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Schülerwettbewerb - "1848 - Aufbruch zur Freiheit"

Die Revolution 1848 in Erfurt und Umgebung

Jan Liebold, 17 Jahre, Buchenberg-Gymnasium Erfurt

© Jan Liebold 1998

Vorwort

Der Aufruf der TA an alle Thüringer Schüler, sich an dem Wettbewerb "Revolution 1848 - Weg zur Freiheit" zu beteiligen und in diesem Rahmen Erfurter Geschichte zu erforschen, kam mir gerade recht. Zunächst erschien mir der Wettbewerb nur als eine Möglichkeit, der Routine des Schülerlebens zu entfliehen. Im Laufe der Arbeit wuchs jedoch das tatsächliche Interesse daran, wie sich die Erfurter 1848 verhielten. Wie lebten sie? Was hofften und wünschten sie? Waren sie mutig oder feige? War die Revolution für sie Klamauk oder Grund zur Hoffnung? Ich habe in der vorliegenden Arbeit versucht, einige der Fragen zu beantworten und die Ereignisse in Erfurt einzuordnen, in die große Bewegung der damaligen Zeit in ganz Deutschland.

Natürlich mußte ich mich auch für ein Medium entscheiden, das meine Erkenntnisse "transportieren" kann. Die Arbeit nur in schriftlicher Form vorzulegen, erinnerte mich doch zu sehr an die Routine von Hausaufgaben und Kursarbeiten, der ich ja gerade entkommen wollte. Als Bürger des kommenden 21. Jahrhunderts entschied ich mich für den Computer als "Transportmittel". Ich beschloß, eine CD-Rom zu erstellen, die nach der Begutachtung durch die Jury auch für andere Schüler als Wissensquelle zur Verfügung stehen soll.

Meiner Arbeit liegen Recherchen im Stadtarchiv, im Stadtmuseum, im Haus Dacheröden, in der Stadtbibliothek und unserer Schulbibliothek zugrunde. Beraten wurde ich von meiner Geschichtslehrerin, Frau Dr. Reichard, wofür ich mich hiermit bedanke.

Die Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür war die Zeit, die ich erübrigen konnte, zu knapp. Ich hoffe jedoch, daß meine Arbeit dennoch hilft, das Interesse und Bewußtsein für die Geschichte der Region zu stärken.

Jan Liebold

...

Die Revolution 1848 in den deutschen Staaten

Politische und soziale Situation vor der Revolution

18./19. Jahrhundert. Zeitenwende. Die Marseillaise ertönt in Europa. Der Kontinent schickt sich an, seine mittelalterliche Vergangenheit endgültig abzuschütteln. Was ist aus dem glorreichen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation geworden? Die einst in Europa dominierende Großmacht ist nach dem 30jährigen Krieg in über 500 territoriale Gebiete zerfallen. Eine starke und ordnende Zentralgewalt ist nicht mehr existent. Jeder Fürst oder Herzog kann nun in seinem "Reich" uneingeschränkt regieren, an die Einheit und Souveränität eines gesamtdeutschen Staates ist nicht zu denken.

Ganz anders sieht es da beim französischen Nachbarn aus. Das Volk begehrt 1789 gegen den König Ludwig XVI auf und zeigt, daß es nicht länger gewillt ist, die Willkürherrschaft des Adels hinzunehmen. Die Forderungen nach einem demokratischen Verfassungsstaat lassen Frankreich nach harten Jahren der Revolution zur Republik werden. Als Napoleon 1806 zu einem Feldzug in Europa antritt, zeigt sich, daß aus dem von Krisen geplagten Königreich ein moderner Staat geworden ist, der nun nach der Vormachtstellung auf dem "alten Kontinent" strebt.

Lange Zeit haben die anderen Großmächte nichts entgegenzusetzen, was die "grande armée" aufhalten kann. Die deutschen Kleinstaaten müssen sich dem Willen Napoleons beugen und dem vom französischen Kaiser initiierten Rheinbund beitreten, um nicht vollends dem Untergang geweiht zu werden. Mit ihrer Hilfe macht Napoleon das militärische Fiasko der Preußen perfekt. Nach dem Sieg bei Jena/Auerstedt 1806 scheint niemand die Franzosen an der völligen Machtübernahme auf dem Kontinent hindern zu können. Erst nach dem fatalen Winterfeldzug 1812 gegen Rußland und der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wendet sich das Blatt.

Trotz der späteren Niederlage Frankreichs zeigen die napoleonischen Jahre den Herrschern im restlichen Europa, wozu eine Nation fähig ist, deren Bürger nicht mehr nur die Werkzeuge und Existenzerhalter des Adels sind, sondern über Mitspracherecht und Selbstbestimmung verfügen.

Vergleichbare Zustände in den eigenen Staaten empfindet die Obrigkeit daher als ernsthafte Bedrohung.

Bei der politischen Neuordnung auf dem Wiener Kongreß 1815 sind sich deshalb alle bis dahin absolutistisch regierten Staaten einig, daß dem Machtgewinn des Bürgertums Grenzen zu setzen sind. Sie vertreten das Prinzip der Restauration, bei dem es darauf ankommt, die Positionen des Adels wieder zu stärken und schrittweise auf den Vorkriegsstand zu bringen. Die Solidarität der Monarchen und die Bewahrung monarchischer Privilegien sind wichtige Grundsätze.

Auch Preußen hat die Gefahr "französischer Zustände" erkannt. Halbherzig distanziert es sich durch Reformen vom Absolutismus und errichtet einen Beamtenstaat. Mit dem staatlich verordneten Liberalismus soll revolutionären Gedanken vorgebeugt werden. Es wird versucht, das wohlhabende und wirtschaftlich einflußreiche Bürgertum in die bis dahin vom Adel dominierten Gesellschaftsschichten zu integrieren. Durch die Aufhebung der Feudalherrschaft erhofft man sich Entspannung und Beruhigung im Volk.

Mit umfangreichen Wirtschaftsreformen wie der Gewerbefreiheit und dem Finanzedikt von 1810 wird die Bestrebung der Regierung deutlich, auf die aufkommende Industrialisierung in Europa einzugehen, um Preußen langfristig wieder als Großmacht zu installieren. Es entsteht eine neue Volksschicht, die Fabrikarbeiterschaft und das Landproletariat.

Jedoch ist es offensichtlich, daß im größten der deutschen Staaten die Regierung und nicht das Volk entschieden hat. Der Ruf nach einer Verfassung mit bürgerlichen Grundrechten bleibt ungehört, die Umstellung auf die Industrialisierung löst eine soziale Krise aus. All das sind Vorbedingungen für die Revolution in Deutschland.

 

Aufkommende freiheitliche Bestrebungen des Bürgertums

Die Großmächte auf dem Wiener Kongreß entscheiden über die Zukunft Europas. Kein Land ist an weiteren kriegerischen Konflikten interessiert. Um den Frieden dauerhaft erhalten zu können, einigt man sich auf die "balance of power", das Kräftegleichgewicht zwischen den einzelnen Staaten. Ein Problem dabei ist aber Deutschland. Im Napoleonischen Krieg haben sich viele der Einzelstaaten zu gewichtigen Territorien entwickelt, die nun das neue Gefüge zu zerstören drohen. Die Lösung des Problems ist die Bildung des Deutschen Bundes, eines losen Zusammenschlusses von 35 souveränen Staaten und vier Freien Städten unter Führung von Österreich. Nach Ansicht der Politiker ist der Bund die Garantie für die Wahrung des Friedens. Ein einheitliches Deutschland ist nach ihrer Meinung daher unnötig, es wäre nur die Quelle neuer Spannungen.

Abb.1 - Territoriale Zersplitterung - Der Deutsche Bund 1847

Das sehen die deutschen Nationalen anders. Nach den "glorreichen und heldenhaften" Siegen über die Franzosen gibt es fast in allen deutschen Staaten Anhänger und Befürworter eines einheitlichen Staates.

Mit der beginnenden Industrialisierung gewinnt das Bürgertum immer mehr an Ansehen in Deutschland. Verstand sich der Bürger im Mittelalter noch als Interessenverteter für bestimmte Gruppen, definiert er sich jetzt über Besitz und Kapital. Die aufgeklärten Verhältnisse in Europa verhelfen ihm nun zu einer immer gewichtigeren Rolle gegenüber dem Adel. So wird auch die Forderung nach politischer Mitsprache stärker. Viele Bürger vertreten freiheitliche Vorstellungen. Die Liberalen sprechen sich für einen "Rechtsstaat" aus, also einen Staat, der in seinem Handeln an Gesetze gebunden ist, denn die Willkür einer absolutistischen Herrschaftsform wirkt sich stark behindernd auf unternehmerische Aktivitäten aus. Grundlage für den Rechtsstaat ist eine Verfassung, in der die Grundrechte und die Gewaltenteilung Priorität haben.

