Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

"Herausforderungen - Positionen - Strategien"

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Rede von BDZV-Präsident Wilhelm Sandmann zur Eröffnung des Zeitungskongresses '98 am 19. Oktober 1998 in Bonn

 

Wir hatten gehofft, den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland in unserer Mitte begrüßen zu können. Zu meinem großen Bedauern haben sowohl der designierte Regierungschef als auch der amtierende Kanzler absagen müssen. Aber ich glaube, wir sollten dafür Verständnis haben. In diesen hektischen Tagen werden die Weichen für die Politik der nächsten vier Jahre, bis 2002, gestellt.

Man greift nicht zu weit, wenn man von Schicksalsjahren spricht. Denn mit dem Übergang ins dritte Jahrtausend muß sich zeigen, ob unser Gemeinwesen für die weltweite Vernetzung von Politik, Wirtschaft und auch Kultur fit gemacht werden kann. Das bedarf einer großen Kraftanstrengung. Wir alle sind gefordert. Aber die Politiker müssen jetzt ihre Energien und ihre Kreativität bündeln, um ein Reformwerk zustande zu bringen, das über Wahltermine hinaus wirtschaftliche und soziale Stabilität garantiert. Auf diesem Weg begleiten sie die deutschen Zeitungsverleger mit kritischer Loyalität.

Lassen Sie es mich so sagen: Zeitungen, Medien überhaupt, sind von ihrer Natur her Motoren der Reform, des Fortschritts. Und als universales Medium schlechthin ist die Zeitung der natürliche Gegner jedes Partikularismus, jeder ausschließlich an Einzelinteressen orientierten Politik. Gestern und heute. Das berechtigt die Zeitungen auch dazu, ihrerseits der Politik Sorgen und Wünsche vorzutragen. Darauf komme ich später zurück.

Diese Jahrestagung ist wahrscheinlich die letzte derartige Zusammenkunft in Bonn. Im nächsten Jahr ziehen Bundestag und Bundesregierung in die alte neue Hauptstadt Berlin. Ich will mich nicht am Streit um Begriffe beteiligen - "Bonner Republik" und "Berliner Republik". Das ist eine fruchtlose Debatte. Für uns gilt: Bonn wird immer mit dem Entstehen des Grundgesetzes verbunden bleiben, der freiheitlichsten Verfassung, die wir je hatten. Hier ist der Artikel 5 niedergeschrieben worden, der die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung zu einem konstitutiven Teil unserer freiheitlichen Ordnung macht. Hier hat sich ein konstruktiver Föderalismus herausgebildet, der die Regierenden im Bund vor der Gefahr, übermütig zu werden, bewahrt.

Hier wurden die Grundlagen für die deutsche Vereinigung im Oktober 1990 geschaffen. Ohne diesen freiheitlichen Geist wäre die Wiedervereinigung nicht möglich gewesen. In Berlin beginnt keine neue Zeit, auch wenn die Hauptstadt der Deutschen jetzt östlicher liegt. In Berlin heißt es anzuknüpfen an die gute Bonner Tradition. Die größer gewordene Bundesrepublik wird hoffentlich nicht zentralistischer sein als die alte. Sie wird die Freiheitsrechte der Bürger, sie wird die Folgerungen, die sich aus Artikel 5 unserer Verfassung ergeben, ebenso ernst nehmen müssen. Letztlich wird "Berlin" daran gemessen werden, ob es die Erfolge und den Geist von 50 Jahren "Bonn" für sich nutzt.

Nach 16 Jahren nimmt die Regierung Helmut Kohl ihren Abschied. Schon in wenigen Tagen wird der Bundeskanzler Gerhard Schröder heißen. Kanzler Kohl und seine Minister waren stets verständnisvolle Gesprächspartner der deutschen Zeitungsverleger. Helmut Kohl hat sich ohne Wenn und Aber zur Freiheit der Presse und zu ihrer privatwirtschaftlichen Ordnung bekannt. Er war mehrmals Gast unserer Jahrestagungen. Und er hat das Präsidium des BDZV immer wieder zum Meinungsaustausch empfangen.

Das gleiche gilt für die jeweiligen Bundesminister des Innern und andere Ressortchefs der Bundesregierung. Im geduldigen Dialog konnten auch Streitfragen geklärt werden. Ich erinnere an die Diskussionen um die 620-Mark-Beschäftigungsverhältnisse, den Postzeitungsdienst, die Altpapierverordnung etc.. Wir sind froh, daß eine bayerische Initiative im Bundesrat unsere Position zum Postzeitungsdienst stärkt. Wir würden es freilich begrüßen, wenn auch andere Länder diesen Vorstoß unterstützen würden.

Die Forderung, die 620-Mark-Beschäftigungsverhältnisse in die Versicherungspflicht einzubeziehen, wird bestehen bleiben. Unsere Position ist bekannt: Werden diese Pläne realisiert, kommen auf die Zeitungsverlage finanzielle Mehrbelastungen in Millionenhöhe zu, weil die Zeitungszustellung weitgehend auf diese Beschäftigungsverhältnisse angewiesen ist. Zeitungen sind aber nicht mit einer x-beliebigen, gewerblich hergestellten Ware gleichzusetzen. Sie sind Informations und Orientierungsmittel des Bürgers par excellence. Ohne sie leidet die Meinungsbildung der Gesellschaft Not, erstarrt der gesellschaftliche Dialog.

Das sind Binsenwahrheiten. Aber oftmals ist es notwendig, gerade an solche einfachen Wahrheiten zu erinnern. Denn ohne eine regelmäßige, komplikationslose Belieferung der Bürger mit den für ihre demokratische Urteilsbildung wichtigen Informationen läßt sich die Intention des Artikels 5 des Grundgesetzes nicht erfüllen, jedermann Zugang zu den Informationsquellen zu garantieren. Darüber gab es auch in der Politik großen Konsens. Zu ihm hat sich - ich erinnere an unsere Jahrestagung 1997 in Goslar - auch der damalige niedersächsische Ministerpräsident bekannt. Herr Schröder, wir werden Sie daran erinnern!

Die deutschen Zeitungsverleger haben Grund, der scheidenden Bundesregierung Dank zu sagen für die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Sie hoffen, daß sich dieser gute Geist kritischloyaler Kooperation auch unter der künftigen Regierung bewahren läßt. Ein Regierungswechsel ist in einer Demokratie ein normaler Vorgang. Demokratie lebt von der Alternative. Die sich formierende Regierung unter Gerhard Schröder kann sich auf den Willen einer großen Mehrheit der deutschen Wahlbürger berufen. Wir erwarten von ihr, daß sie ihre gestalterischen Möglichkeiten nutzt. Die Presse wiederum wird diesen Prozeß der Gestaltung begleiten: mit Zustimmung, wo sie angebracht ist, mit Kritik, wo sie nötig wird.

