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Wie die Zeitung in den wilden Westen kam

Von Christine Wagner

 

Tja, würde LUCKY LUKE wohl ganz cool sagen: ,,Auf Planwagen natürlich!" Zwischen all den Pionieren, die auf der Suche nach fruchtbarem Land ins Ungewisse aufbrechen, findet man sie immer wieder: Einzelne, von missionarischem Eifer beseelte ,Redakteure' schleppen ihre schweren Handpressen Marke ,,Washington" oder "Columbian" und die Kisten mit Bleibuchstaben auf Pferdegespannen an jeden Ort, an dem im amerikanischen Westen Neues entdeckt wird. Bevor der erste Goldkrümel in Kalifornien auf der Waage liegt, erscheint bereits im Januar 1847 die Zeitung "CALIFORNIA STAR" und löst mit ihren phantasievollen Berichten über die angeblich so sagenhaften Goldfunde eine regelrechte Völkerwanderung aus. Wenn der Pony Express in zehn Tagen den Kontinent durchquert, ist die Presse dabei, und natürlich erst recht, wenn die Eisenbahnlinie den Pazifik mit dem Atlantik verbindet - aber auch, wenn es gilt, die Indianer als blutrünstige Monster darzustellen. Immer und überall finden sich mutige Männer, die recherchieren, schreiben, sich irgendwoher Papier beschaffen, ihre Artikel darauf drucken - und dann am besten gleich noch ihr Pamphlet selbst verteilen.

Auf diese Weise kommt es zu einer ungeheuren Pressevielfalt, bei der die einzelnen Redakteure zwar oft unabhängig, aber selten neutral über die Geschehnisse vor Ort berichten. Wie sollen sie auch. Oft genug bekommen sie die Reaktion ihrer geneigten Leser auf die von ihnen angeprangerten Probleme hautnah zu spüren. Und dabei ist der wütende Saloonbesitzer noch harmlos, dem unterstellt wird, sein Whisky sei gepanscht! Jede Nachricht, die in einer Zeitung verbreitet wird, trifft auf ein in hohem Maß interessiertes Lesepublikum. Die Zeitungen, Sonderausgaben und fliegenden Blätter, die es immer wieder schaffen, auch den entlegensten Winkel zu erreichen, sind die einzige Verbindung der Menschen mit der Außenwelt in einem kaum entdeckten Kontinent. Kein Radio und kein Fernsehen hält sie über die täglich stattfindenden, bahnbrechenden Neuerungen auf dem laufenden. Und es sind nicht nur die großen Weltgeschehnisse, die die Leute umtreiben. Was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert, sich quasi vor der Haustür abspielt und sie auch direkt betrifft, das wühlt die Menschen auf, und zwar ganz besonders dann, wenn es in der Zeitung steht. Denn man will ja schließlich wissen, wie es passieren kann, daß die Tomaten auf ihrem Weg vom Feld bis zum einzigen Laden der Stadt ihren Preis glatt verdreifachen! Oder ob Mrs. Fotheringham sich wieder am großen Wettstreit um den besten Apfelkuchen bewirbt und natürlich... Ob die Daltons schon wieder ausgebrochen sind!

Die Kunst, formvollendete Sätze aufs Papier zu bringen, steht damals nicht sehr hoch im Kurs und ist auch keinen Pfifferling wert, sofern der "Herr Redaktör" nicht mindestens genauso elegant mit dem Schießeisen umgehen kann. (Ob damals wohl der Ausdruck "Revolver-Journalismus" geprägt wurde, wovon uns bis zum heutigen Tag das berühmte "Revolver-Blatt" erhalten blieb?) Jedenfalls ist verbürgt, daß der erste Chefreporter des 1858 in Carson City (Nevada) gegründeten "TERRITORIAL ENTERPRISE" - kein geringerer als Mark Twain - jeden Bewerber für einen Redakteursposten als erstes fragte: "Wie gut können Sie schießen?"

Daß diese Frage nicht ganz unberechtigt war, zeigt sich im Jahr 1860, als Tom Fitch, der Verleger des "VIRGINIA DAILY UNION" den Verleger von besagtem "ENTERPRISE" zum Duell herausfordert. In San Francisco wird 1856 ein Reporter des "BULLETIN" auf offener Straße von einem Lokalpolitiker erschossen, der sich durch einen Artikel beleidigt gefühlt hatte. Rüde Auseinandersetzungen und Schießereien, sei es zwischen einzelnen Redakteuren, sei es zwischen Journalisten und ihren Lesern, gab es im tiefen Süden der USA bis ins 20. Jahrhundert, als die Frauen der Redakteure des "MISSISSIPPI JOLRNAL" noch 1933 ihren Ehemännern morgens die Schrotflinte ins Büro mitgaben.

Nach intensiver Recherche und unzähligen Befragungen ist es uns gelungen, einen Artikel zu rekonstruieren, der aus der "SAINT LOUIS TRUMPET" stammt und ungefähr folgenden Wortlaut gehabt haben muß:

Unsere hochgeschätzte Konkurrenz vom "MIISOURI REPUBLICAN" (mögen alle Alligatoren des Mississippi sie mit Mann und Maus verschlingen!) hat mal wieder eine brisante Falschmeldung abgesetzt: Unter der Überschrift "Übermut oder Selbstmord?" wollte man uns weismachen, daß der berühmte Cowboy LUCKY LUKE im Mississippi ums Leben gekommen sei. Darin steckt natürlich nicht mal ein Körnchen Wahrheit, und man darf sich zu Recht die Frage stellen, wie diese einäugigen Analphabeten von Schreiberlingen überhaupt zu solchen Meldungen kommen... Daher, hochverehrtes Publikum, verschwenden Sie nicht Ihre Zeit und noch weniger Ihr sauer verdientes Geld an dieses durch und durch korrupte Schundblatt, das seiner eigentlichen Verwendung nur an einem ganz gewissen Örtchen zugeführt werden

sollte - nur bei uns erfahren Sie alles über die neuesten Abenteuer von LUCKY LUKE!

(Die Abenteuer Lucky Lukes mit der Zeitung sind im Album/Nummer 45 "Daily Star" ausführlich beschrieben.)

 

Christine Wagner ist im Egmont Ehapa Verlag verantwortlich für Presse/LUCKY LUKE