Die Liberalen lehnen mit ihrer Ruf nach einem "Rechtsstaat" die politschen Verhältnisse in Deutschland ab. Ihr Ruf nach einer Verfassung und die Forderung der Nationalen nach einem einheitlichen Deutschland erweckt bei den Regierungen Argwohn. Man erkennt, daß das Volk nicht mehr nur mit Versprechungen und Scheinreformen zu befrieden ist. Die Mitglieder des Deutschen Bundes reagieren nun entschlossener, jedoch sehr unterschiedlich. Vor allem in den süddeutschen Staaten setzen sich liberale Forderungen in den nun von den Landesfürsten unterzeichneten Verfassungen durch. Man verbindet die monarchische Herrschaftsgewalt mit Mitbestimmungsrechten für die Bürger. Die süddeutschen Verfassungen berücksichtigen die "natürliche Gleichheit" aller Menschen. Nun werden alle Bürger zu den öffentlichen Ämtern zugelassen, die Gesellschaft ist im Wandel begriffen.

In Preußen und Österreich werden statt Verfassungen nur Versprechen gegeben. Zwar ist auch hier Veränderung zu spüren, die Reformen sind aber eher Produkte einer "Revolution von oben". Weil sich König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und andere Monarchen immer wieder um eine Verfassung drücken, radikalisieren sich die Anhänger des Rechts- und Nationalstaates zunehmend. Vor allem Studenten zeigen ihren Protest, indem sie sich in Burschenschaften zusammenschließen. Ihre Kompromißlosigkeit und die Ablehnung alles Konservativen wird zum ersten Mal auf dem Wartburgfest 1817 deutlich und spätestens nach dem Hambacher Fest 1832, als ca. 30 000 Menschen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen auf die örtliche Schloßruine ziehen, zeigt sich dem Adel die Entschlossenheit dieser Gruppen.

Abb.2 - Revolutionäre Studenten auf der Wartburg

Nach dem Attentat des patriotischen Studenten Sand auf August von Kotzebue 1819 reagieren die Regierungen von Preußen, Österreich und acht weiteren Bundesstaaten mit den "Karlsbader Beschlüssen". Das Resultat ist ein totalitärer Polizeistaat, der alle aufwieglerischen oder revolutionären Strömungen auf das Härteste verfolgt. Das hat zur Konsequenz, daß sich viele bis dahin für liberale und nationale Belange kämpfende Bürger ins Private zurückziehen. Man spricht von der Zeit des "Biedermeier".

Nur die Radikalen halten an ihren Zielen fest und drücken 1847 im "Offenburger Programm" ihre Forderungen und Ziele aus.

Krasse Gegensätze, bei der keine Seite zu Zugeständnissen bereit ist, lassen Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Pulverfaß werden.Nur der Funke fehlt noch.

 

Ausbruch und Ereignisse der Revolution 1848/49

Frankreich ist auch in dieser Zeit Vorbild. Wieder sind es die Franzosen, die Auslöser für einen politischen Umschwung sind. Im Februar 1848 gelingt es dem Großbürgertum mit Hilfe der Arbeiter und Handwerker den konstitutionellen Monarchen Louis Philippe zu stürzen und ihn gegen einen republikanischen Präsidenten auszutauschen.

Die Beendigung der Restaurationspolitik in Frankreich läßt auch das Bürgertum des Deutschen Bundes seine Skrupel vor einer Revolution vergessen.

Im März 1848 kommt es zuerst in Österreich zu Aufständen. Die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht und einer Verfassung treibt vor allem die Arbeiter auf die Straßen. Nach schweren Unruhen in den Wiener Vororten und tagelangen Demonstrationen haben sie Erfolg. Metternich flieht, die Regierung wird umgebildet, und am 25. April gibt der Kaiser dem Land eine Verfassung. Ein erster Erfolg?

In Schlesien, der Pfalz und den süddeutschen Staaten wie Baden und Bayern sind die liberalen und nationalen Forderungen der Burschenschaften die Ziele der Demonstranten. Auf Massenkundgebungen mit Führern wie Hecker und Demonstrationen fordern sie Pressefreiheit, ein gesamtdeutsches Parlament und eine konstitutionelle Vefassung. Teilweise schlägt das Militär die Aufstände nieder. Die Waffengewalt der Regierung vermag aber nicht, die Revolution im Keim zu ersticken.                      

Abb.3 - Friedrich Hecker, führender Revolutionär ; Abb.4 - Friedrich Wilhelm IV, König von Preußen.

Auch in der preußischen Hauptstadt Berlin kommt es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Armee und Bürgern. Straßen- und Barrikadenkämpfe fordern zahlreiche Todesopfer, die die Verbissenheit der Kämpfenden nur noch mehr aufpeitschen. Erst nach fünftägigem Chaos lenkt König Friedrich Wilhelm IV ein, verspricht eine Verfassung und demonstriert am 21. März seine Entschlossenheit zu liberalen Reformen sogar mit der schwarz-rot-goldenen Armbinde. Sein Ausspruch "Preußen geht fortan in Deutschland auf" scheint die Nationalen zu bestätigen. Im Mai 1848 wird die preußische Nationalversammlung gewählt. Sind die Revolutionäre am Ziel?

Abb.5 - Barrikadenkämpfe in Berlin

Politische Ergebnisse und das Scheitern der Revolution

In fast allen Staaten des Deutschen Bundes haben sich Nationalversammlungen gebildet. Man weiß, daß die Einigung zu einem deutschen Staat aber nur erfolgen kann, wenn es gelingt, sich über regionale Grenzen hinwegzusetzen und Reformen für alle Deutschen zu erarbeiten. Von den radikalen Aktionen im März 1848 muß ein Weg zur politischen Veränderung gefunden werden.

Nachdem sich die Vertreter der Landtage in einer Zusammenkunft darauf geeinigt haben, eine verfassungsgebende Nationalversammlung zu wählen, ist der Weg frei für das erste große Zusammentreffen von Politikern aus allen deutschen Einzelstaaten.

Abb.6 - Die Franfurter Paulskirche, Sitz der Nationalversammlung

Am 18. Mai 1848 kommen 585 Abgeordnete in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Die Vertreter sind in drei große Lager gespalten: die republikanische Linke, die Rechte und die liberale Mitte.

Große Probleme müssen gelöst werden. Um zu einer einheitlichen Verfassung zu gelangen, ist es nötig, lokale Interessen zurückzustellen und zu versuchen, für alle Staaten gleiche Ausgangsbedingungen zu schaffen. Die Abgeordneten diskutieren über das Wahlrecht, das Staatsoberhaupt, die Grenzen des neuen Deutschlands und über die Steuerabgaben der einzelnen sozialen Gruppen.

Am 27. März 1849 wird die Reichsverfassung von den Abgeordneten verabschiedet. Nach heftigen Diskussionen einigt man sich auf das allgemeine gleiche Wahlrecht für die Bürger. Das Oberhaupt des gesamtdeutschen Staates soll der preußische König werden, eine Festlegung, die auf der Territorialfrage basiert. Nach Vorstellung der "Kleindeutschen" soll der neue Staat unter der Führung der Preußen zur dominierenden Macht in Europa werden.

Die Annahme, daß alle politischen Lager nach der Verabschiedung der Verfassung zufrieden sind, ist falsch. Allein vier Stimmen fehlen der Opposition, um die politische Arbeit des vorausgegangenen Jahres wertlos zu machen.

Trotz allem ist für Deutschland der Weg in eine neue und liberale Zukunft geebnet. Die Abgeordneten hoffen, mit der Wahl Friedrich Wilhelms auch die Exekutive für ihre Ziele zu gewinnen.

Doch der Adel, der sich der Loyalität des Militärs bewußt ist, erkennt die Zwangslage der Liberalen. Diese haben keine Mittel, eine Verfassung durchzusetzen, und nachdem die Unruhen des 48er Jahres vorüber sind, entschließen sich die Monarchen zu einem neuen Schlag gegen die Revolutionäre. Friedrich Wilhelm lehnt es ab, Staatsoberhaupt für alle Deutschen zu werden und bringt somit die Verfassung zum Scheitern. Viele Abgeordnete legen ihr Mandat nieder, der Rest verlegt seinen Tagungsort von Frankfurt nach Stuttgart.