Die künftige Bundesregierung wird sich des großen Projekts einer Steuerreform annehmen müssen. Dieses Vorhaben ist in der vergangenen Legislaturperiode des Bundestages gescheitert. Die deutschen Zeitungsverlage haben das bedauert. Sie sind bereit, ein ausgewogenes Konzept, durch das Betriebe wie Arbeitnehmer entlastet werden, mitzutragen. Die bisher bekanntgewordenen Vorstellungen der neuen Koalition geben aber eher Anlaß zur Sorge. Offenbar soll wieder einmal die Belastbarkeit der Wirtschaft, vor allem der kleinen und mittleren Betriebe, getestet werden. Das wäre kein guter Anfang. Vor allem wäre das alles andere als eine Offensive für mehr Beschäftigung und kein konstruktiver Beitrag zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Wir werden, wenn das endgültige Steuerkonzept auf dem Tisch liegt, ein klares Wort sprechen.

Regierung und Presse stehen sich in einer demokratischen Gesellschaft nicht als Gegner gegenüber. Aber beide Seiten haben die Funktion der jeweils anderen zu respektieren. Und die Funktion der Presse ist nun einmal die Kritik. Politiker sind nicht davor gefeit, auf Kritik allergisch zu reagieren. Es ist in der Vergangenheit zu manchen Überreaktionen gekommen. Dafür steht unter anderem das Beispiel des Vorsitzenden der SPD. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an die unter seiner Ministerpräsidentschaft zustande gekommene Novelle des saarländischen Pressegesetzes. Leider hat das Bundesverfassungsgericht unsere Verfassungsbeschwerde aus formalen Gründen zurückgewiesen, weil sich zunächst die Fachgerichte mit der umstrittenen Bestimmung befassen sollten. Wir aber bleiben dabei, daß hier die vom Gesetzgeber intendierte Waffengleichheit zu Lasten der Zeitungen verändert wurde.

Wir alle hoffen, daß die Medienpolitik der neuen Bundesregierung von solchen politischen und juristischen Ausreißern frei bleibt. Die Leitlinien der Bundes-SPD zur Medienpolitik enthalten im wesentlichen Festlegungen und Forderungen, denen wir als Verleger zustimmen können. So ist nach den entsprechenden Beschlüssen des Parteitages von Hannover (im Dezember 1997) in Deutschland und Europa eine mittel und langfristige industriepolitische Strategie notwendig, mit der wir, ich zitiere, "die Position unserer Unternehmen auf den globalen Märkten der Medien und Telekommunikationswirtschaft festigen und ausbauen". Medien und Telekommunikationspolitik wird als Querschnittsaufgabe der Wirtschafts-, Technologie-, Wissenschafts-, Gesellschafts-, Bildungs-, Kultur- und Ordnungspolitik definiert. Das hört sich natürlich gut an.

Als eine der wichtigsten Aufgaben bezeichnen die sozialdemokratischen Leitlinien die Schaffung einer lnformationsinfrastruktur, die "offen für den Zugang aller Bürger ist und die Chancengleichheit verwirklicht". Der freie Zugang zu qualitativ hochwertigen Informationen müsse gesichert sein. "Wir werden die Entstehung eines lnformationsproletariats zu verhindern wissen", heißt es mit grimmiger Entschlossenheit. Auch das sind Sätze, die wir unterstreichen können. Als Medienunternehmer, die für das Duale Rundfunksystem Mitverantwortung tragen, sehen wir allerdings auch bedenkliche Tendenzen. Die SPD räumt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch immer eine Sonderstellung ein. So umfaßt die Entwicklungsgarantie, die ARD und ZDF von den Ministerpräsidenten ausgestellt worden ist, nach SPD-Meinung auch die Teilhabe des aus Gebühren finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks am gesamten Bereich Multimedia. Ich bin dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber sehr dankbar, daß er am vergangenen Mittwoch bei den Münchner Medientagen mit Blick auf die vierte Änderung des Rundfunkstaatsvertrages noch einmal mit aller Deutlichkeit gefordert hat, daß die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender ihre Online-Dienste nur programmbegleitend ausgestalten sollen und daß diese Dienste sponsoring und werbefrei bleiben müssen.

Wir wissen natürlich, daß viele dieser Fragen in erster Linie Sache der Länder sind. Aber es wird doch deutlich, daß sich hier ein Gegensatz zur Medienpolitik der abgewählten Regierungsparteien auftut. Und er wird nicht ohne Konsequenzen für die künftige Politik der neuen Koalitionspartner bleiben.

Ähnliche Forderungen sind übrigens aus sozialdemokratischen Bezirken zu hören, zum Beispiel in Hessen-Süd. Ich möchte nicht die Sorge verhehlen, daß unter dem Vorwand der Stärkung der redaktionellen Freiheit wieder versucht wird, am Tendenzschutz zu rütteln, in das Binnenleben der Verlage und Redaktionen von außen her einzugreifen und die private Struktur der Presse in Frage zu stellen. Das wäre ein törichter Angriff auf die bewährte, ohne staatliche oder gesellschaftliche Zwänge geregelte Partnerschaft zwischen Verlag und Redaktion. Das wäre vor allem ein Rückfall in steriles etatistisches Denken der sechziger und siebziger Jahre. Wer aber heute, an der Schwelle zum Dritten Jahrtausend, die Schlachten von gestern noch einmal schlagen möchte, hat die Zeichen der Zeit nicht begriffen. Ich kann nur dazu ermuntern, solche scheinbar demokratiefreundlichen Papiere rechtzeitig zu entsorgen. Sonst fällt auf ihre Urheber der Schatten des Gestern.

Die wirklichen Probleme liegen heute jenseits unserer nationalen Grenzen - in Europa. Unsere jahrelangen Warnungen vor der Regelungswut der EU-Instanzen haben wenig gefruchtet. Entgegen dem Rat vieler Politiker, wirtschaftlicher wie juristischer Experten sowie der Organisationen der Medien ist das unselige Tabakwerbeverbot zustande gekommen. Wir könnten es dabei bewenden lassen und sagen: Das war ein einmaliger Ausrutscher von EU-Kommission und Straßburger Parlament. So ist es aber nicht. Dahinter verbirgt sich eine Verbotsstrategie, deren Einfallsreichtum so gut wie keine Grenzen kennt. Schon heute wird über eine Ausdehnung des Werbeverbots auf Automobile, Alkohol, Medikamente etc. spekuliert. Bisher galt es als seIbstverständIich: Für legal hergestellte Produkte darf ohne Einschränkung geworben werden. Dieser Grundsatz wird durch die EU mißachtet. Das ist nicht nur ein schwerer Schlag gegen die Informationsfreiheit, sondern auch ein direkter Angriff auf die Entscheidungsfreiheit, sprich Mündigkeit, der Menschen.

