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Über den Tag hinausDer Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis

Von Thomas Löffelholz

Die Mauer teilt an jenem 13. August 1961 eine Stadt. Und eine Straße. Die Bernauer Straße in Berlin schneidet sie der Länge nach durch. Auf der einen Seite mauern sie die Fenster zu. Der junge Reporter beschreibt die Tragödien jener Tage. Auf den Pflastersteinen, dort wo eine 53-jährige Frau aus dem Fenster zu Tode stürzte, liegen noch Blumen; ein junger Mann springt in panischer Flucht vom Dach. Er verfehlt das Sprungtuch und stirbt. Von einem Fenster auf der westlichen Straßenseite winkt ein Vater der Tochter auf der anderen Seite zu, wendet sich – von Gefühlen überwältigt – ab und geht. Er kann nicht mehr. Der Reporter gibt dem Impuls des Augenblicks nach. Er winkt der unbekannten jungen Frau zu. Wann wird sie den Vater wiedersehen? »Im Berliner Wedding stirbt eine Straße«, titelt die Zeitung.

Der Bericht wird mit einem der ersten zehn Theodor-Wolff-Preise ausgezeichnet, die 1962 zum ersten Mal vergeben wurden. Der Verleger ist von der Ehre, die da seinem Redakteur zuteil wird, nicht rundum begeistert. »Dann werden Sie uns ja bald verlassen«, fürchtet er. Unbegründete Sorge. Der Preisträger bleibt noch 33 Jahre, die meisten davon als Chefredakteur. Die Jury hatte ein Talent erkannt.

Journalistenpreise – inzwischen rund 200 an der Zahl – waren anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende der Nazizeit rar. Von einigen kleineren Preisen abgesehen, von denen inzwischen wohl keiner mehr existiert, war der Theodor-Wolff-Preis die erste bedeutende Auszeichnung für Journalisten, die in der Bundesrepublik ausgeschrieben wurde. Und er wurde zur renommiertesten.

Dass man nicht früher Lorbeeren verteilte, kann niemanden wundern. Journalisten, Verleger und auch die Bürger hatten andere Sorgen. Man war noch einmal davongekommen. Man konnte – nach zwölf Jahren der Zensur und der Verbote – die eigene Meinung wieder frei sagen. Man konnte wieder alles lesen, und zwar nicht mehr nur zwischen den Zeilen. Warum Preise vergeben für etwas, was eine Gnade schien? Und: Warum Preise für einen Beruf vergeben, dem das Festliche, nach Auszeichnung Heischende fremd ist? Journalisten sind Tagschreiber, der Name sagt es. Was sie tun ist vergänglich. Der gedankenreichste Leitartikel, die packendste Reportage werden sehr schnell ein Stück Altpapier.

Ja, die Zeitung ist – soweit das möglich ist – in unseren Jahren sogar noch etwas vergänglicher geworden. Denn wir sind ja »live« dabei, wenn olympische Medaillen gewonnen, Tore geschossen, Könige gekrönt werden. Parlamentsdebatten entwickeln sich in der Ecke unseres Wohnzimmers, dort, wo wir morgen in Schumachers Cockpit mit Tempo 300 um den Hockenheim-Ring rasen werden. Die Türme des World-Trade-Center stürzten vor unseren Augen zusammen – nur Sekundenbruchteile später als in Lower Manhattan. Und noch ehe die erste Wahlurne geöffnet ist, erfahren wir Schlag 18 Uhr, wie eine Wahl ausgegangen ist. Ganz schön alt: die Zeitung von heute!

Unterstützung vom Bundesverfassungsgericht

Warum dem Flüchtigen Kränze flechten? Und dann auch noch für Journalisten! Ihr Sozialprestige ist gering. Meinungsumfragen zeigen sie traditionell auf den hinteren Plätzen. Zwar haben sie in der Gunst des Publikums einige Plätze gut gemacht; Studienräte und Politiker, die beide vor 30 Jahren noch weit vorne lagen, wurden überholt. Doch vom Glanz, den der Beruf in den Augen der schreibenden Zunft selbst hat, finden die Demoskopen wenig. Max Weber hatte in seinem berühmten Essay über den »Beruf zur Politik« 1919 befunden, der Journalist gehöre in den Augen der Öffentlichkeit »zu einer Art von Pariakaste, die in der ›Gesellschaft‹ stets nach ihren ethisch tiefststehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt« werde.

