Breit gestreut, rund um die Uhr, lokal kompetent - Zeitungen müssen ihre Angebote im Internet weiter optimieren
Medientage München: Expertendiskussion beim Printgipfel
Dr. Uwe Vorkötter
Ganz so harmonisch wollte Uwe Vorkötter, Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau", die Situation bei der von BDZV und Verband Bayerischer Zeitungsverleger gemeinsam veranstalteten Runde unter dem Motto "Ideen, Innovationen, Investitionen" dann doch nicht sehen. Die Zeitungen hätten endlos darüber debattiert, ob im Internet ihre Inhalte kannibalisiert würden; ob ihre Anzeigenmärkte kannibalisiert würden. "Jetzt ist es zehn Jahre später, wir stehen im Grunde immer noch am Anfang und fragen: Was sollen wir tun?" Ein Beispiel? "Spiegel online ist heute das führende Informationsmedium für tagesaktuelle Nachrichten. Warum nicht der Online-Dienst einer Zeitung? Den Zug haben wir Zeitungen erst einmal verpasst", bedauerte Vorkötter.
Das müsse aber nicht das letzte Wort sein, widersprach Christoph Keese, Chefredakteur der "Welt am Sonntag" (Berlin) und Welt online. Seine Überlegung: Online ist ein "Büro-Medium", die stärkste halbe Nutzungsstunde ist die mittags um 12.30 Uhr. Für diese Zeit machten aber die auf den späten Redaktionsschluss fixierten klassischen Zeitungen (und ihre Online-Dienste) keine Angebote. Wie sei also zu erreichen, dass die Zeitung etwas anbietet, "ohne dass der Redakteur doppelt so viel schreiben muss bei schlimmstenfalls halber Qualität"? Keeses Überzeugung nach werden Zeitungen nur dann im Internet erfolgreich sein, wenn sie ein breit gestreutes Angebot machen. "Es gibt nichts im Internet, was nicht gelesen wird. Jedes Angebot schafft neue Nachfrage!"
Bei der Verknüpfung von Angebot und Nachfrage behilflich sein will Terry von Bibra, Geschäftsführer von Yahoo! Deutschland und Vice President Yahoo! International. "Wir sehen uns als Partner der Verlage, nicht als Konkurrenten." Kerngeschäft eines Verlages sei es, Inhalte zu schaffen, egal auf welchem Distributionsweg. "Aber im Internet könnten wir mit unserer Expertise behilflich sein und unsere Assets zum gegenseitigen Nutzen vermischen." Etwa mit Targeting und integrierter Suche, damit die Nutzer das, was sie suchen, auch wirklich einfach finden können. Selbst eine Kooperation wie in den USA, wo mehr als 40 teils große Verlagshäuser mit Yahoo! zusammenarbeiten, sei denkbar, wenn auch "nicht in den nächsten Monaten".
Hoher Gebrauchswert
Die Zukunft der Zeitung liegt in ihrem hohen Gebrauchswert und hier insbesondere in ihrer lokalen und regionalen Kompetenz, zeigte sich Bodo Hombach überzeugt, egal ob gedruckt, online oder mobil. Für den Vertrieb gedruckter Zeitungen hatte der WAZ-Manager noch ein spezielles Rezept: Zeitungen seien ein sehr emotionales Produkt. Wehe, das abonnierte Blatt liege morgens einmal nicht im Briefkasten. Wenn eine entsprechende Beschwerde in Essen einlaufe, habe er deshalb die Devise ausgegeben: "Sagt am Telefon als erstes: Um Gottes willen!"
Gegen Ende stellte Moderator Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de, noch einmal das Konfliktthema Mindestlohn für Postzusteller zur Diskussion. Bodo Hombach bezeichnete den Vorstoß der Deutschen Post, die jüngst einen entsprechenden Tarifvertrag mit ver.di geschlossen hat, als reine „Abwehrschlacht gegen private Konkurrenten“. So sollten noch vor dem Fall des Postmonopols zur Jahreswende die Kosten für die privaten Wettbewerber in die Höhe getrieben werden. Auch BDZV-Präsident Heinen hielt die Mindestlohn-Pläne für ein „Eigentor der Politik“. Wenn einer der bereits am Markt aktiven privaten Postdienstleister scheitere, gingen „schlicht bis zu 20.000 Arbeitsplätze verloren“.