Der BDZV hat es begrüßt, daß die amtierende Bundesregierung eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof ankündigte. Wir appellieren von dieser Stelle an die Nachfolgeregierung: Halten Sie bitte an dieser Entscheidung fest! Lassen Sie es nicht zu, daß bewährte nationale Regelungen zur Sicherung der Informationsfreiheit der Bürger und zur Bewahrung der wirtschaftlichen Grundlagen der privaten Medien quasi durch die europäische Hintertür kassiert werden! Die Liste europäischer Sündenfälle ist lang. Sie wird sogar immer länger. In Brüssel wie in Bonn gibt es Überlegungen, das Urheberrecht im Zusammenhang mit der Verbreitung sogenannter elektronischer Pressespiegel zu verwässern. Wir Zeitungsverleger sind alarmiert. Wenn wir künftig die Inhalte unserer Zeitungen und Online-Angebote ohne Einschränkung der Allgemeinheit zur weiteren Verfügung, und noch schlimmer: Vermarktung, überlassen müßten, wäre das eine Enteignung der Zeitungsverlage in ihrer Kernkompetenz, nämlich den redaktionellen Inhalten.

Es darf doch nicht sein, daß Verlagsfremde über unsere Produkte bestimmen. Den Politikern, die sich auf nationaler und europäischer Ebene solche Enteignungsideen ausdenken, müssen wir in aller Schärfe sagen: Wir lassen uns unser gutes Recht nicht nehmen, eigenverantwortlich zu entscheiden, wo der eigene Zeitungsinhalt veröffentlicht werden soll. Alles andere wäre eine Kampfansage an den Eigentumsgedanken. Wollen die EU-Bürokraten und EU-Politiker eine Flut von Klagen provozieren? Ich glaube, Warnungen sind nur allzu berechtigt. Mit jeder Unklarheit, mit jedem Verdacht, Brüssel wolle etwas durchsetzen, was leicht als Anmaßung ausgelegt werden kann, wächst das Mißtrauen gegen die EU-Institutionen, wird der lntegrationsgedanke beschädigt. Das kann nicht im Interesse der Europäer sein.

Auch der Brüsseler Wettbewerbskommissar Karel van Miert hat jüngst für Irritationen gesorgt. Sie betreffen das heikle Problem der Wettbewerbsverzerrungen durch die Gebührenfinanzierung öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. Da sich unsere Zeitungshäuser zu Medienunternehmen entwickelt haben, sind wir an der Klärung dieser Frage interessiert. Wir begrüßen es, daß sich die Brüsseler Wettbewerbsexperten endlich damit beschäftigen. Aber wir stehen fassungslos vor den Konsequenzen, die van Miert und seine Fachleute ziehen wollen. Wenn die öffentlich-rechtlichen Anstalten künftig Sport und Unterhaltungsprogramme allein aus Werbung finanzieren sollen, die Sender also mit getrennten Rechnungslegungen für die Bereiche Grundversorgung einerseits und Sport/Show andererseits arbeiten, wäre eine weitere Wettbewerbsverzerrung zu ungunsten der privaten Anbieter die Folge.

Es würde nicht das Duale System gestärkt. Ganz im Gegenteil: ARD und ZDF würden in der Praxis duale Anstalten - mit einem öffentlich-rechtlichen und einem privaten Standbein. Beide Großsysteme würden geradezu ermuntert, mit voller Kraft in den privatwirtschaftlichen Wettbewerb einzutreten. Die Prinzipien unseres deutschen Dualen Rundfunksystems würden außer Kraft gesetzt. Die EU - man sieht es - ist immer wieder für neue Überraschungen gut. So lassen sich allerdings Klarheit und Berechenbarkeit nicht herstellen. Es wäre verhängnisvoll für die deutsche, aber auch für die europäische Medienwirtschaft, würde sich Brüssel dauerhaft als Faktor der Unsicherheit auf einem so sensiblen Feld erweisen.

Die deutsche Politik ist aufgefordert, ihrerseits Konsequenzen aus dieser Unsicherheit zu ziehen und endlich den Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten zu begrenzen. Es geht um nicht weniger und nicht mehr um die Antwort auf die alte Frage: Wieviel öffentlich-rechtlichen, aus Gebühren finanzierten Rundfunk braucht das Land? Unser Zeitungskongreß steht unter dem Motto "Herausforderungen - Positionen - Strategien". Sie sehen: Dieses Leitthema könnte gar nicht aktueller sein. Wir haben uns in der Vergangenheit nie den Herausforderungen, die auf uns zukamen, verschlossen. Ich bin sicher, wir werden uns ihnen auch diesmal rechtzeitig stellen und Antworten finden, die über den Tag hinaus reichen. Dazu gehört allerdings eine Besinnung auf unser eigenes Handeln, auf unsere Bereitschaft, solidarisch zu sein. Unsere Devise muß bleiben: Gemeinsam stark in der Einheit einer staatsfreien, unabhängigen, privatwirtschaftlich strukturierten freien Presse.

Nach oben

Die Zeitungen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Konkurrenzen - Konvergenzen - Konsequenzen

 

Vortrag von Peter Esser, Verleger der Mittelbayerischen Druck- und Verlagsgesellschaft mbH, Regensburg, zur Eröffnung des Zeitungskongresses '98 am 19. Oktober 1998 in Bonn.

Es geht um neue Ideen, um Wettbewerber und neue Märkte. Es geht natürlich um Online, Zukunftsmarkt oder Dollargrab. Und es geht, etwas spröde, um Urheberrechte und die Frage, ob sie in den neuen Medien wertlos sind. Natürlich bleiben aber alle anderen Fragestellungen und Themenfelder genauso auf der Tagesordnung für uns, für die Zeitungen, für die Zeitungsverlage, an der Schwelle zum 3. Jahrtausend.

Auch im 3. Jahrtausend sind weiterhin viele Aspekte notwendig, um erfolgreich im Medienmarkt zu bestehen und einen Zeitungsverlag oder ein Medienhaus zu führen. Weiterhin sind die Menschen das wichtigste, nicht die Maschinen oder die Software. Die Amerikaner sagen im Bankwesen so schön und prägnant: Banking is People. Und wir könnten daraus ableiten: Publishing is People. Das heißt, es geht weiterhin um Mitarbeiter, um Mitarbeiterführung und Menschenführung. Es geht weiterhin um Kosten, um Kostenmana-gement, um Controlling, und es geht natürlich auch weiterhin um Technologie, um die Software und Hardware, mit der wir unsere Printprodukte auf den Markt bringen.

