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Grußwort von Hans-Wolfgang Pfeifer, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH

anläßlich der Preisverleihung beim nationalen Schülerwettbewerb der deutschen Zeitungen "Aufbruch zur Freiheit" am 18. September 1998 in der Frankfurter Paulskirche

"Wenn wir das Vergangene im Gedächtnis behalten, ist die Zukunft sicher. Wenn wir aber die Vergangenheit verleugnen, ist die Zukunft in Gefahr" - sagte dieser Tage Elie Wiesel bei einem Symposium in Berlin. Zukunft braucht eben Herkunft. Niemand kann sich selbst finden, ohne seine Wurzeln zu kennen. Jede Zeit muß sich der Vorzeit vergewissern.

Die Geschichte ist zwar keine Gebrauchsanleitung für die Vermeidung von Fehlern und Krisen. Sie liefert auch keine Bausteine für die Errichtung eines Hauses, das allen Gefährdungen der Zukunft trotzt. Aber die Geschichte hat den Menschen selbst zu ihrem Gegenstand. Sie versucht, die menschlichen Dinge zu ergreifen, zu verstehen und verständlich zu machen. Sie läßt erkennen und sehen, was man selbst nicht gekannt und nicht gesehen hat.

Der Geschichte kommt deshalb eine herausragende Bedeutung im Bildungssystem gerade demokratischer Gesellschaften zu. Sie verlangen mehr als andere eine politische Teilhabe, die sich auf Kenntnisse auch der geschichtlichen Entwicklung stützt. Jahrestage lenken die Aufmerksamkeit auf besondere Geschehnisse. Die deutsche Geschichte ist nicht reich an Ereignissen, deren wir uns selbstbewußt erinnern dürfen.

Zu den seltenen Sternstunden unserer Geschichte zählt die Revolution von 1848. Sie ist zwar gescheitert. Sie blieb aber nicht wirkungslos. Die freiheitlichen und demokratischen Entwürfe des Paulskirchenparlaments beeinflußten die Weimarer Reichsverfassung und vor allem unser Grundgesetz. Unsere Bundesrepublik Deutschland steht in den ehrenhaften Traditionen des Paulskirchenparlaments.

Historiker beklagen, daß das 1871 errichtete Deutsche Reich ein "Reich ohne Idee" war. Sie tun's mit guten Gründen, denn ein Blick auf die Geschichte zeigt, daß jeder Staat nur dann auf Dauer bestehen kann, wenn er der Welt etwas mitzuteilen hat. Die Paulskirchenversammlung hatte eine Idee, die sie der Welt mitteilte. Hätte sie die Macht erlangt, hätte ein Reich von Dauer entstehen können. Unendliches Leid wäre der Menschheit erspart geblieben.

Wir Frankfurter sind voller Genugtuung, daß die Geschichte unserer Stadt nicht mit der Reichs- und Kaiserwürde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation endete, daß wie selbstverständlich der Bundestag des Deutschen Bundes in Frankfurt am Main seinen Sitz hatte und daß sich hier am 31. März 1848 die Mitglieder deutscher Kammern oder preußischer Stadtvertretungen trafen, um eine Wahlordnung für ein deutsches Nationalparlament zu entwerfen.

Gewiß, dieses "Vorparlament" war im strengen Rechtssinn eine auftragslose Veranstaltung. "Seine Legitimität beruhte in dem Anspruch der Revolution, seine Macht in der Schwäche der anderen", wie das der erste Bundespräsident Theodor Heuss formuliert hat. Das Vorparlament konnte ein Wahlgesetz nicht verbindlich erlassen. Aber sein Gesetzentwurf wurde in seinen wesentlichen Teilen in den Staaten und Städten des Deutschen Bundes und darüber hinaus übernommen. Nach den Wahlen am 1. Mai 1848 trat das Parlament am 18. Mai hier in der Paulskirche zum erstenmal zusammen.

Der Weg zur Paulskirche war weit und steinig. Nach dem Scheitern war der Weg von ihr in die deutschen Lande es nicht minder. Frankfurt am Main war zwar eine Zeitlang der Mittelpunkt der parlamentarischen Bestrebungen. Aber sie hatten in allen deutschen Landesteilen Vorläufer und - später dann - Nachwirkungen.

Sie aufzuspüren und damit die Vielfalt freiheitlicher Bestrebungen und das Ringen um unverbrüchliche Grundrechte zu zeigen, war die Aufgabe des Schülerwettbewerbs "Aufbruch zur Freiheit".

Er war sehr erfolgreich: 70 lokalen und regionalen Zeitungen gelang es, 3.000 Schulen zum Mitmachen zu bewegen. Viele tausend Schüler haben sich wochenlang in ihrer Freizeit mit dem schwierigen Thema beschäftigt. Sie haben manches entdeckt, was so nicht mehr bekannt war.

Die Arbeiten, die sie abgeliefert haben, widerlegen die, die behaupten, junge Menschen lebten vom Fernsehen und für Tandaradei. Sie tun's keineswegs. Darüber sind wir froh und dafür sind wir dankbar - den Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrerinnen und Lehrern, die Anregungen gegeben haben und die Spurensuche begleiteten.

Die Arbeiten wurden zunächst in den einzelnen Landesteilen juriert. Die Besten wurden dann von einer nationalen Jury begutachtet. Die hatte eine schwere Aufgabe zu lösen. Denn die Qualität der meisten Arbeiten war hoch. Die Entscheidungen, die die Jury nach sorgfältigem Abwägen getroffen hat, sind gerecht und gut. Den Juroren herzlichen Dank. Ich ermuntere Sie alle, nach der Veranstaltung die preisgekrönten Arbeiten zu betrachten.