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Überblick

Wenn der Wirtschaftsteil so spannend wie ein Krimi ist

Von Peter Gillies

 

Daß jeder sechste Deutsche glaubt, die Erde drehe sich um die Sonne, erlaubt ein Schmunzeln. Es erlischt jedoch, wenn man andere Schlaglichter aus der Demoskopie zur Kenntnis nehmen muß. So schätzt eine überwältigende Mehrheit der Mitbürger den Gewinn eines Industrieunternehmens auf gut ein Viertel seines Umsatzes - eine bizarre Annahme, die um ein Zehnfaches neben der Realität liegt. Auf die Frage, wer denn Arbeitsplätze schaffe, antworten die Deutschen zu mehr als 50 Prozent: "der Staat" oder "Ich weiß nicht". Nur zwölf Prozent gaben die richtige Antwort: die Unternehmen.

In Wirtschaftsfragen ist der Durchschnittsdeutsche ahnungslos und deswegen verführbar. Gegen die verbreitete Unkenntnis treten die Wirtschaftsjournalisten an. Keine leichte Aufgabe, denn nur rund ein Drittel der Leser dringt überhaupt bis zum Wirtschaftsteil einer Zeitung vor. Zudem ist die Zeit, die auf Zeitungslektüre verwendet wird, dramatisch gesunken. Andererseits ergeben Umfragen immer wieder, daß die Leser mehr wissen wollen über Konjunktur, Steuern, Geldanlagen und die feinziselierte Verteilung im Sozialstaat.

Offenbar vermag der Wirtschaftsjournalismus diesen Hunger nach Information nicht ausreichend zu stillen. Daß er gewachsen ist, wundert nicht, denn Deutschland ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt. Seine Bewohner verfügen, wie Experten schätzen, über ein Geldvermögen von fünf Billionen und weitere Immobilienwerte von sieben Billionen Mark. Auf den Durchschnittshaushalt entfällt ein Vermögen von rund 280.000 Mark. Wir leben, wie Jürgen Eick, Nestor der Wirtschaftsjournalisten, es formulierte, "im Jahrhundert des kleinen Mannes".

Aber der kleine Mann versteht die großen Dinge der Wirtschaft nicht. Sein Wissen, wie man Vermögen - dem Temperament und dem Lebensalter entsprechend - sicher anlegt und mehrt, ist mit seinem Wohlstand nicht mitgewachsen. Die Klagen über fachchinesische Wirtschaftsberichterstattung versuchen die Printmedien seit einigen Jahren durch grafische Lockerungsübungen zu entkräften: kompakte und gestaffelte Nachrichten, tieferschürfende Analysen und erläuternde Stichworte, aktuelle Schwerpunktbildung, Tabellen, Grafiken, Bilder, Karikaturen.

Dreh- und Angelpunkt bleibt jedoch die Kompetenz des Wirtschaftsjournalisten. Neben seiner handwerklichen Professionalität ist sein Fachverstand gefordert. "Daß die schlechten Wirtschaftsexperten ihre Irrtümer der Öffentlichkeit besser verkaufen als die guten Fachleute ihre Wahrheiten" (Henry Hazlitt, 1946) kann durch kompetenten Wirtschaftsjournalismus verhindert werden. Dabei ist der kühle Sachverstand ein besserer Berater als die aufgeschäumte Erregung.

Gefragt sind Fachleute, die nicht wie Fachleute schreiben. Die immer wieder unermüdlich erläutern, wie das deutsche Rentensystem funktioniert und worin der innere Gleichklang der Europäischen Währungsunion besteht, den sie vornehm "Konvergenz" nennen. Angesichts der verbreiteten Unkenntnis in Wirtschaftsfragen sollte immer einfach - nicht simpel - geschrieben und beschrieben werden.

"Wir schreiben für Leser", wäre ein geeigneter Sticker für viele Redaktionsschreibtische. Denn gerade Wirtschaftsjournalisten sind versucht, für Vorstände, Hauptgeschäftsführer, Politiker und andere Würdenträger zu schreiben. Aber ihr Rezipient ist allein der Leser. Optimal: Der Experte ist noch befriedigt über den fundierten Bericht, der Nichtspezialist aber informiert und gefesselt, weil ihm das Wichtige interessant gemacht wurde.

Der spannende Hintergrund einer Wirtschaftsnachricht erschließt sich dem Spezialisten, aber er muß sie für den Laien aufbereiten: für den Leser mit Hauptschulabschluß wie für den Altphilologen, für den gewitzten Börsianer wie für den verunsicherten Rentner. Kein leichtes Unterfangen, denn der tägliche Wortschwall, der über uns kommt, ist eine ständige Versuchung, das Fachchinesich zu über- statt es auseinanderzunehmen.

Die Informationsflut vor allem der elektronischen Medien leistete dem Eindruck Vorschub, die Menschen wüßten alles. Gewiß, sie schlürfen den jüngsten Sexskandal aus Hollywood, bewundern das geklonte Schaf Daisy, die Viagra-Pille oder ein fünfköpfiges Baby in Timbuktu - aber als die sozialistischen Planwirtschaften zusammenbrachen, waren alle konsterniert. Auch Wirtschaftsjournalisten sollten bedenken: Der Leser ist "overnewsed but underinformed". Dabei können ökonomische Zusammenhänge so spannend wie ein Krimi sein. Werden sie jedoch im Stil einer verlautbarten Expertise angeboten, steigt der Leser nach dem ersten Absatz aus.