Lassen Sie mich bei Arbeitskreis 3 beginnen: Urheberrechte - wertlos in den neuen Medien, oder entwerten gar die neuen Medien unsere Rechte am Printprodukt, an den Inhalten des Printprodukts? Oder tut dies, quasi im Vorgriff legitimierend, die EU-Kommission stellvertretend für alle, die uns in diesem Recht beeinträchtigen wollen.

Zum Hintergrund: Der - noch - gültige § 49 des Urheberrechtsgesetzes erlaubt streng genommen nur die Übernahme einzelner Artikel aus einer Tageszeitung in eine andere Tageszeitung. Übernahmen aus Zeitschriften sind danach nicht zulässig. Neben dieser klaren Gesetzeslage haben sich die fotokopierten Pressespiegel entwickelt, die in der Politik, der Wirtschaft und den Verbänden zirkulieren. Aus dem Bundesministerium der Justiz ist im Juli 1998 ein noch nicht abgestimmter Entwurf zur Novellierung des Urheberrechtsgesetzes vorgelegt worden. Danach soll § 49 Urheberrechtsgesetz auch auf Elektronische Pressespiegel erweitert werden. Jedermann soll in Zukunft einzelne Artikel zu Tagesfragen zum Zwecke der Herstellung und Veröffentlichung eines Pressespiegels elektronisch vervielfältigen können, sofern der Verlag, der Rechteinhaber, eine derartige Vervielfältigung nicht ausdrücklich untersagt hat. Ob ein entsprechender Hinweis auf den Rechtevorbehalt im Impressum ausreichen würde oder ob der Hinweis bei jedem einzelnen Artikel stehen müßte, ist völlig offen. Fehlt der Hinweis, so wäre die Übernahme erlaubt, dem Urheberrechtsinhaber stünde ein Vergütungsanspruch gegenüber dem Hersteller eines Elektronischen Pressespiegels zu.

Dieser soll jedoch ausschließlich von einer Verwertungsgesellschaft geltend gemacht werden und würde, wenn man die bestehende tarifvertragliche Regelung auch auf Elektronische Pressespiegel überträgt - was ich in keinem Fall befürworten kann -, ausschließlich an die Journalisten ausgeschüttet. Diesen Gesetzesvorschlag haben wir letztlich dem BDI zu verdanken, auch anderen Verbänden und den Verwertungsgesellschaften. Ziel des BDI ist es vor allem zu erreichen, daß Unternehmen zu günstigen Preisen an redaktionelle Inhalte gelangen können. Damit ersparen sie sich einerseits den Erwerb der Printausgaben von Zeitungen oder Zeitschriften und andererseits können sie natürlich den Online-Angeboten der Verlage Konkurrenz machen. Und die Verwertungsgesellschaften zielen darauf ab, ein Monopol für möglichst viele Vergütungsansprüche im digitalen Zeitalter zu erwerben. Quasi ein Selbsterhaltungstrieb, der hier aufscheint.

Nun hat es wenig Sinn, einfach nur gegen diese Initiativen zu agieren, wir müssen wohl auch gangbare Mittelwege anbieten. Deshalb haben der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger und der Verband der Zeitschriftenverleger begonnen, über ein System nachzudenken, das den Marktbedürfnissen für Elektronische Pressespiegel entgegenkommt.

Gedacht ist an eine zentrale Anlaufstelle für den Rechteerwerb zur Herstellung von Elektronischen Pressespiegeln - wohlgemerkt nur die Anfertigung solcher Pressespiegel soll erleichtert werden. Die Datenbank soll also nur ein eng begrenztes Segment der Urheberrechtsverwertung erfassen und sich in ihrem Umfang und ihrer Funktion an der Regelung des § 49 orientieren. Die Datenbank soll keinesfalls in Konkurrenz oder an die Stelle existierender oder auch geplanter Online-Angebote von Verlagen treten. Sie soll lediglich dazu führen, daß den Verlagen aus der Herstellung Elektronischer Pressespiegel unmittelbar Einnahmen zufließen können. Und diese zentrale Anlaufstelle soll Behörden und Unternehmen zur Verfügung stehen, die Elektronische Pressespiegel zur Weiterversendung in hausinternen Netzen oder im Intranet anfertigen möchten. Um diese zentrale Anlaufstelle möglichst einfach erreichen zu können, bietet es sich an, daß die Verbände BDZV und VDZ eine Webside im Internet einrichten, die sich an Unternehmen und Behörden wendet, die eben aktuelle Elektronische Pressespiegel erstellen möchten.

Es muß sich hierbei um eine neutrale, offene Plattform handeln, die den Mitgliedern beider Verbände sowie gegen eine finanzielle Beteiligung auch Nichtmitgliedsverlagen völlig diskriminierungsfrei die Teilnahme an der zentralen Anlaufstelle gewähren kann. Der Nutzer hat nun die Möglichkeit, mittels einer Suchmaschine zu ermitteln, welche Artikel im Verlauf der letzten 24 Stunden zu einem bestimmten Thema elektronisch veröffentlicht worden sind. Die Suchmaschine verweist ihn dann auf Links zu Verlagen, in deren Artikeln dieses Thema angesprochen worden ist, und der Nutzer hat die Möglichkeit, mittels einiger Mausklicks die Lizenz zur elektronischen Vervielfältigung des Artikels zu erwerben.

Hat ein Unternehmen eine Zeitung oder eine Zeitschrift abonniert oder anderweitig erworben und möchte seinen Artikel daraus digital kopieren, also einscannen, um ihn dann in einen Elektronischen Pressespiegel aufzunehmen, so kann es den Titel des Artikels in ein Feld dieser zentralen Datenbank eingeben. Es wird dann mittels eines Links auf das Online-Angebot oder die E-mail-Adresse des Verlags verwiesen, und auch dort kann es die notwendige Lizenz erwerben. Wichtig ist, daß die Verlage, die mit ihren Angeboten in dieser Anlaufstelle vertreten sind, in ihrer Preis- und Tarifgestaltung für die den einzelnen Artikel betreffenden Lizenzen völlig frei sind. Die zentrale Anlaufstelle läßt außerdem bestehende Online-Angebote von Verlagen unangetastet und dient lediglich als Marketinginstrument und Clearingstelle für den Bereich Elektronische Pressespiegel.

