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Geachtet, gefürchtet, vernichtet - Der Journalist Theodor Wolff

Von Anja Pasquay

Er galt als "homme de lettres" und als brillanter Formulierer. Zeitgenossen verglichen den Chefredakteur mit einem Dirigenten, der seine Redaktion wie ein Philharmonisches Orchester leitete. Seine Mitarbeiter nannten ihn den "letzten Gentleman": Theodor Wolff, den langjährigen Chefredakteur des "Berliner Tageblatts". Noch heute beruft sich die Fachwelt auf ihn; in der breiten Öffentlichkeit ist freilich selten von Theodor Wolff die Rede.  

An mangelndem historischen Interesse kann es nicht liegen, auch nicht an der allgemeinen Vergeßlichkeit, im Gegenteil: Der scharfzüngige Berliner Kritiker Alfred Kerr wird noch heute gern und ausführlich zitiert, sein Widerpart Herbert Jhering ebenso. "Egonek", der rasende Reporter Egon Erwin Kisch, hat das Image eines ganzen Berufsstands geprägt. Und gerade die Grenzgänger zwischen Feuilleton und Belletristik - Tucholsky, Polgar, Ossietzky, um nur einige zu nennen - sind uns heute so präsent wie den Zeitungslesern im Berlin und Wien der Zwischenkriegsjahre.  

Warum also existiert einer wie der große Journalist und bedeutende Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", Theodor Wolff, dessen Wort bei Freund und Feind fast drei Jahrzehnte lang gleichermaßen Gewicht hatte, nur mehr als ein Schemen seiner einstigen Bedeutung fort? Aufgerufen einmal jährlich bei der Verleihung des seit 1961 vergebenen, wichtigsten deutschen Journalisten-Preises, der seinen Namen trägt. Haben die Nazis hier am Ende doch noch gesiegt, die den politisch links-liberal eingestellten Juden Wolff 1933 aus der Chefredaktion des "Tageblatts" und aus Berlin in die Einsamkeit des französischen Exils vertrieben? Oder mutet nicht eben auch Wolffs bis ins feinste ausgefeilter Stil heute, in unserer auf schnelle und präzise Information geprägten Gesellschaft, eher als altväterlich an? Vielleicht ist es ja einfach so, daß die in den vergangenen 50 Jahren oftmals schmerzlich gewonnenen Erkenntnisse über den möglichen Mißbrauch der Medien durch die Politik auch zu einem gewissen Unbehagen gegenüber der von Zeitgenossen als geradezu grenzenlos geschilderten journalistischen wie politischen Autorität Theodor Wolffs geführt haben. Kaum vorstellbar, daß heute, im Konzert der Medien, der Chefredakteur einer Tageszeitung so nachhaltig die öffentliche und veröffentlichte Meinung mitgestalten könnte, wie Wolff das zwischen 1906 und 1933 von Berlin aus tat. 

Persönliche Liebhaberei und Verpflichtung

Theodor Wolff hatte die Chefredaktion des "Berliner Tageblatts" 1906 angetreten. Die Zeitung gehörte seinem Vetter Rudolf Mosse, der verschiedenste wirtschaftliche Interessen verfolgte, das Schicksal des "Tageblatts" aber zu einer persönlichen Liebhaberei und Verpflichtung gemacht hatte. Finanziell stand die Zeitung dank der von Mosse in ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland eingerichteten "Annoncen-Expeditionen" (Anzeigenagenturen) auf einer soliden Basis. Redaktionell allerdings lag, als der gerade 38jährige Wolff seinen Posten in Berlin antrat, einiges im argen. Sein Vorgänger im Amt, Arthur Levysohn, war schwer erkrankt. Wolff sah sich, nach seinen eigenen Worten, "einer allmählich geistig vertrocknenden, politisch wabbeligen, seit der Erkrankung eines einstmals brillanten und verdienstvollen Chefs zerfallenden Zeitung" gegenüber.  