Wer sich angesichts solcher Urteile wieder aufrichten will, der muss ins Grundgesetz schauen. Es hält die Pressefreiheit sehr hoch, und das Bundesverfassungsgericht hat sie sogar gestärkt. »Im Zweifel für die Meinungsfreiheit«, entschied das Gericht immer wieder. Einzelne oder Gruppen müssen sich auch harsche, polemische Kritik gefallen lassen, bis hin zu dem Verdikt: »Soldaten sind Mörder«.

Man hatte gelernt. Hitler hatte 1933 die totale Macht binnen weniger Wochen auch dadurch errungen, dass er das freie Wort unterdrückte, Zeitungen zensieren ließ und auch einfach verbot oder enteignete. Ohne die freie Information aber hat Demokratie keine Chance. »Wo Pressefreiheit herrscht und jedermann lesen kann, da ist Sicherheit«, sagte Thomas Jefferson. 

Es ist wahr: Die Pressefreiheit deckt auch (fast) jede Dummheit. Was wird nicht alles geschrieben! Doch wäre es anders, die Zensur wäre nahe: Wer will denn entscheiden, was dumm ist und was nicht? Manche »Dummheit« erweist sich später als Geistesblitz.

Theodor Wolff, dessen Namen dieser Preis trägt, hat deshalb zornig gegen das »Schmutz- und Schundgesetz« Stellung bezogen, das der Reichstag 1926 verabschiedete. Es sollte den Leser vor Schund bewahren. Wolff trat – im Streit um dieses Gesetz – sogar aus jener liberalen Deutschen Demokratischen Partei aus, die er 1919 mitgegründet hatte. »Schund«, so schrieb er, sei für ihn so unerfreulich wie für jeden anderen, und »Schmutz« habe auch für ihn einen ekligen Geruch. Doch das Gesetz sei »verwerflich und grotesk«, weil es »die Überwachung und Säuberung der Literatur und der Presse einer neu gebildeten Behörde, ... einem Areopag frommer Pädagogen und mütterlich-gütiger Damen, übergab«. Wo das Wort nicht frei ist, kann man auch journalistisch nicht arbeiten.

Dieser Konflikt zeigt, warum der Journalist einerseits Buhmann und zugleich doch Garant einer informierten Gesellschaft ist. Er hat Freiheit. Er nützt sie. Nicht immer ist das Ergebnis über jeden Zweifel erhaben. Manches ist dumm, manches auch falsch, und manchmal ist es »falsch« im doppelten Sinn des Wortes. Die Pressefreiheit ist deshalb nicht nur ein Recht, sondern auch eine Herausforderung.

Denn nicht Journalisten sind für die Demokratie wichtig; wichtig sind die Informationen, die sie vermitteln. Sie haben die Freiheit zur Dummheit, aber sie müssen der Dummheit und dem Vorurteil widerstehen, so gut dies eben geht. Sie müssen Interessen durchschauen, sich nicht zu Propagandisten machen lassen. Sie müssen verständlich sein und klar, um dem Leser ein Urteil zu erlauben. Sie brauchen Kompetenz und Unabhängigkeit.

Max Weber hat die Journalisten gegen jene Kritik, die er selbst beschrieb, energisch verteidigt. Nicht jedermann sei gegenwärtig, »dass eine wirklich gute journalistische Leistung mindestens so viel ›Geist‹ beansprucht wie irgendeine Gelehrtenleistung – vor allem infolge der Notwendigkeit, sofort, auf Kommando, hervorgebracht zu werden und sofort wirken zu sollen, bei freilich ganz anderen Bedingungen der Schöpfung .... Dass die Verantwortung eine weit größere ist, und dass auch das Verantwortungsgefühl jedes ehrenhaften Journalisten im Durchschnitt nicht im mindesten tiefer steht als das des Gelehrten ... wird fast nie gewürdigt.«

Solche Qualität zu sichern und das Verantwortungsgefühl zu schärfen, ist eine Herausforderung für die Medien. Wo dies gelingt, und damit dies gelingt, darf man auch einen Preis verleihen.

