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Lothar Gall: Ein großer Tag der deutschen Geschichte

Am 18. Mai 1848 trat die erste deutsche Nationalversammlung zusammen

von

Lothar Gall

»Hecker und Struve haben das Land verraten nach dem Gesetz - das wäre Kleinigkeit; aber sie haben das Volk verraten durch ihre wahnsinnige Erhebung; es ist mitten im Siegeslauf aufgehalten; das ist ein entsetzliches Verbrechen.« Der das Anfang Mai 1848 in einem Privatbrief schrieb, war der Führer der sächsischen Demokraten Robert Blum, der als Mitglied des sogenannten Vorparlaments und dann auch der Nationalversammlung zu den führenden Persönlichkeiten der Revolution gehörte und den die siegreiche Gegenrevolution in Wien im Herbst des Jahres standrechtlich erschießen ließ, was ihn zum Märtyrer der Revolution machte. Blums ebenso scharfes wie entschiedenes Urteil mag überraschend klingen vor dem Hintergrund des geradezu mystisch-verklärende Züge tragenden Hecker-Kultes, der in diesem Jubiläumsjahr nicht nur in seiner badischen Heimat offenbar einen neuen Höhepunkt erreicht. In Hecker meint man, den kompromißlosen, den gewaltsamen Aufstand und mithin die »eigentliche« Revolution zu feiern, ohne sich vielleicht immer mit aller Deutlichkeit vor Augen zu führen, daß damit ein entschiedener Gegner des Parlamentes und damit des Herzstückes eines demokratischen Verfassungsstaates auf den Schild gehoben wird.

Hecker hatte zu den Befürwortern eines Antrages gehört, der Anfang April 1848 das Vorparlament, zu dem sich Oppositionelle aus den verschiedenen Staaten des Deutschen Bundes in Frankfurt am Main versammelt hatten, aufforderte, sich für permanent zu erklären und als selbsternanntes Revolutionsparlament die Gestaltung der künftigen Verhältnisse sozusagen aus eigenem Recht in die Hand zu nehmen. Eine Mehrheit von annähernd drei Vierteln der Abgeordneten lehnte den Antrag ab. Hierfür seien sie nicht legitimiert, diese Aufgabe könne nur eine Nationalversammlung leisten, die aus den gewählten Vertretern des Volkes bestehe, lautete das Argument der Mehrheit. Sie sah ihre Aufgabe statt dessen darin, demokratische Wahlen zu einem solchen Parlament vorzubereiten und durchzuführen.

Der Versuch der Antragsteller, daraufhin die Veranstaltung zu sprengen, mißlang, denn es waren schließlich nur vierzig Abgeordnete, die dem Aufruf zum demonstrativen Auszug aus dem Vorparlament folgten. Unter ihnen war der erwähnte Mannheimer Rechtsanwalt und badische Abgeordnete Friedrich Hecker, der sich dann nach Konstanz zurückzog und dort die »Deutsche Republik« proklamierte., Gemeinsam mit seinem Freund und Gesinnungsgenossen Georg von Struve versuchte er, einen Freischarenzug aufzustellen und einen allgemeinen Aufstand zu entfesseln. Knapp fünfhundert Personen schlossen sich seinem Marsch auf die badische Residenz Karlsruhe an, wo inzwischen auch ein liberales, mit der Frankfurter Mehrheit eng verbundenes Ministerium regierte.

Die Hoffnungen und Erwartungen richteten sich nicht auf Hecker

Es war ein abenteuerliches Unternehmen, gerichtet in dieser Situation vor allem gegen die Mehrheit der die Revolution tragenden Kräfte. Bei Kandern im Oberbadischen traten ihm unter dem Befehl der neuen, durch eben diese Revolution emporgetragenen Regierungen badische und hessen-darmstädtische Truppen entgegen, angeführt durch Max von Gagern, den Bruder des späteren Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung. Er kam bei dem kurzen Gefecht ums Leben, das den »Hecker-Marsch« genannten Aufstand beendete.