In dem verwirrenden Dschungel der Ökonomie täglich einige Breschen zu schlagen, wird recht treffend als "Lebenshilfe für Leser" bezeichnet. Immer mehr Redaktionen erklären Fachbegriffe und Zusammenhänge, geben Tips für Normalverdiener, Anleger und Börsianer. Die seit Jahren anhaltende "Hausse" an den Wertpapierbörsen hat erkennbar das publizistische Angebot gesteigert. Es stößt auf wachsende Nachfrage, auch wenn vermutlich eine Mehrheit den Schauspieler Manfred Krug für den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom AG gehalten haben mag.

Weil halbe Wahrheiten ganze Lügen sind, ist Recherche gefordert. Der Schwall der Tagesinformation läßt immer weniger Zeit, das Mosaik der Informationen angemessen zu vervollständigen. Wenn der Vorstand sein Unternehmen und dessen Geschäftsgang wahlweise in glühenden oder auch in schwärzesten Farben malt, sind weitere Antworten erwünscht: Was sagen die Belegschaften und ihre Betriebsräte dazu? Wie reagiert die Branche, der Konkurrent, der geknebelte Zulieferer? Wie werten die kommunalen Politiker aller Farbschattierungen das Unternehmen? Der Kokon des Expertenwissens ist manchmal so dicht, daß sogar Firmenberichte erscheinen, aus denen nicht einmal zu entnehmen ist, was besagte Firma überhaupt herstellt.

Auf diesen Stoßseufzer seines Lesers sollte jeder Wirtschaftsjournalist hinarbeiten: "Aha, jetzt habe ich endlich verstanden, was und wie die das machen." Wirtschaftsberichte sind keine Gesamtkunstwerke. Aber dem "Terror der Ökonomie" (Bestseller einer Autorin, bei der die Erregung über die wirtschaftliche Urteilskraft triumphiert) brauchen sie nicht zu folgen. Informationen wirken auch dem Eindruck entgegen, als verende das Land unausweichlich in der "Globalisierungsfalle".

Dr. Peter Gillies, freier Journalist, schreibt unter anderem für "Die Welt", er ist Träger des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis.

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Der Mythos vom Amerika-Korrespondenten

Von Stefan Kornelius

 

Zum Bild des Washington-Korrespondenten gehört, daß sein Arbeitstag mit dem Redaktionsschluß in Deutschland endet, also gegen elf Uhr morgens etwa. Damit hat der Korrespondent den Nachmittag frei. Diesem Mythos ist es zu verdanken, daß der Amerika-Korrespondent in deutschen Redaktionen immer noch ein hohes Ansehen genießt - und die Entsendung nach Washington als Krönung des Auslandskorrespondenten-Daseins empfunden wird. Dem Mythos darf deshalb nicht widersprochen werden. Genausowenig darf widerspochen werden, wenn die Zentrale morgens um sechs darum bittet, eben mal schnell im Weißen Haus anzurufen, um was abzuchecken. Am besten im Büro des Präsidenten oder mindestens beim Sicherheitsberater. Man habe ja wohl Kontakte.

Das Leben des USA-Korrespondenten ist also konstruiert aus Mythen und Legenden, die auch deswegen nicht zu zerschlagen sind, weil jeder Kollege aus der Zentrale und mindestens jeder zweite Leser schon einmal in Amerika war. Die Verhältnisse sind bekannt, und überhaupt liegen in den USA die Dinge ziemlich eindeutig: Todesstrafe, Drogenhölle, durchgeknallte Massenmörder, gospelsingende Christenmenschen und dickleibige Hamburgervertilgungsmaschinen - ein kulturloses Volk eben. Woher soll er es auch wissen, der Amerikaner. Hat ja keine Geschichte.

Der Weg nach Washington ist also mit einer Menge Vorurteilen gepflastert, die der Korrespondent bestätigen oder widerlegen kann. Grundsätzlich kann er immer beides, denn Amerika ist ein großes Land. Die ultimative Geschichte über McJobs und die Ausbeutung der Arbeiter im überhitzten Kapitalismus? Kein Problem: In Macedonia, Ohio, zwangen gerade ein paar Kids die lokale McDonalds Filiale mit einem Streik in die Knie, weil sie sich ausgenutzt sahen. Die sagenhafte Geschichte vom Hamburgerbräter zum Millionär? Ebenfalls kein Problem: In Chicago gibt es einen interessanten Mann, der vom Bodenwischer bei McDonalds zum Schichtleiter und schließlich Eigentümer von Hamburgerfilialen aufstieg, seinen Reichtum im Fernsehgeschäft vermehrte und inzwischen als einer der größten Philantropen unter den Schwarzen der USA gilt.

