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Die deutsche Tagespresse. "Organisation der Zeitung"

Theodor Wolff hat sich so gut wie gar nicht öffentlich über seine Arbeit geäußert. Dieser Beitrag für die Wochenzeitschrift „Die Literarische Welt“ ist als Antwort auf eine entsprechende Anfrage des Herausgebers Willy Haas formuliert.

Theodor Wolff in „Die Literarische Welt“,  25. Juni 1926

   Sie wünschen, sehr geehrter Herr Willy Haas, daß ich Ihnen etwas über die Organisation einer großen Tageszeitung schreibe, und ich kann nur antworten: Muß das wirklich sein? Als Leser der »Literarischen Welt« habe ich aus den Artikeln fernstehender, aber gewiß scharfsichtiger Beobachter viel Belehrung über die journalistische Betätigung geschöpft, und ich zweifle nicht daran, daß auch ein Teil des Publikums eine Zeitung ungleich besser als ich zu beurteilen weiß. Man trägt nicht Eulen nach Athen. Und dann - Organisation ist zwar unentbehrlich wie das Gerüst der Bühne, aber die Bretter selbst, ohne das Spiel und die Spieler, bedeuten nicht die Welt. Was ist alle Organisation, wenn in dem Rahmen, den sie schafft, das Temperament, das Talent, die leidenschaftliche Liebe zum Beruf nicht vorhanden sind? Manche sorgfältig bis in die letzten Einzelheiten hinein organisierte Zeitung erinnert an Gegenden, in denen das Linnesche System in Blüte steht, aber etwas anderes nicht blüht.

   Natürlich muß der Nachrichtendienst einer großen Zeitung gründlich organisiert sein, fortwährend wieder neu organisiert werden, aber soll ich Ihre Leser mit einer Aufzählung der technischen Einzelheiten langweilen, soll ich ihnen sagen, wieviel Zwischenstationen mit ausgebildeten Telephonstenographen mitunter, zur Sicherung der Verbindung, nötig sind und wieviel Kräfte zusammenwirken müssen, um den Bericht über eine wichtige Genfer Mittagssitzung in das Abendblatt zu bringen? Der Passagier des Ozeandampfers hat sein erworbenes Recht, und wenn er sich auf dem Liegestuhl reckt, soll man ihm nicht erzählen, was sich unten im Maschinenraum begibt. Übrigens würde mancher Leser sofort kritisch versichern, der Nachrichtendienst, von dem ich spreche, sei doch nur unzureichend und die große Presse des Auslandes stehe in dieser Beziehung ganz anders da. Soll ich diesen Unzufriedenen auseinandersetzen, daß sie sich irren, sich vielleicht durch das weit schönere Format der nur einmal täglich erscheinenden englischen Zeitungen irreführen lassen, und daß kaum eine europäische Zeitung mehr Korrespondenten hat und mehr für Privattelegramme ausgibt als beispielsweise diejenige, zu deren Leitung ich berufen bin? Die französische Presse ist so arm an Depeschen, hat so wenig Vertreter in fremden Hauptstädten, daß ein Vergleich gar nicht möglich erscheint. Herr Sauerwein vom »Matin« reist bei besonderen Ereignissen nach Budapest, nach Warschau, nach Belgrad, aber er ist wie der Statist, der auf der Bühne immer mit einem anderen Helmbusch vorüberzieht, und es ist immer wieder derselbe Sauerwein. Nur vereinzelte englische Blätter haben auch in den kleineren Hauptstädten Europas eigene Korrespondenten, die Fülle ihres Nachrichtenmaterials kommt aus Indien, aus den Dominions, aus Hongkong, und daß sie da durch all unsere Anstrengungen nicht zu schlagen sind, steht fest. Aber ganz abgesehen davon, daß ein Teil dieses Materials von englischen Nachrichten-Agenturen stammt, haben sie sehr vorteilhafte Abmachungen mit ihren Kabelgesellschaften und andere Vergünstigungen, an denen es uns leider fehlt. Die »Times«, der »Daily Telegraph« und andere englische Organe leisten Außerordentliches, Rühmenswertes, und unser Herz ist voll von Bewunderung und Neid. Das wirklich Unübertreffliche steht nicht auf den Seiten, auf die man die Telegramme setzt. Ich bin indessen überzeugt, daß die hier vorgetragene Rechnung den besser unterrichteten Personen, die gelegentlich ihre Aufmerksamkeit diesen Dingen zuwenden, nicht genügen wird. Und wenn ich ihnen Zahlen nennen wollte, würden sie, wie Reisende mit Welterfahrung, sofort sagen, das sei gar nichts, und die Spree sei nicht der Amazonenstrom.