Das Militär löst wenige Wochen später auch diesen Versammlungsort auf, um jegliche Neuordnung revolutionärer Kräfte zu verhindern. In Preußen und Österreich ist man bereits wieder auf dem Weg der Restauration. Schärfer als jemals zuvor wird nun jeder Zweifler am alten System verfolgt.

Nur in Baden regt sich noch Widerstand. Rund 25 000 Bürger schließen sich unter Führung von Hecker zu einer Volksarmee zusammen und ziehen "im Kampf für die Deutsche Republik" gegen die Truppen des Deutschen Bundes.

Nach der Kapitulation in Rastatt am 23. Juli und der sofortigen Hinrichtung vieler Anführer bricht auch hier der Widerstand zusammen.

Preußen wird 1850 eine Verfassung aufgezwungen, die Fontane in einem Brief an seinen Freund Lepel ironisch kommentiert: "Diese Konstitution ... ist nicht aus Furcht vor dem Volke, sondern aus gänzlicher Verachtung des Volkes hervorgegangen. Das Volk nämlich soll darin zu einer Komödie ... mißbraucht werden." (Fontane, Autobiographische Schriften, Bd.1, S.47)

Die nationale Revolution ist gescheitert, der Adel konnte seine Herrschaftsposition behaupten.

 

...

Revolutionäre Ereignisse 1848 in Erfurt und Umgebung

Erfurts Situation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Erfurt gehört seit 1802 zum preußischen Staatsgebiet. Die modern ausgebaute Festung auf dem Petersberg ist der letzte ernstzunehmende Vorposten an der Grenze zu den Einzelstaaten des Rheinbundes. Da sich diese während der Zeit der französischen Eroberungsfeldzüge loyal zu Napoleon Bonaparte verhielten, ist die Stadt ständiger Sammelpunkt für preußische Soldaten aller Waffengattungen. Ihre Bedeutung für das Königreich Preußen zeigt sich im Besuch König Friedrich Wilhelms III mit der Königin Luise 1803 und Friedrich Wilhelms IV 1845 in der Stadt.

Die Zitadelle wird von den Heerführern ebenfalls dazu benutzt, die Umgebung zu "befrieden". Die Truppen haben neben der Abwehr des Staatsfeindes auch die Aufgabe, revolutionäre Bestrebungen in der Bevölkerung sofort zu ersticken. 1848, im Jahr der Aufstände, sind ca. 3.000 Soldaten in der Erfurter Garnison - Ausdruck dafür, daß man in sich in Berlin und Potsdam der brisanten Lage in Erfurt durchaus bewußt ist.

792 n. Chr. gegründet, gewinnt Erfurt nach rund 1000jährigem Bestehen an Bedeutung. 1815 leben 15.000 Einwohner in den 14 Bezirken der Stadt, 1830 schon 23.000 und 1840 sogar knapp 25.000. Der Grund für diese rasche Zunahme der Bevölkerung ist die aufkommende Industrialisierung im Thüringer Raum und der damit verbundene Aufschwung der Wirtschaft. Mit der Anbindung an das Thüringer Eisenbahnnetz 1847 können auch überregionale Handelsbeziehungen entstehen. War Erfurt im Mittelalter für die Qualität der Waidpflanze bekannt, so ist es jetzt ein bedeutendes Zentrum des gewerblichen Gartenbaus und der Samenzucht, und es machen nun auch Geschäftsleute wie Lucius, Uckermann, Benary und Born von sich reden. Sie sind keine Großindustriellen, aber Unternehmer, die beweisen, daß auch in Erfurt die Entwicklung nicht stehengeblieben ist. So gibt es in dieser Zeit 2.050 Handwerksbetriebe (vom Bäckermeister in der Krämpferstraße bis zum Seiler auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz ist fast alles vertreten) mit 4.000 Beschäftigten, 840 Handelsfirmen und 67 Industriebetriebe mit 1.700 Angestellten.

Abb.7 - Domplatz, Beginn des 19. Jhds.

Wie in allen größeren Siedlungen gewinnt auch in Erfurt die Arbeiterschicht an Bedeutung. Zahlenmäßig die stärkste Bevölkerungsgruppe, ist sie zugleich die ärmste. Der Lohn der Arbeiter reicht meist nur dazu aus, die kinderreichen Familien am Existenzminimum zu halten. Auch in der thüringischen Metropole bilden sich krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich.

Die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen zeigen sich auch im kulturellen und sozialen Bereich. Die Kinder der wohlhabenderen Familien besuchen private Gymnasien. Hier lehren Staatsbeamte und anerkannte Wissenschaftler. An Nachwuchs für die leitenden Positionen soll es auch in Erfurt nicht fehlen. Die Kinder der Handwerker und Arbeiter besuchen Volksschulen, 1810 werden dort 2177 Schüler von 66 Lehrern unterrichtet.

Seit 1816 ist Erfurt keine Universitätsstadt mehr, denn die Universität wurde am 12.11. laut königlich-preußischem Befehl geschlossen. Die Bürger besitzen aber eine Bibliothek mit 40.000 Bänden. Der Botanische Garten wird dem Ruf der "Blumenstadt" gerecht.

Typisch für die damaligen Zustände ist, daß nur Bürger von Rang und Namen politische Ämter innehaben. Oft bedeutet das aber Stillstand und Passivität in der Gesellschaft. So auch in Erfurt. Die Hauptaufgabe des Oberbürgermeisters und der Magistratsmitglieder ist es während der Zeit des Vormärz, den Anweisungen des preußischen Regierungspräsidenten im thüringischen Bezirk Folge zu leisten. Entscheidungen auf sozialer und juristischer Ebene werden nur sehr zögerlich getroffen, und es ist nicht verwunderlich, daß die Bevölkerung ebensowenig von der Stadtregierung wie von der Staatsregierung hält.

Seit dem Mittelalter gibt es in Erfurt eine Bürgerwehr, die die Aufrechterhaltung der Ordnung zur Aufgabe hat. Sie bildet zwar de facto ein Gegengewicht zur Armee, wird aber geduldet. Der Grund ist die Führung durch einen Staatsbeamten, Oberregierungsrat von Tettau. Er erledigt Anweisungen des Bürgermeisters mit seinen Stadtkompanien pflichtgemäß. Man ist sich einig, daß im Falle einer Revolte die Bürgerwehr als Hilfstruppe für die regulären Einheiten der Armee fungieren kann.

 

Der revolutionäre Gedanke in Erfurt

Die Grundstimmung ist schlecht in der Zeit des Vormärz. Viele Bürger zweifeln an der Fähigkeit der Monarchen, ihr Land zeitgemäß regieren zu können. Auch Erfurt und Umgebung werden vom revolutionären Feuer der Zeit erfaßt. Liberale Gedanken finden bei den Bürgern Gehör. Vor allem der Ruf nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit und Mitspracherecht in stadtpolitischen Belangen ist für viele wesentlich. Man ist sich des Marionettendaseins des Magistrats bewußt, auch die Empörung gegen die Regierung in Berlin wächst.

Erfurt ist zu dieser Zeit Spiegelbild der Beziehung zwischen Liberalen und Reaktion. Während Preußen an der Restauration kontinuierlich festhält und sämtliche "staatsgefährdenden Aktivitäten" streng verfolgt, bilden sich in der Stadt oppositionelle Gruppen. Vor allem um den Handwerker und Herausgeber des demokratisch gesinnten "Stadt- und Landboten" Goswin Krackrügge sammeln sich Intellektuelle aus allen sozialen Schichten. Überzeugt von den Gedanken der Aufklärer und Liberalen, propagiert er die uneingeschränkte Freiheit für alle Bürger Deutschlands und fordert das allgemeine Wahlrecht.

Mit dem bürgerlichen Engagement in der Politik kommt es zu zahlreichen Vereinsgründungen in Erfurt. Sie sind jedoch nicht von so radikaler Ausprägung wie die Burschenschaft im benachbarten Jena. Der "Polizeistaat" Preußen hat aber trotzdem ein waches Auge auf sie.