Am Anfang war die »Stiftung Die Welt«

Es war die »Stiftung Die Welt«, die den Theodor-Wolff-Preis erstmals aussetzte. Sie war 1953 gegründet worden, als die Briten Die Welt – die sie 1946 als Zeitung der Besatzungsmacht in Hamburg geschaffen hatten – privatisierten. Axel Springer erwarb 75 Prozent der Anteile. Den Rest überließ man der Stiftung. Indirekt wollten sich die Briten dadurch wohl auch einen Rest an Einfluss auf »ihr« Blatt sichern.

Die »Stiftung Die Welt« sollte in der noch jungen deutschen Demokratie die Zeitungswissenschaften sowie den journalistischen und verlegerischen Nachwuchs fördern und unterstützen. Briten, Amerikaner und Franzosen hatten nach dem Krieg dafür gesorgt, dass in Westdeutschland eine vielfältige Presse entstand. Unbezweifelbare Demokraten bekamen Lizenzen zur Gründung neuer Blätter. Die Besatzungsmächte gaben zwei eigene Zeitungen heraus: Der Welt im von den Briten kontrollierten Norden stand Die Neue Zeitung in der amerikanischen Zone gegenüber. Herausragende Journalisten, von denen viele vor Hitler aus Deutschland geflohen waren, prägten beide Blätter.

Zwar überlebten nicht alle der nach dem Krieg gegründeten Lizenz-Zeitungen die Währungsreform. Über Nacht war Geld knapp; in den Schaufenster aber türmten sich Güter auf, die man fast nicht mehr kannte. Plötzlich sahen sich die Zeitungen im Wettbewerb mit unvorstellbaren Köstlichkeiten. Viele behaupteten sich und trugen maßgebend dazu bei, dass sich in jenen Jahren in der Bundesrepublik Deutschland ein festes demokratisches Bewusstsein entwickelte und extremistische Parteien nie eine ernsthafte Chance hatten. Als 1960 der Theodor-Wolff-Preis vorgestellt wurde, hatte die deutsche Presse gezeigt, welchen Beitrag sie in dieser Gesellschaft leistet.

Wer den Theodor-Wolff-Preis »erfand«, ist nicht bezeugt. Hans Wallenberg, langjähriger Chefredakteur der Neuen Zeitung, war wohl einer der Anreger, aber auch Alfred Frankenfeld, der Geschäftsführer der »Stiftung Die Welt«. Vorbild sollte der Pulitzerpreis sein, mit dem seit 1917 in den USA herausragende journalistische Leistungen ausgezeichnet werden. Den Namen – Theodor-Wolff-Preis – schlug jedenfalls Frankenfeld vor. Er hatte von 1924 bis 1933 unter dem Chefredakteur Theodor Wolff beim Berliner Tageblatt gearbeitet.

In den 27 Jahren, in denen Theodor Wolff das Berliner Tageblatt leitete, wurde es zu einer weltweit beachteten deutschen Zeitung. Glanzvolle Federn hatte er um sich versammelt. Seine Leitartikel setzten Maßstäbe. »Sie wurden als die Stimme des demokratischen, freiheitlichen, europäisch gesinnten Deutschland überall zitiert; und sie erregten die Wut derer, die bei den Worten ›Freiheit‹ und ›Demokratie‹ zu ihren Revolvern griffen«, berichtete bei der ersten öffentlichen Verleihung des Preises 1965 einer der engsten Mitarbeiter Theodor Wolffs, Wolfgang Bretholz.

Ein großer Journalist

Theodor Wolff, 1868 in Berlin geboren, kam als junger Mann zum Berliner Tageblatt, zunächst als kaufmännischer Lehrling. Doch das Talent zum Schreiben zeigte sich schnell. Er schrieb über Kultur, verfasste auch Romane und Dramen, mischte im Theaterleben mit. Die Neigung zum Feuilleton begleitete ihn sein Leben lang. 1894 ging er für das Tageblatt nach Paris. Die Dreyfuss-Affäre wurde für ihn zu einem prägenden Erlebnis. 1906 kehrte er als Chefredakteur nach Berlin zurück.