Zunächst muß sich der Korrespondent allerdings entscheiden, ob er von "inside the beltway" oder "outside the beltway" berichten will. Der Beltway ist die Ringautobahn um Washington, und die Arbeitsmethode läßt sich in diesen Tagen vielleicht am ehesten mit unterhalb oder oberhalb der Gürtellinie übersetzen.

"Outside the beltway" liegt das Reportageland: das Amerika der großen Geschichten und der weiten Wege. Da gibt es das so unamerikanische New York, das eitle Boston und die Ostküste, das selbstverliebte Kalifonien, den boomenden und doch noch bitterarmen Süden. Es gibt das fly-over-country, das die meisten nur vom Flugzeug aus sehen auf dem Weg von Washington nach Los Angeles, obwohl sie viel lernen könnten von den Leuten in Nebraska, die nicht unbedingt den neuesten Intimklatsch aus Washington gehört haben, geschweige denn daran interessiert sind.

Im Flecken Colfax, an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Washington und Idaho lebt der Zeitungsreporter David Johnson, der seit 14 Jahren jede Woche das Telefonbuch seiner Heimatregion durchblättert, willkürlich eine Nummer wählt und eine Reportage über den Menschen am anderen Ende der Leitung schreibt. Nachbarn aus seiner Stadt sind dies, Farmer aus der Mitte Idahos, Fabrikarbeiter aus West-Washington, Witwen und Rentner, Junge und Alte. 14 Jahre lang hat David Johnson seine Leser mit spannenden Lebensgeschichten unterhalten - und er hatte nur ein Telefonbuch zur Auswahl.

Der Amerikakorrespondent könnte auf ein paar Zehnmillionen Anschlüsse zurückgreifen, und bei halbwegs systematischer Recherche fände er auch die Belege für alle Klischees: Die Geschichte über die Willkür der Justiz - oder die vom unglaublichen Bürgersinn mit seinem tiefsitzenden Wunsch nach Gerechtigkeit; die Reportage von der genmanipulierenden Industriefarm in Kentucky - oder von der weitverzweigten Ökobewegung und ihrer professionellen Lobbyarbeit zum Schutz organischer Produkte.

Journalismus ist ein subjektives Handwerk; und nirgendwo kann man das besser erfahren als in Amerika, wo die Klischees mit Händen zu greifen sind und die Versuchung immer groß ist, kräftig zuzulangen.

Besonders kräftig zulangen kann man allerdings in diesen Tagen mehr "inside the beltway", was sich, wie gesagt, am besten mit "unterhalb der Gürtellinie" übersetzen läßt und für die Hauptstadt Washington steht, die mit Amerika etwa so viel zu tun hat wie Käsekuchen mit Käse.

Washington ist Paradies und Alptraum in einem für Journalisten, ein Eldorado der Information und gleichzeitig Ort systematischer Instrumentalisierung und Irreführung. Nirgendwo auf der Welt wird Politik auf höchstem Niveau mit größerer Professionalität betrieben, nirgendwo sind die Bandagen härter, die Risiken größer, die Interessen eindeutiger und die Mittel brutaler. Politik in Washington ist tatsächlich ein Geschäft - bei dem ein Auslandskorrespondent allerdings nur mit kleinstem Einsatz beteiligt ist.

Das liegt zum einen daran, daß sich ein amerikanischer Politiker von einer deutschen Zeitung nichts kaufen kann - weder Wähler noch Sponsoren für den nächsten Wahlkampf. Das liegt zum anderen daran, daß die meisten ausländischen Zeitungen mit ihren wenigen Korrespondenten nichts auszurichten vermögen gegen die übermächtige amerikanische Medienwelt, die mit Hundertschaften in die Hauptstadt einfällt und ihre Korrespondenten selbst aus Moskau abzieht, wenn dem Präsidenten ein Amtsenthebungsverfahren droht.

Da gab es also in den vergangenen Monaten viel zu lernen über den Journalismus in Amerika, über Hysterie und Bedenkenlosigkeit im Umgang mit Fakten und Gerüchten. Da konnte man einige interessante Beobachtungen machen über die Verstrickung von Politik mit dem Privatleben und die Doppelmoral vieler Journalisten. Und da konnte man schließlich die Lehre daraus ziehen, daß es in den USA doch noch so etwas wie einen gesunden Menschenverstand gibt, der - um ehrlich zu sein - am besten bei gefülltem Geldbeutel funktioniert.

Die Lehre für den Journalismus und den Auslandskorrespondenten insbesondere war aber, daß man mehr auf die Menschen in Nebraska hören sollte statt auf das endlose Gequake in Washington. Der heilige Vorsatz für Generationen von Amerikakorrespondenten: daß man also mehr hinaus sollte ins Land, "outside the beltway", dort wo die Geschichten im Telefonbuch stehen. Reisen - die Oper in der Wüste, den letzten Goldgräber in den Rockies, die Computer-Opas aus dem Silicon Valley und die versunkenen Städte im Mississippi-Delta. Reisen! Ist aber wieder nur so ein Mythos über den Amerika-Korrespondenten.

Stefan Kornelius ist USA-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in München.