Abb.8 - Pistole und Pickelhaube - Insignien des preußischen Polizeistaates

Je mehr die politische Unzufriedenheit zunimmt, desto größer wird die Mitgliederzahl der Gruppen. Die Anhänger, die zu Beginn ihrer Tätigkeit noch Verfechter einer konstitutionellen Monarchie sind, liberalisieren sich bis zu den Revolutionsjahren zunehmend. Die Mitglieder rekrutieren sich aus der Arbeiterschaft und dem Kleinbürgertum. Sie sehen in den durch Krackrügge formulierten Zielen ("die Erstrebung größtmöglicher Freiheit ..., Hebung und Förderung des Arbeiterstandes und Vertretung der Menschenrechte") den Entwurf einer besseren Zukunft.

Neben politischen Problemen wird Erfurt in den Jahren vor der Revolution auch von wirtschaftlichen Problemen heimgesucht. 1846 wird die Lebensmittelsituation prekär. Eine Mißernte läßt viele Einwohner hungern. Rapide Preissteigerungen (das Brot verteuert sich um das Dreifache, Kartoffeln um das Fünffache) reduzieren die Bereitschaft, die Zustände weiter stillschweigend hinzunehmen. In den Zeiten der Not werden die Unterschiede zwischen Besitzenden und Besitzlosen immer größer. Auch in Thüringen hat der seit 1800 wahrnehmbare Industrieaufschwung einen Dämpfer erhalten. Wie in den großen deutschen Metropolen steigt auch in Erfurt die Beschäftigungslosigkeit, die soziale Benachteiligung der Heim- und Fabrikarbeiter zeigt sich erstmals krass und unverhüllt.

 

Ereignisse im März 1848

Die Stadtführung ist beunruhigt. Auch sie erkennt, daß durch die immer größeren Probleme die innere Sicherheit in Gefahr gerät. Doch sie macht sich nicht die Mühe, durch Veränderungen die aufgebrachte Bevölkerung zu beruhigen. Einzige Schlußfolgerung ist die Alarmierung des preußischen Regierungsbeauftragten. Der praktiziert die "Politik der Gewehre" und veranlaßt die Verlegung von zusätzlichen Militäreinheiten in die strategisch bedeutsame Garnisonsstadt. Die Oppositionellen sollen durch verstärkte Staatspräsenz an offenen Aufständen gehindert werden.

Doch die lassen sich nicht einschüchtern. Die Anhänger von Nationalstaat und Liberalismus gehen, von den Ereignissen in Berlin, Dresden und Stuttgart beflügelt, auch in Erfurt auf die Straße. Demokratische Zeitungen rufen zu "Katzenmusik mit Sauce" auf, die Demonstranten sollen der Obrigkeit ihre Unzufriedenheit deutlich mitteilen. Am Abend des 14. März kommt es zur Eskalation. Aufgebrachte Bürger sammeln sich auf dem Anger, um randalierend durch die Straßen zu ziehen. Ziel ist die Eimergasse, in der der verhaßte Stadtrat Karl von Ehrenberg wohnt. Die radikale Masse ist nicht davon abzuhalten, gewaltsam in sein Haus einzudringen. Nach Zerstörung sämtlicher Einrichtungsgegenstände zieht sie auf den Wenigemarkt. Eine Trennung zwischen wahren Revolutionären und gewalttätigem Mob ist mittlerweile nicht mehr zu erkennen. Inzwischen hat sich die Bürgerwehr formiert, um sich den Aufständischen in den Weg zu stellen. Schlechte Moral und teilweise Verbrüderungsaktionen lassen diese aber wirkunglos werden. Erst als einige Kompanien Füssiliere herbeigeführt werden, gewinnt die Reaktion die Oberhand. Es kommt zum Schußwechsel, zwei Menschen sterben und sechs werden zum Teil schwer verletzt.

Abb.9 - 1848 - Kämpfe in Erfurt

Das März-Ereignis ist Auslöser für ein turbulentes Jahr in Erfurt. Die Zugeständnisse des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV an die Bevölkerung gelten auch hier. Pressefreiheit und Verfassungsversprechen beruhigen die Revolutionäre zunächst, man glaubt, daß der politische Neuanfang Grundlage für ein besseres Leben ist. Die Liberalen und Demokraten gründen am 16. April 1848 einen "Volksverein". Dessen Aufgabe ist, die Forderungen in Taten umzusetzen.

Schon drei Tage nach der Gründungsveranstaltung hat der Verein 1.200 Mitglieder. Den Vorstand bilden Männer, denen zugetraut wird, Erfurter Interessen auch deutschlandweit zu vertreten. Krackrügge, der Buchhändler Berlepsch und andere Intellektuelle, darunter Lehrer und Geistliche, entsprechen diesen Vorstellungen zur Genüge.

Bis zur Wahl der Abgeordneten für die Frankfurter Nationalversammlung werden Reformen zur Steuerpolitik und zu sozialen Fragen erarbeitet.

Bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalverammlung Anfang Mai kommt es erneut zu Unruhen. Kleine radikale Gruppen stören das Unternehmen. Der Aufruhr ist zwar nur von geringer Bedeutung und kann von der Bürgerwehr problemlos zurückgeschlagen werden, er zeigt aber, daß unterschiedliche Interessen das politische Bild in der thüringischen Metropole prägen und lange nicht alle mit dem Erreichten zufrieden sind.

Die Wahl wird trotz allem zu Ende geführt. Die Demokraten erhalten den größten Zuspruch, ihr Führer Krackrügge wird als Repräsentant der Erfurter zur preußischen Nationalversammlung nach Berlin delegiert. Nach Frankfurt wird der Direktor der Thüringer Eisenbahn, Graf Keller, geschickt. Er soll dort das Lager der Republikaner verstärken.

 

Die Erfurter Konterrevolution im November 1848

Die Probleme zwischen den Erfurter Bevölkerungsschichten werden noch größer, als sich der "Verein für konstitutionelle Monarchie" gründet. Treue Staatsbeamte und Polizeifunktionäre, die im Erstarken der Arbeiter die Gefahr des eigenen sozialen Abstiegs sehen, bilden das Gerüst dieser Interessenvereinigung. In der Stadt gibt es nun eine Opposition zum demokratischen Gedanken. Schon im Juni, also lange vor den Niederschlagungen der übrigen liberalen und nationalen Bewegungen in Deutschland, kommt es zu Kämpfen zwischen den beiden Lagern. Die Demokraten verschanzen sich hinter Barrikaden auf dem Anger, die erst nach dem Einsatz von Militär geräumt werden können.

Abb.10 - Preußische Kavallerie im Kampf gegen Erfurter Bürger

Bei den Thüringer Volkstagen, in denen Städtefraktionen aller Parteien über die Zukunft in einem gesamtdeutschen Nationalstaat diskutieren, kommt es zum Bruch zwischen den Demokraten. Es sind Streitigkeiten über die Führungsansprüche, die die Arbeit des Frühjahrs gefährden. Wie in der Frankfurter Paulskirche läßt man sich auch hier von lokalen Interessen leiten und versäumt, als geeinte Gruppe das überholte monarchische System zu erneuern.

Die Konservativen sind bei diesen Streitigkeiten die lachenden Dritten. Sie erkennen die Unfähigkeit der Revolutionäre, Reformen durchzusetzen. So beginnen sie, sich wie in den anderen Einzelstaaten zum Gegenschlag zu formieren. Als im Oktober 1848 die Wiedererstarkung der Reaktion mit der Machtübernahme in Berlin sichtbar wird und in der Nachbarstadt Jena die Demokratiebewegung "niedergeschossen" wird, kommt es zur Eskalation.

Die revolutionären Bürger verweigern die Steuerzahlungen an die Stadt und das preußische Reich. Da mitterweile auch viele Angehörige der Bürgerwehr auf ihrer Seite stehen, sind sie sicher, dem königstreuen Militär in der Garnisonsstadt trotzen zu könnnen. Als sich am 15. November der demokratische Kreiskongreß in Erfurt trifft, um ein strikteres Vorgehen gegen Konterrevolutionäre zu beschließen, hält der Magistrat die Situation für günstig. Landwehr wird einberufen, um mit einem Schlag die verhaßten Liberalen und Demokraten handlungsunfähig zu machen.

Unter den Rekrutierten ist auch Berlepsch, einer der Führer des Volksvereins. Es gelingt ihm mit Hilfe anderer, die Masse der Landwehrleute dazu zu bewegen, am nächsten Morgen nicht in die Kasernen einzurücken. Die Anhänger der Gruppe kommen der Aufforderung nach. Nur ein Bruchteil der von den Militärs erwarteten Verstärkung zieht am nächsten Morgen in die Festung auf dem Petersberg ein.