 1933 entließ ihn das Berliner Tageblatt – nachdem die Nazis die Zeitung 14 Tage lang verboten hatten. »Wahre Demokratie und Gerechtigkeit verlangen«, so schrieb der Verleger damals an Wolff, »dass positive Leistungen des Staates ... sachliche Anerkennung erfahren. Ich kann mir nicht denken, dass Sie sich der Gefahr aussetzen wollen, von der Öffentlichkeit missverstanden zu werden, wenn Sie das Berliner Tageblatt auch dann noch verantwortlich zeichnen wollen.«

 In diesem Brief spiegelt sich die ganze Ohnmacht jener Tage. Von »Demokratie und Gerechtigkeit« konnte ja längst keine Rede mehr sein. Aber Hans Lachmann-Mosse, der Verleger, war – anders als Theodor Wolff – ein ängstlicher Mann. Er gab dem Druck nach, anpasserisch, wie der Brief zeigt. Es half ihm nichts: Auch er musste noch 1933 emigrieren. Für Theodor Wolff kam es zwei Monate später schlimmer. In Berlin verbrannten fanatisierte Studenten seine Werke. »Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung ... Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff.«

Er war für die Mächtigen nie ein bequemer Mann. Im Ersten Weltkrieg hatte er ein Jahr lang nicht geschrieben, weil er die Annexions-Politik Wilhelms II. und der deutschen Heeresführung ablehnte. Die Alldeutschen nannten ihn »Vaterlandsverräter«. Sein Tageblatt wurde auch damals schon immer wieder einmal verboten. Die Nationalisten merkten es sich und verfolgten ihn später mit blindem Zorn. Es zählte nicht, dass Theodor Wolff – durchaus national gesinnt – leidenschaftlich gegen die Verträge von Versailles kämpfte und die deutschen Politiker, die dem Druck der Sieger nachgaben und unterschrieben, hart kritisierte. Und auch mit den maßlosen Siegern ging er ins Gericht. Sein Leitartikel zu Versailles hieß: »Nein!«

Er plädierte für den Ausgleich zwischen Völkern und den Gegnern von einst. Er war entschieden, aber er argumentierte fast immer behutsam. »Über jeder Wahrheit«, so notiert er, »schwebt noch ein letztes Vielleicht«. Eine Wahrheit, an die mancher Selbstgerechte in diesem Beruf gelegentlich denken sollte. Der radikal-sozialistische Publizist Kurt Hiller – ein Gegner Wolffs – zollte ihm in einem Nachruf Respekt: Er kenne keinen Journalisten, der wahrheitsliebender gewesen sei. Kann man mehr sagen?

Den Nachwuchs durch Vorbilder schulen

Am 24. Juni 1960 wurde der Theodor-Wolff-Preis der Öffentlichkeit vorgestellt. Er sollte »zur Heranbildung des journalistischen Nachwuchses durch Vorbilder« herausragende journalistische Leistungen auszeichnen. Ein halbes Jahr später – am 1. Februar 1961 – wurde er zum ersten Mal ausgeschrieben. Zehn Preise waren mit insgesamt 30.000 Mark (rund 15.300 Euro) dotiert.

Man wollte damit herausragende Texte prämieren. Doch zugleich sollte journalistische Qualität und Qualifikation gefördert werden. Deshalb kann der Preis nur an hauptberuflich tätige deutsche Journalisten vergeben werden und nur für Artikel, die in deutschen Tages- und Wochenzeitungen und Nachrichtendiensten erscheinen. Ursprünglich durften nur die Vorstände der Landesverbände des Deutschen Journalisten-Verbands – von 1962 an auch die der Deutschen Journalistenunion – preiswürdige Arbeiten vorschlagen. Dieses eingeengte Vorschlagsrecht wurde aber bald aufgegeben. Seither können auch der Autor selbst und seine Zeitung Artikel einreichen. Über die Preise entschied am Anfang der Vorstand der »Stiftung Die Welt«, unterstützt von einem Beirat angesehener Journalisten.