Der schnell gescheiterte Versuch des gewaltsamen Aufstandes war, das wird beim Betrachten des Geschehens sehr rasch deutlich, der Putschversuch einer kleinen Minderheit. Er war nicht gegen die alte monarchische Obrigkeit gerichtet, sondern gegen die Repräsentanten und Wortführer der Revolution, die ungeachtet aller Meinungsunterschiede im einzelnen doch in einem zentralen Punkt einig waren: Nur ein Parlament konnte den neuen Nationalstaat aufbauen, das seine Legitimation aus demokratischen Wahlen bezog. Die unmittelbar darauf folgenden Wahlen zur ersten deutschen Nationalversammlung, die dann vom 18. Mai 1848 an in der Frankfurter Paulskirche tagte, bestätigte sie hierin und demonstrierte den Willen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung, seine Forderungen nicht mit Gewalt, sondern mit den Mitteln des Parlamentarismus durchzusetzen.

Woher stammt demgegenüber die bis heute andauernde, ja offensichtlich noch anwachsende weitverbreitete Bewunderung und Verherrlichung der Urheber eines Unternehmens, das sich faktisch gegen Grundforderungen der Revolution - gegen die Durchsetzung und Achtung des demokratischen Mehrheitsprinzips - wandte und das damit zugleich den Gegnern der Revolution in die Hände arbeitete? Während der antirevolutionärer Absichten absolut unverdächtige Zeitzeuge Blum diesen Zusammenhang sehr deutlich sah und Heckers Unternehmen aus diesem Grund als geradezu »verbrecherisch« bezeichnete, wird Hecker heute häufig als der »eigentliche«, der »wahre« Revolutionär angesehen.

Die Sache ist lehrreich und zwar noch über den unmittelbaren Fall hinaus. Sie vermittelt ein Bild und einen Eindruck von dem gegenwärtigen Umgang mit Geschichte in diesem Lande, der zwar sicher nicht allgemein, aber weit verbreitet ist. Es besteht, so scheint es, ein immenses Bedürfnis nach Parteinahme, nach Identifikation mit dem Guten, dem Fortschrittlichen, dem Unbedingten gegen Halbheiten, Kompromisse, auch gegenüber dem Nachvollziehen, dem Verständnis gegenüber bestimmten Situationen und den in ihnen liegenden Zwängen. Vielerorts macht sich eine Neigung zu romantischer Überhöhung und auf der anderen Seite zu Dämonisierung geltend, dem die Wirklichkeiten vergangenen Lebens geradezu zuwider sind. Diejenigen, die auf sie hinweisen, geraten leicht in den Verdacht unlauterer Motive.

Bei den Auseinandersetzungen um die sogenannte Wehrmachtsausstellung, um den Widerstand gegen Hitler, um die Verbreitung und die Wurzeln des Antisemitismus in Deutschland mag das alles noch psychologisch verständlich sein, auch wenn es vertieften historischen Einsichten sicher nur begrenzt dienlich ist. Es scheint nun aber, als ob die Neigung, die Welt der Vergangenheit säuberlich in gut und böse, in weiß und schwarz aufzuteilen, die eine Seite romantisch zu überhöhen und die andere zu dämonisieren, jetzt zunehmend auch Bereiche erfaßt, wo im Eifer rascher Parteinahme und selbstgewisser Begeisterungen auch manches unter die Räder zu geraten droht, was an geschichtlichen Traditionen für die Gegenwart und Zukunft dieses Landes unentbehrlich ist.