Ich möchte Ihnen eine Übersicht der Vorteile einer solchen zentralen Anlauf-stelle geben, die von beiden Verbänden erarbeitet wurde:

Zum ersten: Die Anlaufstelle schaltet den Wettbewerb zwischen den Verlagen im elektronischen Bereich nicht aus. Im Gegenteil, die Verlage erhalten eine zusätzliche Möglichkeit, ihre Angebote zu vermarkten. Entgegen den Planungen der Gesetzesänderung ermöglicht dieses Modell den Verlagen, Einnahmen aus der Nutzung ihrer Artikel zur Herstellung Elektronischer Pressespiegel zu erzielen. Ein weiterer Vorteil: Diese Einnahmen fließen unmittelbar in die Kassen der Verlage, nicht in diejenigen von Verwertungsgesellschaften. Die Erleichterung der Herstellung Elektronischer Pressespiegel könnte dazu beitragen, daß viele Mitarbeiter in Behörden und Unternehmen in Zukunft noch leichteren Zugang zu Verlagsprodukten haben werden. Dies könnte sich auch positiv auf den Absatz der Produkte der Verlage auswirken. Und der Nutzer kann in kürzester Zeit und ohne großen Aufwand die erforderlichen Lizenzen zur Herstellung seines Pressespiegels erwerben - die Einfachheit des Verfahrens ist vielleicht auch ein Anreiz, diesen legalen Weg zu gehen.

Erlauben Sie mir bei diesem Thema einen kleinen Exkurs. Eines zeigt sich meines Erachtens auch durch diese Diskussion - wir müssen die Urheberrechte der Verleger offensiv vertreten. Wenn es denn bald so sein wird, daß angestellte Journalisten in Medienhäusern demnächst alle an modernen Redaktionssystemen arbeiten, dann kann man sich dies wie das Arbeiten in einen Pool hinein vorstellen. Es entsteht eine elektronische Pinnwand, an der Inhalte, Texte, Grafiken und Bilder hängen und die je nach den Bedürfnissen der als Vehikel tätigen Medien abgenommen werden und unterschiedlich verwendet, unterschiedlich komponiert werden. Hier für die Tageszeitung, dort das Sonntagsmagazin oder die Samstagausgabe, etwas verändert durch die Online-Mitarbeiter für das Internet oder eine CD-ROM. Verlage werden zu ihrer eigenen kleinen Nachrichtenagentur und stellen die Ergebnisse ihren jeweiligen Medienabteilungen zur Nutzung zur Verfügung. Das heißt, jegliches Nutzungsrecht ist dem Verlag eingeräumt und muß mit dem Gehalt der Redakteure abgedeckt sein. Ich bin der Meinung, daß der in den Verlagen angestellte Journalist schon heute sein gut bemessenes Gehalt für die Grunderstellung des Textes erhält und damit jede weitere Verwendung im Belieben des Verlages steht, und zwar ohne jede weitere Vergütung.

Zu verdanken haben wir diesen neuen Elektronischen Pressespiegel natürlich auch dem vielzitierten Internet. Übrigens: Das Internet feierte am 1. Oktober 1998 seinen 29. Geburtstag. Wußten Sie das? In unseren Köpfen ist es präsent - erst seit Beginn der 90er Jahre. Die Geburt war eine schwierige - wie so oft.

Charly Kline, ein Student an der University of California, saß an seinem 400 Kilo Monstrum von Computer und wählte, höllisch aufgeregt, die Telefonnummer des 500 km entfernten Rechenzentrums von Menlo Park."Ich tippe jetzt ein ´L´", sagte er zu seinem Gesprächspartner am Telefon. Er tippte dieses "L" auf der Tastatur seines Computers und schickte es per Modem via Standleitung nach Menlo Park. "Angekommen!" Und Kline tippte ein "O". Auch das kam an. Er tippte ein "G". "Computer abgestürzt", sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Das ARPANET war geboren, der Vorläufer des Internets. Und heute? Beinahe 30 Jahre später: 6,9 Millionen Menschen in Deutschland verfügen über einen Internetzugang, 40 % mehr als noch vor sechs Monaten. Für das erste Jahr im neuen Jahrtausend prognostizieren Experten 200 Mio. Online-Nutzer weltweit, ein Drittel davon alleine in Europa. Die Umsätze im Web steigen stetig. Mit der modernen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts hat sich ein Kommunikationssystem entwickelt, das nach den Gesetzen der industriellen Wirtschaft arbeitet, also Bedürfnisse zu befriedigen versucht, die vorher mit wissenschaftlicher Methode erforscht wurden. Die Massenmedien bieten, was der Konsument erwartet. Neue Technologien ermöglichen neue Medienlösungen, das Internet ist dafür ein Beispiel. Sind multimediale Anwendungen nun schon Massenmedien? Wenn ja, können sie etablierte Massenmedien tangieren oder ersetzen?"

Weltereignisse, die im Internet veröffentlicht wurden, haben dem neuen Medium erstmals die Anmutung eines Massenmediums - vor dem Fernsehen und Printmedien - gegeben. Der befürchtete Zusammenbruch des Netzes blieb wieder einmal aus. Sie wissen, worauf ich hinaus will. Ich meine natürlich die Marsexpedition mit Aufnahmen des "Pathfinders";...., die tragische Geschichte um Lady Di und ... die "Affäre Clinton", die alle Welt, und tatsächlich alle Welt in peinlichster Genauigkeit am Geschehen hat teilhaben lassen. Die Möglichkeiten des Internets sind wahrhaft unbegrenzt. Berichterstattung bis in letzte Details mit Bewegtbild und Ton sind machbar - und das beinahe ohne Zeitverzögerung.

Kritik am Medium "Internet" ist hier - so finde ich - nicht gerechtfertigt. Die weltweite Anteilnahme, oder deutlicher formuliert - der weltweite Voyeurismus ist nur ein Spiegel unserer Gesellschaft.

Zugegebenermaßen treibt das Netz merkwürdige Blüten, die sich ausnehmen wie Passagen aus einem Science-fiction- Roman der 60er Jahre:

+++ "Recreate yourself!" Auf den Webseiten "Cycosmos" [www.cycosmos.com] vermischt sich Reales und Virtuelles. Erschaffen Sie ein neues Wesen, das mit E-Cyas und anderen Atavaren in eine eigene Kunstwelt abtaucht. ++++++Der Computergigant Compaq zahlt für die Überlassung der Internetadresse "www.altavista.com" 3,35 Mio.US $ an den Unternehmer Jack Marshall ++++++Hacker attackieren die Webseite der "New York Times": es sind Sympathisanten eines 1995 inhaftierten Hackers aus North Carolina.+++ Das sind Einzelmeldungen - keine davon ist von mir erfunden -, die Zweifel am Nutzen des Internet schüren. Bedeutender ist der tatsächliche Mehrwert des Netzes. 24 Stunden am Tag geöffnet - weltweit erreichbar - direkter Kontakt mit dem Nutzer - Interaktivität im Diskussionsforum, Chat oder per E-mail. Völlig neue Vertriebsstrukturen tun sich auf - auch für kleinere Firmen und Unternehmen. Nur schnell muß man sein, schneller als die anderen - oder mit ausgefallenen Ideen Nischen besetzen.