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Wenn's brennt, dann immer auch bei der Lokalredaktion

Von Werner Schwarzwälder

 

Für keinen Bereich einer Zeitung eignen sich Schablonen so wenig wie für das Lokale. Weder gibt es die Lokalredaktion, noch den Lokalredakteur. Der Leiter einer Großstadtredaktion mit einem Team in Orchesterstärke gehört ebenso zu dieser Spezies Journalisten wie der Einzelkämpfer in einer Kleinstadt, weitab von der Zentralredaktion und auf sich gestellt. Gemeinsam ist ihnen aber, den unmittelbaren Lebens- und Erfahrungsbereich der Leser ausleuchten zu dürfen. Sie beackern ein weites Feld. Das Herbstfest des Kleingartenvereins gehört ebenso dazu wie die Schulhauseinweihung, aber auch der Skandal um die Spenden der örtlichen Bank. Und wenn's brennt, dann immer auch bei der Lokalredaktion.

Nirgendwo im Zeitungsbetrieb liegen Last und Lust so dicht beieinander. Die Nähe, das ständige Dabeisein wirken als nie erlahmende Antriebsfedern. Mittendrin zu stehen aber unverstanden zu bleiben, als Nestbeschmutzer abgestraft zu werden, wenn aufbauende Kritik gemeint war, das kann sich schon mal wie Blei auf eine Redaktion legen. Graswurzeljournalismus kennt immer zwei Seiten.

Im günstigsten Fall beginnt der Arbeitstag des Lokalredakteurs mit Spannung und Nervenkitzel. Wenn eine oder gar mehrere Konkurrenzzeitungen am Ort erscheinen, was nur noch auf jede zweite Lokalredaktion zutrifft, gilt ihr die allererste Aufmerksamkeit. Ist "bei den anderen" etwas zu lesen, was wir nicht haben? Konnten wir die heiße Story des Jungredakteurs exklusiv behalten? Oft sagt ein kurzer Fluch dann mehr aus als lange Blattkritik.

Ein Blick in den Terminkalender verrät, was heute zu erwarten ist. Zwei Pressegespräche, eines mit dem Kulturamt, eines mit den vereinigten Naturschützern, stehen an. Der Gemeinderat tagt erst morgen. Es gilt aber heute schon, das Abstimmungsverhalten der Fraktionen zur Müllgebühr auszuloten. Somit bleibt für das Team um den Lokalchef genügend Zeit, eigene Themen aufzugreifen. Einen unverzichtbaren Beitrag zur Zeitung von morgen leisten zudem freie Mitarbeiter, die ihre Berichte und Bilder gegen Honorar abliefern.

Unbedingt recherchiert werden sollte, ob die Platanen der Parkallee wirklich so geschädigt sind, daß sie gefällt werden müssen. Wenn ja, gilt es, die Leser umfassend aufzuklären. Nicht alles, was Verwaltungen anleiern, ist übel. Wehe aber dem Gartenamtsleiter, der erhaltenswerte Bäume abholen läßt. Dann wird er die Kontroll- und Forumsfunktion der Lokalzeitung zu spüren bekommen und muß sich warm anziehen. Die Leserbriefspalten dürften nicht ausreichen, den geballten Zorn der Bürger zu kanalisieren. Im Rathaus herrscht Krisenstimmung, weil wieder einmal in der Zeitung stand, was eigentlich unbemerkt über die Bühne gehen sollte.

Bekommt eine Redaktion viele Hinweise aus der Leserschaft und geht ihnen auch nach, spielt sie in der Stadt eine wichtige Rolle. Sie ist am Ball, sorgt für Gesprächsstoff und setzt Zeichen: Wer die Zeitung nicht gelesen hat, kann nicht mitreden.

Redakteur kommt von "redigieren", was heißt; Texte bewerten, auf Genauigkeit und Glaubwürdigkeit überprüfen, korrigieren und letztlich zu präsentieren, gehört zum Kerngeschäft. Bilder wollen ausgewählt und Graphiken in Auftrag gegeben sein. Zum Schluß muß die Seite ein harmonisches Ganzes bilden und dem Leser viele Einstiegsanreize in die Lektüre der Beiträge bieten. Griffige Titel gehören dazu. Üblicherweise sind Lokalredakteure heute dank moderner Computertechnik für Inhalt und Gestaltung alleine verantwortlich und liefern die Seiten druckfertig an die Technik. Artikel wandern aus dem Kopf direkt in den PC, ganze Seiten entstehen im Laufe des Tages am Bildschirm. Auch Bilder werden in Datensätze verwandelt und huschen wie von Geisterhand gelenkt, an die richtige Stelle zum Artikel.

Der Zeitungsredakteur weiß, wovon Lichtenberg spricht, wenn er sagt: "Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemanden den Bart zu sengen". "Mußte das sein?", ist die häufig gestellte Frage an die Journalisten, wenn wieder einmal der Finger auf eine wunde Stelle gelegt wurde. Schulterschluß mit den Mächtigen, zu Kreuze kriechen, die Fahne der Wahrheit einrollen, Gefälligkeitsjournalismus pflegen, das alles gilt als Untaten. Auf der anderen Seite müssen sich gerade die Lokalredakteure Gedanken über die Folgen ihres Tuns machen. Nebenwirkungen stellen sich so unmittelbar ein wie nirgends sonst.