In den ersten Jahren wurde um die Preisverleihung nicht viel Aufhebens gemacht. Die Preisträger wurden informiert und erhielten ihr Preisgeld. 1965 wurde der Preis zum ersten Mal öffentlich – in einer Feierstunde an der Freien Universität (FU) in Berlin – vergeben. Dies war möglich, weil die »Stiftung Die Welt« mit dem »Institut für Publizistik« an der FU 1964 vereinbart hatte, den Preis gemeinsam auszuschreiben. Den Anstoß gab der Geschäftsführer der Stiftung, Alfred Frankenfeld. In einem Brief hatte er 1962 dem Direktor des »Instituts für Publizistik«, Fritz Eberhard, geschrieben, ein so bedeutsamer Preis sollte eigentlich nicht allein von einer privaten Stiftung verteilt werden. Auch beim Pulitzerpreis in den USA habe eine Universität – Columbia – die Ausschreibung übernommen.

Kooperation mit der Freien Universität Berlin

Für den Theodor-Wolff-Preis lag die Zusammenarbeit mit der Freien Universität nahe. In Berlin hatte Theodor Wolff gewirkt. Durch die Zusammenarbeit wolle man – so Frankenfeld – den Preis aufwerten und ihm »jene Neutralitätsposition« geben, »die verhindert, dass manche Verleger oder auch Journalisten fürchten, die ›Stiftung Die Welt‹ wäre doch nur ein Anhängsel der Welt-Verlagsgesellschaft in Hamburg, (obwohl sie in Wirklichkeit unabhängig ist)«. Die Kooperation mit dem »Institut für Publizistik« verschaffte zudem den jungen, um Anerkennung ringenden Zeitungswissenschaften an den deutschen Universitäten Aufmerksamkeit, ganz im Sinn der Stiftung.

Fritz Eberhard berief 1964 gemeinsam mit der Stiftung eine zehnköpfige Jury, die über die Preisvergabe entscheiden sollte. Die Preissumme wurde auf 42.000 Mark (rund 21.470 Euro) erhöht.

Doch die Zusammenarbeit stand unter keinem guten Stern. Spannungen brachen auf, als die Apo (Außerparlamentarische Opposition) gegen die »faschistoide« Gesellschaft in der Bundesrepublik aufbegehrte. Als deren publizistischer Exponent erschien den 68ern die »Springer-Presse«. Fritz Eberhard selbst war in den 20er Jahren als radikaler Sozialist aus der SPD ausgeschlossen worden. Er hatte sich später unter großer persönlicher Gefahr im Widerstand gegen Hitler engagiert. Und auch wenn er nach der Rückkehr aus dem Exil ins politische »Establishment« aufrückte – er war einer der Väter des Grundgesetzes und der erste Intendant des Süddeutschen Rundfunks –, solidarisierte er sich als Professor schnell mit den Zielen der Apo. Ihm – der 20 Jahre später als Mittachziger noch Hausbesetzern in Kreuzberg Mut zusprach – war die »Springer-Presse« fast so verdächtig wie manchen seiner Studenten, jedenfalls zu konservativ.

Als die »Stiftung Die Welt« 1966 in der umfassenderen »Axel Springer Stiftung« aufgeht, kündigt Eberhard den Vertrag. Er wolle seinen Namen und sein Institut nicht mit Springer in Zusammenhang gebracht sehen. Die Stiftung solle nur noch das Geld zur Verfügung stellen und dem Institut die Verwaltung des Preises ganz überlassen, um dessen »Unabhängigkeit von einseitiger Interessennahme« zu unterstreichen, forderte Eberhard. Auch bei der Wahl der Jury beanspruchte er das letzte Wort.

Die »Axel-Springer-Stiftung« empfand es als Affront, dass ihre Unabhängigkeit derart infrage gestellt wurde. Man konnte geltend machen, dass in der Jury prominente Journalisten verschiedener politischer Couleur saßen – darunter Fritz Sänger, Ex-Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur, der acht Jahre lang die SPD im Bundestag vertrat. Der Konflikt spiegelte die Unversöhnlichkeit jener Jahre wider. So schrieb nun die »Axel-Springer-Stiftung« den Preis alleine aus.

In der aufgeheizten Atmosphäre nach 1968 war man aber auch bei Springer über den Konflikt nicht glücklich. Zwar zeigt die Liste der Preisträger aus jenen Jahren, dass der Theodor-Wolff-Preis allein nach den Regeln journalistischer Qualifikation vergeben wurde. Viele Journalisten wurden ausgezeichnet, die der sozial-liberalen Koalition und vor allem ihrer Ostpolitik zuneigten. Niemand konnte also ernsthaft den Vorwurf erheben, die Jury sei nicht neutral.