Die Verbreitungsbedingungen für die Medien sind dabei, sich schneller und stärker zu verändern, als wir zu erfassen gewohnt sind. Wir sind dabei, von einer durch Massenmedien beeinflußten Kultur zu einer von Netzen beherrschten zu werden. Das bedeutet nicht, daß die Massenmedien eliminiert werden, wohl aber, daß ihr Einflußpotential eingegrenzt wird und ein Gegengewicht durch einen neuen Zugang zur Kommunikation gegeben ist. Der Zugang aller zu allen Informationen wird grundsätzlich möglich und erleichtert. Der Datendschungel erschwert allerdings dann doch den Durchblick, und hier sind Navigatoren gefragt.

Wir als Medienunternehmer haben gleich reagiert, um uns einen Platz im neuen Markt zu sichern. Die Synergien aus Print und Online liegen auf der Hand. Die langjährigen Erfahrungen in der Informationsauswahl und -vermittlung sind leicht auf das elektronische Medium übertragbar. Eine enorme Informationsflut wird von uns und unseren Mitarbeitern täglich gesichtet, selektiert und aufbereitet - für unsere Leser des Printprodukts und - in beinahe 150 Verlagen in Deutschland - auch für die User unserer Online-Dienste.

Die Digitalisierung, die das Phänomen der Konvergenz bewirkt und den meisten Medien im Netz einen neuen Platz zuweist, bewirkt auch tiefgreifende Änderungen in der Art der Inhalte. Aber ob mit der Spiegelung unserer heutigen Produkte ins Internet vom Anwender dauerhaft Geld verlangt werden kann, da habe ich meine Zweifel. Es sieht mir so aus, als wäre auch dieses Vehikel eher geeignet, Anzeigenblatt-strukturen zu Umsatz zu machen, also: Inhalte werden verschenkt und bei genügender Akzeptanz gewinnen wir Umsätze über elektronische Werbeformen.

Längst hat das Internet seinen reinen Unterhaltungscharakter verloren, zielloses Surfen ist uninteressant geworden. Im Vordergrund stehen informative Inhalte, gut strukturiert und übersichtlich aufbereitet. Datenbankrecherchen, Suchmaschinen sind hier die Stichworte. Der neue Dienst "Paperball", entwickelt von Gruner + Jahr und der Projektgruppe KIT der Technischen Universität Berlin, trifft exakt die Wünsche der Online-User. Derzeit werden 82 (Stand 2.10.98) deutschsprachige Tageszeitungen ausgewertet. Nach Rubriken strukturiert, kann der User mittels Suchbegriffen tagesaktuelle Artikel seiner Wunschzeitungen abrufen. Wer mag, kann sich personalisierte Abfragen unter selbst definierten, individuellen Rubriken einrichten. Ich habe das Gefühl, daß noch viele Verlage einer Anbindung eher skeptisch gegenüberstehen. Aber Vorsicht: Wie sagt Herr Kundrun von Gruner+Jahr so richtig - müden Zeitungen läuft die Zeit davon.

Auch dieser elektronische Marktplatz muß von uns besetzt werden. Müssen wir uns nicht vor wettbewerbsverzerrenden Aktivitäten von öffentlichen und halböffentlichen Institutionen schützen? Es kann nicht Aufgabe von Städten, Industrie- und Handelskammern oder Handwerkskammern sein, nach unserem Beispiel Online-Dienste ins Leben zu rufen und diese durch Fremdwerbung zu finanzieren. Die Ministerpräsidenten der Länder haben angekündigt, uns in diesem Punkt zu unterstützen, und planen, z.B. die Online-Projekte öffentlich-rechtlicher Anstalten im neuen Rundfunkstaatsvertrag zu beschränken, gemeint sind vor allem die expansiven Pläne des ZDF. Politische Entscheidungen sind mit Umsicht und Weitsicht zu treffen: im Urheberrecht, in den Kryptographiebestimmungen. Deutschland darf sich nicht - wie im Bereich Gentechnologie - selbst aus dem Rennen werfen.

Welche Technologie letztendlich das Rennen macht - darüber wird noch spekuliert. Internet im Fernsehkabel oder über die Steckdose, ADSL löst Breitband ab, ISDN bald völlig veraltet? In wenigen Jahren werden Sie über jede Stromsteckdose an jeden Ort der Erde den Internet-Zugang haben, einen Provider brauchen Sie dann nicht mehr!

Ab 2002 soll eine neue Internet-Technologie für Handys eingeführt sein. Bereits auf der CeBIT hat ein japanischer Konzern dieses Jahr ein datenfähiges Handy vorgestellt, mit dem Videokonferenzen möglich sind und so Rechner und Festnetzverbindungen überflüssig macht. Und auf dem Nachhauseweg prüfen Sie per Handy, ob Ihr Kühlschrank die fehlenden Lebensmittel bei Ihrem Supermarkt in Auftrag gegeben hat. Automation auf die Spitze getrieben oder nur das "Intelligente Haus" von morgen [http://www.mediacenter.de]? Microsoft setzt - so scheint es - auf Internet-TV, während bedeutende japanische Unternehmen - aufgrund schlechter Verkaufsprognosen - ihre Produktion vorerst auf Eis gelegt haben. Bill Gates hat für über 400 Mio US $ "WebTV" übernommen und vertreibt - in gewohnter Manier - erschwingliche Set-Top-Boxen, unter DM 500 US $, um den Markt mit Mircrosoft-Standards zu besetzen. Das Pilotprojekt in Deutschland wird von der Telekom und dem ZDF mitgetragen. Eine Verschmelzung von TV und World Wide Web sichert schnell Reichweite und Flächendeckung: Das Internet als Massenmedium, da haben wir es schon. Die werbliche Kommunikation wird dann völlig neu definiert: durch Direct-Response auf den Werbespot. Durch interaktive Elemente können Zusatzinfos zum Produkt abgerufen oder gleich Bestellungen aufgegeben werden. Die Möglichkeiten sind hier grenzenlos - in der Interaktion mit der Masse.

Das Londoner Research-Institut Oram hat untersucht, auf welche Probleme und neue Wettbewerber sich Internet ServiceProvider einstellen müssen, wenn sie nicht auf der Strecke bleiben wollen:

Digitales Fernsehen wird einen breiten Zugang zum Internet durch Set- Top-Boxen ermöglichen.

Es wird immer schwieriger, die Qualität durch schnelles Routing zu erhalten.

E-commerce als Umsatzträger braucht noch bessere Transaktionshilfen.

Und es wird immer schwieriger, wirklich gute und interessante Inhalte zu bieten.

