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Polen-Debatte in der Paulskirche: "Gesunder Nationalegoismus" setzt sich durch

Tumult in der Paulskirche. "Zur Ordnung, zur Ordnung!" schreien Abgeordnete zum Präsidium hinauf. "Es ist eine Schande, von einer deutschen Tribüne das zu hören !" Präsident Heinrich von Gagern kann sich kaum gegen den Lärm durchsetzen: Er werde den Redner nicht zur Ordnung rufen, ruft er in den Saal hinein. Aber er macht keinen Hehl daraus: Die Empörung der meisten Abgeordneten teilt er durchaus. "Ich kann ihm nur sagen, daß es ein halber Verrat an der Nation ist, wenn man wünscht, daß deutsche Heere geschlagen werden. Ich kann ihn jedoch deshalb nicht zur Ordnung rufen, sondern muß ihn seine besondere Weltanschauung hier vortragen lassen."

Der Mann, gegen den sich der Zorn richtet, heißt Arnold Ruge. Der profilierte Vertreter der Linken in der Paulskirche hat soeben im Namen von Humanität und Gerechtigkeit gefordert, Polen in den Grenzen von 1772 wiederherzustellen, bevor Preußen, Österreich und Rußland sich Gebiete davon angeeignet haben. Genau das hatte auch das Vorparlament beschlossen. Die Einverleibung Posens in den Deutschen Bund, von Preußen betrieben, über welche die Nationalversammlung leidenschaftlich debattiert, zeige, "daß wir die polnische Nation, wovon Posen ein Teil ist, nicht bestehen lassen wollen". Das nationale Selbstbestimmungsrecht der Polen dürfe nicht angetastet werden. Und dann wird Ruge grundsätzlich - weit über die Posen-Frage hinaus: "Die Italiener werden eine Nation werden und die Radetzkys werden aus Italien verjagt werden müssen. Wir, die Deutschen, müssen es wünschen, daß die Radetzkys aus Italien verjagt werden. Wir müssen es wünschen, weil es zur Rekonstituierung von Europa gehört. Die Herstellung Italiens gehört zu dem neuen Völkerrecht, und wir, die wir die Ausführung des neuen Völkerrechts, die wir die Freiheit der europäischen Völker wollen, müssen wünschen, daß die Tyrannen der Italiener, die Tillys der neueren Zeit, die Radetzkys geschlagen werden."

Die Äußerung, die das Hohe Haus und den Präsidenten in Rage bringt, steht am Ende einer langen parlamentarischen Redeschlacht. In ihr hatten nicht die Linken den Ton angegeben. Am 24. Juli hatte die Nationalversammlung die dreitägige Polen-Debatte eröffnet. Es ging darum, den auf Antrag Preußens gefaßten Beschluß des Bundestages, Deutsch-Posen in den Deutschen Bund aufzunehmen, zu billigen oder zu verwerfen. Die zwölf Abgeordneten aus diesem Gebiet würden mit der Zustimmung voll stimmberechtigte Mitglieder des Parlaments werden. So hat es der Ausschuß dem Plenum empfohlen. Die äußerste Linke hatte mit einem eigenen Antrag dagegengehalten: Kein Teil des Großherzogtums Posen solle vorläufig in den Bund aufgenommen werden. Eine Lösung könne nur sein, das freie und unabhängige Polen wiederherzustellen.

Am 28. Juli dann die Abstimmung. Die Anträge der Linken finden keine Mehrheit. Blum meldet sich zu Wort, und erklärt, man werde an der Endabstimmung nicht teilnehmen. Die namentliche Abstimmung ergibt: 342 Abgeordnete billigen die Eingliederung Posens, 31 nicht. Der Antrag, die Zahl der nicht abgegebenen Stimmen festzuhalten, kommt nicht durch. "Das brauchen wir nicht zu wissen", rufen rechte Abgeordnete. Ein neuer Antrag: "Die Nationalversammlung erklärt die Teilungen Polens für ein schmachvolles Unrecht und sie erkennt die heilige Pflicht des deutschen Volkes, zur Wiederherstellung eines selbständigen Polens mitzuwirken." 331 Parlamentarier lehnen diese Forderung ab, 101 stimmen ihr zu. Die Versammlung nimmt das Ergebnis unbewegt auf.

 

Großdeutschland soll es sein

Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt - "so weit die deutsche Zunge klingt", sollten auch die Grenzen des deutschen Nationalstaates reichen. Darüber gab es kaum Meinungsverschiedenheiten in der Nationalbewegung des Vormärz. Der Begriff der Nation wurde zum zentralen Leitbild der Revolutionsbewegung, eng mit dem Liberalismus verbunden. In der nationalen Idee bündelte sich eine widersprüchliche Gemengelage von politischen und sozialen Erwartungen zu einer allumfassenden Zukunftsperspektive. Das mußte schiefgehen, als es zum Schwur kam.