Schnell wird der Lokalredakteur von seinen gedanklichen Abschweifungen in die Welt der Medienwirkung auf den Boden der Realität geholt, wenn es gilt, die aktuelle Berichterstattung über die Zirkuspremiere mit den Nachbarredaktionen abzusprechen. Wieviel davon müssen die Leser der angrenzenden Ausgabe erfahren? Fragen, die sich angesichts gestiegener Mobilität gerade im Freizeitsektor heute anders als vor 30 Jahren stellen. Dazwischen die Bitte einer Kollegin der Landesredaktion, doch drei Sätze für einen zusammenfassenden Bericht zur Lage der Kurbetriebe nach der jüngsten Gesundheitsreform beizusteuern: "Aber bitte nicht mehr!" Wird gemacht, weil auch das zum Job gehört.

Werner Schwarzwälder ist Chefredakteur des "Südkuriers" in Konstanz; von 1980 bis 1990 leitete der die Lokalredaktion der Zeitung.

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Kritik - eine Kunst aus zweiter Hand

Von Dieter Strunz

 

"Sie haben erkannt und deutlich gemacht, was ich mit meinen Filmen im Sinn habe. In ihrem Artikel konnte ich mich wiedererkennen." Das schrieb mir einmal ein nicht nur sehr liebenswürdiger, sondern wohl auch ehrlich zufriedener und dankbarer Interviewpartner.

"Sie dürfen gern wieder in mein Theater kommen. Ich werde mir dann erlauben, Sie im ersten Stock durch die Tür am Ende des Ganges ins Freie zu bitten." Das war vor Jahren die Pointe im Schreiben eines kampflustigen Theaterintendanten, der sich über einen Bericht von mir so sehr geärgert hatte, daß er mich glatt durch eine Tür geschickt hätte, hinter der nur noch die Berliner Luft und der Abgrund warteten.

So unterschiedliche Reaktionen sind natürlich ungewöhnlich und selten im Alltag der journalistischen Untergattung des gemeinen Kritikers. Noch seltener sind so handfeste Argumente, wie sie die große Schauspielerin Käthe Dorsch im Jahre 1956 bei einer Begegnung mit dem nicht minder großen Rezensenten Hans Weigel fand. "Sind Sie der Kritiker Weigel", fragte sie den gefürchteten Theaterbeobachter vor dessen Wiener Lieblingscafé, dem Raimund. Es war übrigens ein Freitag, der 13, im schönen Monat April. Als Weigel bejahte, versetzte sie ihm zwei Backenstreiche, die noch lange in den Gazetten und vor Gericht nachhallten und schließlich der Burgtheater-Heroine 500 Schilling Strafe - ersatzweise drei Tage Arrest - eintrugen.

Und dann gibt es ja noch das sarkastische und gottlob wohl nicht ganz ernst gemeinte Wort des großen Goethe, mit dem er 1775 sein Gedicht "Der unverschämte Gast" beschloß: "Schlagt ihn tot den Hund! Er ist ein Rezensent."

Die Wirklichkeit im kritischen Gewerbe sieht allerdings weitaus weniger dramatisch aus. Verbale Schmeicheleien oder Verwünschungen und erst recht die handgreiflichen Reaktionen sind durchaus Ausnahmen von der Regel. Sie lautet: Meist erntet der Kritiker, wenn er nicht extreme Kapriolen schlägt, höfliches oder betroffenes Schweigen, vielleicht auch ein einverständiges Kopfnicken, von dem er nichts erfährt. Das ist alles in allem das Beste, was ihm widerfahren kann. Denn ungeachtet aller prominenten Gegenbeispiele von Fontane bis Kerr, von Friedrich Luft bis Marcel Reich-Ranicki - der Kritiker betreibt eine Kunst aus zweiter Hand und tut gut daran, stets ein Stück hinter die Sache zurückzutreten, die er beschreibt. Auf daß sein mächtiger Schatten nicht das Objekt der Schelte oder Lobpreisung verdüstere.

Wenn wir von der schreibenden oder plaudernden Zunft stets auch stolz auf unsere Spezialbegabung sind, auf einer Glatze Locken zu drehen - eigentlich sind wir Diener des beschriebenen Dinges und nicht seine Herren. Wir sollten, wenn wir kunstgerecht kunstrichtern, vorab einmal informieren: möglichst lesbar und unterhaltsam, womöglich sogar amüsant, jedenfalls nicht langweilig. Das unter keinen Umständen. Wir sollen das Was und das Wo, das Wie und das Warum mitteilen und berichten, welche Künstler uns in welchem Rahmen mit welcher Wirkung welche Werke vorgestellt haben. Wir dürfen Vergleiche anstellen und frühere Erkenntnisse und Erfahrungen einbringen, aber nicht zu reichlich, damit die Sache weder ins Schwafeln noch ins Dozieren gerät. Bildungsprotz schafft selten Sympathie. Und das alles muß von der Tatsache unberührt bleiben, daß der Kritiker vielleicht gerade einen verdorbenen Magen, eine gestörte Nachtruhe oder eine verkorkste Beziehung zu beklagen hatte.