Journalistisch hatte der frischgebackene Chefredakteur sich bereits große Meriten erworben. Zwölf Jahre lang berichtete er als Korrespondent aus Paris ans "Berliner Tageblatt" und institutionalisierte hier zum Beispiel - in dieser Form ein Novum in der deutschen Presse - mit seiner Artikelfolge über den Dreyfus-Prozeß die Gerichtsberichterstattung aus laufenden Verhandlungen, bevor Mosse ihn nach Berlin zurückrief. Mit der Arbeit in einer Redaktion, geschweige denn mit ihrer Leitung, hatte Theodor Wolff bis dahin allerdings kaum Erfahrung. Offensichtlich war er als Chefredakteur jedoch ein Naturtalent. Aus Paris brachte er Weltläufigkeit, aus dem republikanisch-parlamentarischen Frankreich der III. Republik eine politisch unabhängige, demokratische Gesinnung mit ins Berlin der zu Ende gehenden Kaiserzeit. - Was dem "Berliner Tageblatt" sehr schnell wieder ein eigenes Gesicht gegenüber den Konkurrenten "Vossische Zeitung" "Haude-Spenersche Zeitung" oder "Berliner-Volks-Zeitung" verschaffte.  

Darüber hinaus gelang es Wolff in den 27 Jahren seiner Chefredakteurstätigkeit immer wieder, gute und interessante Journalisten an sein Blatt zu binden: Für die Innenpolitik zum Beispiel Ernst Feder und Rudolf Olden; für die Außenpolitik Josef Schwab, Max Jordan und Maximilian Müller-Jabusch; für den Handelsteil Arthur Norden und Felix Pinner. An der Spitze der Kulturredaktion stand Alfred Kerr; zu den regelmäßigen Mitarbeitern des Feuilletons gehörten unter anderem Alfred Polgar, Kurt Tucholsky, Otto Flake und Frank Thiess. Unter Wolffs Leitung fand sich mit den Jahren eine Elite des deutschen Journalismus' beim "Berliner Tageblatt" zusammen. Nach 1918 bildeten diese Redakteure im Urteil Walter Kiaulehns (vor 1933 selbst Mitarbeiter der Zeitung) "eine Kerntruppe der Republik".  

Schreiben für die zivilisierte Welt 

Um 1920 hatte das "Berliner Tageblatt" eine (zweimal) tägliche Auflage von rund 245.000 Exemplaren erreicht. Längst schon war damit der Wunsch des "Tageblatt"-Gründers Rudolf Mosse Wirklichkeit geworden, der am 1. Januar 1872 den Lesern der ersten Ausgabe erklärt hatte: "Wie - ohne sonstigen Vergleich - Paris Frankreich war, so will und wird Berlin Deutschland und die Großstadt Weltstadt werden. ...Unser Ziel ist darauf gerichtet, nicht ein Lokalblatt zu den übrigen zu schaffen, sondern im eigentlichen und echten, im vollen und erschöpfenden Sinne des Wortes das Berliner Lokalblatt. ... Es muß uns das Bewußtsein beseelen: für die zivilisierte Welt schreibt, wer für Berlin schreibt." 

Mosses "Lokalblatt" war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Pflichtlektüre nicht nur für die Berliner und deutsche Intelligenz, sondern für das gebildete Europa geworden. Und wer sich die Bedeutung und den Einfluß dieser Zeitung - und ihres Chefredakteurs - heute vergegenwärtigen will, muß bedenken, daß es bis in die 30er Jahre hinein für das Massenmedium Zeitung kaum tagesaktuelle Konkurrenz gab. Der Hörfunk steckte noch in den Kinderschuhen, an Fernsehen war gar nicht zu denken. Fand also der öffentliche politische und gesellschaftliche Diskurs in Deutschland vor allem über die Tageszeitung statt, so hatte ein Kommentar in einem Blatt aus der Reichshauptstadt Berlin aufgrund der Nähe zu den Regierenden ganz besonderes Gewicht.  

Das war in der Weimarer Republik nicht anders als in den letzten Jahren des Kaiserreichs oder während des Ersten Weltkriegs. In Berlin liefen die Fäden von Politik und Wirtschaft zusammen; zugleich zentrierten sich - anders als heute in der föderal gegliederten Bundesrepublik mit ihren selbstbewußten Landeshauptstädten - in der Metropole Geist und Kultur. Hier fanden die anspruchsvollen Tageszeitungen ihr kritisches Publikum. Wobei die Konkurrenz der in kurzer Folge gegründeten Pressekonzerne Mosse, Scherl und Ullstein der Qualität ihrer Produkte gewiß nur förderlich war. Gegen Ende der Weimarer Republik erreichte die Berliner Zeitungswelt eine derartige Vielfalt, daß die Leser allein zwischen etwa 40 Morgenblättern wählen konnten. Quantitativ wie in bezug auf Talent und Esprit war der Berliner Presse allein die Wiens vergleichbar. Kein Wunder, daß, wer hier als Chefredakteur reüssierte, im wahrsten Sinne des Wortes "Meinung machte".  

