich letztlich selbst. Denn im Markt könnten nur Zeitungen bestehen, bei denen der Leser das Gefühl habe, ernst genommen zu werden. Vor diesem Hintergrund sollten Zeitungen auch weiterhin von Journalisten und Verlegern gemacht werden und eben nicht von Verwaltungsbeamten und Bürgermeistern. Ebenso wie der Vizepräsident des BDZV und Vorsitzende der Arbeitsgruppe Elektronisch Publizieren/Multimedia, Dr. Richard Rebmann, kritisierte auch Esser das wettbewerbsverzerrende Engagement von Städten, Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern in den neuen Medien. Es könne nicht Aufgabe von öffentlichen und halböffentlichen Institutionen sein, Online-Dienste ins Leben zu rufen und diese durch Steuermittel, Rundfunkgebühren oder Fremdwerbung zu finanzieren. Rebmann, Esser und auch BDZV-Präsident Wilhelm Sandmann begrüßten in ihren Ausführungen die Position der Ministerpräsidenten der Länder, im neuen Rundfunkstaatsvertrag die Online-Auftritte der öffentlich-rechtlichen Sender auf programmbegleitende Inhalte zu beschränken und von Werbung und Sponsoring freizuhalten.

Debatten in drei Arbeitskreisen

In drei Arbeitskreisen setzten sich die Teilnehmer des Zeitungskongresses mit den neuen Herausforderungen im Print-Markt, der Entwicklung von "Online" sowie mit der Anwendung des Urheberrechts in den neuen Medien auseinander. Wie soll die Zeitungsbranche reagieren, wenn gut gemachte Zeitungen einfach verschenkt werden? Was tun, wenn an U-Bahn-Stationen kostenlos Lokalzeitungen verteilt werden? Wie reagieren, wenn sich immer mehr Bürgermeister und Stadtdirektoren als Zeitungsverleger gebärden? Diese Fragen standen im Zentrum des Arbeitskreises "Von neuen Ideen, Wettbewerbern und Märkten". Am Podium: Karl Baedeker, Geschäftsführer der Verlagsgesellschaft Madsack; Anders Dahl, Marketingleiter des Göteborgs Posten; Dr. Bernd Kundrun, Vorstand Zeitungen der Gruner + Jahr AG; Claus Larass, Vorstand Zeitungen der Axel Springer Verlag AG; Dr. Ewald Müller, Pressesprecher des Deutschen Städtetags; Christian Nienhaus, Geschäftsführer des Badischen Verlags; und Dr. Günther Semmerow, Hauptgeschäftsführer der "Lübecker Nachrichten". Der Vorsitzende des Arbeitskreises und Moderator Clemens Bauer, Sprecher der Geschäftsführung "Rheinische Post", Düsseldorf, stellte im Plenum die Ergebnisse der Podiumsrunde vor:

Der Sprecher des Deutschen Städtetages, Ewald Müller, habe im Zusammenhang mit der "Lübecker Stadtzeitung" von einer "auswüchsigen Publizistik" gesprochen, die allerdings eine Ausnahme darstelle. Als mögliche Maßnahmen der Verlage gegenüber den Zeitungen von Städten und Gemeinden unter anderem diskutiert worden sei, die kommunalpolitische Berichterstattung auszuweiten und zu verbessern. Im Werbemarkt sollte das Anzeigengeschäft noch offensiver betrieben werden. "Da wird Hofberichterstattung über Anzeigen finanziert", kritisierte Clemens Bauer das Zeitungsengagement von Städten und Gemeinden.

Beim Thema "Metro-Zeitung" kristallisierte sich aus der Diskussion heraus, daß die betroffenen Zeitungsverlage den Dialog mit Verantwortlichen der Stadt beziehungsweise der Verkehrsbetriebe suchen sollten, um auf die Gefahren der kostenlos verteilten U- beziehungsweise S-Bahn-Zeitung aufmerksam zu machen: Die angestammte Lokalzeitung würde geschädigt; und damit einher ginge letztlich auch der Verlust von Arbeitsplätzen. Außerdem würde das publizistische Angebot in der jeweiligen Stadt stark absinken. Ob gegen Projekte wie "Metro" erfolgreiche rechtliche Schritte unternommen werden können, ist unsicher. Deshalb - so die Meinung am Podium - sollten sich die Verlage mit Marktstrategien zur Wehr setzen. Ein Fazit: Wer sich von "Metro" bedroht fühlt, sollte es selber machen.