150 Jahre nach der Revolution von 1848 werden Verfassungsrichter und Minister, Schriftsteller, Journalisten wie Politiker aller Couleur nicht müde, einem das demokratische Mehrheitsprinzip und damit die Grundlage des Parlamentarismus mißachtenden Putschisten Kränze zu winden. Er verkörpere den Willen zur wirklichen, zum Äußersten entschlossenen revolutionären Tat und den wahren Volkswillen - mochte dieses Volk bei den Wahlen zur Nationalversammlung Anfang Mai 1848 in seiner Mehrheit auch etwas ganz anderes bekunden und der breiten liberalen Mitte seine Stimme geben. Und nicht nur das. Diese liberale Mehrheit und mit ihr die Nationalversammlung insgesamt geraten aus dieser Perspektive ungeachtet der überwältigenden Zustimmung, die ihr am 18. Mai 1848 bei ihren ersten Zusammentreten in der Frankfurter Paulskirche entgegenschlug, rückblickend von vornherein in ein schiefes Licht. Kompromißlertum, Unentschlossenheit, ja, Zögern und Feigheit hätten ihr schließliches Scheitern in vielem schon früh vorweggenommen. Eine Stimmung macht sich breit, die sich sehr gut in der Formel und in dem Urteil verdichten könnte: »Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen, sondern durch Eisen und Blut«. - Glücklicherweise wissen immer noch viele, daß der Satz von Otto von Bismarck stammt und daß sich sich dahinter schroffer Antiparlamentarismus und die entschiedene Ablehnung des demokratischen Gedankens, des Prinzips der Volkssouveränität verbargen.

Es war dies damals der gezielte, zu jenem Zeitpunkt allerdings noch weitgehend erfolglose Appell an den politischen Spießbürger, an seinen unausrottbaren Glauben an die große, befreiende, mit einem Schlag alles verändernde Tat, an seine Verachtung für den Kompromiß - der doch gemeinhin seine eigene Lebenspraxis ausmacht - und an seine Neigung zur Heroisierung des historischen Prozesses. Eine solche Neigung entrückt diesen Prozeß gleichsam aus seinem eigenen Daseinshorizont und entzieht ihn zugleich seiner Mitverantwortung. Geschichte wird von daher letztlich ein unverbindliches Schauspiel, dem nur Übersteigerungen und Übertreibungen zumindest den Anschein von Leben und von Bedeutung und Verbindlichkeit für die eigene Existenz einzuhauchen vermögen.

Für die große Mehrheit der unmittelbaren Zeitgenossen aber war 1848 eine Gestalt wie Hecker noch nicht in ein solches politisches Marionettentheater entrückt. Für sie war er ein gewalttätiger Sozialromantiker, der wie einst die Jakobiner seine Ideen auch gegen die Mehrheitsmeinung und einen durch Wahlen festgestellten Volkswillen durchzusetzen bereit war. Nicht auf ihn und seinesgleichen richteten sich die Hoffnungen und Erwartungen, die Wünsche und Träume der politisch erwachenden Nation, sondern wie 1789 in Frankreich auf die konstituierende Nationalversammlung in Frankfurt. Was deren Aufgabe sei, darüber waren sich von rechts bis links sämtliche Abgeordnete mit ihren Wählern einig: einen Katalog unantastbarer, Rechtssprechung und Gesetzgebung sowie alle staatlichen Organe bindender Grundrechte zu etablieren und eine moderne, rechtsstaatliche Verfassung für ganz Deutschland zu entwerfen und zu verabschieden. Sie sollte nicht nur die bisherigen deutschen Einzelstaaten zu einer festeren Einheit zusammenfassen und ihre Regierungen und Monarchen an die künftige Zentralgewalt binden, sondern auch die Nation als ganze politisch und sozial einen. Und auch über die Legitimationsgrundlage für eine solche weitgehende Neuordnung mit tiefen Eingriffen in fast alle bisherigen Lebensverhältnisse war man sich zunächst über alle Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg einig. Der Wille der Nation, in demokratischen Wahlen geäußert, sollte den Staat und staatliche Herrschaft künftig legitimieren. Das hatte bereits den Kern der Französischen Revolution ausgemacht, und genau darauf hatte sich im Sommer 1789, am 23. Juni, der Graf Mirabeau berufen. »Sagen Sie denen, die Sie geschickt, daß wir hier sind durch den Willen der Nation und nur der Gewalt der Bajonette weichen werden«, sind die immer wieder zitierten Worte, mit denen er an jenem Tag dem Vertreter des Königs entgegentrat, der die gewaltsame Auflösung der Versammlung des Dritten Standes, die sich kurz zuvor zur Nationalversammlung erklärt hatte, androhte, da nur der Monarch das Land und die Nation als ganze repräsentiere. Während die Monarchen des Ancien Régime sich durch göttlichen Willen und Auftrag zur Herrschaft berufen und berechtigt sahen, stellten die Revolutionäre 1848 wie bereits in Frankreich 1789 das Gottesgnadentum in Frage und beriefen sich auf den Willen der Nation. Wenn also auch die Monarchie von der Paulskirchenverfassung nicht abgeschafft wurde, so sollte sie doch fortan auf einer völlig anderen Grundlage stehen. Genau darauf war Friedrich Wilhelm IV. nicht bereit sich einzulassen, aus diesem Grunde lehnte er die ihm angebotene Kaiserkrone im März 1849 ab. Wenn er dies auch offiziell damit begründete, daß er die ihm angetragene Würde nur mit Zustimmung sämtlicher deutscher Regierungen annehmen könne, so hat er privat doch seine wahren Ansichten geäußert: Er, ein preußischer König »von Gottes Gnaden« denke gar nicht daran, künftig ein Monarch von Volkes Gnaden, von Gnaden von »Meister Schuster und Handschuhmacher« zu sein und eine Krone »aus Dreck und Letten gebacken« zu tragen.

