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Wieso braucht der Mensch Zeitungen?

Von Herbert Riehl-Heyse

 

Vielleicht muß der Mensch ja gar nicht so viele Einzelheiten wissen, wie immer behauptet wird. Das wichtigste erfährt man doch sowieso: Daß der Ball rund ist, und Guildo Horn Deutschlands bedeutendster Bariton, und daß Helmut Kohl findet, er müsse noch lange Bundeskanzler bleiben. Das alles bekommt man ohne weiteres mit, wenn man sich einen Abend lang durch zwanzig Fernsehprogramme zappt. Wieso also bräuchte der Mensch Zeitungen? Freilich gibt es auch ein paar noch Anspruchsvollere unter uns. Stellen wir uns, nur als Beispiel, jemanden vor, der gerne wüßte, was sich die FDP für die Zeit nach der nächsten Bundestagswahl wirklich vorgenommen hat. Gut, der Betreffende hätte wieder nur fernsehen können, dann hätten er oder sie in einer einzigen Frühlingswoche dieses Jahres 1998 gelernt, was alles geplant ist: Daß die Liberalen mit der CDU koalieren aber ohne Kohl (Modell Westerwelle), oder aber mit der SPD und ohne Kohl (Möllemann), oder doch mit der CDU und mit Kohl (Modell Gerhardt), am Ende vielleicht sogar mit Kohl aber ohne CDU. Lauter großartige Möglichkeiten sind das, alle sind plausibel - nur leider nicht so einfach miteinander in Deckung zu bringen. - In einer solchen Situation nun hat die Tageszeitung einzuspringen:

Auch sie berichtet natürlich über alle vorgeschlagenen Varianten, damit die demokratische Bandbreite einer innerparteilichen Diskussion auch ihren Lesern ganz deutlich wird. Dann aber erklärt die Zeitung die Dinge hinter den Dingen. In diesem Fall erklärt sie, daß hinter dem Abwurf all der Nebelkerzen eine große, eine kühne Idee steckt, insofern nämlich die FDP dieses Mal die absolute Mehrheit erringen will. Oder so.

Wie gesagt, nur ein Beispiel. Wenn mit seiner Hilfe vielleicht schon einiges geklärt ist, dann folgt nun der Salto mortale ins Prinzipielle. Die Welt, so lautet unser Lehrsatz, ist praktisch nicht mehr zu verstehen, und erklären kann sie erst recht fast keiner mehr:

nicht die Politiker, die ja auch immer wahlkämpfen müssen; nicht die Fachleute, die nur etwas von ihrem ganz kleinen Fachgebiet verstehen, das leider tags darauf schon wieder in drei neue Abteilungen zerfällt. Bleiben die Zeitungsredakteure, die über alledem stehen. Weil sie über ihre traditionelle Halb- bis Zehntelsbildung verfügen, und vor allem über den unglaublichen Mut, an der Fülle ihrer Kenntnisse und Erkenntnisse ihre Leser täglich aufs Neue teilhaben zu lassen.

So hält die Zeitung alles zusammen: die zersplitternde Gesellschaft, die unverständliche Welt - und das Kilo Tomaten, Handelsklasse a, das sich seit jeher sehr gut in die schönsten Leitartikel und subtilsten Reportagen einwickeln läßt. Selbst mit sehr guten Fernsehgeräten oder Internetanschlüssen ist dieser Effekt bisher nur schwer zu erreichen gewesen.

Herbert Riehl-Heyse ist leitender Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" in München und Träger des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff Preis.