Denn die "natürlichen Grenzen" gab es nicht, dafür viele Gebiete, wo bis dato Deutsche mit anderen Völkern friedlich durcheinandergelebt hatten. Wo die Deutschen in der Minderheit sind, zählt plötzlich das Recht auf nationale Selbstbestimmung der anderen nicht mehr. Vom Recht des Stärkeren und von kultureller Überlegenheit der Deutschen über die slawischen Völker, von der "welthistorischen Mission" der Deutschen ist gar die Rede. "Ein großes Volk braucht Raum, um seinen Weltberuf zu erfüllen", rief der Abgeordnete Franz Schuselka in die Nationalversammlung hinein. Wer die demokratische Tradition der Paulskirche geschichtspolitisch vereinnahmen will, darf die Kehr-seite nicht vergessen. Nationaler Dünkel und Großmachtwahn sind keine Erfindungen von Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler.

Michael Bechtel

 

Gleiches Recht für alle Nationen

Robert Blum, gebürtiger Kölner, legt unerbittlich den Finger in die Wunde. Welches Prinzip leitete die Nationalversammlung, das territoriale Prinzip wie im Fall Schleswig-Holsteins oder das nationale? "Nun, dann seien Sie auf der anderen Seite so gerecht, und wenn Sie Posen durchschneiden, um die Deutschen zu reklamieren, so schneiden Sie auch Schleswig durch, geben Sie die Slawen los, die zu Österreich gehören, und trennen Sie auch Südtirol von Deutschland!"

 

Stichwort: Posen

Doppelt so viele Polen wie Deutsche leben in dem Großherzogtum, das ein Produkt des Wiener Kongresses von 1815war. Er hatte Preußen einen Teil des früheren Herzogtums Warschau zugesprochen. Im März 1848 hatte der preußische König unter dem Eindruck der nationalen Bestrebungen der Polen und der Unterstützung, die sie in der deutschen Nationalbewegung fanden, eine Teilung des Großherzogtums eingeleitet: Der westliche Teil (Deutsch-Posen) sollte in den Deutschen Bund aufgenommen werden, der östliche, polnische Teil, das Herzogtum Gnesen, als Teil Preußens eine gewisse Autonomie erhalten. Der Bundestag stimmte der Aufnahme in den Deutschen Bund zu. Einen Aufstand der Polen schlugen preußische Truppen im Mai nieder.

Historisch ließ sich die Eingliederung nicht rechtfertigen. Der Osten Preußens hatte nie zum Deutschen Bund gehört. Befürworter in der Paulskirche wie der Breslauer Geschichtsprofessor Gustav Adolf Stenzel bringen deshalb nationale Argumente vor. Die Beweise der "rechtmäßigen Einverleibung in Deutschland" lagen seiner Überzeugung nach nicht in vergilbten Pergamenten. "Wir sind nicht angeheiratet, nicht angeerbt, nicht durch Kauf oder Tausch erworben, wir sind Deutsche und haben das volle Recht der Trennung von Polen für uns."

Der Ostpreuße Wilhelm Jordan, bis dahin dem linken Flügel des "Deutschen Hofs" zugehörig, reduziert die Frage darauf, ob eine halbe Million Deutscher unter deutscher Regierung leben oder ob sie "in der sekundären Rolle naturalisierter Ausländer in die Untertänigkeit einer anderen Nationalität, die nicht so viel humanen Inhalt hat, als das Deutschtum gegeben, und in die Fremde hinausgestoßen werden" sollen. Wer die letztere Frage mit ja beantworte, den halte er mindestens für einen unbewußten Volksverräter.

Eine Teilung Deutschlands bedeutet für den Konservativen Joseph von Radowitz einen Verzicht auf 370 Meilen von Deutschen bewohnter Landesteile. Ohnehin seien in der Vergangenheit durch "falschen Kosmopolitismus kostbare altdeutsche Lande verlorengegangen". Außerdem argumentiert er machtpolitisch: "Hätten wir die Festung Posen nicht, so müßten wir sie erobern. Unsere erste Pflicht ist, für unsere Sicherheit zu sorgen. Die Grenzen nach Osten müssen fest sein."

 

Weiterführende Literatur:

  • Hagen Schulze, Der Weg zum Nationalstaat. Die deutsche Nationalbewegung vom 18. Jahrhundert bis zur Reichsgründung. München 1985.
  • Günter Wollstein, Das "Großdeutschland" der Paulskirche. Düsseldorf 1977.
  • Dieter Langewiesche (Hrsg.), Die deutsche Revolution von 1848/49. Darmstadt 1983.
  • Wolfgang J. Mommsen: 1848. Die ungewollte Revolution. Frankfurt/Main 1998
  • Wolfram Siemann, Die deutsche Revolution von 1848/49. Frankfurt am Main 1985.