Das gleiche Szenario ereignet sich am 24. November. Die Lage hat sich aber weiter zugespitzt, weil die mittlerweile in Berlin wieder fest installierte Reaktion die Niederschlagung von Unruhen im ganzen Reich angeordnet hat. Der Staatsminister Otto Freiherr von Manteuffel erwähnt die Stadt namentlich: "In Erfurt haben die anarchistischen Zustände so zugenommen, daß ihre Unterdrückung mit bewaffneter Macht notwendig ist." Die Militärs sehen in dieser Äußerung die Bevollmächtigung zur Gewalt. Als die Rekruten am Morgen zum Zeughaus am Anger ziehen, um eingekleidet zu werden und sich ihnen die revolutionäre Masse mit Sensen, Äxten und Heugabeln bewaffnet in den Weg stellt, ist das der Beginn eines der blutigsten Tage in der Erfurter Geschichte. Bürgerwehr und Arbeiter stellen sich den kampfbereiten Infanteristen und Husaren in den Weg. Nach mehreren kleineren Scharmützeln werden die Revolutionäre auf den Anger zurückgedrängt. Soldaten haben sich in den Häusern verschanzt und warten auf den Feuerbefehl.

Abb.11 - Kämpfe vor dem Zeughaus, November 1848

Wie im März löst ein einziger Schuß die offene Gewalt aus. Jede der beiden Parteien verdächtigt die andere des Schußwaffengebrauchs. Die Aufständischen verschanzen sich hinter Barrikaden. Die Soldaten stürmen sie. An diesem Tag erlebt der Widerstand gegen "das alte System" seinen Höhepunkt, aber auch seinen Fall. Die Bilanz sind 13 tote Aufständische, 12 davon Arbeiter und Handwerker, sieben tote Soldaten und eine große Menge an Verwundeten. (Eine Tafel am Angermuseum erinnert heute daran, daß die Arbeiter und Handwerker für die Freiheit und die Einheit Deutschlands gestorben sind. Am Johannisring, dem heutigen Juri-Gagarin-Ring, stand bis zur Neubebauung auch ein Denkmal für die bei den Kämpfen gefallenen preußischen Rekruten, von denen keiner älter als 23 Jahre war und die alle nicht aus Erfurt stammten.) Als die Reaktion wieder Herr der Lage in Erfurt ist, werden zudem 260 revolutionär Gesinnte verhaftet. Viele werden später Opfer von Todesurteilen.

                 

Abb.12 - Mittlerweile entferntes Denkmal für die sieben gefallenen Rekruten ; Abb.13 - Gedenktafel am Angermuseum für die getöteten Revolutionäre

Über die Stadt wird der Belagerungszustand verhängt. Die Militärs versuchen nun, jedweden Aufruhr im Keim zu ersticken. Alle verdächtigen Aktionen, die die Interessen des preußischen Staates gefährden könnten, werden auf das Härteste verfolgt. Sämtliche politischen Vereine werden verboten, demokratische Zeitungen wie der "Thüringer Stadt- und Landbote" gehen ab nun nicht mehr in Druck.

Die politschen Führer werden zum Teil gefaßt. Berlepsch entgeht der Todesstrafe, indem er in die Schweiz flieht. Goswin Krackrügge kann von den örtlichen Beamten nicht verhaftet werden. Er weilt zur Zeit des Aufstandes in Berlin, wo die preußische Nationalversammlung tagt. Als er zurückkehrt, ist ihm keine direkte Beteiligung an den Unruhen nachzuweisen.

Abb.14 - Versammlung des Unionsparlaments in der Erfurter Augustinerkirche

Auf Vorschlag des preußischen Königsberaters Radowitz wird im Frühjahr 1850 von Friedrich Wilhelm IV das sogenannte Unionsparlament nach Erfurt einberufen. Es tagt vom 20. März bis 29. April in der Augustinerkirche. Es scheint eine Fortsetzung der Frankfurter Nationalversammlung zu sein, aber Östrerreich, Bayern, Würtemberg, Sachsen und Hannover fehlen. Friedrich Wilhelm IV will retten, was zu retten ist, er will wenigstens einen Teil Deutschlands unter Preußens Führung einigen. So ist es geradezu symbolträchtig, daß Bismarck, der spätere Reichsgründer, dem Parlament angehört. Erfurt verdankt seine Wahl zum Sitz des Parlaments seiner Lage im Mittelpunkt Deutschlands und der Erinnerung an starke Bestrebungen der Revolutionszeit, u.a. befürwortet von Krackrügge, die Stadt zum Sitz der Nationalversammlung zu machen. Präsident des Parlaments war Eduard Simson, der auch Präsident der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt gewesen war. Radowitz' Vorschlag, die Lösung der deutschen Frage durch einen Kampf mit Österreich herbeizuführen, wurde nicht akzeptiert. Er wurde vertagt bis zur Schlacht von Königgrätz.

        

 

Abb.15 - Josef Maria von Radowitz (1797-1853) ; Abb.16 - Eduard Simson (1810-1899)

...

Schlußbetrachtungen

Die revolutionären Erhebungen der späten vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts gehen auf eine gemeinsame historische Entwicklung zurück. Trotz der in Deutschland sehr hemmenden Kleinstaaterei erlebten Industrie und Handel einen bedeutenden Aufschwung, was mit einem wirtschaftlichen Erstarken des Bürgertums einherging. Die in den Kleinstaaten konservierten feudalen Verhältnisse, die eigentlich schon seit der Aufklärung historisch überlebt waren, erwiesen sich zunehmend als Hemmnis der gesellschaftlichen Entwicklung. Liberales bürgerliches Gedankengut, das auf Bewegungs- und Handlungsfreiheit abzielte, kollidierte mit den überkommenen Machtansprüchen des Adels, der noch immer überwiegend Regierungspositionen innehatte.

Dieser Grundwiderspruch artikulierte sich natürlich in den verschiedenen deutschen Regionen auf sehr unterschiedliche Weise. Entsprechend den lokalen Gegebenheiten entwickelten sich manche Gebiete wie Süddeutschland oder Berlin zu Zentren der revolutionären Auseinandersetzungen.

Die Arbeit hat gezeigt, daß auch Erfurt als ein solches Zentrum gelten kann. Seit dem frühen Mittelalter war die Stadt eine wirtschaftlich leistungsfähige Kommune gewesen, so daß hier das Bürgertum ein starkes soziales Selbstbewußtsein entwickelt hatte. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts war Erfurt durch Sondervertrag mit Frankreich preußisches Staatsterritorium geworden und hatte für das Königreich Preußen eine herausgehobene wirtschaftliche und strategische Bedeutung. Dies alles sind Voraussetzungen für besonders erbitterte Kontroversen, wie sie zum Beispiel im November 1848 vor dem Erfurter Zeughaus ausgefochten wurden.

Was ist aus den Idealen des Revolutionsjahres geworden? Nach anfänglichen Erfolgen (Verfassungszugeständnisse) schlug die Reaktion umso erbitterter zurück. Dutzende von Todesurteilen wegen Hochverrats wurden verhängt, eine Auswanderungswelle politisch Verfolgter nach Amerika setzte ein, und die Restauration zeigte sich in einem deutlichen Nachlassen von politischem Engagement und dem Rückzug ins bürgerliche Privatleben. Ehemals revolutionäre Vereinigungen wie die Burschenschaften wandelten sich zu spießigen Vereinsmeiereien. Die Revolution schien tot zu sein. Jedoch - Lothar Gall sagt in einem Interview: "Der Weg nach 1871 ist ohne 1848 gar nicht denkbar. Da sind all die Elemente entstanden, die dann zu bündeln und in eine Richtung zu lenken Bismarcks Leistung war. Der Wirtschaftsliberalismus setzte sich weitgehend durch. Der Durchbruch der Industrialisierung ist auf dieser Grundlage erfolgt. Sozial und ökonomisch wird die bürgerliche Gesellschaft etabliert. Aber in der Machtfrage setzt sich die Vorherrschaft des Adels durch. Geblieben ist das Fundament unserer Ordnung: Bei allen Unterschieden beruht die Bundesrepublik stark auf der 48er Revolution." (Der Einzug der Parlamentarier. Interview mit Lothar Gall. MZ, 15.5.98 - BL, S.5)

Dieser Tatsache gilt es sich bewußt zu sein. Die politischen Entscheidungen in der Bundesrepublik Deutschland der Gegenwart und die Reaktion ihrer Bürger darauf sind an zweierlei Kriterien zu messen: Tragen sie den Grundgedanken der Verfassung Rechnung, und sind sie orientiert an den Entwicklungen und Erfordernissen unserer Zeit? Dies kritisch zu betrachten und sich, wenn nötig, ebenso kritisch zu engagieren ist die Schlußfolgerung, die der Einzelne aus der Analyse der 48er Ereignisse ziehen sollte.