Zwischen Journalismus und Politik

Nicht nur im Inland, auch im Ausland kannte Wolff die meisten großen Politiker seiner Zeit persönlich. Schon während seiner Korrespondententätigkeit in Paris und bei ausgedehnten Reisen durch Europa hatte er zahlreiche Bekanntschaften und nützliche Kontakte geknüpft. Clemenceau und Léon Blum zählte Wolff zeitweilig zu seinen Freunden. Benito Mussolini lernte er anläßlich seines Besuchs in Rom als faszinierende Persönlichkeit kennen. Von Lloyd George wurde er in London empfangen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Seine Reputation war so bedeutend, daß Reichskanzler Müller ihn, der dann allerdings doch den Journalismus vorzog, 1920 als ersten deutschen Botschafter nach dem Krieg nach Paris schicken wollte. Reichskanzler Luther erhoffte sich von Wolffs Besuch beim französischen Außenminister Aristide Briand im November 1925 ein Zeichen, daß die französische Besetzung des Rheinlandes bald beendet würde. Auch 1931 waren es wieder Wolffs gute Kontakte nach Frankreich, die den Chefredakteur im Auftrag des Reichswehrministers, General Gröner, und General Schleichers nach Paris führten. Dort sollte er sondieren, ob die französische Regierung eventuell der Aufstellung eines deutschen Militärs zustimmen werde. Kurz: Chefredakteur Wolff galt nicht nur als der in Regierungskreisen am besten informierte Journalist seiner Zeit. Er hatte Zugang zu höchsten politischen Zirkeln, sein Rat wurde gesucht. Ja, der Chefredakeur selbst betrieb aktiv Politik und ließ sich willentlich für Missionen einspannen, die ihm der Mühe wert schienen.  

Mit Beginn der 30er Jahre kursierten jedoch auch die ersten Gerüchte über eine Demission Wolffs beim "Berliner Tageblatt". Die renommierte Zeitung und mit ihr der ganze Konzern waren in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten: Hans Lachmann-Mosse, der die Geschäftsführung nach dem Tod seines Schwiegervaters Rudolf Mosse 1920 übernommen hatte, blieb ökonomisch ohne Fortune, was sich in den späten 20er Jahren immer nachhaltiger bemerkbar machte. Fehlinvestitionen, die allgemeine marode Wirtschaftslage und eine falsch angelegte Rationalisierungspolitik führten den Verlag in die roten Zahlen. Hinzu kam der Konkurrenzdruck des deutschnationalen Hugenberg-Konzerns, der mit antisemitischen Parolen auf Kundenfang ging. Anders als der Konzerngründer, der Veränderungen in der Redaktion des "Berliner Tageblatts" immer nur in Absprache mit Theodor Wolff getroffen hatte, mischte der vom Zeitungsgeschäft gänzlich unbeleckte Lachmann-Mosse sich jedoch auch zunehmend in die inneren Angelegenheiten der Redaktion ein. Gegen Wolffs erbitterten Widerstand wurden Redakteursposten gestrichen, Gehälter gekürzt und bevorzugt Mitarbeiter jüdischen Glaubens entlassen.  

Flucht nach Frankreich

Nach den Reichstagswahlen am 14. September 1930, bei der die NSDAP 107 Mandate errang, hielt Lachmann-Mosse die Zeit für gekommen, den liberalen Kurs des "Tageblatts" nach rechts zu verändern und künftig eine möglichst unpolitische, "neutrale" Berichterstattung zu pflegen. Wenn Wolff trotz dieser Zumutungen im Amt blieb, dann geschah dies vor allen Dingen aus Sorge um seine Mitarbeiter und den Ruf und die redaktionelle Kompetenz "seiner" Zeitung. Wolff flüchtete erst im allerletzten Augenblick, in der Nacht des Reichstagsbrandes am 28. Februar 1933, mit seiner Frau Änne und den drei Kindern vor dem Zugriff der Nazis. Und auch dies nur, weil besorgte Kollegen den Chefredakteur nachdrücklich gewarnt hatten. 