Bei der Diskussion über die kostenlose Verteilung von Sonntagszeitungen nach dem Beispiel der in Freiburg erscheinenden "Zeitung zum Sonntag" gingen die Meinungen am Podium stark auseinander. Das kooptierte BDZV-Präsidiumsmitglied und Vorstand Zeitungen der Axel Springer Verlag AG, Claus Larass, hob hervor, daß diese Art der Konkurrenz durch Gratisblätter eindeutig unlauterer Wettbewerb sei. Dem hielt Gruner + Jahr-Zeitungsvorstand Bernd Kundrun entgegen, es handele sich um eine "Innovation", die dazu beigetragen habe, daß der Werbemarkt für Sonntagszeitungen in Freiburg gewachsen sei. Den Vorwurf, in der Zeitungsbranche habe es in den vergangenen Jahren kaum Innovationen gegeben, wies Larass zurück. "Wer die Entwicklung der regionalen und lokalen Zeitungen verfolgt, der weiß, wieviel sich da im Redaktionellen wie im Optischen getan hat". Innovationen bedeuteten in der Zeitungsbranche nicht nur neue Produkte, sondern vor allem die ständige Fortentwicklung der bestehenden Zeitungen. Moderator Clemens Bauer sprach von einer notwendigen "Qualitätsoffensive" der etablierten Zeitungen als der besten Form der Abwehr.

"Online" - Zukunftsmarkt oder Dollar-Grab?

Ausgangspunkt für die Debatte im Arbeitskreis "Online" - Zukunftsmarkt oder Dollar-Grab?" waren folgende Fragen: Hat sich aus dem Experimentierfeld "Online" mittlerweile ein Markt entwickelt? Wo sind die Erlösquellen? Was wollen die "User"? Welchen Stellenwert haben strategische Allianzen? Am Podium: Stefan Schuster, Kabel NewMedia, Hamburg; Dr. Richard Rebmann, Vizepräsident des BDZV sowie Verleger und Geschäftsführer der Schwarzwälder Bote GmbH & Co. KG, Oberndorf; Harald Riske, Prokurist "General-Anzeiger" Bonn, Leiter Online-Service. Richard Rebmann faßte die Kernaussagen der Diskussion in drei Thesen zusammen:

1. Alle Zeitungen müssen sich online engagieren. Nach Meinung der Experten ist es für die deutschen Zeitungsverlage keine Frage mehr, "ob", sondern "wie" sich Zeitungsverlage im Online-Markt engagieren. Die neuen Darstellungs- und Transaktionsmöglichkeiten im Internet führen zu einer neuen Rollenverteilung zwischen gedruckter Zeitung und Online-Angeboten im regionalen und lokalen Markt. Einzelne Marktsegmente, wie etwa der Bereich der Rubrikanzeigen, werden künftig nicht mehr nur in der gedruckten Zeitung, sondern in zunehmendem Maße auch im Internet zu finden sein. Um zu verhindern, daß die Zeitungsverlage in immer geringerem Umfang in diesen Märkten vertreten sind, müssen sich die Verlage selbst an den elektronischen Substituten beteiligen. Damit entsteht für die Zeitungen die Chance, sich verstärkt in Geschäftsfeldern zu engagieren, die bisher nur mittelbar vertreten waren. Beispielsweise kann ausgehend vom Kartenvorverkauf für kulturelle Veranstaltungen eine Online-Informations- und Buchungsplattform aufgebaut werden, in die sich weitere Elemente des elektronischen Handels integrieren lassen. Die Diversifikation der Verlage in Nebenmärkte ist vor allem deshalb ratsam, weil parallel dazu branchenfremde Anbieter in den Medienmarkt dringen, wie zum Beispiel Städte, Industrie- und Handelskammern, Banken, indem aus den Informationsangeboten eigene Informationsplattformen werden, die ebenfalls einen lokalen oder regionalen Schwerpunkt aufweisen. Wenn Zeitungsverlage sich nicht ebenfalls im Online-Markt engagieren, verlieren sie mittelfristig an Markteinfluß und müssen zu einem späteren Zeitpunkt sehr viel Aufwand betreiben, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Für die Verlage ist es daher entscheidend, an den neuen Formen der Kommunikation beteiligt zu sein.