Aber wer macht das Rennen? Wer wird überleben? Rechnet es sich für den einzelnen, auf einer globalen, transparenten Plattform sein eigenes Online-Süppchen zu kochen? Muß jeder von uns teuer und zeitaufwendig das Online-Rad neu erfinden? Machen nicht Zusammenschlüsse Sinn, die Aktivitäten bündeln und Synergien für die Gesamtheit nutzen [wie Pipeline oder Zet.net (mbt onlineKG)], in denen dennoch niemand seinen individuellen Auftritt einbüßen muß? Gemeinsame Märkte öffnen, gemeinsame überregionale Inhalte schaffen, eine gemeinsame Vermarktungsstrategie entwickeln. Und gleichzeitig Auge und Ohr offen halten für unsere Leser in der Region - die Leser des Print- und Online-Mediums gleichermaßen.

Aber lassen Sie uns vor dem Hintergrund von Online-Aktivitäten um Himmels willen nicht das Wettbewerbsfeld der Printmedien vergessen. Die Zeiten, in denen wir Gebietsgrenzen und Potentiale mittelfristig definieren konnten, scheinen endgültig vorbei. Die strategische Ausrichtung unserer Verlagsobjekte muß in Zukunft immer mehr mit einbeziehen, daß auch verlagsfremde Branchen Aktivitäten entwickeln, welche auf unsere Märkte gerichtet sind.

Im Arbeitskreis I werden wir uns beschäftigen mit neuen Ideen, mit neuen Wettbewerbern und Märkten. Wir müssen diskutieren über neue gefährliche Tendenzen der Verbreitung von Tageszeitungen zum Nulltarif und über unsere Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Auch über die Folgen, wenn mehr und mehr Bürgermeister und Stadtdirektoren in die Rolle von Verlegern schlüpfen möchten und eigene Zeitungen herausgeben.

Im Norden unseres Kontinents haben ehemalige Redakteure und Marketingstrategen von Dagens Nyheter eine Marktlücke entdeckt. Und sie haben die Chancen dieser Lücke besser einschätzen können als die strategischen Köpfe der Zeitungsverlage. Dies hat dazu geführt, daß anstelle des Verlages ein neuer Wettbewerber den Markt besetzte.

Der schwedische Mischkonzern Kinnevik produzierte ursprünglich in den Bereichen Landwirtschaft, Maschinenbau und Stahlindustrie - seit den 80er Jahren richtet der Konzern seine Geschäftsfelder auch konsequent auf den Bereich der Medien aus, schwerpunktmäßig bis 1994 in den Bereichen Telekommunikation und elektronische Medien (TV), seit Gründung von metro 1995 ist Kinnevik auch im Bereich der Printmedien aktiv.

metro, ein neues Zeitungsprojekt in Schweden - ein neuartiger Zeitungstyp mit einer Auflage von inzwischen 250.000 Exemplaren und kostenloser Verteilung - flächendeckend in allen U-Bahn-Stationen Stockholms.

metro ist eine optisch gutgemachte, vierfarbige Zeitung im Tabloid-Format, welche unentgeltlich ausgelegt wird. Die Verteilung erfolgt von Montag bis Freitag frühmorgens im dichten U-Bahn-Netz von Stockholm.

metro wird vornehmlich in der Hauptverkehrszeit zwischen 7.30 h und 8.30 h gelesen, und Stockholmer Bürger schätzen es inzwischen, sich während der Fahrt einen Überblick über das aktuelle Geschehen zu verschaffen.

Die metro-Initiatoren bedienen heute nicht nur den gesamten U-Bahn-Bereich von Stockholm. Die Verteilung erstreckt sich inzwischen auch auf Pendlerzüge - und auch Kaufhäuser, die selbst Zeitungen verkaufen, legen metro aus. Die seit dem ersten Erscheinen 1995 mit knapp 200.000 Exemplaren kontinuierlich gestiegene Auflage korrespondiert inzwischen mit einem Marktanteil am Stockholmer Anzeigenmarkt von 13,2 %.

In Stockholm hat metro nicht nur dazu beigetragen, daß sich Print-Erlöse fortan auf mehrere verteilen; - der Gesamtumsatz hat sich nominal sogar um 175.000.000,--S-KR (37.800 000,-- DM) erhöht - hiervon gingen allein 55 % an metro .

Dieses Konzept ist also in der Lage, auch neue Anzeigenkunden für Zeitungen zu gewinnen. Die Zielgruppe von metro scheint von besonderem Informationsverhalten - denn von den herkömmlichen Abonnementzeitungen wird sie nicht ausreichend erreicht. metro hat inzwischen eine Reichweite von 40% der Bevölkerung Stockholms erreicht - bei 1,3 Millionen Einwohnern - ein beachtlicher Wert. metro hat das Stockholmer Konzept bereits auf andere Standorte projektiert und auch nach Deutschland übertragen. In Planung befinden sich meiner Kenntnis nach die Städte München, Frankfurt und Berlin, sicherlich auch weitere attraktive Standorte mit weitverzweigten U-Bahn-Netzen.

Beim Start in Göteborg traf metro auf völlig andere Voraussetzungen als in Stockholm. Göteborg, eine Stadt mit immerhin 250.000 Einwohnern, hat keine U-Bahn. Man dachte bei metro aber, das gleiche Konzept auf die Infrastruktur der dort gut ausgebauten Bus- und S-Bahn-Netze übertragen zu können - doch hat man sich dort wohl getäuscht.

Zunächst ein kleines Detail mit großer Wirkung: Konnten in Stockholm die eingesetzten Zeitungskörbe vor den Eingangsbarrieren der U-Bahnen und der Rolltreppen noch die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, so liegen metro - Exemplare in Göteborg auch mittags noch mehr oder weniger achtlos in den Auslegekörben der Haltestellen. Ich habe mir sagen lassen, das in dieser Region herrschende naßkalte Klima, die kürzeren Fahrzeiten der Fahrgäste und die meist offen gestalteten Haltestationen tragen ihren Teil dazu bei, daß metro dort nicht so gut angenommen wird.

Ein zweiter wesentlicher Grund ist aber die Stärke der dort vorhandenen regionalen Tageszeitung Göteborgs Posten mit einer Haushaltsabdeckung von gut 70%, "unterstützt" durch andere Medien mit weiteren 10%. Diese erreichen allesamt ihre Leser durch einen funktionierenden Vertrieb schon vor metro. Und damit wird der Blick in metro für die meisten sinnlos und wertlos. Und drittens gab es in Göteborg kluge Strategen. Mit einer 8-seitigen Sonntagsbeilage, einem dem Mutterblatt beigefügten lokalen Buch - ( im Tabloid-Format ! ) - und einem wöchentlich erscheinenden Anzeigenblatt GP Extra hat man den Zugang von metro zum lokalen Werbemarkt frühzeitig und erfolgreich abgedichtet.