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Glossar

Absolutismus 1)

absolute Monarchie, vorherrschende Regierungsform im Europa des 17./18. Jh. entstand als Reaktion auf die Schrankenlosigkeit der Adels- u. Ständeherrschaft; er bezweckte die straffere Zusammenfassung des Staates in Notzeiten u. war Voraussetzung für die Entstehung der Nationalstaaten. Seine schärfste Ausprägung mit Gottesgnadentum, Polizeistaat, stehendem Heer u. Staatswirtschaft (Merkantilismus) fand er unter Ludwig XIV. von Frankreich.

Im 18. Jh. milderten viele Fürsten die Willkür des A. zu einem aufklärenden A., wie ihn bes. Friedrich d. Gr. in Preußen verkörperte. Überall wurde das Strafrecht humanisiert (Folter abgeschafft), Schul- u. Bildungswesen gehoben, Toleranz gefordert, aber keine Mitbestimmung der Untertanen im Staat geduldet.

In Frankreich wurde der A. durch die Franz. Revolution von 1789, im übrigen Europa im Lauf des 19. Jh. in z. T. schweren Verfassungskämpfen beseitigt. In Rußland hielt er sich bis 1905.

 

August von Kotzebue 1)

[-bu:] August von, * 1761, † 1819, dt. Schriftst.; seit 1783 zeitw. in russ. Diensten, 1819 von dem Burschenschafter K.L. Sand als angebl. Spion erdolcht; schrieb rd. 200 Theaterstücke, die in der Goethezeit viel gespielt wurden.

 

balance of power

Politik der englischen Großmacht, die darauf zielte, die Entwicklung einer konkurrierenden Großmacht auf dem europäischen Kontinent zu verhindern, indem kein großer europäischer Staat bevorzugt wurde.

 

Biedermeier 1)

Stilbez. für Formen der dt. Wohnkultur, Malerei u. Literatur zw. 1815 u. 1848. Klar u. zweckmäßig gebaute, leichte, zierl. u. handwerkl. vorzügl. gearbeitete Möbel, helle, geblümte Stoffe u. weich geschwungene Linien bestimmen den Eindruck des Raums. Der behagl. Wohnraum des B. ist typisch für die friedl. kleinbürgerl. Atmosphäre der vorrevolutionären Zeit. Auch in der Malerei wird diese Stimmung faßbar; dargestellt werden das bürgerl. Kleinstadt- u. Wohnmilieu, idyll. Landschaften u. unpathet., einfache Menschen. Hauptmeister: C. Spitzweg (Frühwerk), F. G. Waldmüller, J. P. Hasenclever, J. Oldach. - Vertreter des literar. B.: F. Grillparzer, A. Stifter, E. Mörike.

 

Carl Lucius

Erfurter Unternehmer, stellte 1842 die erste Dampfmaschine in der Stadt in einer Fabrik am Junkersand auf.

 

Deutscher Bund 1)

der anstelle des 1806 aufgelösten Hl. Röm. Reichs Dt. Nation durch die Bundesakte von 1815 gegr. lockere dt. Staatenbund zw. 35 (zuletzt 31) souveränen Fürsten u. 4 Freien Städten mit 630 100 km² u. 29,2 Mio. Ew. Einziges Organ war ein ständiger Gesandtenkongreß in Frankfurt unter östr. Vorsitz (Bundesversammlung oder Bundestag). Der Bund war belastet durch den preuß.-östr. Dualismus u. hörte auf zu bestehen bei Ausbruch des Dt. Kriegs 1866.

 

Dreißigjähriger Krieg 1)

Sammelbez. für mehrere Kriege in Dtld. 1618-48. Auslöser war ein Aufstand des prot. böhm. Adels gegen die habsburg. Herrschaft. Aus konfessionellen Gegensätzen entstanden, weitete sich der Krieg zum Reichskrieg um die Stellung des Kaisers gegenüber den Ständen (Reichsfürsten) aus u. entwickelte sich durch das Eingreifen Schwedens u. Frankreichs zu einem auf dt. Boden geführten Machtkampf um die europ. Stellung des Hauses Habsburg. Dabei wurden weite Teile Dtld.s verwüstet u. entvölkert; die wirtschaftl. Folgen waren katastrophal. Im Westfäl. Frieden 1648, der den D.K. beendete, mußten Gebiete an Frankreich u. Schweden abgetreten werden, das Ausscheiden der Schweiz u. der Niederlande aus dem Reichsverband wurde bestätigt, u. die Reichsstände erhielten alle wesentl. Hoheitsrechte, darunter das Recht, Bündnisse mit ausländ. Mächten zu schließen.

 

Ernst Benary

gründete 1843 einen bedeutenden Samenzuchtbetrieb, der bis zum Jahrhundertende Erfurt in aller Welt bekanntmachte.

1863 war er einer der ersten jüdischen Stadtverordneten Erfurts.

 

Frankfurter Paulskirche 1)

ev. Kirche in Frankfurt a.M.; 1786-1833 in klassizist. Stil von J.A. Liebhardt erbaut; 1848/49 Tagungsstätte der Frankfurter Nationalversammlung.

 

Friedrich Wilhelm IV 1)

F. Wilhelm IV., Sohn von 20), * 1795, † 1861, König 1840-61; verzichtete in der Märzrevolution 1848 auf den Einsatz militär. Macht u. beugte sich den liberalen Forderungen, oktroyierte aber nach Niederlage der Revolution die Verf. von 1850; seit 1857 geisteskrank, seit 1858 regierte sein Bruder, der spätere König u. Kaiser Wilhelm I., für ihn.

 

Gewaltenteilung 1)

die Aufteilung der Funktionen der Staatsgewalt in gesetzgebende, vollziehende u. rechtsprechende Gewalt (Legislative, Exekutive, Jurisdiktion) mit der Forderung, daß die Ausübung dieser Funktionen nicht in einer Hand vereinigt sein darf. Dieser Grundsatz wurde vor allem von C. de Montesquieu im Kampf gegen den absolutist. Staat verkündet u. gilt als Grundlage des modernen Verfassungsstaats. Keine Anwendung findet der Grundsatz der G. in Diktaturen.

 

Goswin Krackrügge

wird journalistisch bekannt, indem er in seinem Blatt aufmerksam macht auf die Tragödie, die sich im Haus eines hohen preußischen Beamten in Erfurt abspielt. Dieser hatte seine Tochter, die aufgrund eines entstellenden Hautleidens jede Heiratschance verloren hatte, völlig von der Außenwelt isoliert und bei kärglichster Nahrung jahrelang in einem Kämmerchen gefangen gehalten.

K. verweist auf die Parallele zu Kaspar Hauser. Er wird wegen Verleumdung verurteilt und muß eine Gefängnisstrafe in Sachsen absitzen.

 

grande armée

700.000 Mann, darunter 180.000 Deutsche, mit denen sich Napoleon anschickte, Moskau zu erobern. Die Russen räumten Moskau und brannten es nieder, um eine Quartiernahme zu verhindern. Beim Rückzug erfrieren und verhungern Tausende von Soldaten.

 

Hambacher Fest 1)

Massenkundgebung von 30 000 Liberalen u. Demokraten auf der Maxburg bei Hambach vom 27. bis 30.5.1832. Redner wie Ph. J. Siebenpfeiffer, J. G. A. Wirth u. L. Börne forderten Volkssouveränität, die dt. Einheit u. eine Föderation der europ. Demokratien. Der Bundestag hob daraufhin die Presse- u. Versammlungsfreiheit auf.

 

Hecker 1)

Friedrich, * 1811, † 1881, Revolutionär; organisierte mit G. von Struve 1848 den Bad. Aufstand; floh nach dem Scheitern in die Schweiz u. wanderte von dort in die USA aus.