Kommt hier schon nicht Liebe ins Spiel, so gehört sich doch der Anteil, der da Achtung heißt. Achtung vor jenen Frauen und Männern, die sich mit Herz, Haupt und Haar einer Aufgabe gewidmet haben, ob es ein Bild, ein Theaterstück, eine musikalische Komposition eigener oder fremder Herkunft ist oder was sonst auch immer. Wenn es sich nicht um die seltenen Sonderfälle bewußter Täuschung oder vorsätzlicher Scharlatanerie handelt, die es auch geben soll, so haben sie für ihre Hervorbringung Fleiß, Talent, Ausdauer und Entbehrung investiert, dazu private oder öffentliche Gelder. Sie haben ihr Bestes gegeben, dafür haben sie beste Behandlung verdient und nicht nur ein paar forsche Zynismen.

Das vergessen speziell junge Kritiker, die sich für ihre ersten Aufträge mit Speer und Schild rüsten und lospreschen, als ging es gegen ein ganzes Heer von Feinden und nicht gegen Windmühlenflügel, die manchmal bloß in ihrem Kopf existieren. Später werden auch sie wohl reifer, weiser und milder, aber erst einmal wollen sie mir ihren kühnen Attacken, ihren scharfen Scharmützeln und ihren gnadenlosen Stößen die Welt staunen machen. Die staunt aber meist gar nicht, die undankbare Welt, sondern lächelt wissend oder schüttelt ein wenig den Kopf. Denn nicht selten produziert heiße Lust auch nur heiße Luft.

Natürlich will ich nicht der Beschönigung oder Schönrederei das Wort reden. Kein Mensch wünscht sich eine Rückkehr zur "Kunstbetrachtung" unseligen Angedenkens, als Kritik verboten war und auf Anordnung von Goebbels über alles "nur eine allgemeine Reichs-Lob-Sauce gegossen werden durfte", wie der Kritiker Werner Fiedler einmal schrieb. Wenn auf der Bühne nichts klappt außer den Türen, wenn die geplante Wirkung verpufft, die Pointen nicht zünden und das Absenken des Vorhangs zum Akt der Gnade wird, dann muß das auch gesagt sein. Aber bitte mit Liebe und nicht mit der Schrotflinte. Aber bitte mit Witz und womöglich Charme und nicht mit Vitriol und Häme. Aber bitte mit Argumenten und verwertbarer Information und nicht zum Zwecke selbstverliebter Spiegelgespräche nach dem Motto: Wer ist der oder die Schönste, Größte und Gescheiteste im ganzen Land?

Denn schließlich - Kerr hin, Reich-Ranicki her: Ist nicht Kritik immer nur eine Kunst aus zweiter Hand, wichtiger Stichwortgeber, vernehmbarer Souffleur, aber nie Hauptfigur im großen Spiel?

Gute, große Kritiker der Zeitungszunft haben nie Probleme damit gehabt, zu loben und ihr Herz über die Rampe zu werfen. Sie tun es in der Regel viel lieber als zu schelten. Ich habe solche gekannt, die an ihren notwendigen Verrissen geradezu körperlich litten. Viel lieber zogen und ziehen die Meister der feinen Feder das blaue Fähnlein der Anerkennung, den grünen Wimpel der Hoffnung, das goldene Banner des Erfolges auf. Die vielen Kritikerauszeichnungen, ohne die im städtischen Kulturleben oder auf kleinen und großen Festivals das Salz an der Suppe fehlte, sind der beste Beweis: Selbst die schärfsten Kritiker sind verhinderte Liebhaber. Man läßt sie nur nicht.

"Er besuchte alle Premieren, nicht aus Liebe zur Kunst, sondern nur um als erster Nein sagen zu können", wird Kurt Tucholsky zitiert, einer der prominentesten Vortänzer der kritischen Künste. Hier irrte Tucho. Denn ein Kritiker, der nicht liebesfähig ist, nicht lieber adelt als tadelt, hat eigentlich seinen Beruf verfehlt.

Dieter Strunz war viele Jahre Feuilleton-Chef der Berliner "Morgenpost" und ist heute noch als freier Mitarbeiter für die Zeitung tätig. Er ist Träger des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis.

Das Big Business und der Sport

Eine Herausforderung für die Zeitungsredaktionen

Von Wolfgang Wiedlich

 

Nichts demütigt den - schreibenden - Sportjournalisten zuweilen mehr als im Gerangel um exklusive Interview-Wünsche wieder einmal gegen das Fernsehen zu verlieren. Besonders bei den Top-Verdienern zwischen Formel 1 und Center Court hat der Mann des gedruckten Wortes meist schlechte Karten. Es hat vor allem aus Sicht des umworbenen Stars Nachteile, seine begrenzte Zeit einem Medium zu schenken, das naturgemäß nicht in der Lage ist, das gesprochene Wort mit dem Sponsoren-Logo am Revers zu verbinden. Und dann noch die Reichweite: Wie viele Menschen erreicht der Sportler mit - beispielsweise - SAT.1, WDR-Hörfunk, "Sport-Bild" oder der lokalen Zeitung?