Volkssouveränität oder »monarchisches Prinzip«, das war seit 1789, seit der Großen Revolution in Frankreich, die Devise, der Kern aller politischen Auseinandersetzungen. Leopold von Ranke, der preußische Historiker und strikte Anhänger des monarchischen Gedankens und der mit ihm verbundenen traditionellen politischen und gesellschaftlichen Ordnung, hat die Grundspannung zwischen, wie er sich ausdrückte, »Monarchie und Volkssouveränität« zum Signum der ganzen Epoche erklärt. So sah es auch die überwältigende Mehrheit der Paulskirchenabgeordneten, entgegen späteren Uminterpretionen, den Thesen vom Verrat an »der« Revolution. Unmittelbar nach seiner Wahl zum Präsidenten der Nationalversammlung am 19. Mai 1848 erklärte der Führer der liberalen Mehrheitsfraktion, Heinrich von Gagern, der bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten eines der Häupter der Oppositionsbewegung gewesen war: »Wir haben die größte Aufgabe zu erfüllen. Wir sollen schaffen eine Verfassung für Deutschland, für das gesammte Reich. Der Beruf und die Vollmacht zu dieser Schaffung, sie liegen in der Souveränität der Nation.« Das Protokoll verzeichnete an dieser Stelle »stürmisches Bravo« der gesamten Versammlung. Und Gagern ließ keinen Zweifel daran, daß das Prinzip der Volkssouveränität nicht nur die Grundlage aller künftigen Ordnung bilden, sondern auch die politische Praxis, alles staatliche Handeln im künftigen Nationalstaat bestimmen und leiten müsse, wenn er fortfuhr: »Deutschland will eins sein, ein Reich, regiert vom Willen des Volkes, unter der Mitwirkung aller seiner Gliederungen«. Die Grenze aller Kompromisse mit den alten Gewalten war damit klar vorgezeichnet, und die entschiedensten Gegner der Revolution und der Paulskirche wie der junge Otto von Bismarck haben das sehr viel deutlicher gesehen, als ihre damaligen und späteren Kritiker im eigenen Lager, die darüber nur zu leicht zu faktischen Bundesgenossen eines sich aus ganz anderen Quellen nährenden Antiparlamentarismus wurden.

