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Breit gestreut, rund um die Uhr, lokal kompetent - Zeitungen müssen ihre Angebote im Internet weiter optimieren

Medientage München: Expertendiskussion beim Printgipfel

Sind die deutschen Zeitungsverleger mutig und sind ihre Produkte innovativ? Vor allem, wenn es um die Herausforderungen des Internets und der fortschreitenden Digitalisierung geht? Sie sind sogar hochinnovativ, versicherte Bodo Hombach, Geschäftsführer der Mediengruppe WAZ (Essen) beim Printgipfel anlässlich der Medientage München am 8. November 2007. "Wir experimentieren doch mit Formen, Inhalten, Größe, dem Preis wie nie in unserer Geschichte." Klar sind die Verleger mutig, bestätigte auch BDZV-Präsident Helmut Heinen, das traditionelle konservative Bild treffe nicht zu. Allerdings bewegten sich die Verlage heute auf Schauplätzen, wo es viel größere, internationale Player gebe. Und da stelle sich durchaus die Frage, "ob unsere Betriebsgrößen noch stimmen". Bei näherer Betrachtung habe sich die Struktur des deutschen Zeitungsmarktes seit Mitte der 70er Jahre nicht wesentlich verändert.

 

 

Dr. Uwe Vorkötter

Ganz so harmonisch wollte Uwe Vorkötter, Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau", die Situation bei der von BDZV und Verband Bayeri­scher Zeitungsverleger gemeinsam veranstalte­ten Runde unter dem Motto "Ideen, Innovationen, Investitionen" dann doch nicht sehen. Die Zeitun­gen hätten endlos darüber debattiert, ob im Inter­net ihre Inhalte kannibalisiert würden; ob ihre Anzeigenmärkte kannibalisiert würden. "Jetzt ist es zehn Jahre später, wir stehen im Grunde im­mer noch am Anfang und fragen:  Was sollen wir tun?" Ein Beispiel? "Spiegel online ist heute das führende Informationsmedium für tagesaktuelle Nachrichten. Warum nicht der Online-Dienst einer Zeitung? Den Zug haben wir Zeitungen erst ein­mal verpasst", bedauerte Vorkötter.  

 

Bodo Hombach

Das müsse aber nicht das letzte Wort sein, wi­dersprach Christoph Keese, Chefredakteur der "Welt am Sonntag" (Berlin) und Welt online. Seine Überlegung: Online ist ein "Büro-Medium", die stärkste halbe Nutzungsstunde ist die mittags um 12.30 Uhr. Für diese Zeit machten aber die auf den späten Redaktionsschluss fixierten klas­sischen Zeitungen (und ihre Online-Dienste) keine Angebote. Wie sei also zu erreichen, dass die Zeitung etwas anbietet, "ohne dass der Re­dakteur doppelt so viel schreiben muss bei schlimmstenfalls halber Qualität"? Keeses Über­zeugung nach werden Zeitungen nur dann im Internet erfolgreich sein, wenn sie ein breit ge­streutes Angebot machen. "Es gibt nichts im Internet, was nicht gelesen wird. Jedes Angebot schafft neue Nachfrage!"

Bei der Verknüpfung von Angebot und Nach­frage behilflich sein will Terry von Bibra, Ge­schäftsführer von Yahoo! Deutschland und Vice President Yahoo! International. "Wir sehen uns als Partner der Verlage, nicht als Konkurrenten." Kerngeschäft eines Verlages sei es, Inhalte zu schaffen, egal auf welchem Distributionsweg. "Aber im Internet könnten wir mit unserer Exper­tise behilflich sein und unsere Assets zum gegen­seitigen Nutzen vermischen." Etwa mit Targeting und integrierter Suche, damit die Nutzer das, was sie suchen, auch wirklich einfach finden können. Selbst eine Kooperation wie in den USA, wo mehr als 40 teils große Verlagshäuser mit Yahoo! zu­sammenarbeiten, sei denkbar, wenn auch "nicht in den nächsten Monaten".

 

Hoher Gebrauchswert

 

Christoph Keese

Die Zukunft der Zeitung liegt in ihrem hohen Gebrauchswert und hier insbesondere in ihrer lokalen und regionalen Kompetenz, zeigte sich Bodo Hombach überzeugt, egal ob gedruckt, online oder mobil. Für den Vertrieb gedruckter Zeitungen hatte der WAZ-Manager noch ein spe­zielles Rezept: Zeitungen seien ein sehr emotio­nales Produkt. Wehe, das abonnierte Blatt liege morgens einmal nicht im Briefkasten. Wenn eine entsprechende Beschwerde in Essen einlaufe, habe er deshalb die Devise ausgegeben: "Sagt am Telefon als erstes: Um Gottes willen!"