Doch der Streit um die Politik der Bundesregierung gegenüber Moskau und der DDR begann die Gesellschaft zu spalten, und Axel Springer bezog in dieser Konfrontation sehr klar Position. Da lag es nahe, den Preis, der inzwischen zur angesehensten Auszeichnung für deutsche Journalisten geworden war, von jedem Verdacht der Parteilichkeit freizuhalten.

Der damalige Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Johannes Binkowski, hatte, wie er später berichtete, »in verschiedenen Gesprächen mit Axel Springer die Überzeugung gewonnen, dass der Preis eigentlich in die Hände der gesamten Verleger gehöre«. Auch Springer dachte so. So wurde der Theodor-Wolff-Preis – für Arbeiten aus dem Jahr 1972 – zum ersten Mal vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger ausgeschrieben. Er hatte eine fiduziarische Stiftung »Theodor-Wolff-Preis« eingerichtet. Nicht alle Mitglieder des BDZV verstanden die Bedeutung des Preises für das Ansehen der Presse sofort. So half auch in der Übergangszeit die »Axel-Springer-Stiftung« noch über einige Jahre hin finanziell aus, bis die Stiftung beim BDZV auf festen Beinen stand.

Ein Preis ist ein Preis

Theodor-Wolff-Preis ist Theodor-Wolff-Preis, 1962 wie heute. So scheint es. Wer sich über die Details beugt, erkennt schnell: Es scheint nur so. In den über 40 Jahren wurden die Ausschreibungsbedingungen immer wieder verändert. Als die Zusammenarbeit mit der FU begann, hatte man die Zahl der ausgeschriebenen Preise von zehn auf 14 erhöht. Sogar dies schien der Jury nicht immer genug: Sie teilte einige Preise auf mehrere Preisträger auf.

Die Preisvermehrung war nicht unproblematisch, zumal der Theodor-Wolff-Preis Konkurrenz bekam. Presseorganisationen, Stiftungen, Verbände, Unternehmen lobten immer neue Journalistenpreise aus, darunter bedeutende, die bestimmte journalistische Stilformen förderten. Für Reportagen entstand der Kisch-Preis, für investigative Texte der Wächter-Preis, für Leitartikel der Franz-Karl-Maier-Preis. 1976 reduzierte man die Zahl der Theodor-Wolff-Preise auf fünf. Sie stieg später vorübergehend noch bis auf sieben.

Die Geschichte des Preises zeigt aber auch einen Konflikt zwischen Jury und Stifter. Jede Jury will möglichst freie Hand bei ihrer Entscheidung. Vergabekategorien stören da. Auf der anderen Seite hatten die Stifter des Theodor-Wolff-Preises ein großes Interesse, alle journalistischen Formen und alle Themen zu fördern. 

Zunächst lobte man deshalb die Preise für präzise Textformen und Themen aus: je einen für Leitartikel, Korrespondentenbericht, Reportage oder Interview, Lokales, Wirtschaft, Feuilleton, eine Glosse oder einen Kommentar aus der Wissenschaft, Gerichtsbericht und Sport. Und – ein Tribut an das Berlin nach dem Mauerbau – einen Preis für Artikel über die »Wiedervereinigung oder Berlin«.

Doch die Vorgaben engten die Jury ein. Man vergab Preise, weil sie bestimmten Kategorien entsprachen, während andere (bessere?) Arbeiten auf der Strecke blieben. Sie waren eben – in ihrer Kategorie – nur die zweitbesten. So lockerte man über die Jahre hin die Regeln immer wieder.

Talente im Lokalen

1970 wird die Jury zum ersten Mal nicht mehr auf bestimmte journalistische Formen (wie den Leitartikel) festgelegt. Nur thematisch ist sie gebunden: Vier Preise sollten für Politik, je zwei für Kultur und Lokales und je einer für die anderen Themen vergeben werden.