Um diese und andere Fragen für begehrte Sportler zu beantworten, bieten hochdotierte und spezialisierte Berater ihre Dienste an. Sie sind weit mehr als provisionsgestützte Spieleragenten, deren Job es ist, das Jahressalär über das eigentlich Mögliche hinaus zu steigern. Berater tüfteln an Strategien und Konzepten für einen optimalen Medien- und Werbeauftritt ihrer Mandanten und den Wegen dorthin - auch im Interesse jener Produkte, die ein Spitzenkönner außer seiner Sportart noch vertritt. Das kann ein Joghurt sein, aber auch eine Versicherung.

Es blieb nicht geheim, daß ein gewisser Ion Tiriac es in den 80er Jahren wiederholt versucht hatte, seinen Boris aus Leimen für exklusive Personality-Geschichten an Zeitschriften und Fernsehsender zu exklusiven Gagen zu vermarkten. Aber der Bärtige aus Transsylvanien und seine nicht wenigen Nachahmer merkten schnell, daß Redaktionsbudgets nicht auf "Informationshonorare" ausgelegt sind, auch dann nicht, wenn eine "Enthüllungsstory" sich um das Lieblingsdessert des Stars oder die Augenfarbe seiner neuen Freundin dreht.

"Doch viel mehr scheiterten diese Versuche am journalistischen Selbstverständnis", resümiert Wolfgang Goetz, heute Chef der Londoner Agentur Merchandising Partners Limited. Der ehemalige Geschäftsführer von Mark McCormacks IMG, einem der weltweit bedeutendsten Sportvermarkter, hat jedoch beobachtet, wie die neuen Marktverhältnisse längst neue Gepflogenheiten geschaffen haben: "Heute hängt ein Kreditkarten-Logo im Fernsehstudio, das für den Promoter viel mehr wert ist als ein Info-Honorar und auch keine Gewissensbisse erzeugt."

Medien, Sport, Sponsoren: Boris Becker und Steffi Graf haben nicht nur Tennis zwischen Aurich und Altötting populär gemacht, sondern sie waren vor allem Wegbereiter für das Big Business im Sport. Bis dato war die deutsche Sponsoring-Landschaft Brachland, dann Neuland, inzwischen ein florierendes Millionengeschäft, nicht zuletzt durch den deregulierten Fernsehmarkt. Erst kam RTL-Wimbledon, dann SAT.1-Fußball, schließlich RTL mit Formel 1 und Boxen. Mittlerweile haben die Wellen des schwunghaften Sportrechtehandels auch den EU-Kommissar Karel van Miert erreicht, der argusäugig alle Allianzen beobachtet und versucht, erste Linien zu ziehen, um potentiellen Konflikten zwischen Sender- und Club-Eignern im Fußball entgegenzuwirken. "Scheingefechte", sagt Goetz, "angesichts der angehäuften Machtmonopole zum Beispiel eines Herrn Murdoch".

In dem filigranen Bermuda-Dreieck "Medien-Sport-Sponsoren" spiegelt sich ein Geflecht interessanter symbiotischer Beziehungen. Wer wann Wirt ist, wer wann Parasit, läßt sich im Entwicklungszyklus eines Sportprodukts nicht so eindeutig festlegen. Bis einzelne Sportarten oder Athleten kommerzielle TV-Selbstgänger sind, schweben alle drei Größen in gegenseitiger Abhängigkeit. Aber: So sehr der Bewegungsraum der schreibenden Journalisten durch die Sportinvasion auf der Mattscheibe geschmälert erscheint, so sehr schlummern auch Chancen in der allgemeinen Reizüberflutung, in deren Gefolge sich die Wirkung der klassischen Werbemedien wie TV-Spot oder Anzeige zu verflüchtigen drohen. Die kritische Hintergrundgeschichte über "Schumi" oder "Loddar" bleibt somit weiter ein Garant für Aufmerksamkeit, erst recht im Zeitalter der telegenen Häppchenkost, die mit Einsdreißig-Beiträgen als sogenanntes Infotainment daherkommt. Auch im Zählwerk des Marketings nach Anzahl und Qualität der Kontakte haben die Zeitungsredaktionen wieder an Gewicht gewonnen. Wie der gewitzte Tiriac doch irrte.

Während im deutschen TV-Fußballrechtehandel nach dem Millionen- längst das Milliardenrad gedreht wird, im Tennis keine adäquaten Nachfolger für Boris und Steffi am Horizont auftauchen und Henry Maske nur eine Sternschnuppe am deutschen Boxhimmel war, läßt sich noch nicht erahnen, ob die TV-Sender ohne Fußball-Erstübertragungsrechte weiter um Zweit-, Dritt- und Viertverwertungsrechte rangeln, oder ob einige Sender eine andere Sportart telegen aufbauen. Fest steht für den PR-Experten Peter Olsson: "Der Sport wird über den Fußball hinaus eine immer stärkere Rolle im Sponsoringgeschäft spielen, weil die Industrie Kunden und Konsumenten auf einer emotionalen Basis erreichen will. Und das geht am einfachsten über den Sport." Olsson weiß, wovon er spricht, schließlich hat er den Mehrfachnutzen seines Mandanten, des Fußballprofis Oliver Bierhoff, beachtlich gesteigert. Der smarte Kopfballspezialist spielt nicht nur für den AC Mailand, sondern auch für Danone, Deutsche Bank, L'Oreal, Quelle und Nike.