Der Graf Mirabeau war in jener eben geschilderten, legendär gewordenen Szene vom 23. Juni 1789 den königlichen Soldaten und Offizieren gemeinsam mit anderen, darunter zwei veritablen Herzögen, mit gezücktem Degen entgegengetreten. Über einen solchen Degen im übertragenen Sinne, also über Machtmittel, mit denen die Drohung der Gegenreaktion beantwortet werden konnte, verfügte die Nationalversammlung nicht, und sie hat ihn sich auch nicht beschafft. Sie vertraute auf die einzelstaatlichen Regierungen, die seit dem März 1848 fast durchgängig ihre politische Farbe und Richtung angenommen hatten. Sie bedachte dabei zumindest in ihrer Mehrheit nicht, daß sie in der Hand der Einzelstaaten sein würde, falls es dort zu einem Kurswechsel käme, den zu verhindern ihr gleichfalls die Mittel fehlten.Das war wahrscheinlich der größte Fehler und, aus ihm resultierend, die größte Schwäche der Nationalversammlung. Sie ließ sie am Ende zum Opfer der im Herbst 1848 zunächst in Österreich und rasch darauf in Preußen erfolgreichen Gegenrevolution werden. Deren Truppen schlugen schließlich im Mai und Juni 1849 die Volkserhebung zugunsten der von der Nationalversammlung verabschiedeten Verfassung, die dann sogenannte Reichsverfassungskampagne, in Sachsen, in der Pfalz und in Baden blutig nieder.

Daß die Nationalversammlung sich gleichzeitig wehrlos und dadurch natürlich auch widerstandslos auflöste, hat ihr den Stempel ihres Scheiterns noch sichtbarer aufgedrückt. Der Vorgang hat Bismarcks späterem Diktum noch mehr den Anschein historischer Wahrheit gegeben. Schaut man freilich genauer hin, so haben »Eisen und Blut« in Wahrheit keine der »großen Fragen der Zeit« entschieden, vor die sich die Nationalversammlung gestellt sah und die sie mit großem Ernst anging. Ihre zukunftsträchtige Lösung wurde dadurch höchstens, zum Schaden Deutschlands, vertagt.

Eine dieser großen Fragen, der großen Aufgaben, die die Nationalversammlung auch als erste anging, war die der Grundrechte. Mit der dauerhaften Sicherung der individuellen Freiheitsrechte - einschließlich der Grundlagen politischer Mitwirkung über das Vereins- und Versammlungsrecht und die Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit - sollte eine ganz neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung etabliert werden. Freiheit und Sicherheit des persönlichen Eigentums, Gewerbefreiheit, Handelsfreiheit, Freiheit der Berufswahl, Rechts- und Chancengleichheit, all das eröffnete in Überwindung der überlieferten »ständischen« Ordnung der modernen bürgerlichen Gesellschaft die Bahn. Daß das Meiste dessen, was die Nationalversammlung im Dezember 1848 unter dem Titel »Die Grundrechte des Deutschen Volkes« endgültig verabschiedete und was dann Teil der Reichsverfassung vom März 1849 wurde, wörtlich Eingang in die Verfassung der Bundesrepublik von 1949 fand, zeigt, daß hier in der Tat die Basis für ein modernes liberales Gemeinwesen gelegt wurde, die Stabilität und erfolgreiche Entwicklung versprach. Die Aufhebung der Grundrechte nach dem Scheitern der Revolution und der Verzicht auf eine solche verbindliche Grundlage und Bindung allen staatlichen Handelns in der Verfassung des Reiches von 1871 dokumentieren in der Abkehr von offenkundig zukunftsträchtigen Lösungen, daß die »großen Fragen der Zeit« eben nicht entschieden, sondern in einer die Zukunft in fataler Weise belastenden Form vertagt wurden.