1976 – die Zahl der Preise war jetzt auf fünf begrenzt – machte man der Jury gar keine Vorgaben mehr, mit einer Einschränkung: Zwei Preise waren dem Lokalen reserviert. Qualität allein soll der Maßstab sein. Die Jury ist aber gehalten zu berücksichtigen, unter welchen Bedingungen die Artikel zustande gekommen sind. Der Preis soll nicht zur Domäne der großen Tages- und Wochenzeitungen werden, deren Redakteure viel Zeit zur Recherche und zum Schreiben haben. Auch bei kleineren Zeitungen gibt es große Talente, die Anerkennung verdienen. Wer die preisgekrönten Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte liest, der sieht, wie viele eindrucksvolle Artikel in Lokalzeitungen erschienen sind. Und die Reaktionen zeigen, welcher Ansporn für diese Redaktionen die Auszeichnung ist.

Aus einem ähnlichen Grund wurden 1979 zwei Förderpreise für junge Redakteure ausgeschrieben. 1994 schaffte man sie wieder ab. Einmal, weil viele der Jüngeren nicht schlechter schreiben, recherchieren und argumentieren als altgediente Profis. Die Unterscheidung war willkürlich. Zum anderen wird seit 1991 der angesehene »Axel-Springer-Preis« gezielt für junge Journalisten ausgelobt.

Auch ein anderer Sonderpreis des Theodor-Wolff-Preises – für herausragende Parlamentsberichterstattung – wurde nur vorübergehend (1988 bis 1994) verliehen. Das Bundestagspräsidium hatte ihn angeregt. Die wichtige Arbeit des Parlaments sollte ins Licht gehoben werden. Doch auch der Preis half wenig: Die Einsendungen waren rar. Als der Bundestag 1993 selbst einen Medienpreis ausschrieb, wurde der Sonderpreis gestrichen.

Das Jahr 1995 brachte statt dessen eine andere Neuerung: Zum ersten Mal wurde ein Theodor-Wolff-Preis »für essayistischen Journalismus« durch ein höheres Preisgeld gegenüber sechs anderen Würdigungen herausgehoben. Er sollte für eine »herausragende literarisch-journalistische Leistung« vergeben werden. Auch diese Regel hatte jedoch keinen Bestand.

Seit 2002 werden wieder nur noch fünf Preise ausgelobt, alle in gleicher Höhe mit 6.000 Euro dotiert. Die Form des journalistischen Essays hatte sich als schwer abgrenzbar erwiesen. So ist jetzt – im Gedenken an den Leitartikler Theodor Wolff – einer der fünf Preise der Form »Leitartikel/ Kommentar/Essay« gewidmet. Zwei der Preise werden für »Lokale Themen« vergeben, womit man der Tatsache Rechnung trägt, dass das Gewicht des Lokalen für die Zeitungen in der neuen Medienwelt wächst.

Die Jury hat 1997 zum ersten Mal zusätzlich ein »journalistisches Lebenswerk« mit einem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Dieser undotierte Preis wird nicht zwingend in jedem Jahr vergeben. Bisher hat die Jury fünf Mal diese Möglichkeit genutzt.

Brillante Texte

Wer die 32 Bände durchblättert, in denen seit 1969 die preisgekrönten Artikel erschienen sind, sieht freilich auch, dass sich nicht nur die Ausschreibungsbedingungen verändert haben, sondern auch die Texte. In den letzten Jahren findet sich unter den ausgezeichneten Arbeiten kaum eine, die sich mit einem der aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Ereignisse beschäftigt. Noch nicht einmal der 11. September 2001 hat eine Arbeit hervorgebracht, die die Jury auszeichnen wollte oder konnte.

Und wenn doch aktuelle Fragen eine Rolle spielen, sind die Texte »überhöht«, vom »Tagesgeschäft« abgehoben. Die Spendenaffäre der CDU wird zum Hintergrund eines nachdenklichen Porträts Helmut Kohls unter dem vieldeutigen Begriff »Lob der Provinz«. Der Regierungsumzug nach Berlin wird nicht als politisches Ereignis abgehandelt; er spiegelt sich in einer Reportage über die Art, wie sich die Bonner – die »Provinzärsche« – bei ihren ersten Schritten in einer richtigen Hauptstadt bewegen. Martin Walsers Rede in der Paulskirche, die die Gesellschaft und die Medien aufwühlte, ist Anlass eines nuancenreichen Porträts des Schriftstellers in allem Widerspruch.