 

Heiliges Römisches Reich 1)

Deutscher Nation, lat. Sacrum Imperium Romanum (Nationis Germanicae), der Name des im 9./10. Jh. aus dem ostfränk. Reich hervorgegangenen (bis 1806 währenden) dt. Reichs. Der Zusatz »dt. Nation« entstammt dem 15. Jh.

 

Johann Imanuel Uckermann

Erfurter Buchdruckereibesitzer, der zahlreiche Tagesereignisse in Lithografien festhielt.

 

Karlsbader Beschlüsse 1)

auf Betreiben Metternichs 1819 im Dt. Bund gefaßte Beschlüsse als Reaktion auf die Burschenschaftsbewegung u. aus Anlaß der Ermordung A. von Kotzebues, die eine verschärfte Überwachung der Univ., Zensur von Büchern u. Ztschr. u. a. vorsahen.

 

Kleindeutsche Lösung

Vorstellung der Konservativen, die sich für einen deutschen Staat ohne Österreich aussprachen.

 

König Ludwig XVI 1)

Frankreich: frz. Louis.

L. XVI., Enkel von 18), * 1754, † 1793 (hingerichtet), König 1774-92. Finanznot veranlaßte ihn zur Einberufung der Generalstände, deren 3. Stand die Frz. Revolution 1789 auslöste. 1792 wurde er abgesetzt, zum Tode verurteilt u. guillotiniert. Er war verh. mit der Habsburgerin Marie-Antoinette.

 

Königgrätz

Ort der Entscheidungsschlacht im preußisch-österreichischen Krieg 1866

 

Liberale Mitte

gemäßigte Vertreter des Liberalismus, die sich in der Verfassungsfrage Kompromisse mit den Konservativen vorstellen konnten

 

Liberalismus 1)

freiheitl. u. freisinnige Welt-, Staats- u. Wirtschaftsanschauung. Der L. entstand gegen den Zwang des Absolutismus im Zeitalter der Aufklärung aus dem Glauben an die Allgemeingültigkeit der menschl. Vernunfterkenntnis; er glaubt an den Fortschritt der Menschheit aus dem freien Spiel der Kräfte (Konkurrenz) u. lehnt obrigkeitl. (kirchl. oder staatl.) Eingriffe in die freie geistige oder materielle Betätigung des Individuums ab, aus grundsätzl. Mißtrauen gegen jeden Zwang. Die Menschenrechte sind sein erstes polit. Glaubensbekenntnis.

 

Louis Philippe 1)

[lwifi'lip] der »Bürgerkönig«, * 1773, † 1850, frz. König 1830-48; Herzog von Chartres u. Orléans, kam durch die Julirevolution 1830 zur Regierung, wurde aber durch die reaktionäre Politik des Kabinetts F. P. G. Guizot unpopulär. Durch die Februarrevolution 1848 vertrieben, ging er nach England.

 

Metternich 1)

Klemens Wenzel Lothar Fürst von, * 1773, † 1859, östr. Staatskanzler 1810-48; Hauptvertreter der europ. Restauration. Er eröffnete u. leitete den Wiener Kongreß 1814/15, löste die poln. u. sächs. Frage, war bestrebt, Frankreich in seinen alten Grenzen zu erhalten, u. regelte die dt. Verhältnisse durch Schaffung des Dt. Bunds mit Österreich als Vormacht. Außenpolit. erstrebte er das Gleichgewicht zw. den europ. Mächten, um die Vormachtstellung eines einzelnen Landes zu unterbinden. Sein auf Polizeigewalt gestütztes innenpolit. System konnte der März-Revolution 1848 nicht mehr standhalten: M. mußte als Hof- u. Staatskanzler seine Entlassung nehmen (13.3.).

 

Napoleon 1)

Napoléon [napÇle'É; dt. na'poleÇn],

N. I., * 1769, † 1821, Kaiser der Franzosen 1804-14/15; aus der kors. Fam. Bonaparte. Im Auftrag des Konvents schlug er 1795 den royalist. Aufstand in Paris nieder u. leitete als Oberbefehlshaber 1797 den ital. Feldzug. 1798 unternahm er die Expedition nach Ägypten, um England entscheidend zu treffen, doch wurde seine Flotte bei Abukir geschlagen. N. stürzte am 18./19. Brumaire (9./10.11.1799) das Direktorium durch einen Staatsstreich u. erhielt als Erster Konsul auf 10 Jahre die Alleinherrschaft. Im Frieden von Lunéville 1801 mit Östr. u. im Frieden von Amiens 1802 mit England beendete er den 2. Koalitionskrieg gegen Frankreich. 1802 durch Plebiszit zum Konsul auf Lebenszeit gewählt, krönte er sich am 2.12.1804 zum erbl. »Kaiser der Franzosen« u. 1805 zum König von Italien. Sein Anspruch auf Hegemonie in Europa u. seine weltpolit. Pläne führten seit 1803 zu immer neuen Kriegen mit den europ. Mächten (Napoleonische Kriege). Mit den siegreichen Feldzügen in Dtld., der Gründung des Rheinbunds, der Kontinentalsperre (1806) u. der Allianz mit Zar Alexander I. im Frieden von Tilsit (1807) stand N. auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Absage des Zaren an die Kontinentalsperre (1810) u. das Scheitern des Rußlandfeldzugs 1812 wurden zum Wendepunkt. In den Befreiungskriegen erlag N. der übermächtigen Koalition England-Rußland-Österreich-Preußen-Schweden (die Völkerschlacht bei Leipzig 16.-19.1.1813). Der Fall von Paris (31.3.1814), seine Absetzung durch den Senat (2.4.), seine Abdankung in Fontainebleau (6.4.) u. seine Verbannung nach Elba waren das unabwendbare Ende. Die Episode der Hundert Tage nach der Rückkehr N. von Elba (1.3.1815) endete mit seiner Niederlage in der Schlacht von Waterloo (18.6.) u. seiner Internierung auf Lebenszeit auf St. Helena. N. hat in Verwaltung u. Rechtsprechung (Code civil) das moderne Frankreich entscheidend geprägt.

 

Nationale

Während der Revolution von 1848/49 Befürworter eines einheitlichen deutschen Nationalstaates.

 

Oberbürgermeister Wagner

OB in Erfurt von 1833-1850

 

Offenburger Programm

1847 veröffentlichter Forderungskatalog der deutschen Burschenschaften, in dem sie sich für die Aufhebung der Pressezensur und für eine allgemeine Gedankenfreiheit aussprachen

 

Otto Theodor von Manteuffel

(1805-1882), preußischer Staatsmann und Ministerpräsident bis 1858.

 

Rastatt

Krst. in Ba.-Wü., an der Murg, 41 000 Ew; Masch.- u. Fahrzeugbau, Elektro-, opt. Ind. - 1705-71 bad. Residenz.

Anfang Mai 1849 kam es in der Festung Rastatt zu Befehlsverweigerungen, die empörten Soldaten verlangten den Vollzug der Reichsverfassung und die Verwirklichung der damit verbundenen Grundrechte. Im Verlaufe der Ereignisse übernahmen revolutionäre Soldaten die Festung ohne jede Kampfhandlung. Der Rastatter Aufstand ist ein wesentlicher Teil der im Frühjahr 1849 in Süddeutschland überall aufflackernden revolutionären Kämpfe. Am 23. Juli 1849 mußte sich die Festung, die 73 Tage lang von den Soldaten geführt worden war, der Übermacht von die Festung belagernden preußischen Truppen beugen. Es folgten standrechtliche Erschießungen und hohe Gefängnisstrafen für die Revolutionäre. Aus ganz Baden flohen etwa 80.000 Verfolgte aus dem Land, viele von ihnen wanderten nach Amerika aus.

 

Rechte

Vertreter einer reaktionären Gesinnung, deren Ziel die Beibehaltung der Monarchie war

 

Rechtsstaat 1)

Staat, in dem die Einhaltung von Rechtsschranken bei der Ausübung der Staatsgewalt verfassungsrechtl. bes. garantiert ist u. in dem der einzelne bei unabhängigen Gerichten Schutz gegen Übergriffe der Staatsgewalt findet.