Ein Aufruf zur nationalen Solidarität

Ähnliches gilt für die Lösung der Einheits- und der Verfassungsfrage, wie sie 1848/49 durch die Paulskirche entwickelt und von ihrer Mehrheit schließlich verabschiedet wurde. Bismarck hat sie, zur Überraschung von Freund und Feind, zu großen Teilen aufgegriffen, einschließlich des allgemeinen (Männer-)Wahlrechts, auf das sich große Teile der Mitte-Rechts-Koalition und der Linken der Paulskirche schließlich verständigt hatten. Aber er hat diese Lösung zugleich an entscheidenden Punkten umgebogen, ihr im Reich wie in den Einzelstaaten gleichsam das »monarchische Prinzip« aufgepfropft, das heißt, die Stellung der Regierung und der Krone entscheidend gestärkt und die des Parlaments entsprechend geschwächt und mit Gegengewichten versehen. Aus dem »Volksstaat« der Paulskirche wurde so ein monarchischer Obrigkeitsstaat. In ihm hatten die traditionellen Eliten, Aristokratie und Bürokratie, weiterhin das Sagen und in ihm war die Regierung wenn nicht allein, so doch in erster Linie dem Monarchen verantwortlich und von ihm abhängig.

Sicher darf man die Paulskiche und ihr Werk, das sich nie die Feuerprobe der politischen und gesellschaftliche Praxis bestehen mußte, nicht nachträglich idealisieren. Der Wille ihrer Mehrheit, das Ganze am Ende auf eine möglichst breite Basis zu stellen, die »Mitwirkung auch der Staaten-Regierungen zu erwirken«, wie Gagern sich in seiner Antrittsrede ausdrückte, hat sie zu Kompromissen mit den alten Gewalten geführt, die sich schließlich gegen sie auswirkten und das Scheitern mit herbeiführten. Sie lagen in diesem Ausmaß sicher nicht »in dem Beruf dieser Versammlung«, wie Gagern meinte. Auch hat sie unter dem Eindruck der Entwicklung im Frankreich der Großen Revolution hin zur jakobinischen Terrorherrschaft die Gefahren von Seiten der äußersten Linken wohl dramatisiert und darüber die von rechts lange Zeit unterschätzt. Auch ist nicht zu übersehen, daß die Mehrheit allzu optimistisch auf die rasche und positive Wirkung der Entfesselung des Marktes und der ökonomischen Kräfte, die Begünstigung aller gesellschaftlichen Gruppen durch sie gesetzt hat. Ihr Vertrauen auf eine gleichsam automatische Lösung der sozialen Frage, der Probleme der Massenarmut, des »Pauperismus«, hat zumindest einen Teil von ihr blind gemacht gegenüber den realen Nöten breiter Bevölkerungsschichten. Sie hat sie auch ihre dramatische Verschärfung durch den zunehmenden ökonomischen und sozialen Egoismus einer vor allem Erfolg und Leistung honorierenden Gesellschaft übersehen lassen.

Die Grundprobleme des Verhältnisses von wirtschaftlicher Freiheit und sozialer Gerechtigkeit sind zwar in der Paulskirche mit großem Ernst und mit zum Teil höchst aktuellen Thesen und Überlegungen diskutiert worden. Gerade auch diese Debatten bleiben bis heute lesenswert. Aber am Ende setzte sich doch ein unbedingter Fortschrittsgedanke durch, der in allen sozial motivierten Eingriffen in das Wirtschaftsleben eine Gefahr für einen raschen, allen zugute kommenden ökonomischen Fortschritt sah.

Mit solchen Überlegungen verknüpfte sich bei einer nicht geringen Zahl der Abgeordneten die Warnung, zumindest beim damaligen Stand der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Entwicklung und angesichts der nicht zu übersehenden Defizite an politischer Aufklärung, Bildung und Erfahrung mit der Forderung nach Demokratisierung und Mitbestimmung nicht zu weit zu gehen - daß man die Frauen hiervon jedenfalls zunächst ganz ausschließen müsse, verband fast die gesamte Versammlung.