Zuvor hatte der erste Vorsitzende des Verbands Bayerischer Zeitungsverleger und Geschäftsführer der „Augsburger Allgemeinen“, Andreas Scherer, an die Politik appelliert, alles zu unterlassen, was der Entwicklung der Presse schadet, und alles zu fördern, was dem Erhalt der Qualität eines vielfältigen redaktionellen Angebots zuträglich ist. „Wir begrüßen es daher ausdrücklich, dass die bayerische Staatsregierung den Verlagen in der anstehenden Novellierung des BayMG im Bereich der analogen Technik eine stärkere Beteiligung an Hörfunk und Fernsehen erlaubt“, sagte Scherer in seiner Einführung zum Printgipfel. Der Verbandsvorsitzende forderte, den Zugang zu Rundfunk und Fernsehen zu erleichtern, denn eine Reglementierung, bei der Zeitungsverlage wegen der Gefahr von Doppelmonopolen und Knappheit der Frequenzen nur eingeschränkt im Rundfunkbereich tätig sein dürften, sei heute nicht mehr zeitgemäß. „Die Verlage brauchen alle Möglichkeiten des Internets, deshalb muss auch Abhängigkeit von Plattformbetreibern vermieden werden. Hochwertige Inhalte müssen überall verbreitet werden dürfen“, mahnte Scherer weiter an. (vollständige Rede)
„Wir wollen Wettbewerbsgleichheit schaffen, damit sich Zeitungsverlage zu multimedialen Verlagshäusern entwickeln und crossmedial tätig werden können“, versprach Staatsminister Eberhard Sinner, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, in seiner Begrüßungsrede. Diese Vorgabe werde auch in die Novellierung des Bayerischen Mediengesetzes einfließen. Ferner sagte der Minister, dass die Zeitungen mit ihrer Kernkompetenz auch im digitalen Zeitalter einen enormen Vorteil hätten: „Die Redewendung, etwas schwarz auf weiß haben, ist nicht veraltet“, versicherte Sinner.
Fotos: Völkner
Medientage München - Fotogalerie
08. November 2007
Internet:
Auch Online-Nutzer wollen Qualitätsjournalismus!

Zeitungspanel von BDZV und VBZV bei den Medientagen München
Im Zeitalter des Mitmach-Webs schätzen Nutzer vor allem eines: Qualitätsjournalismus. Darin waren sich die Teilnehmer am von BDZV und Verband Bayerischer Zeitungsverleger veranstalteten Zeitungspanel „Community auf allen Kanälen – Was wollen die Nutzer von den Verlagen?“ völlig einig. Der sei allerdings für Zeitungen/Zeitschriften und ihre Online-Dienste gar nicht so leicht herzustellen.
So meinte Peter Stefan Herbst, Chefredakteur der „Saarbrücker Zeitung“, dass Bezahlinhalte im Internet keine Chance hätten. Es werde in Zukunft immer schwieriger, das Geld zu verdienen, um hochqualifiziertes Personal und aufwändige Recherche zu finanzieren. Annik Rubens, Journalistin und Erfinderin des preisgekrönten Podcasts „Schlaflos in München“, glaubt, dass der Online-Bereich in vielen Verlagen noch stiefmütterlich behandelt werde. „Da muss Geld hinein fließen, das soll nicht der Praktikant noch zusätzlich machen.“ Das Web 2.0 erhöht sogar den Bedarf an Qualitätsjournalismus, konstatierte Jochen Wegner, Chefredakteur von focus.de. Journalistische Medien eigneten sich hervorragend als Kristallisationskeim für Communitys, solange sie ihren journalistischen Anspruch dafür nicht aufgeben. Ähnlich sah das Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de: Ein Userbeitrag sei nicht schon deshalb gut, weil er von einem User stamme. Im Übrigen hätten sich aber aus seiner Sicht auch die journalistischen Formen für Online-Publishing noch nicht ausgeprägt.