Gegen Ende stellte Moderator Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de, noch einmal das Konfliktthema Mindestlohn für Postzusteller zur Diskussion. Bodo Hombach bezeichnete den Vorstoß der Deutschen Post, die jüngst einen entsprechenden Tarifvertrag mit ver.di geschlos­sen hat, als reine „Abwehrschlacht gegen private Konkurrenten“. So sollten noch vor dem Fall des Postmonopols zur Jahreswende die Kosten für die privaten Wettbewerber in die Höhe getrieben werden. Auch BDZV-Präsident Heinen hielt die Mindestlohn-Pläne für ein „Eigentor der Politik“. Wenn einer der bereits am Markt aktiven privaten Postdienstleister scheitere, gingen „schlicht bis zu 20.000 Arbeitsplätze verloren“.

Zuvor hatte der erste Vorsitzende des Ver­bands Bayerischer Zeitungsverleger und Ge­schäftsführer der „Augsburger Allgemeinen“, Andreas Scherer, an die Politik appelliert, alles zu unterlassen, was der Entwicklung der Presse schadet, und alles zu fördern, was dem Erhalt der Qualität eines vielfältigen redaktionellen Angebots zuträglich ist. „Wir begrüßen es daher ausdrück­lich, dass die bayerische Staatsregierung den Verlagen in der anstehenden Novellierung des BayMG im Bereich der analogen Technik eine stärkere Beteiligung an Hörfunk und Fernsehen erlaubt“, sagte Scherer in seiner Einführung zum Printgipfel. Der Verbandsvorsitzende forderte, den Zugang zu Rundfunk und Fernsehen zu er­leichtern, denn eine Reglementierung, bei der Zeitungsverlage wegen der Gefahr von Doppel­monopolen und Knappheit der Frequenzen nur eingeschränkt im Rundfunkbereich tätig sein dürften, sei heute nicht mehr zeitgemäß. „Die Verlage brauchen alle Möglichkeiten des Inter­nets, deshalb muss auch Abhängigkeit von Platt­formbetreibern vermieden werden. Hochwertige Inhalte müssen überall verbreitet werden dürfen“, mahnte Scherer weiter an. (vollständige Rede)

„Wir wollen Wettbewerbsgleichheit schaffen, damit sich Zeitungsverlage zu multimedialen Verlagshäusern entwickeln und crossmedial tätig werden können“, versprach Staatsminister Eber­hard Sinner, Leiter der Bayerischen Staatskanz­lei, in seiner Begrüßungsrede. Diese Vorgabe werde auch in die Novellierung des Bayerischen Mediengesetzes einfließen. Ferner sagte der Minister, dass die Zeitungen mit ihrer Kernkom­petenz auch im digitalen Zeitalter einen enormen Vorteil hätten: „Die Redewendung, etwas schwarz auf weiß haben, ist nicht veraltet“, versicherte Sinner.

 

Fotos: Völkner

Medientage München - Fotogalerie


08. November 2007

Internet:

Auch Online-Nutzer wollen Qualitätsjournalismus!

Zeitungspanel von BDZV und VBZV bei den Medientagen München

Im Zeitalter des Mitmach-Webs schätzen Nutzer vor allem eines: Qualitätsjournalismus. Darin waren sich die Teilnehmer am von BDZV und Verband Bayerischer Zeitungsver­leger veranstalteten Zeitungspanel „Commu­nity auf allen Kanälen – Was wollen die Nutzer von den Verlagen?“ völlig einig. Der sei aller­dings für Zeitungen/Zeitschriften und ihre Online-Dienste gar nicht so leicht herzustel­len.

 

So meinte Peter Stefan Herbst, Chefredakteur der „Saarbrücker Zeitung“, dass Bezahlinhalte im Internet keine Chance hätten. Es werde in Zu­kunft immer schwieriger, das Geld zu verdienen, um hochqualifiziertes Personal und aufwändige Recherche zu finanzieren. Annik Rubens, Journa­listin und Erfinderin des preisgekrönten Podcasts „Schlaflos in München“, glaubt, dass der Online-Bereich in vielen Verlagen noch stiefmütterlich behandelt werde. „Da muss Geld hinein fließen, das soll nicht der Praktikant noch zusätzlich ma­chen.“ Das Web 2.0 erhöht sogar den Bedarf an Qualitätsjournalismus, konstatierte Jochen Weg­ner, Chefredakteur von focus.de. Journalistische Medien eigneten sich hervorragend als Kristalli­sationskeim für Communitys, solange sie ihren journalistischen Anspruch dafür nicht aufgeben. Ähnlich sah das Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de: Ein Userbeitrag sei nicht schon deshalb gut, weil er von einem User stamme. Im Übrigen hätten sich aber aus seiner Sicht auch die journalistischen Formen für Online-Publishing noch nicht ausgeprägt.