Schließlich ist nicht zu übersehen, daß das, was man poetisch-pathetisch das »Erwachen der Nation« nannte, auch der Übersteigerung des nationalen Gedankens, und zwar rechts wie links, den Weg gebahnt hat. Das gilt vor allem für die Auseinandersetzungen mit den Ansprüchen anderer Nationen, der Dänen in Schleswig, der Polen in den östlichen Provinzen Preußens, der Tschechen in Böhmen, der Italiener in den habsburgischen Gebieten, auch der Franzosen hinsichtlich des Elsasses und Lothringens, auf die schon damals mancher begehrliche Blick fiel. Hoffmann von Fallerslebens »Deutschlandlied« von 1841, dessen Anfangszeile »Deutschland, Deutschland über alles« zunächst als Aufruf gemeint war, das Partikulare, politisch, aber auch sozial zu überwinden und sich in nationaler Solidarität zusammenzufinden, begann zunehmend zugleich einen machtpolitischen Vorranganspruch zu formulieren. Aus solchem Anwachsen nationaler Ambitionen und Bestrebungen auch in außenpolitischer Hinsicht während des Jahres 1848 hat Bismarck dann im übrigen später gegenüber den europäischen Kabinetten das Argument gezogen, nur durch seine Politik eines begrenzten Entgegenkommens gegenüber der nationalen Bewegung bei gleichzeitiger Eindämmung weitergehender Forderungen - was nur durch eine Restriktionspolitik im Innern möglich sein werde - könne man Europa und die übrigen europäischen Mächte vor der Sprengwirkung des deutschen Nationalismus bewahren.

In der Paulskirche freilich blieb der überzogene Nationalismus, der sich bereits mancherorts regte, bis zuletzt in der Minderheit. Der Waffenstillstand zwischen Preußen und Dänemark, zu dem insbesondere England und Rußland die Kontrahenden in dem Kampf um Schleswig-Holstein nötigten, fand Mitte September 1848 gegen ein zunächst anderslautendes Votum die Zustimmung einer knappen Mehrheit der Nationalversammlung. Das war von machtpolitischer Schwäche diktiert, aber doch auch Ergebnis nüchterner Einsicht in die Gegebenheiten und in die Tatsache, daß man nicht allein war in Europa. Ein Teil der Linken wollte sich damit nicht abfinden, sprach von Verrat an der nationalen Sache, der dem innenpolitischen Kompromißlertum der Paulskirchenmehrheit entspreche. Der Volksaufstand mit massiven Drohungen gegen die Nationalversammlung und der Ermordung zweier Abgeordneter zwang dann jene Mehrheit, erstmals Schutz bei den alten Gewalten, bei den Truppen des Deutschen Bundes zu suchen. Sie wurden mit der Eisenbahn aus der Bundesfestung Mainz herangeführt und schlugen den Frankfurter Aufstand binnen kurzem niederschlugen.

Trotz der Gefahr, zwischen alle Stühle zu geraten, hielt die Mehrheit der Abgeordneten auch weiterhin an der Linie fest, sich am realpolitisch Machbaren und Durchsetzbaren zu orientieren und sich weder auf einen Rechtskurs noch auf die Bahn linker Scharfmacher oder radikaler Nationalisten drängen zu lassen. Als klar wurde, daß Österreich niemals in die Teilung seines Herrschaftsverbandes in die deutschen und die nichtdeutschen Gebiete einwilligen werde, wie sie die Paulskirche im Sinne des nationalstaatlichen Prinzips, aber auch mit Blick auf die übrigen europäischen Mächte forderte, entschloß sich auch eine Mehrheit der Linken, einem »kleindeutschen« Bundesstaat unter preußischer Führung zuzustimmen - wenn dessen parlamentarisch-demokratischer Charakter durch ein entsprechendes Wahlrecht gesichert werde.