Die meisten Theodor-Wolff-Preise wurden in den vergangenen Jahren aber für Reportagen über Einzelschicksale vergeben: Sie zeigen Menschen, die mit schwerer Krankheit oder Behinderung leben; die einen Unfall verschuldeten, der andere ins Unglück stürzte; sie porträtieren den Fotografen, dessen Leben es ist, Lady Di immer im Sucher zu haben. Eine Preisträgerin rekonstruiert aus den armseligen Hinterlassenschaften eines »kleinen« Mannes, der ein ganzes Jahrhundert erlebte, ein einsames Dasein. Brillante Texte.

Ähnliche Reportagen finden sich auch unter den preisgekrönten Arbeiten der frühen Jahre. Aber sie waren in der Minderzahl. Das ist nicht verwunderlich. Die Preise waren damals ja an einzelne Textsorten oder Themen gebunden. Doch auch, als man diese Regeln lockerte, wurden zunächst noch viele Texte ausgezeichnet, die sich mit aktuellen politischen und gesellschaftspolitischen Ereignissen auseinandersetzten: nachdenkliche Betrachtungen über die aufbegehrenden 68er; über die Anfänge der »Bürgerbewegungen«; über die Wirtschaftspolitik in der Frühzeit der sozial-liberalen Koalition oder über die Frage, was konservativ und progressiv denn noch bedeute.

Heute scheinen analytische und kommentierende Texte – und vor allem Leitartikel (die Form des Theodor Wolff) – kaum preiswürdig zu sein. Sie werden aber offenbar auch selten eingereicht. Nur ein nachdenklicher Essay über die »Die indiskrete Gesellschaft« – den Verlust des Privaten und den Hang zur Selbstentblößung vieler Bürger – ist ein derart analytischer Text.

Die veränderten Ausschreibungsregeln erklären diese Veränderung nicht ganz. Zwar fällt es leichter, die kleine Form und den erhellenden, kommentierenden Text zu einer aktuellen Frage auszuzeichnen, wenn viele Preise zu vergeben sind. Aber hat sich nicht auch der Journalismus verändert? In der Fernsehgesellschaft beherrschen Bilder die Medien. Bilder wecken Emotionen. Medien, die in harter Konkurrenz immer wieder Aufmerksamkeit erzwingen müssen, neigen dazu, auf Emotion bis hin zum Skandal zu setzen.

Das bewegende Einzelschicksal fasziniert die Menschen – und damit auch die Medien – stärker als nüchterne Analyse. Eine Lawine des Abscheus geht in den Medien nieder, als in Sebnitz der sechsjährige Joseph angeblich durch Neonazis ermordet wird; bis sich zeigt: Der Mord fand nicht statt. Hysterie bestimmte die Debatte um BSE, bis klar wurde: Die (vielleicht) auch durch BSE ausgelöste Creutzfeld-Jakob-Krankheit ist in England nicht häufiger als bei uns – hunderttausenden von BSE-Fällen auf der Insel zum Trotz. Da ist die Debatte um Euro und Teuro – nur scheinbar ein Thema für Mathematiker. Doch es ist der Zorn über teures Gemüse (im Winter) oder unverschämte Taxifahrer, der die Schlagzeilen macht. Was wiegt dagegen, dass die Statistiker zur gleichen Zeit die niedrigsten Inflationsraten seit langem messen. Die nüchterne Erklärung, der detaillierte Hintergrundbericht, der nachdenkliche Leitartikel, die dem Bürger ein abgewogenes Urteil erlauben, haben es in unserer Medienwelt schwer. Theodor Wolff würde dies wohl ärgern.

Die Zeitung kann gar nicht von gestern sein

Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern. Doch über alle Veränderungen hinweg lesen sich die preisgekrönten Artikel heute noch frisch wie am ersten Tag. Sie sind als Texte »vergessen«, aber wer sie liest, erkennt: Sie wirken »über den Tag hinaus«. Sie haben die Gedanken beeinflusst, Menschen informiert, Leser ergriffen. Die Zeitung vergeht, aber sie hinterlässt Spuren in den Köpfen. Und deshalb hatte der Journalist und Gründer des Verbands der Lokalpresse, Erich Wagner, der zwei Jahrzehnte lang zum Kuratorium des Theodor-Wolff-Preises gehörte, Recht, wenn er – ein Optimist – über die eigene journalistische Lebensbilanz schrieb: »Die Zeitung kann überhaupt nicht von gestern sein.«