 

Republikanische Linke

radikale Vertreter des Liberalismus, die zur Neuordnung Deutschlands im Sinne einer Republik aufriefen

 

Revolution von oben

vom Staat initiierte politische Reformen, die radikale Veränderungen durch die Volk verhindern sollen

 

Rheinbund 1)

frz. Confédération du Rhin, von Napoleon I. gegr. Bund zw. 16 süd- u. südwestdt. Fürsten, die sich unter frz. Protektorat für souverän erklärten u. vom Hl. Röm. Reich Dt. Nation lösten. Sie mußten starke Heereskontigente für die frz. Armee stellen u. erhielten dafür Gebietszuwachs u. Standeserhöhungen. Nach der Niederlage Preußens 1806 traten weitere dt. Staaten dem R. bei, der zuletzt 36 Mitgl. hatte. Abseits hielten sich Östr., Preußen, Kurhessen u. Braunschweig.

 

Süddeutsche Verfassungen

Meist von den Fürsten oktroyierte Verfassungen, die begrenzte politische Zugeständnisse machten, Reaktion auf die immer wieder aufflammenden revolutionären Erhebungen im süddeutschen Raum

 

Völkerschlacht bei Leipzig 1)

Freiheitskriege, 1813-15 die Erhebung der europ. Völker gegen Napoleon I., nachdem dessen »Große Armee« 1812 in Rußland untergegangen war. 1813 schlossen Preußen u. Rußland ein Militärbündnis. Trotz anfängl. Erfolge schloß Napoleon mit den Preußen u. Russen einen Waffenstillstand. Doch nun schlossen sich auch Östr., England u. Schweden den Verbündeten an. Diese, nunmehr zahlenmäßig überlegen, führten in der Völkerschlacht bei Leipzig die Entscheidung herbei. Die Verfolgung Napoleons ging bis nach Frankreich hinein; 1814 wurde Paris besetzt u. Napoleon nach Elba verbannt. - Als Napoleon 1815 von seinem Verbannungsort Elba nach Frankreich zurückkehrte, wurde ein neuer Kriegszug unternommen; Napoleon unterlag schließl. bei Waterloo. - Die auf die B. folgende Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongreß ließ die durch die B. genährte Hoffnung der Deutschen auf nationale Einheit u. auf die Gewährung von Verfassungen noch unerfüllt.

 

Wartburgfest 1817 1)

von der Jenaer Burschenschaft auf der W. durchgeführte Erinnerungsfeier an die Reformation 1517 u. an die Völkerschlacht bei Leipzig. Aus der Feier entwickelte sich eine polit. Demonstration gegen die Restaurationspolitik des dt. Bundes.

 

Wiener Kongreß 1)

1814/15 in Wien unter Leitung des östr. Staatskanzlers Fürst Metternich abgehaltener Kongreß von Herrschern u. Staatsmännern aller europ. Staaten (außer der Türkei) zur Neuordnung Europas nach den Kriegen gegen Napoleon I. Bestimmende Gesichtspunkte waren die Wiederherstellung der vorrevolutionären polit. Ordnung u. das Gleichgewicht der Mächte. Der W. K. fand seinen Abschluß mit der Wiener Schlußakte. Dtld. erhielt statt des erhofften Nationalstaats nur die lose Form des Dt. Bundes; Italien wurde die Einheit versagt; Polen wurde erneut unter Rußland, Preußen u. Östr. aufgeteilt.

 

Wilhelm und Louis Born

Inhaber einer Samenhandlung und Begründer einer noch heute florierenden Produktion von Senf, Essig und Sprit in Erfurt

 

Zentralgewalt

Machtzentrum innerhalb einer Nation im Gegensatz zur Partikulargewalt

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1) Bertelsmann Universallexikon 1995 (CD)

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Quellenangaben

Literaturverzeichnis

Asmus, Helmut: Das Hambacher Fest 1832. Illustrierte Historische Hefte. Heft 37. VEB Deutscher Verlag der Wissnschaften, Berlin 1985.

Autorenkollektiv: Erfurter Straßennamen in ihrer historischen Entwicklung. VERLAGSHAUS THÜRINGEN in der Verlag & Druckerei Fortschritt GmbH, Erfurt 1992.

Erfurter Raritätenkabinett. Alte Zeitungsbände erzählen (1840-1900). Bearbeitet von G. Scheuffler. Gebr. Richters Verlagsanstalt, Erfurt 1930. Nachdruck 1990.

Friedrichs, Hanns Joachim (Hrsg.): Illustrierte Deutsche Geschichte. Vom Werden einer Nation. Naumann & Göbel Verlagsgesellschaft mbH, Köln 1991.

Fontane, Theodor: Meine Kinderjahre. Autobiographische Schriften, Bd. 1. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1982.

Hildebrandt, Gunther: Rastatt 1849. Eine Festung der Revolution. Illustrierte Historische Hefte. Heft 6. VEB Deutscher Verlag der Wissnschaften, Berlin 1976.

Hock, Michael: Das schmutzige Joch abschütteln. In: Thüringer Allgemeine, 2. Mai 1998, Beilage, S.2

John, Jürgen (Hrsg.): Quellen zur Geschichte Thüringens von der Reformation bis 1918. Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen, Erfurt 1995.

Krockow, Christian Graf von: Die vergessene Revolution. In: Die Woche, 17. April 1998, S. 8f.

Mehring, Franz: Deutsche Geschichte vom Ausgange des Mittelalters. Dietz Verlag, Berlin 1947.

Mickel, Wolfgang (Hrsg.): Geschichte Politik und Gesellschaft. Lern- und Arbeitsbuch für Geschichte in der gymnasialen Oberstufe. Bd. 1 (von der Französichen Revolution bis zum Ende des 2. Weltkrieges). Cornelsen Verlag, Berlin 1988.

Overmann, Alfred: Erfurt in zwölf Jahrhunderten. Eine Stadtgeschichte in Bildern. Gebr. Richters Verlagsanstalt, Erfurt 1929. Nachdruck 1992.

Peinhardt, Helmut: Erfurt im 19. Jahrhundert. Bilderchronik, Verlagshaus Thüringen, Erfurt 1992.

Reimold, Frieder: Der Einzug der Parlamentarier. Interview mit Lothar Gall. In: Mitteldeutsche Zeitung, 15. Mai 1998, Beilage, S.5

Schubart, Friedrich: Erfurt im Jahr 1848. Volksbewegung und Preussentreue. Nach eigenen Erlebnissen und authentischen Mittheilungen geschildert. In Commission der Buchhandlung von J. W. Klinghammer, Langensalza 1858.

Thielbeer, Heide: Die Universitäten zu "Nationalstaaten" erhoben. In: Thüringer Allgemeine, 30. Mai 1998,Beilage, S.4

Weiß, Ulman (Hrsg.): Erfurt Geschichte und Gegenwart. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1995.

Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR (Hrsg.): Atlas zur Geschichte in zwei Bänden. Band 1. VEB Hermann Haack, Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha/Leipzig 1981.

 

Bildnachweis

Abb. 1: Atlas zur Geschichte

Abb. 2: TA,30.5.98

Abb. 3: Die Woche,17.4.98

Abb. 4: ebenda

Abb. 5: ebenda

Abb. 6: MZ,15.5.98

Abb. 7: Erfurt im 19. Jahrhundert.Bildchronik.

Abb. 8: TA,2.5.98

Abb. 9: ebenda

Abb.10: Illustrierte Deutsche Geschichte

Abb.11: Erfurt in zwölf Jahrhunderten. Eine Stadtgeschichte in Bildern.

Abb.12: Erfurt im Jahr 1848

Abb.13: Verfasser

Abb.14: Erfurt in zwölf Jahrhunderten.Eine Stadtgeschichte in Bildern.

Abb.15: ebenda

Abb.16: ebenda

 

Tonnachweis

Friz, Thomas und Schmeckenbecher, Erich: Zupfgeigenhansel. Alle die dies Lied gesungen. Neue Medien & Velag GmbH, Hamburg 1995.

Wacholder: In der Heimat ist es schön. Stockfisch Schallplatten 1995.

Wacholder: Große Zeiten. Stockfisch Schallplatten 1993.

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Danksagung

Frau Susanne Reichard, meine Geschichtslehrerin, hat diese Arbeit betreut. Ich danke ihr dafür.

Ebenso danke ich meinem Mitschüler Andreas Seidel für seine Hilfe bei der Recherche im Stadtarchiv Erfurt und Herrn Nicolaus Dettenbach, Musiklehrer am Buchenberg-Gymnasium, der mir bei der Auswahl der Musiktitel behilflich war.

Besonderer Dank gilt meiner Familie, die mir während der Entstehungszeit dieser Arbeit in vielfältiger Weise geholfen hat.

Jan Liebold