Der Erfinder des Werbepools von "ranissimo" bei SAT.1 - einst bei der Münchner Sportrechte-Agentur ISPR angestellt und heute freischaffend - sagt ein neues Zeitalter voraus, das jedoch auch er vorerst nur schemenhaft erkennt: "Vereine, egal welcher Sportart, die es jetzt nicht schaffen, eine GmbH zu werden, bleiben auf der Strecke." Da ist sich Olsson mit seinem Kollegen Goetz einig, der über kurz oder lang "Allianzen zwischen Großhallenbetreibern und TV-Sendern sowie Vereinen und Verbänden" kommen sieht. Die Medien schaffen den Markt, die Industrie sorgt für wirtschaftlichen Schwung - und Vereine und Athleten liefern das Programm. Mit anderen Worten: Die Antwort des Sports in Deutschland auf die Bedürfnisse der Industrie steht noch aus, denn Fußball allein kann das Potential nicht ausschöpfen. Wer das Gras wachsen hört, tippt auf moderne Sportarten mit amerikanischem Touch. Eine heißt Basketball, wo man den anstehenden Vermarktungsboom mit Sportrechten nicht verpassen will. Zumindest haben die deutschen Bundesligisten die neue Wirklichkeit erkannt und ihre BBL GmbH gegründet. Ob auch deren Mitgliedern, den Vereinen, der Sprung zur Kapitalgesellschaft gelingt, hängt nicht zuletzt vom Deutschen Basketball Bund e. V. ab. Eine GmbH kann dort kein Mitglied sein. Fragen, die zur Zeit alle Sportverbände zwischen Fußball und Tischtennis hinter den Kulissen beschäftigen. Kaum vorstellbar, daß künftig Vereine mit einem e.V.-Status einzeln um TV-Senderechte verhandeln, wie dies beim Fußball jetzt zwar rechtlich möglich, aber politisch nicht gewollt ist. Ausgerechnet die Prediger des freien Marktes wollen den Sport vom Wettbewerbsrecht abkoppeln.

Für die Tageszeitung stellen sich andere Probleme: Wenn der e.V. zur GmbH wird - berichtet dann der Sportreporter künftig nicht nur über Spielerwechsel, sondern auch über neue Gesellschafter und Bilanzen? Oder wandert ein Teil der Sportberichterstattung in die Wirtschaftsredaktion, ein anderer gar auf die Medien-Seite? Die regionale Tagespresse, die "unglaublich wichtig" (Olsson) ist, steht in ihrer Sportberichterstattung vor einem Umbruch, der ihr große Chancen eröffnet, sofern sie ihren Blick - noch mehr als bisher - über das rein sportliche Tun hebt. Es ist ja nicht nur der große Sport, sondern bereits der Fußball-Regionalligist oder Handball-Zweitligist vor der Haustüre, der bald vor einer Änderung seiner Rechtsform steht.

Macht überregional der Kampf um TV-Rechte Schlagzeilen, weht auch in der lokalen Sportförderung der Wind längst aus einer anderen Richtung - und bis in die Redaktionen hinein. Ursache: Die Sportförderung vor Ort durch Land und Kommune bringt häufig nur noch kleinste Beträge hervor. So hat der städtische Sparzwang auch den Sportverein um die Ecke verändert und Einzelhändler zu Sponsoren werden lassen - Sportvereine, die nicht mit einer Fernsehminute pro Jahr aufwarten können, und Einzelhändler, die mehr als Mäzenaten sein wollen. Was für einen Gegenwert kann die Kleinfirma erwarten?

Sie hofft darauf, daß ihr Name hier und dort im Sportteil erscheint. So steht in einer typischen deutschen Mittelstadt mit mehr als 200 Sportvereinen und noch mehr Sponsoren der Sportredakteur, immer die Gleichbehandlung im Auge, täglich vor einem Berg der Begehrlichkeiten. Dazu die Berührungsängste zwischen Anzeigenabteilung und Redaktion. Sensible Fragen überschreiten die Demarkationslinie zwischen Verlagsgeschäft und Journalismus: Soll hier die Anzeige durch Trikotwerbung ersetzt werden? Oder gibt es die nächste Anzeige womöglich nur, wenn das Trikotlogo zu sehen war? Für den Zeitungsredakteur bedeutet das eine Gratwanderung in einem Neuland ohne Normen. Denn die alten Koordinaten taugen nicht mehr zur Navigation in einer Landschaft, die sich rasant verändert; neue entwickeln sich erst anllmählich: Kurz: Es hat ein Umdenken in dem Sinn begonnen, daß die Berichterstattung nicht nur die gebotenen Sportleistungen würdigt, sondern die Leser auch über das Unternehmen informiert, das diese erst ermöglicht hat.

Wolfgang Wiedlich leitet beim Bonner "Genaral-Anzeiger" das Ressort "Journal". Er ist Träger des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis und Präsident des Basketball-Bundesligisten Telekom Baskets Bonn.