Als Jude und als Demokrat war Theodor Wolff für die nationale Rechte einer der bestgehaßten Männer. Zeit seiner Berliner Tätigkeit mußte er sich mit übelsten antisemitischen Pöbeleien auseinandersetzen. Der Umstand, daß Wolff mit einigen Gesinnungsfreunden an der Jahreswende 1918/19 die "Deutsche Demokratische Partei" gegründet hatte (die er 1926 wieder verließ) und für die ersten Versammlungen mit Rudolf Mosses Zustimmung die Geschäftsräume des "Berliner Tageblatts" zur Verfügung stellte, machten ihn bei den Gegnern von rechts einmal mehr zur zentralen Figur eines "jüdischen Pressekomplotts". Der von den Nationalsozialisten herausgegebene "Völkische Beobachter" sprach denn auch mit Vorliebe vom "volljüdisch-börsianischen und syrischen Berliner Tageblatt".  

Es gehört zu den Treppenwitzen der Weltgeschichte, daß, wie der Gründer von DIMITAG und Standortpresse, Erich Wagner, in einem Essay über Theodor Wolff berichtet, ausgerechnet Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels die Arbeit des Chefredakteurs durchaus zu schätzen wußte. Goebbels soll, so Wagner, seine Parteischreiber 1939 angewiesen haben, sich in Sachen Zeitungsstil einmal in alten Bänden des "Berliner Tageblatts" umzusehen, bei einem "gewissen Theodor Wolff" etwa, der "zwar Jude" sei, "aber schreiben konnte wie nur ganz wenige in Deutschland".  

Mit der Flucht aus Berlin war für Theodor Wolff die Karriere als Zeitungsmann beendet. Nach kurzen Stationen in Österreich und der Schweiz ließ er sich, inzwischen 65jährig, mit seiner Familie in Nizza nieder und wandte sich ganz seiner zweiten großen Passion zu, der Beschäftigung mit Kunst und Literatur. Obwohl Wolff nach wie vor über gute Kontakte in Frankreich verfügte und finanziell besser gestellt war als viele andere Emigranten, blieb ihm am Ende das Schicksal der Verhaftung und Verschleppung nicht erspart. Im Mai 1943 wurde er in Nizza verhaftet, der Geheimen Staatspolizei ausgeliefert und als "Polizeigefangener" nach Berlin verbracht. Dort starb Theodor Wolff, vom Transport geschwächt und zwischenzeitlich schwer erkrankt, am 23. September 1943 im jüdischen Krankenhaus in Berlin-Moabit.

Der Theodor-Wolff-Preis

Was bleibt? 1993 erschienen in den Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen anläßlich des 50. Todestages und des 125. Geburtstages von Theodor Wolff einige Artikel, der Deutschlandfunk sendete ein Portrait. Berliner Senat und Zeitungsverleger legten an Wolffs Grab auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee Kränze nieder. Ein Park im Berliner Bezirk Kreuzberg trägt seit 1993 seinen Namen. Der Econ Verlag hat eine Auswahl von Berichten, Leitartikeln und Tagebuchnotizen Theodor Wolffs, herausgegeben vom dem Berliner Pressehistoriker Bernd Sösemann, publiziert. 

Faszinierender Gedanke, daß mit dem Zusammenwachsen von West- und Ost-Berlin ein anspruchsvolles Hauptstadtpublikum in Zukunft auch wieder etwas von der Vielfalt und dem alten Glanz der Zeitungsstadt Berlin wecken könnte. Mit der Erinnerung an den Chefredakteur Theodor Wolff als Paten, der zeit seiner Berliner Jahre vor allen Dingen immer eines wollte: zweimal täglich mit den besten Journalisten die denkbar beste Zeitung für eine demokratische, aufgeklärte Leserschaft zu produzieren.  

Vor allem aber bleibt der Theodor-Wolff-Preis, mit dem seit 36 Jahren herausragende journalistische Leistungen in Tages- und Wochenzeitungen gewürdigt werden. Der Berliner Verleger Axel Springer hatte den Preis gestiftet, seit 1973 liegt die Trägerschaft beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Man muß der jeweiligen Jury das Kompliment machen, daß sie immer wieder weise geurteilt und gewählt hat. Denn in der Rückschau liest sich die Namensliste der inzwischen mehr als 300 Preisträger wie ein Who Is Who des deutschen Journalismus'. Chefredakteure und stellvertretende Chefredakteure sind darunter, Intendanten bei Hörfunk und Fernsehen, einer wurde Herausgeber einer überregionalen Zeitung, ein anderer Sachbuch-Verleger. Sie alle sind mit ihrer Arbeit Garanten dafür, daß sich mit dem Namen Theodor Wolff auch in Zukunft journalistische Qualität und Ansporn verbinden.