2. Die Zeit der Experimente geht zu Ende. Art und Umfang des Internet-Engagements der Zeitungsverlage werden nicht nur durch die Größe des Hauses, sondern auch durch die Entwicklung des Marktes bestimmt. Während in der Anfangsphase des Internets zahlreiche Experimente möglich und notwendig waren, führt die Weiterentwicklung des Marktes zu einer Situation, in der neue Internet-Angebote stets den Vergleich zu ähnlichen Informationsangeboten bestehen müssen. Der Online-Nutzer erwartet keinen elektronischen Versand der gedruckten Zeitung, sondern ein mediengerecht aufbereitetes Informations- und Serviceangebot. Neben der redaktionellen Kompetenz der Zeitungsverlage, die eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Angebote ist, spielen Online-Dienstleistungen eine immer wichtigere Rolle. Wenn neue Angebote künftig als Testauftritte konzipiert werden, besteht auch im Online-Markt die Gefahr, daß verlorene Kunden, die mit unvollständigen Testangeboten konfrontiert werden, zu einem späteren Zeitpunkt mit großem Aufwand zurückgewonnen werden müssen.

3. Strategen setzen auf Kooperation. Das derzeit noch eher ungünstige Verhältnis zwischen Kosten und Erlösen im Online-Markt sowie die komplexen Produktionsabläufe mit unterschiedlichsten Kompetenzbereichen (Technik, Redaktion, Gestaltung, Marketing) erfordern neue Formen der Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb der Verlagshäuser. Ohne externe Kooperationen zwischen einzelnen Verlagen und mit externen Partnern können Zeitungsverlage nur einen Bruchteil ihrer Marktchancen im Online-Bereich umsetzen. Branchenintern kooperieren die Zeitungsverlage bereits erfolgreich in den Bereichen Technik (etwa gemeinsames Access-Providing), durch gemeinsame redaktionelle Umfelder (zum Beispiel bei Erstellung eines Online-"Mantels" mit überregionalen Nachrichten), im Rubrikanzeigengeschäft (etwa mit gemeinsamen Anzeigendatenbanken) und in der Werbevermarktung. Bei der Zusammenarbeit mit branchenfremden Anbietern hat es sich in vielen Fällen bewährt, im Verhältnis zu Kommunen, Banken und Vereinen auf Kooperation statt Konfrontation zu setzen, da es zu sehr guten Service-Produkten führen kann, wenn sich die Partner auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und diese auf einer gemeinsamen Plattform kombinieren.

Urheberrechte - wertlos in den neuen Medien?

Diese Frage stand im Mittelpunkt des dritten Arbeitskreises. Am Podium Siegmar Mosdorf, Mitglied des Bundestages und Vorsitzender der Enquete-Kommission "Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft - Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft", Bonn; Michael Niebel, Deputy Chef de Cabinet von Dr. Martin Bangemann sowie Mitglied der Europäischen Kommission, verantwortlich insbesondere für Information- und Telekommunikationstechnik, Brüssel; Christian Schuster, Leiter Information und Service im Verband der Chemischen Industrie, Frankfurt/Main; Georg Wallraf, Justitiar der Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH, Düsseldorf. Diskutiert wurde unter anderem, wie sich die Verlage zur Wehr setzen können, wenn es mittels digitaler Informationstechnik heute problemlos für dritte möglich ist, Zeitungsartikel zu scannen und zu "elektronischen Pressespiegeln" zu verarbeiten oder sogar mit den digitalisierten Zeitungsbeiträgen ein neues Online-Angebot bereitzustellen. Dazu kommt die Auffassung von Wirtschaft und auch Politik, rechtliche Grundlagen für solche Praktiken zu schaffen. Der Münchner Rechtsanwalt und medienpolitische Berater des BDZV, Dr. Michael Rath-Glawatz, hob in seinem Abschlußbericht folgende Ergebnisse der Arbeitsgruppe hervor:

1. Niemand aus dem Teilnehmerkreis der Arbeitsgruppe 3 - weder die Referenten auf dem Podium noch die Diskutanten aus dem Auditorium - hat sich dafür ausgesprochen, hinsichtlich der Herausgabe von elektronischen Pressespiegeln die bisherigen Grundsätze des Urheberrechts außer Kraft zu setzen. Es wurde vielmehr betont, daß die Übernahme von Veröffentlichungen aus Tageszeitungen in Online-Pressespiegeln ebenfalls der Genehmigung der Verlage bedarf. 2. Der Bundestagsabgeordnete Mosdorf (SPD) hat in der Diskussion erklärt, daß anderslautende Überlegungen, die in der abgelaufenen Legislaturperiode aus dem Bundesjustizministerium bekannt geworden sind, "so nicht Gesetz werden dürfen". Man habe dort "zu sehr die technische Seite im Blick gehabt". Entscheidend sei, daß es um die Sicherung der Inhalte gehe.

3. Aus der Sicht der Europäischen Union bekräftigte Michael Niebel, daß selbstverständlich etwas, daß offline urheberrechtlich unzulässig sei, nicht plötzlich online zulässig werden könne. Unter dieser Prämisse seien die Überlegungen der EU zur Urheberrichtlinie und den dort niedergelegten Regelungen für Pressespiegel zu verstehen.

4. Aus dem Arbeitskreis wurde der Appell an die Verlage gerichtet, nicht allein auf den eigenen Rechtspositionen zu verharren, sondern an der Entwicklung eines Kopierschutzes für online-Angebote von Printmedien und der Schaffung einer zentralen Lizenzierungsstelle für den Rechteerwerb bezüglich der Übernahme von Printveröffentlichungen in elektronische Pressespiegel zügig fortzufahren.

Auftakt mit Kunst und Musik

Zu einem Auftakt mit Kunst und Musik hatte die Verlegerfamilie Neusser (Bonner "General-Anzeiger") am Vorabend des zweitägigen Kongresses eingeladen. Etwa 150 Gäste, Verleger und Verlagsleiter, sahen hier zunächst die Ausstellung "100 Jahre Kunst im Aufbruch - Die berlinische Galerie zu Gast in Bonn". Der Rundgang vorbei an Werken der Expressionisten, Konstruktivisten und Kubisten, Vertretern der neuen Sachlichkeit bis hin zu den sogenannten "Jungen Wilden" endete mit einem Abendessen in fröhlicher Atmosphäre. Gekrönt wurde die Veranstaltung durch einen Auftritt der Sängerin Olivia Molina, die mit ihrer Combo lateinamerikanische Standards vortrug. Begleitet von den Boogie Woogies des irischen Pianisten Simon Holiday konnten sich die letzten Gäste erst in den frühen Morgenstunden losreißen.

Der Bonner "General-Anzeiger" - und mit ihm die Verlage "Kölner Stadt-Anzeiger", "Express", "Kölnische Rundschau/Bonner Rundschau" und "Rheinischer Merkur" - waren auch Gastgeber des festlichen Empfangs am ersten Kongreßabend auf dem Petersberg. Die mehr als 400 Teilnehmer wurden hier schon mit einem Tusch der Bonner Jazzer Semmel's Hot Shots empfangen. Gleich am Eingang wurden Begrüßungsfotos gemacht und den Gästen beim Abschied überreicht. Beeindruckt zeigten sich die Anwesenden auch von der - mit Verlagsort "Petersberg" - am Abend ausgeteilten Kongreß-Zeitung.

BDZV baut Haus der Presse

Verbände ziehen in die Berliner Markgrafenstraße

Der BDZV wird in der Berliner Markgrafenstraße (Bezirk Kreuzberg) ein "Haus der Presse" bauen.

Dies hat die Delegiertenversammlung, das höchste Beschlußgremium des Verbandes, anläßlich ihrer turnusmäßigen Sitzung am 19. Oktober 1998 beschlossen. Das neue Gebäude soll eine Gesamtfläche von rund 2.300 Quadratmetern haben, davon 900 Quadratmeter für die Zeitungsverleger. Mit einziehen werden aller Voraussicht nach der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger sowie der Verband der Lokalpresse. Als Umzugstermin in die Hauptstadt wird von den Zeitungsverlegern das erste Quartal 2000 angestrebt.