Wie also sollen Zeitungen und Zeitschriften in ihren Online-Diensten mit Leserreportern umgehen? „Wir haben es versucht, es hat nicht geklappt“, beklagte Focus.de-Chefredakteur Jochen Wegner. Die Nutzer hätten diese Art der Beiträge nicht akzeptiert. Stattdessen habe die Redaktion den Dialog mit den Nutzern intensiviert. Laut Peter Stefan Herbst, der mit der „Saarbrücker Zeitung“ seinerzeit das Modell der Leserreporter als erster in Deutschland einführte, kommen 4.000 bis 5.000 Hinweise auf diesem Weg ins Haus. Darunter seien 500 bis 700 „gute Geschichten oder Fotos, die wir sonst nicht gehabt hätten“. Alles werde journalistisch überprüft, ein Honorar gebe es nicht. Es sei doch ein „Gebot der Fairness“, wandte dagegen Frank Thomsen ein, eine erbrachte Leistung auch zu honorieren. Schließlich erschienen damit im „Stern“ beispielsweise Fotos, die sonst nicht im Blatt gewesen wären.
Wenig Gedanken über ihr Publikum macht sich Annik Rubens: „Ich richte mich überhaupt nicht nach den Hörern, und es funktioniert“. Aus Nutzersicht sei sie allerdings häufig genervt von ungenügenden Web-TV-Angeboten, die die Medien „mit der Angst vor YouTube im Nacken“ produzierten. „Da sitzt einer in der Redaktion und erzählt, es gibt sonst nichts zu sehen. Das höre ich gern, aber das muss ich nicht sehen.“
„Zeitungen bewegen sich seitwärts“, hatte zuvor Eugen Russ, Verleger der sehr innovativen „Vorarlberger Nachrichten“, konstatiert. Sein Haus rechne in Zukunft nur noch online mit Wachstum, nicht aber in den gedruckten Produkten. Vor diesem Hintergrund müsse das Kostenniveau gesenkt werden und müssten neue Erlösquellen erschlossen werden. Das könnten Nischenprodukte (wie etwa ein „Hochzeitsmagazin“) ebenso sein wie eine bessere Ausschöpfung des Potenzials. So seien von den 13.000 Firmen im Verbreitungsgebiet der „Vorarlberger Nachrichten“ 5.000 aktive (Anzeigen)-Kunden - damit gelte es, 8.000 potenziell zusätzliche Kunden zu gewinnen und diesen interessante Angebote zu machen. Der Verlag arbeite dabei mit dem Newspaper Next Konzept des US-amerikanischen Zeitungsverlegerverbands NAA (das Konzept wird im Jahrbuch „Zeitungen 2007“ des BDZV ausführlich vorgestellt, die Red.).
Russ hatte auch einige beeindruckende Daten parat. So erzielen die „Vorarlberger Nachrichten“ beispielsweise über alle Altersgruppen eine tägliche Reichweite von 67 Prozent. Auch junge Leute würden erfolgreich angesprochen, etwa mit dem Gratisblatt „Wann und Wo“, das zweimal pro Woche erscheint. Hier liege die Reichweite bei 80 Prozent. Wöchentlich würden mit beiden Produkten netto damit sogar 95 Prozent der 14- bis 19-Jährigen regelmäßig angesprochen. Besonders an diese Altersgruppe richtet sich auch eines der zahlreichen neuen Portale der Zeitungsgruppe, „freunde.vol.at, das mit Funktionalitäten wie MySpace arbeitet. „Wir sind das „MySpace/ Facebook“ von Vorarlberg“, erklärte Russ selbstbewusst. Sein Haus stecke einen Großteil der Ressourcen ins Netz. Denn wir glauben, dass 2011 rund 50 Prozent des Print-Anzeigenumsatzes im Internet stattfinden. Radikale Konsequenz: „Viele gliedern Online aus – wir gliedern die Zeitung aus“, berichtete der Vorarlberger Verleger. Das seien einfach andere Herstellungswege und Produktionsmöglichkeiten, „Online bedient die Zeitung“.