Mit letzterem hat man obendrein noch einen Coup gelandet: Das Anzeigenblatt GP Extra schließt die Lücke zur haushaltsabdeckenden Informationsverbreitung, es veröffentlicht ausschließlich redaktionelle Highlights der regionalen Tageszeitung vergangener Tage, und verdeutlicht dem Nichtleser erfolgreich, welche Ausgabe er rechtzeitig hätte kaufen sollen. An Abonnenten der Tageszeitung wird GP Extra übrigens nicht verteilt, die Auflage geht deshalb ausschließlich an 30 % der Haushalte Göteborgs. Das Anzeigenblatt als Köder für Nichtleser der Tageszeitung - ich denke, - ganz unabhängig von metro - sollte man diese Idee auch in Deutschland einmal durchdenken.

Um in GP Extra werben zu dürfen, müssen sie zuvor die Tageszeitung belegen, sozusagen zwangsweise kombinieren, erreichen damit aber auch 100% der Haushalte. Angriff ist und bleibt die beste Verteidigung. Packen wir´s an - oder besser: - Packen Sie´s an, - denn bei uns in Regensburg gibt es auch morgen noch keine U-Bahn.

Ich meine, dieses Projekt birgt ein großes, für uns untragbares Risiko, denn dies ist ein weiterer Schritt zu einer gefährlichen Tendenz, wertvolle Informationen zum Nulltarif zu verbreiten.

metro ist nichts anderes als die logische Übertragung des Finanzierungskonzeptes von Anzeigenblättern auf die Tageszeitung. Daß metro eine Tageszeitung ist, dafür sprechen eindeutige Indizien: Optisch, konzeptionell als Boulevardblatt gut aufgemacht, durchgehend vierfarbig mit Bildern und mit einem Text-Anzeigen-Verhältnis von 60 : 40 absolut textlastig.

Über inhaltliche Qualitäten kann ich aufgrund sprachlicher Barrieren keine Aussage treffen - man erkennt aber, daß eine tiefgreifende Recherche bewußt unterbleibt. Ein kurzer oberflächlicher Überflug entspricht wohl den Lesegewohnheiten in der U-Bahn, was man auch nachvollziehen kann. Was mich beunruhigt, ist die Tatsache, daß die Herkunft des Finanziers, die Preislosigkeit und damit das Konzept insgesamt eine neue Ära im Zeitungsgeschäft bekräftigt.

Natürlich ist es eine Gefahr, wenn Herausgeber und Finanzier sich nicht auch an verlegerischen, inhaltlichen Idealen orientieren, sondern aus rein kommerzieller Sicht ein Produkt Tageszeitung so gestalten, daß sich Erlöse, Gewinn und Rendite optimieren. Aber man kann das bedauern und beklagen: Es wird sich wohl auch an anderen Orten so fortsetzen. Und irgendwann werden auch Zeitungsverlage so handeln, die Anzeigenblattentwicklung zeigt uns dies.

Dies hat aber weitreichende Folgen für unsere Werte, an denen wir uns orientieren: die Glaubwürdigkeit unserer Inhalte und unsere Verantwortung für die Meinungsbildung in unserer Gesellschaft. Aus dem TV Bereich wissen wir um die wirtschaftlichen Erfolge von RTL und PRO 7. Wir wissen aber auch um die Auswirkung der dort angewandten, rein auf die Schaltung von Werbespots ausgelegten Programme für unsere Gesellschaft. Es ist offensichtlich, daß Programminhalte einen Vorzug erhalten, wenn sie besser zu vermarkten sind; vor allem dann, wenn Werbeerlöse das einzige Fundament der Einnahmen bilden.

Wenn wir es zulassen, daß sich dieser konzeptionelle Gedanke auf unsere Zeitungen überträgt, wir somit auf Vertriebserlöse weitgehend verzichten, dann laufen wir Gefahr, uns zur Deckung unserer Kosten und zur Sicherung unserer Existenz in Abhängigkeit zu begeben. Nur wirtschaftliche Selbständigkeit wahrt unsere Unabhängigkeit. Deshalb brauchen wir Vertriebserlöse als eine Garantie für unsere besondere Stärke - eben die Glaubwürdigkeit unserer Informationen. Nur diese Glaubwürdigkeit macht uns einzigartig und grenzt uns von allen anderen Medien ab. Wenn wir beginnen wie metro, unsere Zeitungen kostenlos zu verteilen, wird man uns vergleichen können mit anderen Medien, welche ausschließlich um die Gunst der Werbungtreibenden kämpfen. Langfristig ziehen wir dabei den Kürzeren, denn dann geht es nur noch um Reichweiten, Zielgruppen und Preis- Leistungs-Verhältnisse und wir sitzen mit TV und Radio, höchstwahrscheinlich auch Online-Diensten in einem Boot. Wir müßten uns deshalb darauf verständigen, gemeinsam einen Weg zu gehen - einen Kodex zu vereinbaren, - der uns untersagt, unsere Produkte selbst zu verwertlosen - aber das ist wohl ein frommer Wunsch.

In Arbeitskreis 1 wird auch über ein anderes Phänomen diskutiert: Was passiert, wenn immer mehr Kommunen, Städte und Stadtdirektoren ihre eigenen Blätter herausgeben. Zweierlei: Zum einen beschädigen sie womöglich die wirtschaftliche Grundlage der Zeitung, noch mehr, wenn es zu letztlich steuerfinanzierten Quersubventionen kommt. Zum anderen beschädigen sie sich selbst auf Dauer.

Eine Lehre der Zeitungsgeschichte seit 1945 ist nämlich, daß im Markt nur Blätter bestehen können, bei denen der Leser das Gefühl haben darf, in seiner Erwartung nach umfassender und unvoreingenommener Information ernst genommen zu werden. Läßt eine Zeitung oder ein Informationsblatt dauerhaft verschiedene Standpunkte aus, womöglich sogar systematisch, beschädigt sie die eigenen Marktchancen, beschädigt sie sich und ihre Verantwortlichen. Nicht die Veröffentlichung und Beförderung der eigenen Meinung, sondern die Betreuung der gesellschaftlichen Kommunikation ist ihre schwierige Aufgabe. Man dient eben nicht aus bloßem Eigeninteresse zufällig auch dem Informationsinteresse der Bevölkerung.

"Publishing is People". Und diese Leute sind besser weiterhin Verleger und Journalisten, die ihr Handwerk gelernt haben, und nicht Verwaltungsbeamte oder Oberbürgermeister. Aber alle diese Beispiele - metro, Sonntagsanzeigenblätter und kommunale Blätter - zeigen, daß unser Markt in Bewegung ist.