   Mit allen Organisationskünsten macht man keine Zeitung, wenn man die Geister nicht organisiert. Das Ideal ist, viele verschiedenartige Individualitäten zu sammeln, niemand in der Betonung seiner Persönlichkeit zu behindern und doch aus all den Eigenwilligen und Eigenartigen eine Einheit zu bilden, indem man sie zu einem bestimmten Ziele fuhrt. Ich glaube, daß eine Zeitung nicht gut ist, wenn die in ihr wirkenden Geister in einem Nivellierungsverfahren gleichmäßig abgeplattet sind und einander zum Verwechseln ähnlich sehen, und ich glaube, daß eine Zeitung schlecht ist, wenn sie nicht einen festen einheitlichen Willen erkennen läßt. Sie ist reizlos ohne die Vielfältigkeit der Temperamente, aber sie ist nur ein Papierlappen, wenn ihr der klar ausgeprägte Charakter fehlt. Auch jene Pädagogik, die alles auf einen Stil bringen möchte, erscheint mir falsch, jedes Sprachtalent kann seinen Platz finden, und meine Abneigung beginnt erst, wenn qualvolle Sprachmanier nur Gedankendürre überrankt. Schließlich wird aus all den Künsten die deutsche Sprache, gekräftigt und bereichert, wieder zu ihrer wahren Natur zurückgelangen. Es empfiehlt sich, in einer Zeitung Schweres und Nüchternes gefällig vorzutragen, wenn man hurtig vorbeieilende, zerstreute Leser für eine Idee gewinnen will. Aber fürchterlich ist die wässerige, plätschernde Anmut gewisser Plauderkünstler, und an die Wand der Redaktionszimmer sollte man das Goethesche Wort schreiben, daß getretener Quark breit wird, nicht stark. Wer eine große Zeitung leitet, muß immer auf der Suche nach neuen Talenten, neuen Persönlichkeiten sein. Die Entdeckerfreude ist vielleicht die beste Freude, die er sich schaffen kann, und sie ist doppelt kostbar wegen ihrer Seltenheit. Es ist und war immer ein gemeinsamer Zug der Jüngeren, daß sie die Tradition verachten, und diese berechtigte Eigentümlichkeit äußert sich heute nur leider sehr häufig auf besondere Art. Auch wir haben über die Literatur, die unsere Väter entzückt hatte, ironisch gelächelt, aber wir haben sie gekannt.

   Man wird mir, und gewiß mit einiger Berechtigung, sagen, von soviel guten Grundsätzen habe ich selber den einen und den anderen mitunter nicht befolgt, und man wird mich hilfreich an Fehler erinnern, die ich beging oder begehen ließ. Wir werden nicht immer ganz einig darüber werden, was ein Fehler und was keiner ist, aber gern gehe ich bis an die letzte Grenze reumütiger Zugeständnisse und bitte nur, freundlichst zu überlegen, daß sogar den schnellsten Schnellarbeitern, den Journalisten, etwas Menschliches passieren kann und daß, während andere Menschen ihr Werk siebzigmal korrigieren dürfen, die unaufhaltsame, mit grausamer Regelmäßigkeit weiterrollende Rotationsmaschine jedes Versehen sofort in die Öffentlichkeit bringt. Obgleich ich auch während des Krieges, unter und trotz der Zensur, mir einige Mühe gegeben habe, eine klare politische Richtung einzuhalten, und obgleich man mich fortwährend vor den Militärrichter geladen, mir das Schreiben verboten, die Zeitung unterdrückt hat, kann ich in Zeitschriften und Wochenblättern, deren Herausgeber niemals Ähnliches erleben durften, bisweilen lesen, es seien unter meiner Obhut manche militaristische Sätze gedruckt worden, und wenn ich dann nachforsche, ergibt sich sogar manchmal die Wahrheit dieser Beschuldigung. Ich erwähne diese Tatsache nur, um die Schwierigkeit der Kontrolle zu zeigen - dem Menschen ist nicht die Gabe verliehen, sich zu vervielfältigen, an zehn Orten zugleich zu weilen, und er hat auch nicht die durch alle Mauern dringenden und über alle Entfernungen hinwegsehenden Augen des Argus, und was wissen die stillen Inseleremiten von den Gefahren der im Strudel kämpfenden Mannschaft und von der Fahrt durch den Sturm? Unter der Sonne wie im Regen mangelt es in dieser Tätigkeit nicht an Abwechslung und - dies gehört zum Schlimmsten - auch nicht an einem Briefverkehr, der von dem Wissensdrang, den seelischen und materiellen Nöten, der herzlichen Zustimmung, der grenzenlosen Abneigung, den tausend Wünschen und dem in tausend Ratschlägen sich äußernden Wohlwollen des Publikums zeugt. Und da Sie wissen, daß die Dinge so liegen, werden Sie, ich bin überzeugt davon, diese dürftige Beantwortung einer liebenswürdigen Einladung verständnisvoll verzeihen.

Ihr sehr ergebener

Theodor Wolff

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