Wie also sollen Zeitungen und Zeitschriften in ihren Online-Diensten mit Leserreportern umge­hen? „Wir haben es versucht, es hat nicht ge­klappt“, beklagte Focus.de-Chefredakteur Jochen Wegner. Die Nutzer hätten diese Art der Beiträge nicht akzeptiert. Stattdessen habe die Redaktion den Dialog mit den Nutzern intensiviert. Laut Pe­ter Stefan Herbst, der mit der „Saarbrücker Zei­tung“ seinerzeit das Modell der Leserreporter als erster in Deutschland einführte, kommen 4.000 bis 5.000 Hinweise auf diesem Weg ins Haus. Darunter seien 500 bis 700 „gute Geschichten oder Fotos, die wir sonst nicht gehabt hätten“. Alles werde journalistisch überprüft, ein Honorar gebe es nicht. Es sei doch ein „Gebot der Fair­ness“, wandte dagegen Frank Thomsen ein, eine erbrachte Leistung auch zu honorieren. Schließ­lich erschienen damit im „Stern“ beispielsweise Fotos, die sonst nicht im Blatt gewesen wären.

Wenig Gedanken über ihr Publikum macht sich Annik Rubens: „Ich richte mich überhaupt nicht nach den Hörern, und es funktioniert“. Aus Nut­zersicht sei sie allerdings häufig genervt von un­genügenden Web-TV-Angeboten, die die Medien „mit der Angst vor YouTube im Nacken“ produ­zierten. „Da sitzt einer in der Redaktion und er­zählt, es gibt sonst nichts zu sehen. Das höre ich gern, aber das muss ich nicht sehen.“

„Zeitungen bewegen sich seitwärts“, hatte zuvor Eugen Russ, Verleger der sehr innovativen „Vor­arlberger Nach­richten“, konsta­tiert. Sein Haus rechne in Zukunft nur noch online mit Wachstum, nicht aber in den gedruckten Pro­dukten. Vor die­sem Hintergrund müsse das Kos­tenniveau ge­senkt werden und müssten neue Erlösquellen erschlossen werden. Das könnten Nischenpro­dukte (wie etwa ein „Hochzeitsmaga­zin“) ebenso sein wie eine bessere Ausschöpfung des Poten­zials. So seien von den 13.000 Firmen im Ver­breitungsgebiet der „Vorarlberger Nach­richten“ 5.000 aktive (Anzeigen)-Kunden - damit gelte es, 8.000 potenziell zusätzliche Kunden zu gewinnen und diesen interessante Angebote zu machen. Der Verlag arbeite dabei mit dem News­paper Next Konzept des US-amerikanischen Zeitungs­verlegerverbands NAA (das Konzept wird im Jahrbuch „Zeitungen 2007“ des BDZV aus­führlich vorgestellt, die Red.).

Russ hatte auch einige beeindruckende Daten parat. So erzielen die „Vorarlberger Nachrichten“ beispielsweise über alle Altersgruppen eine tägli­che Reichweite von 67 Prozent. Auch junge Leute würden erfolgreich angesprochen, etwa mit dem Gratisblatt „Wann und Wo“, das zweimal pro Wo­che erscheint. Hier liege die Reichweite bei 80 Prozent. Wöchentlich würden mit beiden Pro­dukten netto damit sogar 95 Prozent der  14- bis 19-Jährigen regelmäßig angesprochen. Beson­ders an diese Altersgruppe richtet sich auch eines der zahlreichen neuen Portale der Zeitungs­gruppe, „freunde.vol.at, das mit Funktionalitäten wie MySpace arbeitet. „Wir sind das „MySpace/ Facebook“ von Vorarlberg“, erklärte Russ selbst­bewusst. Sein Haus stecke einen Großteil der Ressourcen ins Netz. Denn wir glauben, dass 2011 rund 50 Prozent des Print-Anzeigenumsat­zes im Internet stattfinden. Radikale Konsequenz: „Viele gliedern Online aus – wir gliedern die Zei­tung aus“, berichtete der Vorarlberger Verleger. Das seien einfach andere Herstellungswege und Pro­duktionsmöglichkeiten, „Online bedient die Zei­tung“.

 

   





   
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