Ein nationaler Bundesstaat auf parlamentarischer Grundlage

Darin dokumentierte sich die Fähigkeit zu Ausgleich und Kompromiß, ein Blick für das Mögliche und vielleicht noch Machbare in einer immer bedrohlicher werdenden Situation, die den Rang dieses ersten gesamtdeutschen Parlaments und die in ihm vorherrschende politische Vernunft charakterisieren. Sie haben in der öffentlichen Meinung der folgenden Jahrzehnte, teilweise bis heute, wenig Anerkennung gefunden. Auch die Historiker blieben in ihrer Mehrheit in dieser Hinsicht eher zurückhaltend. Sie haben sich zumeist auf die Gründe des Scheiterns der Revolution und dessen angebliche Unvermeidlichkeit konzentriert und waren dabei geneigt, dem Parlament daran einen großen, wenn nicht entscheidenden Anteil zuzusprechen - bis hin zu der These, die Vertreter der Mehrheit der Nationalversammlung hätten die Revolution zunächst nicht gewollt, dann monatelang in ihren Zielen und ihrem Verlauf maßgeblich bestimmt und getragen und sie schließlich zum Scheitern gebracht, wenn nicht verraten. Dabei ist ganz klar, was die große Mehrheit derjenigen, die sich seit Ende Februar 1848 zu der Revolution, nachdem sie einmal ausgebrochen war, bekannten und sie vorantrieben, von dieser Revolution, die ja kein Selbstzweck war, erwartete: einen nationalen Bundesstaat auf parlamentarischer Grundlage, der die Grundrechte seiner Bürger und ihre politischen Rechte garantierte und auf dem Weg zu einer sozial gerechteren Ordnung voranzuschreiten strebte.

Das war schon der Kern der sogenannten Märzforderungen gewesen und das war, wie das Ergebnis der Wahlen zur Nationalversammlung und vor allem auch der Grad der Beteiligung an ihnen zeigte, das, womit die Nation die gewählten Abgeordneten als Zielvorgabe ausstattete und worauf sie ihren mit jeder Wahl verbundenen Vertrauensvorschuß setzte. Diesem Wählerauftrag ist die große Mehrheit der Abgeordneten konsequent gefolgt und nicht den Erwartungen kleiner Gruppen - Erwartungen, die im nachhinein gelegentlich zu den eigentlichen Zielen »der« Revolution stilisiert worden sind und die in der Tat in solcher Form und mit derartigen Zielen von der Mehrheit nicht »gewollt« wurde.

Diese Mehrheit hat sich, bei aller gelegentlichen Härte und Schärfe der Auseinandersetzungen, auf meist hohem Niveau und im Bewußtsein der Schwierigkeit der Aufgabe darum bemüht, das zu verwirklichen, was die Substanz des Parlamentarismus darstellt und was ihn zur unentbehrlichen Grundlage jedes modernen, freiheitlich verfaßten Gemeinwesens macht: in der freien Auseinandersetzung, in der Abwägung der Argumente und Gegenargumente einen tragfähigen, zukunftsorientierten Ausgleich der Interessen und Überzeugungen der verschiedenen Gruppen und politisch-sozialen Kräfte zu vermitteln. Insofern markiert der 18. Mai 1848, der Tag des Zusammentretens eines ersten gesamtdeutschen Parlaments, einen großen, einen in hohem Maße erinnerungswürdigen Tag der deutschen Geschichte. Und man sollte gerade mit Blick auf die Substanz, auf das eigentlich Erinnerungswürdige am Wirken und am Werk der Nationalversammlung ihr Scheitern, das das Scheitern der Revolution markiert, auch aus der Sicht des dem älteren Cato zugeschriebenen Satzes betrachten: »Victrix causa diis placuit, victa Catoni - die siegreiche Sache gefällt den Göttern, die (unglücklicherweise) besiegte dem Cato«.